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StartseiteKommentare und Themen der WocheGescheiterte Nahost-Politik korrigieren21.09.2019

Eskalation am GolfGescheiterte Nahost-Politik korrigieren

Es gebe nur einen Weg, den endlosen Krieg in der Golf-Region zu beenden, kommentiert Jörg Lau von der Wochenzeitung „Die Zeit“: Die gescheiterte Nahostpolitik der USA müsse korrigiert werden. Denn diese habe einen wesentlichen Anteil an den Konflikten zwischen Riad und Teheran.

Von Jörg Lau

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Eine zerstörte Anlage in der saudi-arabischen Ölaufbereitungsanlage Khurais am 20. September 2019. Saudi-Arabien sagte am 17. September, dass sich seine Ölproduktion bis Ende September wieder normalisieren wird und versuchte, die verunsicherten Energiemärkte nach den Angriffen zu beruhigen, die seine Produktion um die Hälfte reduzierten. Die Angriffe auf Abqaiq - der weltweit größten Ölverarbeitungsanlage - und das Khurais-Ölfeld im Osten Saudi-Arabiens haben die Energiemärkte erschüttert und die Angst vor einem Konflikt in der Golfregion wiederbelebt. (AFP / Fayez Nureldine)
Zwei wichtige Ölanlagen, wie hier Khurais, in Saudi-Arabien gingen in Flammen auf - mutmaßlich steht der Iran dahinter (AFP / Fayez Nureldine)
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Die Ereignisse der letzten Woche im Nahen Osten haben wieder einmal die Spekulationen angeheizt, ob ein weiterer Krieg in der Region droht. Und in der Tat, die Eskalation war erschreckend: Zwei wichtige Ölanlagen in Saudi-Arabien gingen in Flammen auf. Mutmaßlich stecken vom Iran aufgerüstete Milizen dahinter – wenn nicht gar direkt das iranische Militär.

Die USA beschuldigen Teheran, dort leugnet man jede Beteiligung. Der amerikanische Außenminister aber spricht von einem "Kriegsakt" und glaubt, die "Fingerabdrücke des Ajatollahs" erkennen zu können.

Drohung und Schmeichelei

US-Präsident Donald Trump zeigt sich, wie man ihn bereits kennt: Maximale Rhetorik, man stehe Gewehr bei Fuß und sei zu allem bereit. Und doch scheut Trump in Wahrheit eine Ausweitung des schon laufenden Schattenkriegs zur offenen Konfrontation.

Das passt ihm nämlich nicht in den beginnenden Wahlkampf, er sieht sich ja als der große Dealmaker, der Amerikas Gegner mit einer Mischung aus Drohung und Schmeichelei über den Tisch zieht.

Nicht ausgeschlossen, dass Trump doch noch irgendetwas Iranisches bombardieren wird, um der Glaubwürdigkeit willen. Doch eigentlich will er die Kriege in Nahost beenden, die er immer als Dummheiten seiner Vorgänger gebrandmarkt hat.

Die bange Frage lautet: Ob der Präsident seine Zurückhaltung bewahren kann – gegen den Druck vieler in der außenpolitischen Elite in Washington? Ausgerechnet Donald Trump als Mann der Hoffnung – welche Ironie!

Der post-amerikanische Nahe Osten

Man muss jedoch ein wenig aus den bekannten Streitigkeiten zwischen Tauben und Falken herauszoomen, um die Tragweite der Ereignisse zu ermessen. Denn was sich hier abzeichnet, ist der entstehende post-amerikanische Nahe Osten.

Die Iraner haben nun bereits mehrfach die Bereitschaft der USA getestet, ihre Verbündeten zu schützen. Die Saudis müssen erkennen, dass dieser Präsident sie im Zweifelsfall allein im Drohnenregen stehen lässt. Er verkauft ihnen zwar gerne Waffen für Abermilliarden Dollar, aber er will nicht für sie in den Krieg ziehen.

Das liegt nicht nur an Trumps Person: Die USA sind auf das Öl vom Golf nicht mehr angewiesen, seit sie selbst zum größten Ölförderer der Welt aufgestiegen sind.

Der Iran hingegen ist durch seine Regionalpolitik sehr wohl in der Lage, sich gegen die US-Übermacht zu verteidigen. Man muss sich das klarmachen: Die USA verfügen über ein Militär mit einem Budget, das 35mal so groß ist wie das des Iran. Washington belegt die Islamische Republik mit den härtesten Sanktionen, die irgendein Land jenseits von Nordkorea aushalten muss.

Und doch kann Teheran die Großmacht USA vorführen, indem es deren Verbündete mit asymmetrischer Kriegsführung attackiert. Von Syrien und vom Libanon aus bedroht Iran Israel, vom Jemen und vom Irak aus die Saudis, und vom Persischen Golf aus die Emirate.

Unordnung trotz Ordnungsmacht

Mag Israels Premier seinen "Freund Donald" auch noch so oft preisen: Israels Generäle handeln längst gemäß der Erkenntnis, dass sie sich nicht auf die Amerikaner verlassen können. Darum greift das israelische Militär immer öfter und immer offener die iranischen Truppen in Syrien und sogar im Irak an, um Teheran auf eigene Faust abzuschrecken.

Die militärisch hochgerüsteten, aber dennoch zur eigenen Verteidigung unfähigen Saudis stehen nun vor der gleichen Erkenntnis: Die USA sind im Nahen Osten nicht mehr die entscheidende Ordnungsmacht.

Ist das denn so schlimm? Keineswegs. Denn die Politik dieser selbst ernannten Ordnungsmacht hat wesentlichen Anteil an der Unordnung der Region. Ein Kern dieser Politik ist die einseitige Parteinahme im Streit zwischen Riad und Teheran.

Um ein islamistisches Schurkenregime einzuhegen, die Mullah-Herrschaft in Teheran, wurde ein ebenso gefährliches und verbrecherisches Regime bedingungslos gestützt, die Herrschaft der Familie Saud, die weltweit den radikalen Islam verbreitet und im Jemen Kriegsverbrechen begeht.

Vierzig Jahre lang hat man versucht, den Iran zu isolieren. Es hat nichts gebracht: Im Ergebnis ist er stärker denn je.

Es gibt nur einen Weg, den endlosen Krieg in der Region zu beenden. Diese gescheiterte Nahostpolitik muss korrigiert werden.

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