Kommentare und Themen der Woche 28.02.2020

Eskalation in IdlibErdogan sitzt in der russischen FalleVon Thielko Grieß

Beitrag hören Ein türkisches Militärfahrzeug steht an einer Bergkante in der Provinz Idlib (imago/Xinhua)Türkisches Mlitär in Syrien (imago/Xinhua)

Der Kreml erhält an der Seite der Türkei mehr Kontrolle über Regionen Syriens, ohne dafür Soldatenleben riskieren zu müssen, kommentiert Thielko Grieß. Will Erdogan Idlib und die Region halten, würde das auch für Moskau mehr Einsatz bedeuten. Dass es dazu kommen wird, ist unwahrscheinlich.

Der türkische Präsident Erdogan hat einen Fehler gemacht: Er hat sich 2018 in Sotschi mit dem russischen Präsidenten auf eine vage Vereinbarung eingelassen, die an den entscheidenden Stellen unklar formuliert ist. Beide Seiten beschlossen damals, Terroristen zu bekämpfen, ohne zu präzisieren, wer gemeint ist. Nun sitzt Erdogan in einer womöglich teuren russischen Falle. 

Putins kalte Logik

Wer verstehen will, wie Russland handelt, sollte wissen, dass Wladimir Putin kein risikofreudiger Hasardeur ist, der sich in windige Abenteuer begibt. Nein, er und sein Verteidigungsministerium rechnen kühl, was mit militärischen Einsätzen zu gewinnen ist und was zu verlieren. Diese kalte Logik liest sich so: Die Konfrontation dieses Monats mit der Türkei kostet Soldatenleben auf syrischer und türkischer Seite, und sie kostet Zivilistenleben. Russland kostet sie dergleichen Nichts. Solange das so bleibt, stimmt die Rechnung für den Kreml. Denn er erhält – Seit‘ an Seit‘ mit seinen Damaszener Handlangern – mehr Kontrolle über mehr Regionen Syriens.

Will Erdogan Idlib und die Region um die Stadt halten, müsste er den militärischen Einsatz erhöhen, und damit die Unwägbarkeiten für Wladimir Putin. Dann vielleicht wäre der russische Präsident bereit, Einflusszonen abzustecken. Dass beide Länder kooperieren können, zeigen sie in anderen Landesteilen täglich bei Militärpatrouillen.

Idlib - für Assad und Putin symbolisch wichtig

Hier aber geht es um Idlib, ein für Assad und Putin symbolisch wichtiger Hort der Opposition und der islamistischen Extremisten. Erdogan hat kaum Möglichkeiten, sich aus seiner Falle zu befreien. Stellt er sein Militär direkt gegen das Russlands und angenommen, es käme zu russischen Verlusten, wiederholte sich womöglich ein ähnliches Szenario wie schon im Jahr 2016. Damals hatte das türkische Militär einen russischen Kampfjet abgeschossen. Russland hatte daraufhin Türken des Landes verwiesen und seinen Bürgern verboten, sich an türkischen Stränden zu erholen. Bis Erdogan sich entschuldigte und Putin die Sanktionen aufhob, litt die Türkei mehr als Russland.

Dem türkischen Präsidenten bleibt vielleicht eine weitere, wohl nur theoretische Möglichkeit: Er kann das Abkommen von Sotschi präzisieren, indem er die russische Definition von Terrorist übernimmt. Das ist jeder, der nicht für Assad kämpft. Damit aber wäre Erdogan gezwungen, gemeinsame Sache mit Assad machen, seinem erklärten Gegner. Sehr fraglich, ob er das kann und will.

Aber die türkischen Strategieprobleme sind nicht die Putins. Seine Position bleibt, wie sie ist: stark. Allenfalls wird sie noch stärker.

Thielko Grieß (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Thielko Grieß (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Thielko Grieß, geboren in der Nähe von Osnabrück, hat Kultur-, Politik- sowie Medienwissenschaften in Leipzig, Ljubljana und Jena studiert. Während des Studiums hat er in verschiedenen Hörfunkredaktionen des Mitteldeutschen Rundfunks in Halle und Magdeburg sowie als freier Mitarbeiter für das Deutschlandradio gearbeitet. Er war im Gründungsteam der Nachrichtenredaktion von DRadio Wissen und hat beim Deutschlandradio volontiert. Danach hat er im Deutschlandfunk u. a. die Frühsendung "Informationen am Morgen" moderiert. Nach einem Studienaufenthalt an der Staatlichen Universität im russischen Nowosibirsk berichtet er seit Februar 2017 aus dem Studio Moskau über Russland, Weißrussland, den Kaukasus und Zentralasien.

  

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