Montag, 28. November 2022

Rückblende ins Jahr 1949
Gewaltsame Ausschreitungen im südafrikanischen KwaZulu-Natal

Die gewaltsamen Ausschreitungen im Sommer 2021 in Südafrikas Provinz KwaZulu-Natal erinnern Niren Tolsi an die Unruhen im Jahr 1949. Bei den Eltern des Autors rufen sie eindringliche Erinnerungsbilder einer erbitterten und blutigen Vergangenheit wach.

Von Niren Tolsi | 12.12.2021

South Africa Zuma Riots - The trashed entrance to a supermarket in Durban South Africa, Thursday, July 15, 2021, as unrest continues in the KwaZulu Natal province. South Africa's army has begun deploying 25,000 troops to assist police in quelling weeklong riots and violence sparked by the imprisonment of former President Jacob Zuma. (AP Photo)
Ein zerstörter Supermarkteingang in Durban am 15. Juli 2021 (picture alliance / ASSOCIATED PRESS)
Sommer 2021: Mitte Juni kam es zu Krawallen, Plünderungen und einer unglaublichen Zerstörung in der südafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal rund um die Stadt Durban. Hunderte von Shopping Malls und Geschäften, Fabriken, Schulen, Banken und Bankautomaten wurden in Brand gesteckt und geplündert. Geheimdienst und der Polizei vor Ort wird völliges Versagen vorgeworfen. Vieles deutet daraufhin, dass die Gewalt geplant war, so berichtete auch Leonie March im Deutschlandfunk. Die Ausschreitungen folgten unmittelbar auf die Inhaftierung Jacob Zumas, der aus KwaZulu-Natal stammt. Die Gewaltausbrüche in Südafrika stellen das fragile Verhältnis zwischen Schwarzen, Weißen und Indisch-Stämmigen vor die schwerste Zerreißprobe seit dem Ende der Apartheid.
Niren Tolsi verbindet in seinem Essay Geschichte und Geschichten der Menschen in den Ortschaften nördlich von Durban mit dem offenbar organisierten Rassenkonflikt 2021. Im Januar 1949 kam es in Durban in der damaligen Provinz Natal, zu einem drei Tage andauernden Konflikt zwischen schwarzen Südafrikanern und Mitbürgern indischer Herkunft, bei dem 142 Menschen ums Leben kamen und 500 verletzt wurden. Seine Eltern, pensionierte Schulleiter, haben daran noch lebhafte Erinnerungen.
Der Orginal-Essay erschien am 15. Juni 2021 in „New Frame“, einem non-profit Onlinemagazin mit Sitz in Johannesburg, Südafrika.
Niren Tolsi ist ein südafrikanischer Journalist und Mitherausgeber von „The Con“, ein online-Magazin aus Johannesburg für Essays und Reportagen. Tolsi schreibt über Bürgermobilisierung und Protest, soziale Gerechtigkeit, Verfassungsrecht, Gewaltausübung durch staatliche Institutionen, Kunst und Fußball. Seine Arbeiten erscheinen in zahlreichen Publikationen weltweit. Zusammen mit dem Fotografen Paul Botes arbeitete er an einem “slow journalism”- Langzeitprojekt zu den Folgen des Marikana-Massakers 2012 in Südafrika.

„Viele Menschen – schwarze Südafrikaner und Südafrikaner indischer Herkunft –, die in Phoenix und Umgebung an der Nordküste von KwaZulu-Natal leben, stellen weitgehend übereinstimmend fest: Wenn Polizei und Militär umgehender reagiert hätten, hätte viel Unheil abgewandt werden können, was sich jetzt nachteilig auf die Kommunen auswirkt.
Die Unruhen in der Provinz KwaZulu-Natal begannen am 8. Juli, nachdem der vormalige Präsident Jacob Zuma wegen Missachtung des Gerichts zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war. Zunächst waren es vereinzelte Vorfälle, aber in den darauf folgenden Tagen eskalierten Zerstörung, Kriminalität und Randale in einer Weise, wie sie bis dahin im demokratischen Südafrika unvorstellbar war. Zielscheiben waren 89 Einkaufszentren, 45 Lagerhallen, 22 Fabriken, acht Bankfilialen, 88 Geldautomaten, 89 Spirituosenläden, acht Spirituosenhändler, 139 Schulen und 37 Lastwagen. Infrastruktur und Einrichtungen wurden geplündert und größtenteils in Brand gesteckt. Beteiligt waren einige Bewohner informeller Siedlungen, aber wohl auch mittelständische Bewohner der Vorstädte – darunter viele Bewaffnete.
In Abwesenheit der angeblich ‚überwältigten‘ Polizei und der erheblich verzögerten Reaktion des Militärs hatten sich zahlreiche lokale Bürgerwehren gebildet, die polizeiliche Funktionen übernahmen. Zum Schutz ihrer Angehörigen und zur Sicherung ihres Eigentums und der umliegenden Einkaufszentren überwachten sie ihre Stadtteile. Einige Bürgerwehrgruppen gingen selbst mit ungesetzlichen Methoden zu Werke. Vorgeblich zur ‚Beschützung’ stellten sie sich sogenannten ‚Plünderern’ wie auch Mitbürgern entgegen; vielen Berichten zufolge gingen sie dabei mit brutaler Gewalt vor. Während die Regierung sich in ihren Stellungnahmen dreht und windet, sind sich die Betroffenen weitgehend einig, dass die Polizei, der Geheimdienst und die African National Congress-Regierung sie – wieder einmal – im Stich gelassen hat.“
28. Juli 2021, der südafrikanische Maverick Citizen zum sogenannten ‚Phoenix Massacre‘
Die gewaltsamen Ausschreitungen und Plünderungen der vergangenen Woche im Juli 2021 und das Potenzial zu einem organisierten Rassenkonflikt in der Provinz KwaZulu-Natal haben eindringliche Erinnerungsbilder einer erbitterten und blutigen Vergangenheit wachgerufen.

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Januar 1949: Pine Street in Durban in der damaligen Provinz Natal, auf dem Höhepunkt des drei Tage andauernden Konfliktes zwischen schwarzen Südafrikanern und Mitbürgern indischer Herkunft, bei dem 142 Menschen ums Leben kamen und 500 verletzt wurden.
Die Nacht vom 13. Januar 1949 verbrachte mein Vater zusammen mit den Frauen und Kindern seiner Großfamilie in einem Zuckerrohrfeld in Doringkop, an der Nordküste der Provinz Natal. Er war damals acht Jahre alt.
Die Bewohner des kleinen Bauerndorfes hatten die Nachricht erhalten, dass an dem Tag in der Gegend von Durbans Grey Street Unruhen ausgebrochen waren. Geschäfte waren geplündert worden, deren Inhaber Nachfahren von aus Südasien eingewanderten Südafrikanern waren. Eine Auseinandersetzung zwischen einem Mann dieser Bevölkerungsgruppe und einem jungen Mann Zulu-sprachiger Herkunft hatte die gewaltsamen Ausschreitungen ausgelöst.
Das war der Funken, der über die nächsten zwei Tage und Nächte einen 'antiindischen' Pogrom entfachte. Mutwillige Zerstörung von Häusern und Gebäuden, Mord und Vergewaltigung im Zuge dieses ethnisch-rassischen Pogroms rissen Wunden, die bis heute, 27 Jahre nach dem Ende rassistischer Unterdrückung, nicht verheilt sind.
Die gewaltsamen Ausschreitungen vor 71 Jahren richteten sich in der Hauptsache gegen die Einwohner der multi-ethnischen Arbeitersiedlung Cato Manor, in der Zulu-Sprache ‚Umkhumbane’ genannt. Angestiftet worden waren die Angriffe von Provokateuren, die die Bewohner der ausschließlich von Zulu-sprachigen Männern bewohnten Massenunterkünfte in der Stadt und auch Mitglieder anderer Netzwerke mobilisiert hatten. Polizei und Militär sahen den gewaltsamen Ausschreitungen tatenlos zu. In seinem Buch The Deadly Ethnic beschreibt Donald Horowitz, wie weiße Frauen sich über die Gewalttätigkeit belustigten und „die Straßen rauf und runter tanzten”.

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Dr Pixley ka Isaka Seme Street in Durbans Innenstadt nach fünftägiger Randale am 14. Juli 2021: Fußgänger bahnen sich ihren Weg zwischen Schutthaufen.
Offiziellen Angaben zufolge haben die damaligen Unruhen 142 Menschen das Leben gekostet; 1.087 Menschen wurden verletzt. Eine Schule und eine Fabrik, 58 Läden und 247 Wohnhäuser wurden komplett zerstört; zwei Fabriken, 652 Läden und 1.285 Wohnhäuser wurden verwüstet.
In den darauf folgenden Nächten fanden die Mutter und die Schwestern meines Vaters freundliche Aufnahme bei ihren afrikanischen Nachbarn. Die Männer bewachten die kleine Farm, die mein Großvater – Sohn einer Familie von Vertragsarbeiter*innen aus Indien – mit den Ersparnissen seiner Lohnarbeit in einer Zuckerraffinerie erworben hatte. Mein Vater und seine Brüder verbrachten die Nächte draußen zwischen den Zuckerrohrhalmen. Für den kleinen Jungen war das eine verwirrende Erfahrung – furchterregend und abenteuerlich zugleich.

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Zwei Polizisten schießen mit Gummigeschossen auf zwei Männer, die sie verdächtigen, eine Lagerhalle geplündert zu haben.
„Seit dem Beginn der Unruhen seien 234 Menschen in Zumas Heimatprovinz KwaZulu-Natal getötet worden, teilte die Regierung mit. 42 weitere Todesfälle wurden demnach in der Provinz Gauteng mit der Wirtschaftsmetropole Johannesburg verzeichnet. In beiden Provinzen sei die Lage nun „stabil“, die Aufräumarbeiten seien im Gange.“
Die ZEIT, Juni 2021
Am Abend des 13. Juni 2021 half ich meiner Mutter und meinem Vater, ihre Personalausweise, Testamente und Medikamente und ein paar Kleidungsstücke zum Wechseln in kleine Taschen zu packen. Mein Vater packte auch eine kleine Tasche mit einer Winterjacke und Leckerbissen für den verpäppelten, übergewichtigen Dackel Toby.
Diesmal lag nichts von Abenteuer in der Luft. Stattdessen stand die Stimmung auf Verwirrung, Sorge und Schmerz. Es schwante ihnen, dass sie möglicherweise alles, was sie sich zeitlebens aufgebaut hatten, zurücklassen müssten.
Geschichte und Geschichten der Menschen in den Ortschaften nördlich von Durban
Mein Vater ist 80 Jahre alt. Meine Mutter 77, allerdings beklagt sie die Tatsache, dass die Apartheidregierung nicht ihr echtes Geburtsdatum eingetragen hat. Beide sind pensionierte Schulleiter, weithin bekannt in Stanger, heute KwaDukuza, der Stadt, in der sie gemeinsam ihr Leben aufgebaut haben. Stanger ist der Ort, in dem meine Schwester und ich aufgewachsen sind.
Unter den älteren Einwohnern sind viele irgendwann bei meinen Eltern in der Schule gewesen; sie erinnern sich gern an diese Zeit und halten meine Eltern in hohen Ehren. Wenn ich als Kind meiner Eltern erkannt und angesprochen werde, kann ich mit einem freundlichen Lächeln und herzlichen Grüßen an meine Eltern rechnen. Manchmal bekomme ich sogar einen Rabatt in einem der vielen Läden in der Stadt, deren Inhaber verschiedenen Generationen derselben Familie angehören.
Meine Eltern sind redliche Bürger – Menschen, die ihr Leben lang darum bemüht waren, gemeinschaftliche Beziehungen herzustellen und Initiativen in Gang zu setzen, die der Gesamtgesellschaft dienen.

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Durban im Januar 1949: Weiße Polizisten stürmen in einen Konflikt zwischen afrikanischen und indischen Einwohnern. Auslöser der Unruhen waren Falschmeldungen, die besagten, dass ein indischer Mann einen afrikanischen Jungen getötet habe.
Während ihrer Amtszeit als Leiterin der Parkgate Primary School in Ottawa bei Durban veranlasste meine Mutter, dass Kinder aus Zwelisha bei Phoenix sowie der nahegelegenen neuen Sozialbau-Wohnsiedlung in die Schule aufgenommen wurden. Zu den Einwohnern dieser Stadtteile zählten Menschen, die von Baracken in Clare Estate und anderen Gegenden Durbans umgesiedelt worden waren. Wenn ich den einen oder anderen der ehemaligen Schüler zufällig traf, erzählten sie ohne Übertreibung, wie sehr meine Mutter sie beeindruckte und was für Möglichkeiten ihre Schule ihnen bot, die ihnen sonst verschlossen geblieben wären.
„276 Menschen bei Unruhen in Südafrika getötet
Die Haftstrafe für Südafrikas langjährigen Präsidenten Jacob Zuma spaltet das Land, das Militär geht gegen Proteste vor. Dabei wurden zahlreiche Menschen getötet. […] Derweil begannen die ersten Gerichtsanhörungen von Menschen, die verdächtigt werden, an den gewaltsamen Protesten beteiligt gewesen zu sein. Die Demonstrationen hatten begonnen, als der ehemalige Präsident Jacob Zuma seine Haftstrafe angetreten hatte.“
Die ZEIT, 22. Juli 2021
Zwelisha ist eine Barackensiedlung, die in den 1990er Jahren entstand. Was immer für soziale und wirtschaftliche Fortschritte in Südafrika nach dem Fall der rassistischen Apartheid zu verzeichnen sind: Diese verarmte Siedlung hat davon kaum etwas zu spüren bekommen. Es ist der Ort, an dem in der vergangenen Woche 20 Menschen tot aufgefunden wurden, vermutlich Opfer eskalierender rassischer Gewalt in KwaZulu-Natal. Die Spannung wurde von Provokateuren geschürt. Offenbar ging es ihnen darum, einen rassisch aufgeladenen Bürgerkrieg zu entfachen; Zielscheiben sind die Siedlungen, die, durch Ungleichheit und rassisch eingefärbtes Misstrauen bedingt, von tiefen Rissen durchzogen sind.
Meine Eltern sind der festen Überzeugung, dass einfache Bürgerinnen und Bürger Organisationen und Gesellschaftsformen bilden können. Die Gleichstellung aller Menschen ist für sie ein Grundprinzip. Als die Kommunalverwaltung im Jahre 2010 zum 150. Jahrestag seit der Ankunft indischer Vertragsarbeiter in Südafrika eine Statue zu Ehren Mahatma Gandhis errichten wollte, bat mein Vater sie, stattdessen eine Statue zu Ehren der Vertragsarbeiter selbst in Auftrag zu geben. Er wies darauf hin, dass Gandhi im Jahre 1893 als Jurist und nicht als Zwangsarbeiter nach Südafrika gekommen war. Ganz im Sinne des ANC zieht die Kommunalverwaltung in KwaDukuza es vor, die Elite, und insbesondere das große Individuum in der Elite, zu ehren. Meinen Eltern dagegen geht es um die Gemeinschaft vor Ort und die Gesellschaft insgesamt.
Aber am Dienstagabend trafen sie Vorbereitungen, um im Notfall alles, was sie sich aufgebaut hatten, zurückzulassen: Fotoalben, Bücher, Familienerbstücke und Möbel, die von einer Generation zur nächsten weitergegeben worden waren, Geburtstagskarten, von meiner Nichte während des Lockdowns angefertigt, und so weiter. Alles, was ihre Persönlichkeiten ausmacht, und was sie durchgemacht haben in einem Land, in dem sie Unterdrückung erfahren haben, aber das sie dennoch als das ihrige würdigen; ein Land, das sie mit aufgebaut haben, ohne sich dafür Anerkennung oder Selbstbereicherung zu erheischen; ein Land, das nun vor ihren Augen zerstört wird.
Ich sah, wie sie ein Schmerz ergriff, den niemand zu ertragen genötigt sein sollte. Mit meinem Vater besprach ich, wie ein Schlauch an einem Wasserhahn im Haus anzubringen sei für den Fall, dass unsere Fahrzeuge draußen vor dem Haus mit einem Brandsatz beworfen würden. Ich kramte etwas an Sportgeräten hervor und überlegte, ob ein alter Cricketschläger, den ich als Kind geschwungen hatte, zur Abwehr eines Angreifers taugen könnte. Ich versuchte, meine Eltern nicht noch stärker zu beunruhigen, aber es war mir zum Heulen zumute.
„In einigen Provinzen Südafrikas herrscht nach der Inhaftierung des früheren Präsidenten Jacob Zuma Ausnahmezustand. Präsident Cyril Ramaphosa hat angekündigt, das Militär einzusetzen. Das könnte die Lage weiter eskalieren. […] Die Polizei meldete mehrere hundert Verhaftungen. Vielerorts verschanzten sich die Bürger in ihren Häusern oder versuchten, sich selbst zu verteidigen. Das Wirtschaftsleben in weiten Teilen der betroffenen Regionen kam zum Erliegen.“
FAZ, 13. Juli 2021
Die Provinz KwaZulu-Natal scheint auf einen Bürgerkrieg zuzusteuern – einem von Provokateuren an der Basis angezettelten und über soziale Medien, zum Beispiel Twitter, aufgeheizten Krieg, der sich an Rassen- und Klassengegensätzen festmacht. Vor allem an Rasse; denn die Ansprüche, die unter dem Zeichen von ‚Rasse’ erhoben werden, sollen die Frage der Klassengegensätze vom Tisch wischen.
Der staatliche Geheimdienst hat versagt. Erst jetzt richtet sich das Augenmerk auf den Rassenkrieg. Er ist Teil eines umfassenderen Konflikts, den einige Bewegte begeistert in den sozialen Medien anfeuerten, darunter Duduzile Zuma-Sambudla, die Tochter von Ex-Präsident Jacob Zuma, und ihr Zwillingsbruder Duduzane. Seit einigen Jahren schon schwelt der Rassenkrieg, geschürt durch die ‚anti-indische’ Demagogik des Anführers der populistischen Economic Freedom Fighters Julius Malema und seinesgleichen.
Die Hetze, die die verschiedenen Mobilisierungen anfänglich antrieb, ging auch durch die lokalen Kommunen. Selbst dort, wo die Plünderungen zunächst auf Einkaufszentren zielten, waren schon Provokateure dabei, vor Ort und in den sozialen Medien Furcht über die drohende Zerstörung von Eigentum zu verbreiten. Einige von ihnen standen in Verbindung mit bewaffneten Gruppen in Phoenix und umliegenden Bezirken. Auch liegt die Vermutung nahe, dass diese Provokateure Kontakt zu Spitzeln der parallelen Informationsorganisation hatten, die Zuma während seiner Präsidentschaft aufgebaut hatte.

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13. Juli 2021: Polizisten verhaften Plünderer in Eshowe, KwaZulu-Natal
In Phoenix wurden im Zuge der Unruhen Leichen gefunden, von denen einige ganz offensichtlich den bewaffneten Gruppen in Phoenix zum Opfer gefallen waren. Anderorts wurden verwesende Leichen in geplünderten Läden und Lagerhallen aufgefunden – etwa in Durbans Queen Nandi Drive.
Am 13. Juni 2021 erreichten die rassisch gefärbten, furchterregenden und aufhetzenden Gerüchte ihren Höhepunkt. In der vorangegangenen Nacht hatte eine Bürgerpatrouille in Stanger ein Auto angehalten, das auf den vorwiegend ‚indisch’ besiedelten Stadtteil zusteuerte. Es stellte sich heraus, dass die Insassen Brandsätze mit sich führten. Ganz offenkundig ignorierten die Behörden die Gefährdung, die dieser Vorfall für die Bewohner des Stadtteils bedeutete. Die Polizei glänzte durch Abwesenheit – es folgten weder Festnahmen noch Verhöre.
„Einige Leute bereiten sich auf einen Krieg vor Polizeiminister Bheki Cele hatte am späten Mittwochabend in einem Vorort von Durban vor laufender Kamera den Fund Zehntausender Schuss scharfer Munition bekanntgegeben. Dem TV-Sender Newzroom Africa sagte er: ‚Einige Leute bereiten sich auf einen Krieg vor.‘ Es sei falsch, dass Menschen nur aus Hunger plünderten – einige davon bewaffneten sich auch. ‚Eine gefährliche Situation‘, sagte er ohne weitere Erklärung.“
FAZ Online
Die Autobahn N2, die vom Norden der Stadt Durban nach Ermelo in der Provinz Mpumalanga führt, trennt reich und arm entlang der Nordküste von KwaZulu-Natal. An der Küstenseite der Autobahn prunken millionenschwere Immobilien mit Strandblick und befestigte ‚Öko-Siedlungen’ wie etwa Zululami im Küstenort Salt Rock oder Zimbali in dem Städtchen Ballito. Auch wenn sich an letzterem Ort die afrikanische politische Elite neben Weißen und Menschen südasiatischer Herkunft angesiedelt hat, werden die meisten dieser Siedlungen von Bevölkerungs-minderheiten bewohnt.
Auf der anderen Seite der N2-Autobahn finden sich Siedlungen von Baracken und kleineren Häuschen, die im Zuge des sozialen Wohnungsbaus Mitte der 1990er Jahre errichtet worden sind. Seit längerem leben dort auch schwarze Arbeiter und Arbeiterinnen in relativ beständigen Gemeinschaften. Zudem finden sich dort verschiedene Siedlungen ‚indischer’ Arbeiter – Ortschaften wie Shakaskraal und Tongaat, die bis in die späten 1800er-Jahre zurückreichen.
Viele Bewohner der Arbeitersiedlungen finden Anstellung in den Einkaufszentren und Haushalten auf der anderen Seite der Autobahn. Es wurde von Provokateuren berichtet, die sich in diese Siedlungen entlang der Nordküste einquartierten und die Einwohner zu Angriffen auf Einkaufszentren und Läden, aber auch auf die Häuser der Wohlhabenden – Weißer und ‚Inder’ – anstachelten.
Wo die Polizei seit dem 9. Juli nicht aktiv wurde, sperrten die Bewohner dieser wohlhabenden Siedlungen den Zugang und besetzten die Kontrollpunkte selbst. Einige von ihnen waren bewaffnet, andere nicht. Einige von ihnen gingen sehr hart vor, andere nicht. An diesen Kontrollpunkten wurden schwarze Südafrikaner unter rassistischen Aspekten behandelt; einigen wurde die Durchfahrt aufgrund ihrer Hautfarbe verwehrt, andere wurden aufgefordert, Kassenbons für die mitgeführte Ware vorzuzeigen. Einigen, die diesen Aufforderungen nicht Folge leisteten, wurde die Ware von der bewaffneten Bürgerwehr abgenommen.
Private Sicherheitsfirmen waren beteiligt, Stadtteile zu schützen und der Bürgerwehr den Rücken zu decken. Laut Anwohnerberichten war bis zum 15. Juli kaum Militärpräsenz zu spüren.
Die Rassen- und Klassendynamik, die sich an diesen Kontrollpunkten abspielte, hat ihrerseits zur Eskalierung der Spannungen in KwaZulu-Natal beigetragen. In einigen Fällen allerdings haben sich Gruppen schwarzer Südafrikaner auf der einen Seite der Autobahn mit ihren Arbeitgebern auf der anderen Seite verbunden, sodass der Eindruck einer Gruppenmobilisierung entstand; sie täuschten ein Patt vor, um sich die Provokateure vom Hals zu halten und ihre Jobs und Lebensmittelversorgung sicherzustellen.
Von den Straßen der Städte und Siedlungen nördlich von Durban – Stanger, Shaka’s Rock, Shakaskraal, Ballito, Eshowe und Empangeni – ist die Polizei verschwunden. Dies sind die Städte und Siedlungen, die seit dem 9. Juli von anonymen, von außen eindringenden Kräften attackiert werden und deren Wirken sich nicht mit dem Hinweis auf Armut, Verzweiflung und Hunger erklären lässt.
Vom Haus meiner Eltern aus hat man einen Blick auf die Raumplanung der Apartheid. Gegenüber, auf der anderen Seite der Straße, liegt eine Häusersiedlung, die von der Stadtverwaltung zu Zeiten der Apartheid für Arbeiter südasiatischer Herkunft errichtet worden war. Die Siedlung grenzt an ein Industrieareal mit Fabriken und Lagerhallen. Jenseits davon liegen die mehrheitlich von schwarzen Südafrikanern bewohnten Siedlungen.
Von der Straße vor meinem Elternhaus aus war zu beobachten, wie sich die Formen der am 12. Juli eskalierenden Plünderungen sichtbar änderten. Zunächst zogen Männer, Frauen und Kinder mit Nahrungsmitteln bepackt vorbei. In dem Fall war es Erwerbslosigkeit, Ungleichheit und Verzweiflung, die so viele Menschen zu gesetzwidrigen Handlungen veranlassten und ihren Kindern diese Gewissenlosigkeit beibrachte. Nach der Mittagspause waren es dann Männer, die mit Alkohol aus Spirituosenläden am Ort vorbeizogen; einige von ihnen zogen Kisten Bier hinter sich her.
Zum Sonnenuntergang wurden Bekleidungs- und Möbelgeschäfte ausgeräumt; die Güter wurden in großräumige Transporter und Geländewagen geladen. Einige Menschen führten nur das mit sich, was sie nach Hause tragen konnten – vor allem Kleidung, Farbe und Haushaltsgeräte: von Wasserkochern bis zu Fernsehgeräten. Von unserem Standort aus konnten wir sehen, dass es nicht allzu viele Kühlschränke und Großbild-Fernseher waren, die in die Townships gekarrt wurden.
Die meisten Geschäfte, die an dem Tag geplündert wurden, liegen im Hauptgeschäftszentrum von Stanger. Abgesehen von einigen Filialen größerer Geschäfte waren die meisten Läden Familienunternehmen. Darunter ein Sportladen, an den ich mich gut erinnere, weil ich dort vor Jahrzehnten mein erstes paar Fußballschuhe gekauft habe. Läden, deren Inhaber verwandt sind mit dem ehemaligen Minister Kader Asmal oder mit Mitstreitern von Chief Albert Luthuli, dem Friedensnobelpreisträger aus dem benachbarten Dorf Groutville. Menschen, die in Stanger zu Zeiten der Apartheid Sportveranstaltungen und kulturelle Initiativen unterstützten – damals, als wir der Unterdrückung durch die weiße Vorherrschaft ausgesetzt waren.
Bei Einbruch der Dunkelheit war in diesen Läden nichts mehr übrig, in einigen Fällen war auch von ihnen selbst nichts mehr übrig – von den Gemeinschaftseinrichtungen, die im Laufe der Zeit bereits vielen Attacken standgehalten hatten. Von Polizeipräsenz war weit und breit nichts zu spüren.
„Klar ist: Die Brandstiftungen und Plünderungen waren keine spontanen Aktionen. Sie folgten unmittelbar auf die Inhaftierung Jacob Zumas Ende der ersten Juli‑Woche. Das Verfassungsgericht hatte den von Korruptionsskandalen umwitterten Ex-Präsident wegen Missachtung der Justiz zu 15 Monaten Haft verurteilt. Daraufhin folgten zunächst kleinere Protestaktionen in Zumas Heimatprovinz KwaZulu-Natal. Südafrikas amtierender Präsident Cyril Ramaphosa sprach zu Beginn von ‚ethnisch motivierter‘ Gewalt und spielte damit auf Zuma-treue Zulu an. Am nächsten Tag verurteilte er die Taten als opportunistisch und kriminell. Wenig später richtete er sich mit einer weiteren Rede an die Nation. Ein gekürzter Auszug: ‚Es ist nun klar, dass dies ein vorsätzlicher, koordinierter und gut geplanter Angriff auf unsere Demokratie war.‘“
Leonie March, Deutschlandfunk am 23.Juli 2021
Am nächsten Tag fiel das Einkaufszentrum. Wiederum nutzten die Mitmacher die Zufahrtsstraße zu der Wohnsiedlung und den Townships – direkt an meinem Elternhaus vorbei. Vor sich her schoben sie Einkaufswagen beladen mit Nahrungsmitteln, Spirituosen, Kleidung, Farbe und Baumaterialien, TV-Geräten und kleineren Möbelstücken, wie etwa den Hockern, auf denen wohl Kassiererinnen gesessen hatten.
Allerdings herrschte diesmal eine andere Atmosphäre. Es waren weniger Frauen und Kinder auf der Straße. Die meisten waren Männer, die sich zusammentaten. Sie ergingen sich in rassistischen Beschimpfungen, die nun auch in den sozialen Medien oder in Video-Clips auf Whatsapp in Umlauf gesetzt wurden.
Die verschiedenen Gruppen gingen aufeinander los. Es kursierten Videoaufnahmen von einer Gruppe in der Stadt Pietermaritzburg, die eine Barackensiedlung in Brand steckte. Gerüchte kursierten über geplante Attacken und Gegenattacken auf und durch Einwohner der Ortschaften Chatsworth, Umlazi, KwaMashu und Phoenix – also allesamt Arbeiter-Townships, die aufgrund der Gruppengebietsgesetze der Apartheid etabliert worden waren.
Mein Cousin hatte Einsatzdienst an einer von Mitbürgern in der Nähe errichteten Straßensperre. Er berichtete, dass die Situation dort in rassistisch-aggressive Äußerungen auszuufern drohte. Die hasserfüllte Aufhetzung zu Rassenunruhen setzte sich in den sozialen Netzwerken fort. Video-Clips auf Whatsapp, Falschmeldungen und Massenhysterie liefen auf Hochtouren. Die Regierung schien die Ereignisse in der Provinz KwaZulu-Natal nicht zur Kenntnis zu nehmen. Polizeipräsenz zum Schutz der Menschen vor Angriffen in ihren Wohnungen stand nicht zu erwarten. So viel war mir wie auch meinen Eltern klar. Wir packten daher einige Sachen zusammen.
Dabei kehrten die Erinnerungen an 1949 wieder. Ich nahm die Kurzgeschichte ‚1949’ von Ronnie Govender wieder zur Hand und las sie von Anfang bis Ende. Dumisane und seine Familie nahm den Vermieter, Herrn Maniram und seine Familie, bei sich auf und versteckte letztere in dem Mietshaus. Die Meute forderte seine Auslieferung.
„Einige von ihnen rannten in das Haus der Familie Maniram und durchwühlten es, bevor sie es in Brand steckten. Die Flammen leuchteten weithin. ‚Sie sind nicht in dem Haus, sie sind bestimmt hier, in deinem Haus!’
‚Pass mal auf, mein Lieber. Ich mag die amaKula genausowenig wie du. Sei so gut und geh nicht rein, du jagst meinen Kindern Angst und Schrecken ein.’
Die Menge stand unentschlossen da. Plötzlich riss sich ein junger Mann aus der Menge los und rannte auf das Haus zu. Innerhalb von Sekunden war sein Ausruf zu hören: ‚Der Mann lügt. Sie haben sich unter die Betten verkrochen!’
Alle guten Geister verließen sie. Sie verließen die Seelen ihrer Väter und Mütter, ihrer Söhne und Töchter, und es brach die Hölle los, die jeder Mensch irgendwo mit sich in seinem Herzen trägt. Von archaischem Hass geschleudert kam der Speer, der Dumis Brustkorb durchbohrte. Kein Mitleid, kein Verstand lag in den Herzen dieser leicht beeinflussbaren Mitläufer; sie blieben gefangen in ihren durchtriebenen Gedanken, auf denen ganze Imperien errichtet wurden.”