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StartseiteBüchermarktRätselhafte Wunder der Schöpfung03.09.2019

Essays des Nobelpreisträgers Odysseas Elytis Rätselhafte Wunder der Schöpfung

Zum ersten Mal wurden vier grundlegende Essays des griechischen Dichterklassikers Odysseas Elytis aus den Jahren 1974-1990 ins Deutsche übersetzt. Die beiden Bände lassen nachvollziehen, warum der Nobelpreisträger die Poesie als wichtigen Mittler zwischen Kunst und Leben verstand.

Von Cornelia Jentzsch

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Odysseas Elytis sitzt auf einem Sofa (imago images / ZUMA / Keystone)
Der griechische Nobelpreisträger Odysseas Elytis (imago images / ZUMA / Keystone)
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"Was trieb Menschen, Wörter so zu verbinden, dass sie nicht das sagen, was wir jeden Tag sagen? Und warum schrieben sie nicht bis an den Rand der Seite, sondern brachen ab und begannen wieder mit der nächsten Zeile?"

Staunend und sich das fragend betrachtet der junge Odysseas Alepoudhélis in einem Saal des Britischen Museums den grünschimmernden Papyrus. Auf ihm sieht er unbekannte Schriftzeichen: Worte der 2500 Jahre zuvor geborenen Dichterin Sappho. Die andersartige Anordnung der Schrift, ihr sinnliches Bild ziehen ihn magisch an. In diesem Moment fand er, fand ihn die Liebe der Poesie, resümiert er Jahre später in einem Essay mit dem Titel "Aller Anfang ist Poesie". Da ist er bereits ein anerkannter Dichter und nennt sich Odysseas Elytis. E l y t i s - gebildet aus den Komponenten Griechenland, Hoffnung, Freiheit und der mythischen Figur Helena.

"Das Phänomen der Geburt von Sprache und Schrift ist, gleich dem im Leben eines Menschen, vielleicht nicht so sehr beeindruckend, dennoch wesentlich stärker als das Phänomen des Todes."

Ethik resultiert aus Ästhetik

In dem 1974 verfassten Essay beschreibt Elytis nicht nur, wie er zum Dichter wurde, erläutert nicht nur seine Poetik, sondern erklärt das Wesen der griechischen Dichtung als Konstante von der Antike über Byzanz bis in die Moderne. Der Grund dafür mag nicht zuletzt im Griechischen selbst liegen, einer der ältesten gesprochenen Sprachen. Elytis glaubt, dass jede Sprache mit der Landschaft, in der sie entstand, verbunden bleibt. Sein eigenes Verständnis von Ethik resultiere aus seiner Ästhetik, schreibt er, die Ästhetik wiederum sei nichts weiter als eine Übertragung jener Naturbedingungen, die seine Condition Humaine bestimmt haben. Es ist deshalb nicht der Poet, der sein Ego in der Welt verwirklicht - es ist ausschließlich die Welt, die sich im Poeten verwirklicht. Insofern gibt es für Elytis keine Dichtung einer einzelnen Person, sondern jede Poesie bildet sich aus gemeinschaftlichen Fäden und Ursprüngen, die aus unergründlichen Tiefen aufsteigend mitschreiben.

Eine Poesie des Lichts

Odysseas Elytis wurde 1911 auf der Insel Kreta geboren, seine Eltern stammen von der Insel Lesbos. Das strahlend blaue Meer, der einfache Alltag auf den Inseln, die Freiheit des Einzelnen, vor allem aber das gleißende Licht der Sonne wurden zu wichtigen Komponenten seiner Lyrik. Die Erschaffung der Welt stellte sich Elytis in genau dieser Atmosphäre vor. Doch die fortwährende Angst des Menschen, sich selbst zu erkennen und selbst zu sein, verhindere, dass die Welt seitdem nicht noch schöner geworden ist, wie er im Essay schreibt.

Wie überhaupt die griechische Poesie eine Poesie des Lichtes ist, Licht und Sonne als Metapher für Leben, Eros, Gerechtigkeit, aber auch für Tod und Erinnerung, eine poetische Variabel für das Leben schlechthin. Auch hier die alten archaischen Verbindungen, gespeichert im Vokabular der Sprache. Aus Zeiten stammend, als noch ein erschreckender Mangel an Sicherheiten herrschte, so Elytis, heute erschaudern ihn der erreichte Mangel an Unsicherheiten:

"Die Dissoziation von Natur und Mensch hat die Dissoziation von Seele und Körper verursacht. Ist die Nachtigall nicht zu hören, ist der Molotowcoctail nicht weit. Ein überwältigender technischer Fortschritt kämpft darum, das Elend zu beheben, das ein überwältigender technischer Fortschritt am Menschen verursacht."

Ein Gedicht führt ihn zu Weltruhm

Der Zweite Weltkrieg hatte Elytis an seine physischen und psychischen Grenzen gebracht. Zurückgekehrt von der Front und nach einer überstandenen Typhuserkrankung schrieb er noch während der deutschen Besetzung neben einem zweiten Gedichtband die ersten seiner Essays. 1948 übersiedelte er für drei Jahre nach Paris, befreundete sich mit Bachelard, Chagall, Matisse und Picasso und entdeckte den Surrealismus für sich - und  erneut die Schriften von Sappho und Platon. Ein Jahrzehnt später erschien sein Hauptwerk, die Dichtung "Axion Esti - Gepriesen sei", vertont von Mikis Theodorakis verhalf es schließlich Elytis zu seinem Weltruhm.

Zwei umfangreiche Essaybände hat Odysseas Elytis neben zahlreichen Gedichtbänden hinterlassen. "Weiße Blätter",1974 unmittelbar vor dem Sturz der seit 1969 andauernden griechischen Militärdiktatur veröffentlicht, und "Freibriefe", 1992 drei Jahre vor seinem Tod erschienen. Beide Bände wurden bislang noch nicht im deutschen Sprachraum veröffentlicht.

Die Essays, trotzdem übersetzt 

Dass wir jetzt eine kleine Auswahl daraus lesen können, ist der Hartnäckigkeit eines griechisch-deutschen Filmkritikers und Übersetzers zu verdanken. Giorgis Fotopoulos wurde noch von Elytis selbst nach einem Besuch bei ihm (beschrieben im ausführlichen Nachwort) für eine Übersetzung autorisiert. Sämtliche der etwa 150 poesieverlegenden Verlage in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein hatte Fotopoulos angefragt, ob Interesse an einer Veröffentlichung der Essays des immerhin Nobelpreisträgers bestünde.

30 Verlage antworteten, drei davon positiv. Zwei wollten allerdings, dass er sich finanziell beteilige. Nur der kleine Münchner APHAIA-Verlag entschloss sich zu einer Edition und zahlte sogar ein Honorar. Der Band "Odysseas Elytis - Aller Anfang ist Poesie" enthält aus beiden in Griechenland editierten Bänden vier grundlegende Essays. Sie beschreiben jenen Moment, in dem Poesie entsteht und in die Schrift fließt - und erklären, warum wir Dichtung benötigen.

In jenem Augenblick, wenn das rätselhafte Wunder der Schöpfung…

"… in einer einfachen Blüte, deren Blätter sich öffnen, oder eines Meeres, das in der Sonne blitzt, fortwirkt, darf man zu Recht hoffen, dass zwischen den monströsen Teilchenbeschleunigern und der künstlichen Intelligenz eines Tages Poesie - wie zwischen zwei Feuersteinfelsen Mohn - wieder erblühen wird."

Odysseas Elytis: "Aller Anfang ist Poesie"
Essays zur Kultur und Lyrik
APHAIA Verlag, München
120 Seiten, 14,90 Euro

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