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StartseiteHintergrundKlöckners Lebensmittel-Rettungsplan13.01.2020

Essensabfälle halbieren bis 2030Klöckners Lebensmittel-Rettungsplan

Jedes achte Lebensmittel in Deutschland landet in der Tonne. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner will dieses ethische, wirtschaftliche und ökologische Problem mit einer "Nationalen Strategie gegen Lebensmittelverschwendung" bekämpfen - und setzt dabei auf Freiwilligkeit.

Von Nele Rößler

Lebensmittel, Abfall, Mülltonne, Verschwendung, Rettung *** Food, waste, garbage can, waste, rescue (imago / Schöning)
Viel zu tun für Verbraucher und Lebensmittelretter: 52 Prozent der Lebensmittelabfälle entstehen durch Privathaushalte (imago / Schöning)
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Vor einer großen Supermarktkette in Köln an einem kalten Herbsttag: vier junge Erwachsene, zwei Männer, zwei Frauen. Sie tragen Mützen, Handschuhe und Schals, auffällig sind ihre großen blauen Plastiktaschen und Backpacker-Rucksäcke.

Sie gehen in eine Garage, in der ein Kleinlaster parkt. Neben der Laderampe in einer Ecke stehen mehrere Kisten mit Blaubeeren, Pilzen, Radieschen, Kohlköpfen, Äpfeln und Karotten. Einige wenige haben Druckstellen oder sind zusammengequetscht, sehr wenige sind geschimmelt.

"Das ist gar nicht so viel, das ist echt wenig. Wir gehen da halt einmal durch, sortieren einmal durch. Wir gucken, was ist wirklich gut und was nicht. Das macht man halt in der Regel mit seinen eigenen Sinnen, Riechen, Fühlen und Sehen. Das kann man dann viel besser einschätzen, als wenn man auf ein Datum guckt oder so. Und das machen wir jetzt einfach mal!"

Florian Brügge ist 27 Jahre alt, der freiberufliche Musiker engagiert sich ehrenamtlich bei dem Verein Foodsharing. Die Freiwilligen gehen zu Restaurants, Cafés, Essensständen, vor allem aber zu Supermärkten.

Das Foto zeigt Obst-, Gemüse- und andere Lebensmittelabfälle lagern im August 2011 in der mechanischen Aufbereitungsanlage der Biowerk- Biogasanlage der Stadtreinigung in Hamburg. (picture-alliance / dpa / Christian Charisius) (picture-alliance / dpa / Christian Charisius)Klöckners Anti-Wegwerf-Strategie im Einzelnen
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Essen retten mit Einverständnis der Händler

Insgesamt haben 6.000 Betriebe Einzelvereinbarungen mit Foodsharing. Die Vereinsmitglieder holen mit Einverständnis der jeweiligen Händler die Lebensmittel ab, die nicht mehr verkauft werden können, weil sie beschädigt sind oder das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist.

Obst, Gemüse, Brot, aber auch Milchprodukte legen sie anschließend in sogenannte "Verteiler": Öffentlich zugängliche Schränke, Fahrradkörbe, teilweise auch Kühlschränke, die es mittlerweile in vielen deutschen Städten gibt. Teilweise bringen sie das Essen zu den Tafeln. Auch in der Schweiz, in Österreich, den Niederlanden und Kroatien gibt es die sogenannten "Lebensmittelretter", als die sie sich selbst bezeichnen.

"Hier in Köln-Ehrenfeld, wo ich aktiv bin, sind wir mit etwas mehr als 1.000 eingetragenen Menschen, aktiven Menschen. Aber das reicht halt auch vorne und hinten eigentlich noch nicht. Also, wenn man sieht, wir decken halt immer noch nicht großflächig ab, weil wir halt jeden Tag überall sein müssen. Da braucht man wirklich noch mehr Leute, die das machen."

Öffentlich zugängliche Essensschränke wie diesen gibt es mittlerweile in einigen Städten (imago / Lars Berg)Öffentlich zugängliche Essensschränke wie diesen gibt es mittlerweile in einigen Städten (imago / Lars Berg)

Laut dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft werden in Deutschland jedes Jahr elf Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Weltweit sind es schätzungsweise 1,3 Milliarden Tonnen. Zeitgleich hungert laut Weltgesundheitsorganisation WHO jeder neunte Mensch auf unserer Erde.

Deshalb "ist es einfach nicht zu verantworten, dass wir hier bei uns Lebensmittel einfach wegwerfen", findet Professor Martin Kranert. Er forscht an der Universität Stuttgart auf dem Gebiet der Abfallwirtschaft. Es sei aber nicht nur aus ethischen Gründen verwerflich, Essen wegzuwerfen:

"Zum anderen sind es natürlich auch soziale Aspekte. Das heißt, wir haben auch in Deutschland die Situation, dass wir mehr als 100.000 Menschen haben, die eigentlich nicht über genügend Geld verfügen, sich komplett mit Nahrungsmitteln zu versorgen, also auch darauf angewiesen sind, dass sie von woanders her Nahrungsmittel bekommen können. Aus diesem Aspekt ist es wichtig, dass wir Nahrungsmittel nicht einfach wegwerfen. Ein dritter Aspekt ist, dass wir ja auch die Ökologie betrachten müssen."

55 Prozent müssten nicht weggeworfen werden

Diesen Punkt findet auch Renate Künast wichtig. Die ehemalige Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz und frühere Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag: "In Zeiten einer Klimakrise ist es doch vollkommen verrückt, dass wir sehr aufwendig mit Arbeitskraft, mit der Energie des Bodens, mit viel Wasser Lebensmittel herstellen. Wenn sie nicht sogar hochverarbeitet sind und dann noch mal Energie brauchen, um sie am Ende wegzuwerfen."

Laut Wissenschaftler Kranert ist nur etwas weniger als die Hälfte der Abfälle unumgänglich, dazu zählen Orangen- und Bananenschalen oder Hühnerknochen. 55 Prozent müssten nicht weggeworfen werden.

Für vermeidbare Lebensmittelabfälle gelte: "Wenn man sie richtig gelagert hätte, hätte man sie noch essen können. Typisches Beispiel ist ein hart gewordenes Brot."

Laut der Welthungerhilfe geht ein Drittel von dem, was weltweit produziert wird, verloren, weil es bei der Herstellung oder beim Transport beschädigt wurde oder in Lagern, Läden und Haushalten verdirbt. Bereits 2015 haben die Vereinten Nationen daher das Ziel formuliert, die Lebensmittelverschwendung bis zum Jahr 2030 zu halbieren.

Klöckners Ziel: Essensabfälle halbieren bis 2030

"Bei dieser Lebensmittelverschwendungsstrategie oder Entgegenstrategie haben wir vier Handlungsfelder."

Dreieinhalb Jahre später, im Februar 2019, hat CDU-Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner die Nationale Strategie gegen die Verschwendung von Lebensmitteln verkündet. Mit demselben Ziel: In zehn Jahren soll in Deutschland nur noch halb so viel Essen weggeworfen werden wie jetzt. Dabei setzt Julia Klöckner auf Freiwilligkeit bei allen Beteiligten, sowohl in der Landwirtschaft wie auch in der Industrie, im Handel, und auch beim Verbraucher. Aber reicht das?

Die Landwirtschaftsministerin will an verschiedenen Stellen ansetzen: "Das sind die politischen Rahmen. Gibt es Hindernisse bei Hygienevorschriften, bei rechtlichen Vorschriften, bei der Kreislaufwirtschaft? Dann geht es um die Prozessoptimierung in der Wirtschaft. Da geht es auch um Innovation. Da geht es auch um intelligente Verpackungen, die einem anzeigen können, ob das Produkt doch noch haltbar ist. Und es geht da um Verhaltensänderungen aller Beteiligten. Und viertens: Forschung und Digitalisierung."

Der gemeinnützige Verein Foodsharing wiederum geht bereits seit vielen Jahren, genauer seit 2012, gegen Lebensmittelverschwendung vor. Florian Brügge ist seit mehreren Jahren dabei. Bis zu vier Mal die Woche geht er zu Supermärkten, Bäckereien und Restaurants, um Lebensmittel abzuholen. Er beobachtet, dass kleinere Läden, die übrig Gebliebenes abgeben, auf Dauer weniger Lebensmittel wegwerfen.

"Bei kleinen Läden merkt man das auf jeden Fall, dass es halt einen Impact hat. Das merkt man einfach daran, dass wir über einen längeren Zeitraum viel, viel weniger Lebensmittel retten. Das ist immer ein Zeichen dafür, dass sie halt besser kalkulieren. Bei Supermärkten kann man das mit Sicherheit nicht so kontinuierlich feststellen."

Diese Lebensmittel haben Florian und seine Mitstreiter legal vor dem Müll gerettet (Deutschlandradio / Nele Rößler)Diese Lebensmittel haben Florian und seine Mitstreiter legal vor dem Müll gerettet (Deutschlandradio / Nele Rößler)

Künast: Mülltauchen entkriminalisieren

Zurück in der Garage neben der Supermarktkette in Köln. Die Foodsharer gehen die Kisten mit Pilzen, Äpfeln und Blaubeeren durch. Alles, was sie für genießbar befinden, packen sie in ihre Taschen und Rucksäcke.

Foodsharing wird auch oft als legales Containern bezeichnet. Containern wiederum ist die heimliche Mitnahme weggeworfener Lebensmittel aus Abfallcontainern, zum Beispiel bei Supermärkten. In Deutschland eine Straftat.

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Mitzunehmen, was der Handel wegwirft, ist in Deutschland strafbar. Zwei deswegen verurteilte Studentinnen wollen das nicht hinnehmen und reichen dagegen Verfassungsbeschwerde ein.

"Zu dem ganzen Paket der Maßnahmen muss auch gehören, dass wir das Containern nicht mehr kriminalisieren", meint Grünen-Politikerin Künast. Im vergangenen Jahr wurden zwei Studentinnen wegen der Mitnahme von Schokoladenpudding und Paprika zu einer Strafzahlung von 1.200 Euro pro Person verurteilt.

"Ich weiß, dass wir ein Problem damit haben, wenn jemand auf das Grundstück meinetwegen des Geschäftes geht, aber was auch vollkommen absurd ist, dass wir sagen, wir wollten eine Kampagne machen gegen Lebensmittelverschwendung, und Dinge, die eigentlich zu gut sind für die Tonne, da darf sich dann nicht mal jemand nehmen, um sich zu ernähren."

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Weil so viele genießbare Lebensmittel weggeworfen werden, findet der Foodsharer Florian Brügge es nicht mehr vertretbar, Essen zu kaufen. Er ernährt sich nur noch von geretteten Lebensmitteln.

"Wenn man dann am Ende des Tages sieht, was alles noch weggeworfen wird, dann ist das schon krass."

Bringen große Vernetzungsforen den Erfolg?

Der Handel, also auch der Supermarkt, bei dem die Foodsharer an diesem Morgen sind, ist aber nur für vier Prozent der weggeworfenen Lebensmittel verantwortlich. Knapp 12 Prozent stammen aus der Landwirtschaft, 14 Prozent aus der Gastronomie. Zumindest war das so im Jahr 2015. Erhoben haben diese Daten die Universität Stuttgart und das Thünen-Institut im Auftrag des Ministeriums für Ernährung und Landwirtschaft.

"Und dabei muss man ganz klar sehen, dass von diesen Mengen 52 Prozent aus den Haushalten stammen", so Martin Kranert von der Universität Stuttgart. Diese Zahlen waren auch Thema auf dem ersten "Nationalen Dialogforum zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung" in Berlin im November.

"Wir brauchen eine Datenbasis, dass wir eine gleiche Prämisse haben, das war mir wichtig. So können wir in Zukunft sagen, was sich bewährt hat oder auch nicht."

Zu dem Forum hatte Ministerin Klöckner verschiedene an der Lebensmittelkette Beteiligte eingeladen, also Landwirte, Vertreter aus den verarbeitenden Betrieben, dem Groß- und Einzelhandel bis hin zur Gastronomie und den Privathaushalten. Um zukünftig Lebensmittelverschwendung zu vermeiden, sollten sie miteinander reden, nachdem sie sich zuvor in sektorspezifischen Foren getroffen hatten, so das Konzept.

Als das Mikrofon der Journalistin aus ist, deuten mehrere Teilnehmende an, dass Veranstaltungen wie diese wenig bringen würden. Man vernetze sich seit Jahren bei nicht-öffentlichen Treffen, da rede man ehrlicher miteinander.

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Unter den Teilnehmern des Dialogforums ist auch Olivier Kölsch von der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie.[*] Er sieht das Problem nicht bei der Ernährungsindustrie:

"Was passiert mit Lebensmitteln, die nicht im Handel oder an den Großverbraucher weitergegeben werden? Entweder werden die gespendet, die werden zu Tierfutter weiterverarbeitet. Wir haben die energetische Weiterverwertung in Biogasanlagen."

Florian Brügge von Foodsharing hingegen sieht beim Handel das Problem der Lagerung. Weil diese so teuer ist, wird seiner Meinung nach viel Essen weggeworfen. In der Garage des Supermarkts packt er Äpfel aus:

"Ich denke einfach, dass sie höchstwahrscheinlich eine neue Lieferung bekommen und die alten Lieferungen aussortieren müssen, weil die Kapazitäten nicht so groß sind. Dann wird es halt einfach weggeworfen, weil das günstiger ist, als die Sachen zu lagern."

Ein anderer Ansatz: Anstatt wegzuwerfen, verkaufen einige Bäckereien Brot und Gebäck gegen Ende des Tages günstiger. Olivier Kölsch von der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie[*] sieht das aber kritisch:

"Wir Verbraucher haben natürlich auch einen gewissen Lerneffekt. Das heißt, wenn ich weiß, dass es ab 16, 17 Uhr Produkte zum halben Preis gibt, gibt es mehr Verbraucher, die wahrscheinlich ein bisschen später einkaufen gehen. Und da muss man ja mal gucken: Wie hoch ist die Marge? Was kann sich der Bäcker überhaupt leisten, wenn er jetzt quasi zum halben Preis verkauft und diese sind dann unter dem Produktionswert."

Wegschmeißen steuerlich günstiger als abgeben

Renate Künast von den Grünen setzt auf eine andere Idee:

"Warum sind wir eigentlich nicht in der Lage, mit dem Bäcker unseres Vertrauens oder dem Lebensmittelladen unseres Vertrauens, da, wo wir leben, uns grundsätzlich zu vereinbaren? Also Leute, die sonntags frische Brötchen möchten. Das war früher in jedem Tante-Emma-Laden so, in der Kleinstadt."

Feste Abnahmemengen also. Auch steuerliche Anreize findet Künast sinnvoll:

"Dazu brauchen wir allerdings auch eine rechtliche Unterstützung, die sagt, dass es nicht teurer ist, zu verschenken oder zu spenden als wegzuwerfen. Deshalb müssen wir die Mehrwertsteuer an dieser Stelle reduzieren."

Olivier Kölsch von der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie[*] hält steuerliche Anreize ebenfalls für gut. Die derzeitige Praxis sähe aber so aus: Wenn zum Beispiel auf einer Kaffeepackung lediglich das Etikett falsch gedruckt ist, der Kaffee an sich aber in Ordnung ist, "das darf ich aber einfach nicht weitergeben. Das würde ich jetzt spenden. Jetzt habe ich aber eine Kaffeesteuer, und jetzt habe ich das Problem, dass, wenn ich zum Beispiel Kaffee abgebe, die Kaffeesteuer anfällt. Wenn ich das aber wegschmeiße, dann fällt diese Kaffeesteuer nicht an, beziehungsweise dann kann ich das über den Mehrwertsteuerausgleich auch gleich wieder zurückbekommen. Dann ist das ein Fiskalanreiz, der eigentlich dafür plädiert, dass ich die Sachen eher wegschmeiße, als sie abzugeben."

"Themen, die wir nur gemeinsam heben können"

Zugleich fordern Grünen-Politikerin Renate Künast und Olivier Kölsch[*] ein Umdenken, was das Aussehen von Lebensmitteln angeht:

"Ein anderer Faktor ist aber natürlich auch, und das ist das, was wir gemeinsam erreichen können, wenn wir über Regularien, wenn wir über Absprachen, über Sekundärstandards sprechen, zum Beispiel aus der Gesellschaft: Die sagt, die krumme Gurke oder das Produkt, das will ich nicht unbedingt haben. Das ist mir irgendwie suspekt, da bin ich nicht so ganz sicher. Dann sind es natürlich Themen, die wir nur gemeinsam heben können."

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Handelsnormen seien für Landwirte aber wichtig, sagt wiederum Udo Hemmerling vom Bauernverband:

"Der Landwirt braucht eine gewisse Orientierung für das, was er auch verkaufen kann, weil er ja seine Anbauentscheidung frühzeitig trifft. Oder die Frage, mit welcher Größe pflücke ich einen Apfel. Das kann ich natürlich beeinflussen. Und deswegen ist die Information darüber, was der Handel verlangt, mittels dieser Handelsnormen schon wichtig."

Aus der Landwirtschaft kommen aber ohnehin nur 1,4 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle. Der Großteil, sechs Millionen Tonnen, stammte 2015 aus Privathaushalten. Neben der Menge ist aber auch etwas anderes problematisch, gibt Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner zu bedenken:

"Da müssen wir sehen, dass ein Kilogramm im Privathaushalt was anderes ist als ein Kilogramm in der Urproduktion. Denn die gesamte Verarbeitungskette, man hat schon was gekocht, man hat es in den Kühlschrank gestellt, ist da ja auch mit eingerechnet."

Sind Lebensmittel zu billig?

Vor allem jüngere Menschen neigen dazu, Essen wegzuwerfen, zeigt die Studie des Thünen-Instituts. Generell landet jedes achte gekaufte Lebensmittel in den deutschen Haushalten im Müll.

Renate Künast erklärt sich das so: "Lebensmittel sind manchmal fast zu Ramschware verkommen, sie sind so günstig, so billig."

Dass mehr Lebensmittelabfälle aus Privathaushalten stammen als aus den anderen Sektoren, liegt aber auch daran, dass Menschen insgesamt größere Mengen an Lebensmitteln für den Haushalt einkaufen als die Gastronomie. In einigen Ländern wie Frankreich und Italien gibt es zudem Gesetze, dass Restaurants, Kantinen und Cafés keine Lebensmittel wegwerfen dürfen. Ministerin Julia Klöckner:

"Wir haben in Deutschland jetzt schon mehr Lebensmittel, die an Tafeln zum Beispiel an Bedürftige abgegeben werden vom Supermarkt, als in Frankreich."

Plastiktüten mit Müll liegen neben Mülltonnen in einer Pariser Straße mit dem Eiffelturm im Hintergrund. (AFP / Jacques Demarthon) (AFP / Jacques Demarthon)Null Abfall per Gesetz
In Frankreich dürfen Supermärkte schon seit 2016 kein Essen mehr wegwerfen. Um das Ende der Wegwerfgesellschaft noch weiter zu forcieren, hat das Nachbarland Ende 2019 ein Kreislaufwirtschaftsgesetz verabschiedet.

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Auch im östlichen Nachbarland Tschechien muss der Handel abgelaufene Lebensmittel spenden - an Hilfsorganisationen. Die Sprecherin eines großen Discounters nennt das gesetzlich verordnete Spenden "organisatorisch sehr anspruchsvoll".

In Frankreich stiegen nach Einführung des Gesetzes 2015 die Spenden an die Tafeln von 39.000 Tonnen auf mehr als 46.000 Tonnen im Jahr 2017. Dennoch sammeln die Tafeln in Deutschland auch ohne gesetzliche Vorschrift ein Vielfaches dieser Mengen. 264.000 Tonnen Lebensmittel erhalten die deutschen Tafeln von Supermärkten und Restaurants im Jahr. Das ließe sich zwar womöglich noch steigern, trotzdem meint Julia Klöckner:

"Die Frage ist ja am Ende, wo haben wir noch stärkeren Handlungsbedarf."

Die Mindesthaltbarkeit von Millionen Jahre altem Salz

Die Ministerin sieht vor allem die Bürger in der Pflicht. Sie betont aber, es werde "sicherlich beim Verbraucher keine Nahrungsmittel-Polizei geben, die den Kühlschrank anschaut. Also, um da Gesetze umzusetzen, sondern wir müssen ganz klar ran, dass wir den Verbrauchern Entscheidungshilfen geben, dass wir über das Mindesthaltbarkeitsdatum viel stärker informieren, dass das kein Verfallsdatum ist."

Das Mindesthaltbarkeitsdatum, kurz MHD, garantiert dem Verbraucher, dass das Produkt beim Einkauf noch die gleichen Eigenschaften hat wie bei der Lieferung. Martin Kranert von der Universität Stuttgart nennt ein Beispiel:

"Wenn Sie Salz im Bergwerk haben, dann liegt es da schon seit vielen Millionen Jahren und ist über diese gesamte Zeit ja auch theoretisch nutzbar gewesen. Jetzt holen Sie dieses Salz raus, packen das ab. Und dann hat es noch ein Mindesthaltbarkeitsdatum von einem Jahr. Sie können dieses Salz natürlich noch die nächsten 1.000 Jahre genauso verwenden. Es ist nur vielleicht nicht mehr ganz so rieselfähig."

Noch gut, wollen diese Foodsharing-Aktivisten auf einem Bielefelder Festival für nachhaltiges Leben zeigen (imago / ecomedia/robert fishman)Foodsharing-Aktivisten auf einem Bielefelder Festival für nachhaltiges Leben (imago / ecomedia/robert fishman)

Theoretisch dürfen Geschäfte Lebensmittel sogar noch nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums verkaufen. Vorausgesetzt: Eine einwandfreie Qualität ist sichergestellt.

Julia Klöckner will an dieser Praxis nichts ändern: "Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist gesetzlich vorgeschrieben, auch europaweit vorgeschrieben. Es würden sich viele beschweren, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum wegfallen würde, weil viele Verbraucher auch die Orientierung haben wollen."

Viele Lebensmittel haben kein Mindesthaltbarkeitsdatum

Alternativ würde sich ein Verfallsdatum anbieten, Julia Klöckner aber wendet ein: "Es wäre schön, wenn wir ein Verfallsdatum draufschreiben könnten. Aber wir wissen zum Beispiel bei Molkereiprodukten, dass das Verfallsdatum entscheidend von der Kühlkette abhängt, ob ich im privaten Haushalt zum Beispiel die Molkereiprodukte im Kühlschrank lagere oder ob ich sie bei großer Hitze draußen stehen habe, geöffnet oder verschlossen habe."

Die meisten Lebensmittel in Deutschland, die weggeworfen werden, haben ohnehin gar kein Mindesthaltbarkeitsdatum. Auf Platz zwei liegen etwa Backwaren, auf Platz eins: Obst und Gemüse.

Pilze, Blaubeeren, Radieschen, Zitronen, das ist ein Großteil der Ausbeute der Foodsaver bei dem Kölner Supermarkt. Sie packen die Lebensmittel in ihre großen Taschen und Rucksäcke und tragen sie in das wenige Kilometer entfernte Bürgerzentrum. Dort legt Florian Brügge das mitgebrachte Obst und Gemüse in ein Regal. Daneben steht eine Kiste mit alten Brötchen. Vier Menschen im mittleren Alter greifen sofort zu, sie packen Pilze und Radieschen ein.

Die Foodsaver selbst haben sich bereits versorgt: "Was wir oft hören, ist, dass man das nur aus finanziellen Gründen macht, weil man Lebensmittel einspart. Das sehe ich halt anders. Wenn man guckt, wer abholen geht. Es gibt wirklich Menschen, die es eigentlich gar nicht nötig hätten, die es aber nur machen, weil sie es machen wollen."

Einkaufsverhalten überdenken

Florian Brügge will Menschen in seinem Umfeld, aber auch Angestellten in den Supermärkten deutlich machen, dass man sein Einkaufsverhalten überdenken sollte: "Ich glaube schon, dass das Einfluss hat. Mit Sicherheit nicht in dem großen Rahmen, dass wir jetzt merken, dass die Supermärkte gar nichts mehr wegwerfen, aber einfach, dass das Bewusstsein vielleicht nochmal aufgefrischt wird, dass man da anders mit umgeht."

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Zwei Stunden nach Beginn der Lebensmittel-Sammelaktion packt Florian Brügge seine leeren Plastiktaschen ein. Es kleben ein paar Radieschenblätter daran. Er schüttelt sie ab und stopft die Taschen dann in seinen halbvollen Rucksack. Er sieht so aus, als würde er nach einem normalen Einkauf nach Hause gehen. Wenn er es ethisch wieder vertretbar finde, Geld für Essen auszugeben, werde er sofort damit anfangen, erklärt Florian Brügge:

"Ich wäre der Erste, der Lebensmittel kaufen würde, wenn das so wäre, dass ich damit leben kann. Aber es ist halt nicht so, und deswegen mache ich es anders."


[*] Anmerkung der Redaktion: 

An den markierten Stellen wurden Aussagen irrtümlich dem Pressesprecher des Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels, Christian Böttcher, zugeschrieben. Geäußert hatte sich aber Olivier Kölsch von der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen. Die fehlerhafte Audiofassung haben wir depubliziert. 

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