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StartseiteEuropa heuteWillkommen in der E-Republik 09.12.2015

EstlandWillkommen in der E-Republik

Estland treibt den Ausbau seiner digitalen Infrastruktur weiter voran. Seit einem Jahr können dort auch Nicht-Esten eine elektronische Identität beantragen und damit eine Bankkonto eröffnen und eine Firma von überall auf der Welt betreiben. Dass dabei in Estland keine Steuern gezahlt werden, sondern in anderen Ländern, stört die Regierung nicht.

Von Alexander Hertel

Estlands Ministerpräsident Taavi Rõivas im Mai 2015 bei einem Besuch in Schweden. (picture alliance / dpa / Bertil Ericson / Tt News Agency)
Der estnische Ministerpräsident Taavi Rõivas ist stolz auf die E-Residency. (picture alliance / dpa / Bertil Ericson / Tt News Agency)
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Taillierter Anzug, geschliffenes Englisch, jugendlich rundes Gesicht. Der gerade einmal 36-jährige Premierminister Taavi Rõivas strahlt. Er ist sichtbar stolz auf Estland, sein nicht nur in der Eigenwerbung digitales Musterland und stolz auf ein Projekt, das gerade sein einjähriges Bestehen feiert: die E-Residency. "Es war eine Pionierleistung, unsere effiziente digitale Infrastruktur allen Menschen der Welt bereit zu stellen. Und während dieses Jahres haben wir hart daran gearbeitet, die verfügbaren Dienste zu verbessern und neue einzuführen. Lange lebe E-Estonia!"

"E-Estonia" - so lautet das Schlagwort für die digitale, papierlose Verwaltung des Landes. Nahezu die gesamte Kommunikation zwischen Behörden und Bevölkerung findet bereits seit Langem online statt. Dazu benötigen die Esten lediglich ihren Personalausweis, eine Smartcard, mit der man alles am Computer erledigen kann. Mit der E-Residency können das seit Dezember 2014 auch Nicht-Esten, erklärt Taavi Kotka, der das Projekt erfunden hat: "Zuerst einmal können sie hier ein Bankkonto und eine Firma eröffnen und von überall auf der Welt betreiben. Ob aus Tonga, den USA oder Deutschland. Außerdem können Sie mit der Smart-Card ortsunabhängig online ihre Identität bestätigen. Sprich: digitale Signaturen."

Zur Zielgruppe der estnischen Regierung gehören vor allem Unternehmer aus der Digitalwirtschaft: Menschen, die Start-ups vom Laptop aus betreiben und permanent ihren Wohn- und Aufenthaltsort wechseln. Im Idealfall sollen sie künftig ihre geschäftlichen Aktivitäten vor allem über die digitale Infrastruktur Estlands abwickeln. Die meisten User würden ohnehin schon längst verschiedene ortsunabhängige Dienste im Netz nutzen, erklärt Projektleiter Kotka. Die Regierungen sollten deshalb logischerweise nachziehen: "If you listen spotify: Sweden. Ride an Uber: Netherlands. So you see, these services are not tied to one specific location. The governments it's just a logical step."

Der Trend scheint Kotka recht zu geben. Knapp 7.000 Menschen haben die E-Residency bereits erhalten. Und Monat für Monat kommen mehr Anträge. Vor allem seien in Estland aber bisher schon 250 Unternehmen von E-Residents gegründet worden. Einer von ihnen ist der Inder Arvind Kumar: "Ich war von Anfang an beeindruckt von der Idee, die hinter der E-Residency steckt. Also habe ich mein Vertrauen in sie gesetzt und bin E-Resident geworden. Und der logische nächste Schritt: Ich habe meinen Job aufgegeben und mein eigenes Unternehmen gegründet."

Dabei profitiert der estnische Staat zunächst gar nicht direkt von den Unternehmen, etwa durch Steuern. Die könnte das Land ohnehin nicht erheben - erst wenn man sich länger als die Hälfte des Jahres in Estland aufhält, wird man auch dort steuerpflichtig. Kein Problem, findet Projektleiter Taavi Kotka: "Ein E-Resident aus Spanien benutzt weder unsere physische Infrastruktur noch unser Sozial- oder Gesundheitssystem. Nur ein bisschen Strom. Warum sollten wir den besteuern? Es ist ganz logisch, dass er in Spanien Steuern zahlt, da er die dortige Infrastruktur dort physisch nutzt. Was auch immer wir machen, wir wollen, dass das andere Land auch glücklich ist."

Das sei aber gar nicht so einfach. Viele Regierungen schauten sich zwar sehr interessiert in Estland um. Am Ende aber scheitern ähnliche Ideen oft an der Umsetzung oder an datenschutzrechtlichen Bedenken. Das abschließende Urteil sprächen ohnehin die Nutzer, räumt Kotka ein. Und tatsächlich integrieren immer mehr Online-Unternehmen die Identifizierung von Esten und E-Residents per Smart-Cards in ihre Dienste. Alle bisher daran Beteiligten scheinen dies als Win-win-Situation zu begreifen. Die Nutzer könnten bequemer Online-Dienste nutzen, die Unternehmen sparten sich die umständliche analoge Verwaltung und für Estland bedeute dies: Mehr Jobs, mehr Kunden und internationale Aufmerksamkeit.

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