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StartseiteKulturfragen"Flut der Restitutionsforderungen bisher nicht angekommen"09.12.2018

Ethnologin zum Kolonialerbe"Flut der Restitutionsforderungen bisher nicht angekommen"

Leere Museen durch die Rückgabe von Sammlungsgut aus der Kolonialzeit - diese Gefahr sieht die Direktorin des Übersee-Museums in Bremen, Wiebke Ahrndt, nicht. Spreche die Forschung dafür, müssten die Objekte zurückgeführt werden, sagte die Ethnologin im Dlf. Manche Herkunftsländer wünschten sich jedoch etwas anderes.

Wiebke Ahrndt im Gespräch mit Anja Reinhardt

Wiebke Ahrndt, die Direktorin des Übersee-Museums in Bremen. (dpa / picture-alliance)
Wiebke Ahrndt, Direktorin des Übersee-Museums in Bremen: Restitution nimmt koloniale Schuld nicht von unseren Schultern (dpa / picture-alliance)
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Historiker und Sammlungsdirektoren melden sich durchaus kontrovers zu Wort, wenn es um Fragen der Restitution von Sammlungsgut aus kolonialem Kontext geht. Der Deutsche Museumsbund gab im Mai einen Leitfaden dazu heraus, an dem viele Sammlungsdirektoren mitgearbeitet haben, so auch die Direktorin des Übersee-Museums in Bremen, Wiebke Ahrndt. In den letzten Jahren habe sich die Situation in den Museen stark verändert, so Ahrndt:

"Menschen, die in Museen in leitender Funktion noch im letzten Jahrhundert tätig waren, waren immer von der Sorge umgetrieben: Wenn man etwas zurückgibt, dann könnte die Büchse der Pandora geöffnet werden, dann könnte eine Flut von Restitutionsforderungen über uns hereinbrechen und am Ende ist alles nicht mehr in unseren Häusern. Die neue Generation der Direktoren, die Anfang dieses Jahrhunderts ans Ruder kam, sieht das alles deutlich entspannter, weil: Die Büchse der Pandora ist auf und die Flut der Restitutionsforderungen ist bisher nicht gekommen."

Juristische aber auch ethische Grundlagen für Rückgabe

Zumindest nicht in Deutschland, und sie glaube auch nicht, dass diese Flut noch kommt. Denn: "80 Prozent unserer Bestände sind Alltagsgegenstände - Kleidung, Musikinstrumente, Waffen." Was die Herkunftsländer dagegen einfordern würden, wäre ein viel größeres Engagement in der Provenienzforschung. Diese Forschung zu intensivieren sei allerdings auch deswegen schwierig, weil die Mittel und das Personal fehlten, meint Wiebke Ahrndt. Sie halte Rückgabe ganz grundsätzlich aber für nötig, "wenn ich durch meine Forschung zu der Erkenntnis gelange, dass etwas rechtlich und/oder ethisch auf unrechte Weise in meine Sammlung gekommen ist." Dann sei man auch verpflichtet, die Herkunftsländer zu informieren.

Kolonialkunst soll auf Klimawandel aufmerksam machen

Es gäbe aber auch Situationen, in denen die kolonialen Objekte in den europäischen Museen viel brauchbarer wären. Samoa zum Beispiel habe kein Interesse an Restitution, denn der Klimawandel bedroht das Land so existentiell, dass man mit Sammlungsgut in deutschen Museen auf die Situation aufmerksam machen könne, sagt Wiebke Ahrndt, die von der samoanischen Regierung gebeten wurde: "Nutzt diese Dinge, um in Deutschland davon zu erzählen, dass wir im wahrsten Sinne des Wortes untergehen. Niemand weiß, wie es uns hier geht."

Rückgabe löscht koloniale Schuld nicht

Insgesamt sehe sie die Diskussion als zu eindimensional. Man sollte sich mehr Zeit nehmen, um Antworten auf die vielen Fragen zu suchen, sagt Ahrndt. "Wir sind zu schnell mit Lösungen bei der Hand und sagen: Räumt die Depots, schickt alles zurück und dann - ja dann, was ist dann eigentlich?" Es wird in Zukunft sicher so sein, dass vermehrt restituiert werde. Sie gebe aber zu bedenken, dass durch Rückgabe die koloniale Schuld nicht "von unseren Schultern fällt".

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