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StartseiteKommentare und Themen der WocheDem großen Wurf müssen große Schritte folgen14.12.2019

EU-KlimazieleDem großen Wurf müssen große Schritte folgen

Große Pläne für die fernere Zukunft zu schmieden sei leicht, kommentiert Georg Ehring die "Green Deal"-Klimaziele der EU. Konkrete Maßnahmen müssten nun folgen. Auch Deutschland werde sein Klimapaket erheblich nachschärfen müssen.

Von Georg Ehring

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Ursula von der Leyen und der sozialdemokratische Politiker Frans Timmermans applaudieren im EU-Parlament (dpa / AP Photo / Jean-Francois Badias)
EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen und der EU-Klimabeauftragte Frans Timmermans (dpa / AP Photo / Jean-Francois Badias)
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Sie stehen in einer Reihe, die Blicke voller Entschlossenheit: Gut ein Dutzend Repräsentanten der "High Ambition Coalition", der "Koalition für hohe Ambitionen". Ihre Botschaft: Der Klima-Gipfel muss ein Signal für mehr Klima-Ehrgeiz setzen.

Zwischen den Repräsentanten von Staaten aus Afrika und Lateinamerika, von Inseln in Pazifik und Karibik steht Frans Timmermans, seit neuestem Vizepräsident der EU-Kommission. Mit stolzgeschwellter Brust verkündet er, dass Europa hier vorangeht: Die EU hat sich vorgenommen, bis zum Jahr 2050 klimaneutral zu werden. Ein umfassender Plan, der "Green Deal" soll für den Umbau der Wirtschaft sorgen, Europa soll aufhören, die Erderwärmung noch weiter anzufeuern.

Stolz ist er völlig zu Recht, denn der "Green Deal" ist in der Tat ein großer Wurf: Zum ersten Mal nimmt sich eine große Staatengruppe den Abschied von einer Lebensweise vor, die auf der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas und damit auf dem allmählichen Ruin des Weltklimas beruht.

Die Veränderung umfasst viele Lebensbereiche: Die Stromerzeugung muss sich auf Sonnen- und Windenergie umstellen, die Autoindustrie auf den Elektromotor, Pendler auf öffentliche Verkehrsmittel. Eigenheimbesitzer und Vermieter sollen Häuser dämmen und Heizungen auswechseln, Verbraucher die Ernährung klimafreundlicher machen - also vor allem Fleisch durch Gemüse ersetzen.

EU-Vorgabe setzt andere unter Druck

Vieles davon lässt sich nicht verordnen, auch freiwilliges Mitmachen der Menschen ist gefragt. Die Technik für eine CO2-neutrale Wirtschaft ist zudem vorhanden: Wind- und Sonnenenergie sind längst konkurrenzfähig und auch das Elektroauto ist serienreif.

Wenn dem großen Wurf jetzt die nötigen großen Schritte folgen, dann wird der "Green Deal" ein Meilenstein im Kampf gegen die Erderwärmung. Der Erfolg ist allerdings nicht garantiert. Im kommenden Jahr müssen noch viele Einzelheiten beschlossen werden, unter anderem die sehr konkrete Frage, wie stark die EU ihr Zwischenziel für den Ausstoß von Treibhausgasen bis zum Jahr 2030 aufstockt und vor allem, wie dies dann umgesetzt wird. Große Pläne für die fernere Zukunft zu schmieden ist leichter, als konkrete Maßnahmen durchzusetzen, die dann Wähler oder Lobbyverbände verprellen. Auch Deutschland wird sein Klimapaket erheblich nachschärfen müssen. Schließlich reicht es nicht einmal, die bisher beschlossenen Ziele zu erreichen.

Das Klima wird durch den beabsichtigten Kraftakt freilich nur gerettet, wenn auch andere Weltregionen sich umstellen. Einige haben damit schon angefangen, gerade die Klimaschutz-Erfolge von Ländern wie Indien, Marokko oder Costa Rica werden in Europa leicht übersehen. Doch ein Wettlauf um die ehrgeizigsten Klimaziele ist bisher ausgeblieben, gerade die großen Wirtschaftsnationen üben sich beim Gipfel in Madrid in Zurückhaltung. Dabei fordert das Pariser Abkommen von ihnen für die kommenden Monate aktualisierte Pläne – für das Jahr 2020 sieht es die erste Revision der nationalen Beiträge vor, damit die riesige Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit verkleinert werden kann. Die Vorgabe der Europäischen Union setzt die anderen Staaten unter Druck.

Vor allem in vielen demokratisch regierten Ländern des Nordens haben auch die Schulstreiks der "Fridays for Future" für einen Stimmungsumschwung gesorgt. Die Unterhändler in Madrid haben diesen Schwung leider nicht genutzt: Sie verloren sich fast die gesamten zwei Wochen in Debatten um technische Fragen, während die Zivilgesellschaft lautstark eine Antwort auf die Klimakrise forderte.

Zu zaghafte Beschlüsse

Trotz der erfreulichen Wende der EU: Es steht dramatisch schlecht um das Weltklima. Im ablaufenden Jahrzehnt ist der Ausstoß von Treibhausgasen jedes Jahr im Schnitt um zwei Prozent gestiegen und eine Trendwende ist noch nicht in Sicht. Doch die Erderwärmung kann nur noch dann auf 1,5 Grad begrenzt werden, wenn die Emissionen ab sofort um über siebeneinhalb Prozent sinken – Jahr für Jahr.

Davon sind wir meilenweit entfernt. Wissenschaftler kommen immer mehr zu dem Ergebnis, dass schon bei einer relativ geringen Erwärmung irreparable Schäden drohen - etwa das Abschmelzen des Eises auf Grönland - die entstehenden Wassermassen würden den Meeresspiegel über Jahrhunderte um rund sieben Meter steigen lassen.

Um dies zu verhindern, sind selbst die weitreichenden Beschlüsse der Europäischen Union noch zu zaghaft – sie würden nicht ausreichen, um die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, selbst wenn die ganze Welt nachziehen würde. Nachbessern wird erforderlich sein.

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