Dienstag, 18.02.2020
 
Seit 11:35 Uhr Umwelt und Verbraucher
StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Perspektive der EU wird kleiner29.01.2020

EU-Parlament ratifiziert BrexitDie Perspektive der EU wird kleiner

Europa steht vor einer strukturellen Rolle rückwärts, kommentiert Bettina Klein den EU-Austritt Großbritanniens, der nun auch vom EU-Parlament ratifiziert wurde. Die historische Tragweite sei vielen erst jetzt bewusst geworden. Die Aussichten der EU würden sich verkleinern - allein das sei eine Tragödie.

Von Bettina Klein

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Das Symbolfoto zum Brexit zeigt die Flaggen der EU und Großbritanniens übereinander. (imago / Sven Simon)
(imago / Sven Simon)
Mehr zum Thema

Brexit Last Order im Europaparlament

Nach dem Brexit Das Königreich will zurück zum Empire

Brexit Time to say goodbye

Großbritannien BDI: Harter Brexit ist noch nicht vom Tisch

Welch ein trauriger Tag. Dieser Satz schallt wie ein gespenstisches Echo um die Europa-Gebäude in Brüssel. So sehr heute auch von der neuen Partnerschaft und dem neuen Anfang die Rede war – die Wehmut über Brüssel scheint mit Händen zu greifen. Und der Verlust, der unausweichlich wird. Denn es ist ein Riesenverlust auch für die EU. Die angelsächsische Tradition des Denkens, die diplomatische Erfahrung, die strategische Kultur – sie brechen aus der Europäischen Union und ihren Institutionen heraus. Ebenso wie hoch professionelles Personal, das allseits geschätzt war. Das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland gehört zu Europa, und sie haben zu Recht die Europäische Union über fast ein halbes Jahrhundert mitgeprägt. Hier bricht auseinander, was zusammengehört.

Der tiefer liegende Grund für die Trauer

Das ist vielleicht der tiefer liegende Grund für die Trauer - selbst bei Menschen, für die persönlich sich mit dem Brexit überhaupt nichts ändert. Eine Generation lang schien Europa politisch nur einen Richtung zu kennen: zueinander hin, nach vorn, in die Zukunft. Ein Deutschland, das wieder zusammenwuchs. Ein Europa, das sich immer mehr einander annäherte. Grenzen, die fielen und schließlich unsichtbar wurden. Einheitliche Standards und eine gemeinsame Währung, an die sich alle schnell gewöhnten.

Es ist seit Jahrzehnten das erste strukturell negative Ereignis in Europa, das diese Richtung umkehrt. Das neue Abgrenzung und Trennung einleitet. Diplomaten, die ihre Schlüssel abgeben müssen. Drähte, die ganz buchstäblich gekappt werden. Der interne EU-Informationsfluss wird gestoppt, Großbritannien auch ganz praktisch herausgerissen aus Strukturen, die über Jahrzehnte gewachsen sind. Viele Europäer empfinden diese Gemeinschaft mit den Briten, und es fühlt sich gerade in Brüssel geradezu widernatürlich an.

Alte Wunden aufgerissen

Was nicht heißt, das nun alles schlecht wird. Die EU hat Gelegenheit, sich nach den drei Brexit-Jahren ganz auf ihre eigentlichen Aufgaben zu konzentrieren. Sie kann vielleicht verwirklichen – Stichwort gemeinsame Verteidigung – woran die Briten sie lange gehindert haben. Das Vereinigte Königreich kann sich vielleicht besser aufstellen, als man es vorhergesagt hat und einen Reformstau abbauen, an dem die EU zuallerletzt die Schuld trägt.

Gerade die vergangenen Jahre aber, mit ihrem Streit um Extrawürste, Sonderrabatte und Rosinen-Picker haben gezeigt, wie dünn der zivilisatorische Firniss ist, der die Abgründe in Europa überlagert. Wie schnell sich Animositäten wiederbeleben lassen, die in früheren Jahrhunderten in unendliches Blutvergießen mündeten. Genau um dieses Blutvergießen zu beenden, wurde die Europäische Union einst gegründet, die Großbritannien jetzt verlässt.

Die ahistorische Widersinnigkeit des Brexit

Es bedeutet nicht, dass neues Blutvergießen bevorsteht. Aber es illustriert die ahistorische Widersinnigkeit des Brexit. Die strukturelle Rolle rückwärts, vor der Europa nun steht. Diese historische Tragweite ist vielen erst mit dem heutigen Tag bewusst geworden. Die Perspektive der EU wird sich verkleinern. Und allein das ist eine Tragödie.

Bettina Klein (Bettina Fürst-Fastré)Bettina Klein (Bettina Fürst-Fastré)Bettina Klein ist Korrespondentin des Deutschlandradio im Studio Brüssel. Zuvor war sie seit 2004 Moderatorin und Redakteurin der aktuell-politischen Sendungen im Deutschlandfunk, davor im Deutschlandradio Kultur. Korrespondentenvertretungen in Washington. Recherche-Jahr in den USA. Volontariat im RIAS Berlin und Studium der Fächer Religionswissenschaften, Geschichte und Politik.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk