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StartseiteEuropa heuteStraßburg als Parlamentssitz soll bleiben24.05.2019

EU-ParlamentStraßburg als Parlamentssitz soll bleiben

Straßburg profitiert vom Sitz des Europaparlaments. Zwölf Mal im Jahr kommen die Abgeordneten zu den Plenarsitzungen in den Glaspalast. Ansonsten ist Brüssel ihr Arbeitsort. Die elsässische EU-Abgeordnete Anne Sander ärgert sich über die immer wiederkehrende Standortfrage.

Von Tonia Koch

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Die französische EU-Abgeornete Anne Sander ist Abgeordnete der französischen Republikaner  (imago stock&people)
Die französische EU-Abgeornete Anne ist Elsässerin und überzeugte Europäerin (imago stock&people)
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Schnellen Schrittes eilt Anne Sander über eine der hölzernen Brücken im Europaparlament. Sie verbinden den Plenarsaal mit den Büroräumen der Abgeordneten. Ein kurzes Hallo, dann muss sie auch schon weiter.

"Ok, ich weiß, wo das ist."

Dort wartet eine Gruppe von Junglandwirten auf sie, die müsse Sie nur eben begrüßen, sagt sie, später am Abend sei sie mit ihnen zum Essen verabredet.

"Guten Abend, ich sehe, sie arbeiten schon, ich will sie nicht unterbrechen und heiße sie im Europaparlament willkommen, sie sind ja hier zu Hause!"

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe Europa, Straßburg, Paris - Phänomen Entfremdung.

Dossier: Europawahlen (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)Europawahlen (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)

Republikaner mussten Federn lassen

Anne Sander ist 45, promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin und Mutter dreier Kinder. Sie ist Abgeordnete der französischen Republikaner und in ihrer elsässischen Heimat war das lange ein Garant für politischen Erfolg. Aber bei den französischen Präsidentschaftswahlen vor zwei Jahren, haben die konservativen "Les Républicains" aufgrund von Affären Federn lassen müssen. Im ersten Wahlgang hatte sich die Mehrheit der Elsässer für die Rechtsaußen Marine Le Pen entschieden. Bei den Europawahlen werde sich das aber nicht wiederholen, glaubt die EU – Abgeordnete.

"Nein, nein, das wird dramatisch. Sollte Wirklichkeit werden, was die Rechte will: raus aus dem Euro, die Barrieren wieder hochziehen, und sich abkapseln, das ist Unsinn, schauen sie doch nur nach Großbritannien und den Brexit, die Leute haben das kapiert."

Hofft sie zumindest und vertraut auf ihre angestammte Klientel. Die elsässischen Landwirte zählen dazu. Sie wüssten worum es geht bei Europa.

"Wenn wir kein Europa hätten, dann hätten wir andere Probleme und die Leute verstehen das nicht."

"Die Rechten werden die Nase nicht vorne haben"

Christophe führt einen Hof in der Nähe von Straßburg, er wird am Sonntag wählen, Denis ebenfalls.

"Ich geh immer wählen, das ist meine patriotische Pflicht. Und die Rechten werden die Nase nicht vorne haben, nein, Anne wird gewinnen."

Das hat sie schon nicht mehr gehört, denn sie ist auf dem Weg ins Café des députeés, dem Abgeordneten – Café, um eines ihrer zahlreichen Interviews an diesem Tag zu bestreiten. Auf Emmanuel Macron ist Sander nicht gut zu sprechen. Auch die Elsässer hatten ihm im zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahl knapp den Vorrang gegeben vor seiner rechten Konkurrentin Marine Le Pen.

"Insbesondere der Präsident will den Franzosen Glauben machen, es gäbe nur zwei Möglichkeiten für die Wähler, entweder sie entscheiden sich für die Präsidenten-Partei En marche und sie sind gute Europäer und wenn sie nicht für En marche stimmen, dann sind sie auf der Seite der Rechten. Wir Republikaner schlagen einen dritten Weg vor, ein realistisches Europa, ein Europa das reformiert werden muss. Davon wollen wir die Elsässer und nicht nur die überzeugen."

Ängste der Menschen sind nicht verschwunden

Natürlich seien die Ängste der Menschen nicht verschwunden. Anne Sander erinnert an die Bilder Tausender Migranten, mit denen weder Frankreich noch Europa vernünftig umgingen und die deshalb den Nährboden für Populismus bildeten. Auch die Kaufkraft sei eingebrochen, die Menschen hätten einfach weniger Geld in der Tasche. Aber das allein sei es nicht, was für Unbehagen sorge. Speziell im Elsass verstärke sich der Eindruck, die regionale Identität sei bedroht. Ausgelöst worden sei dieses Gefühl durch die Territorial-Reform in Frankreich, die drei Regionen, das Elsass, Lothringen und Champagne – Ardenne zu einer Verwaltungseinheit zusammengefasst hat. Sie heißt nun Grand-Est, übersetzt so viel wie Groß-Region im Osten.

Das Europaparlament in Straßburg (imago stock&people / Winfried Rothermel)Das Europaparlament in Straßburg (imago stock&people / Winfried Rothermel)

"Für uns im Elsass bedeutet das, die Leute fühlen sich ihrer Eigenständigkeit beraubt und daraus entsteht der Wunsch nach einem neuen Elsass, und das ist überhaupt nicht negativ, sondern positiv, und darauf muss man reagieren, denn wenn wir dem Elsass diese institutionelle Selbstständigkeit nicht zurückgeben, werden sich die Menschen den Extremisten zuwenden."

Keine Diskussion um Straßburg als Sitz des EU-Parlaments

Auch auf Straßburg als Sitz der europäischen Institutionen will die überzeugte Elsässerin nicht verzichten. Sie stemmt sich gegen jeden Versuch, die Rolle Straßburgs als europäische Hauptstadt zu schwächen. Der Vorstoß der CDU-Parteivorsitzenden, Annegret Kramp-Karrenbauer, Straßburg zugunsten von Brüssel aufzugeben, sei sicher nicht hilfreich.

"Im dem Moment war es ein Schock und es ist natürlich einfach, das Argument gegen uns zu wenden und zu sagen, schaut her, eine aus euren Reihen, hat das gefordert. Denen entgegne ich dann, es sind doch nicht wir, die Republikaner, sondern Liberale und Sozialisten, die Straßburg seit langen Jahren aufgeben wollen, aber ja, es ist schon überraschend, dass das von einer ehemaligen saarländischen Ministerpräsidentin kommt."

Kramp-Karrenbauer ist nicht allein, noch einer aus der konservativen politischen Familie, der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz, bläst ins gleiche Horn. Die Zeiten werden erkennbar rauer. An Straßburg als vertraglich garantiertem Sitz des Europaparlaments wird mächtig gerüttelt, es sei Zeit, dass sich alle Franzosen hinter Straßburg stellten.

Es ist spät geworden, fast 20 Uhr. Anne Sander eilt – wie versprochen - zum Essen mit den Landwirten.

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