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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Freihandelsschlacht hat begonnen03.02.2020

EU und GroßbritannienDie Freihandelsschlacht hat begonnen

Nach dem Brexit ist vor dem Handelsabkommen. Die EU und Großbritannien haben sich für die schwierigen Gespräche in Position gebracht. Es könnte eine ungleiche Auseinandersetzung werden, kommentiert Friedbert Meurer.

Von Friedbert Meurer

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 Eine Reihe von britischen Nationalflaggen hängt entlang der Straße The Mall, die zum Buckingham Palace in London führt. (picture alliance / Kristy O'Connor)
Nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU stehen die Verhandlungen über die künftigen Beziehungen an (picture alliance / Kristy O'Connor)
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Der Rahmen hätte kaum prächtiger sein können. Premierminister Boris Johnson wählte das opulente Old Royal Naval College als Bühne für seine Rede aus. Von hier in Greenwich östlich von London aus eroberte die britische Marine die Weltmeere. Das Gebäude, in dem der Premierminister sprach, diente dereinst der Marine als Hospital für in den Schlachten verletzte Seeleute.

Mit dem heutigen Tag hat die Freihandelsschlacht zwischen dem Königreich und der EU begonnen und es könnte eine ungleiche Auseinandersetzung werden. Wir befinden uns nicht mehr im 19. Jahrhundert und Großbritannien steht alleine einer Phalanx von 27 Ländern gegenüber. Boris Johnson solle Winston Churchill nacheifern, hatte heute Bill Cash gefordert, der Nestor der Brexiteers unter den britischen Konservativen. Den Anspruch kann er nicht einlösen.

Drohen hat begonnen

Der britische Premierminister demonstriert deswegen wenigstens Stärke und droht wieder mit dem No deal-Szenario. Jetzt nennt er es euphemistisch "das Modell Australien" – neben Norwegen, das für Mitgliedschaft im Binnenmarkt, und Kanada, das für einen soliden Freihandelsvertrag steht. Das Problem: Die EU hat gar keinen Handelsvertrag mit Australien, an ihm wird gearbeitet. "Australien" meint also, dass das Vereinigte Königreich im Zweifelsfall auf der Basis der WTO-Bestimmungen mit der EU Handel treiben will. Das aber bedeutet Zölle und wäre das Worst Case-Szenario.

Eines kann Boris Johnson innenpolitisch dabei helfen, den nicht einlösbaren Vergleich mit Winston Churchill zu umgehen. Der Brexit fängt die Britinnen und Briten nämlich an zu langweilen. Für die Details über Fischerei und reziproke Handelsstandards wird eine Mehrheit sich nicht interessieren. Schon letzten Freitag war tagsüber das Corona-Virus in den Nachrichten wichtiger als die historische Brexit-Stunde am späten Abend.

Von Nelson bis Churchill - historische Vorbilder für Johnson?

Andererseits hat Boris Johnson heute Maximalforderungen erhoben, was sein gutes Recht ist. Er will sich nicht an die Regeln der EU binden, denn umgekehrt wolle die EU sich auch nicht britischem Recht unterwerfen. Die EU verteidigt genauso ihre Interessen, auch wenn diese im Einzelfall durchaus protektionistisch sind. Denn in der Tat sind die Briten eher auf Freihandel erpicht und Boris Johnson sogar bereit, die Interessen von Landwirtschaft und Autoindustrie zu gefährden. Johnson ist nicht Trump. Er steht für Freihandel und für Klimaschutz.

Großbritanniens Außenpolitik hat sich in früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten – wenn unumgänglich - durch eine kluge Nachgiebigkeit ausgezeichnet. Nachgeben muss man nicht schon von Minute eins der Verhandlungen an. Sie werden schon nicht so ausgehen wie die Schlacht von Trafalgar. Lord Nelson gewann sie für das Empire, verlor dabei aber sein Leben und wurde als Held in ebenjener Halle aufgebahrt, in der Boris Johnson heute geredet hat.

Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer, Jahrgang 1959, studierte Germanistik und Geschichte in Mainz und Bielefeld mit dem Abschluss Lehramt für Gymnasien. 1986/87 gehörte er zum Gründungsteam des Privatradios RPR in Koblenz und volontierte dann 1988/89 beim Deutschlandfunk. 1995 bis 1999 arbeitete Meurer als Parlamentsreporter in Bonn mit dem Schwerpunkt Außenpolitik. Bis 2015 war er Ressortleiter Zeitfunk und moderierte u. a. "Informationen am Morgen". Seit August 2015 ist er Korrespondent von Deutschlandradio in London.

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