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StartseiteKommentare und Themen der WocheForscher müssen auf die Diskussion über Gentechnik eingehen28.07.2018

EuGH-Urteil zur Genschere CRISPRForscher müssen auf die Diskussion über Gentechnik eingehen

Wissenschaftler hätten nicht verstanden, dass der Europäische Gerichtshof beim CRISPR-Urteil eine rechtliche Entscheidung gefällt habe - keine sachliche über die Qualität der Genschere, meint Volkart Wildermuth. Sie müssten sich auf die öffentliche Debatte einlassen, wenn sie Gentechnik erlaubt sehen wollten.

Von Volkart Wildermuth

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Eine wissenschaftliche Mitarbeiterin wendet das CRISPR/Cas9-Verfahrens in einem Labor des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin an. (dpa/picture alliance/Gregor Fischer)
Eine wissenschaftliche Mitarbeiterin wendet das CRISPR/Cas9-Verfahrens in einem Labor des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin an (dpa/picture alliance/Gregor Fischer)
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Was für die einen eine "Frohe Botschaft für Biofreunde" ist, kritisieren die anderen als "Pauschale Verteufelung". Ganz offenbar gehen die Meinungen über das CRISPR-Genpflanzen-Urteil des Europäischen Gerichtshofs weit auseinander. Mit der Genschere CRISPR lässt sich das Erbgut von Pflanzen viel schneller verändern. Und das so gezielt und minimalinvasiv, dass das Ergebnis sich kaum von natürlichen Pflanzenvarianten unterscheiden lässt. Trotzdem, so der EuGH, sind die neuen manipulierten Pflanzen nach den Regeln des alten Gentechnikrechts zu beurteilen. Und das entspricht in der Praxis einem Vermarktungsverbot für Europa. Im Streit darüber gerät aus dem Blick, dass sich die unterschiedlichen Positionen im Grunde genommen gar nicht auf dasselbe Thema beziehen.

Viele Wissenschaftler glauben offenbar, dass der EuGH eine sachliche Frage zu entscheiden hatte: Sind CRISPR-Pflanzen gefährlich? Und darauf lautete die sachliche Antwort: vermutlich nicht. Warum also ist die Diskussion nicht vorbei? Weil der EuGH eben keine wissenschaftliche, sondern eine rechtliche Frage klären musste: Wie ist in diesem Fall das europäische Gentechnikrecht zu interpretieren - und zwar nach den Intentionen des Gesetzgebers von vor fast zwanzig Jahren?

In der Debatte ging es auch um ein gutes Gewissen

Das ist ein ganz anders, ein politisches Diskursfeld. Es ging damals vor allem um eindeutige Grenzziehungen: Hier die natürlichen Pflanzen aus der traditionellen Landwirtschaft - dort die Genpflanzen aus dem industriellen Agrarbusiness. Es ging um Reinheit und die Angst vor Kontamination, ja vor Ansteckung. Eine Fuhre Bio-Weizen galt schon durch ein einziges Gen-Korn als entweiht. Es ging auch um ein gutes Gewissen: Wer gegen Genpflanzen ist, ist gegen Ausbeutung und Kontrolle, ist gegen den Monsanto-Konzern. Da muss man nicht so genau hinterfragen, wie eigentlich das Billigfleisch auf den eigenen Teller kommt.

Wissenschaftler mögen diese Weltsicht kritisieren. Aber, wie in einem Kommentar im "New Scientist" zu lesen stand: "Es ist ok, wenn die Öffentlichkeit gegen Genpflanzen ist, schließlich haben wir gefragt".

Wenn Forscher also wollen, dass CRISPR Pflanzen auch in Europa eine Chance bekommen, dann müssen sie sich auf die öffentliche Debatte einlassen. Und dabei könnte der Richterspruch langfristig sogar eine Hilfe sein. Quasi nebenbei hat er auf eine Ausnahme des Gentechnikrechts verwiesen: Mutationen, die konventionelle Züchter ungezielt mit Hilfe von Strahlung oder Chemikalien auslösen. Nicht wenige gentechnik-kritische Kommentatoren haben erst diese Woche gelernt, dass dieses "Mutagenese" genannte Verfahren erlaubt ist - und das sogar auch im Bioanbau.

Auf diese Weise zeigt das CRISPR-Urteil, dass die Wahl zwischen genveränderten und konventionell manipulierten Pflanzen gar nicht die entscheidende ist. Bio ist nicht immer gut. Und genauso wenig ist Gentechnik nicht immer böse.

Keine gesundheitlichen Probleme bei Mutagenese

Die Richter haben auch betont, dass es jahrzehntelange Erfahrung mit der traditionellen Mutagenese gibt. Stimmt. Auch bei den Genpflanzen gibt es inzwischen reichlich Erfahrung, und die ist positiv. Weder gab es gesundheitliche Probleme, noch sind die Pflanzen in der Natur Amok gelaufen. Die sehr realen Schwierigkeiten, etwa das Abholzen des Regenwaldes zugunsten von Gensoja, haben weniger mit Genmanipulationen zu tun als mit der industrialisierten Landwirtschaft.

Hier könnte CRISPR sogar helfen, denn die einfache Methode erlaubt auch kleinen Unternehmen, gezielt Pflanzen für regionale Herausforderungen zu entwickeln. Allerdings nicht unter dem europäischen Gentechnikrecht. Denn dessen Hürden können praktisch nur von den großen Konzernen genommen werden. Indirekt sorgt der Kampf gegen Genpflanzen also für eine weitere Konzentration der Saatgutanbieter.

Um über all dies konstruktiv zu sprechen, müssten die Forscher jedoch die Vorbehalte gegenüber der industrialisierten Landwirtschaft ernst nehmen - und die Öffentlichkeit müsste sich verabschieden von einer Vorstellung von reiner Nahrung, die es so wohl nie gegeben hat.

 

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