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StartseiteBüchermarktIm Rausch der Antike25.04.2021

Euripides: "Die großen Stücke"Im Rausch der Antike

Das Altphilologendeutsch früherer Ausgaben wurde endlich entstaubt: Die antiken Dramen des Euripides entfalten in der Übertragung von Raoul Schrott eine ungeahnte Aktualität. Es geht um Extremismus, Feminismus und Todesurteile.

Von Helmut Böttiger

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Euripides: "Die großen Stücke"Übertragen von Raoul Schrott Zusehen ist eine Büste von Euripides aus den Vatikanischen Museen und das Buchcover (Foto: Imago / imagebroker / Cover: dtv)
Euripides: "Die großen Stücke. Alkestis, Bakchen, Elektra, Orestes" - übertragen von Raoul Schrott (Foto: Imago / imagebroker / Cover: dtv)
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Euripides ist einer der drei großen Tragiker des klassischen Griechenland, neben Sophokles und Aischylos. Doch sein Leumund war später eher schlecht, vor allem zu Beginn des akademischen Höhenflugs der Altphilologie im 19. Jahrhundert. Man berief sich damals auf seinen Zeitgenossen, den Komödiendichter Aristophanes. Dieser hatte Euripides auf den Kopf zugesagt, für den "Tod der Tragödie" verantwortlich zu sein, denn er hatte sich einerseits vom tradierten hohen Ton entfernt und andererseits gezweifelt an althergebrachten Werten. Friedrich Nietzsche verdammte Euripides 1872 in seiner Abhandlung über die "Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik" genau dafür, verzweifelt schrieb der Philosoph: "Was wolltest du, frevelnder Euripides?"

"... müssen wir auch die götter nicht länger mehr anerkennen"

Wenn der zeitgenössische "Poeta doctus" Raoul Schrott sich nun im Jahr 2021 der Übersetzung einiger Dramen von Euripides widmet, antwortet er also auch auf diese geharnischte Frage Nietzsches. Raoul Schrott findet in jeder seiner Übersetzungen von vier Tragödien des Dichters konkrete Antworten und widerspricht Nietzsche damit fundamental. Er kann daran anschließen, dass diesem Dichter im 20. Jahrhundert langsam Gerechtigkeit widerfahren ist. Euripides schrieb in einer Zeit der Krise und abrupter Veränderungen und ahnte, dass die große Zeit Athens sich dem Ende zuneigte. Schrott setzt deshalb in seiner Fassung der "Orestie" einen Vorspruch des Chores als Motto voran:

"Wenn unrecht über gerechtigkeit triumphieren kann
müssen wir auch die götter nicht länger mehr anerkennen."

Zersetzung der attischen Demokratie

Der Dichter lebte von ca. 485 bis 406 v. Chr. Die Entstehung seiner Stücke fällt damit hauptsächlich in die Zeit des großen Peloponnesischen Krieges zwischen Athen und Sparta, der von 431 bis 404 dauerte und mit dem Sieg Spartas endete. Mit diesem Sieg war das klassische Zeitalter Athens und der attischen Demokratie beendet, und man hat erst im Lauf des 20. Jahrhunderts erkannt, dass Euripides in seinen Stücken sehr konkret auf äußere Umstände reagierte. Athen kämpfte in den letzten Jahren des Krieges nicht nur mit Sparta, sondern war zugleich innerlich zerrissen: es gab Interessenskonflikte zwischen machtbewussten Oligarchen und radikalen Demokraten.

Euripides antwortete darauf mit Veränderungen seiner Dramaturgie. Und Raoul Schrott folgt diesem Weg auf seine Weise, indem er das Altphilologendeutsch früherer Übersetzungen entstaubt und mitunter sehr heutige Wendungen einsetzt.

Leicht wird eine Lanze

Wie frei er dabei agiert, wird deutlich, wenn man Schrotts Version mit der bisher verbreiteten, noch vor dreißig Jahren vom Deutschen Taschenbuch-Verlag veröffentlichten Übersetzung von Hans von Arnim vergleicht, der sich in Lexik und Rhythmus stark an das Original anzulehnen versucht. Bei Hans von Arnim spricht Menelaos zu Orestes folgendermaßen:   

"Der Übereifer ist verhasst den Göttern
Und auch dem Volk. Ich muss dich, dabei bleibt’s,
Durch Klugheit retten, nicht der Stärke trotzen.
Mit Waffenmacht, wie du wohl meinst, kann ich
Dich nicht befrei’n. Nicht leicht wird eine Lanze
Im Kampf mit solcher Not Trophä’n gewinnen."

Bei Raoul Schrott hingegen lautet dieselbe Stelle so:

"Götter wie rechtschaffene bürger hassen
eiferer und extremismus. Soll ich dich retten – das will ich glaub mir –
muss ich klug und geschickt sein – mit gewalt richte ich gar nichts aus
umso weniger mit meiner handvoll männer."

Vom Opferritual zum Theater

"Rechtschaffene Bürger" und "Extremismus" – solche Wörter entsprechen dem heutigen Sprachgebrauch, und Raoul Schrott betont damit eine Aktualität, die er in den Stücken von Euripides herauszufiltieren versucht. Es sind vier zentrale Tragödien, die er übersetzt hat: "Alkestis", "Die Bakchen", "Elektra" und "Orestes". Das Wort "Tragödie" bedeutet wörtlich übersetzt "Bocksgesang", also der Gesang beim Opfer eines Bockes.

Das verweist auf die grundlegende kulturelle Leistung der Griechen: aus dem ursprünglich aus der Jagd hervorgegangen Ritual des tierischen oder auch menschlichen Opfers für die Götter entwickelten sie die Form des Schauspiels. Es transzendiert jenes Opfer. Ein mehrstimmiger Chor nimmt dabei die religiöse Dimension auf. Euripides reduziert allerdings den Anteil des Chors, und die einzelnen Individuen werden langsam auch als wirkliche Individuen erkennbar. Viele seiner Zeitgenossen mussten das als durchaus gewagt empfinden.    

Raoul Schrott wählt als frühestes Stück "Alkestis" aus. Die Götter haben verfügt, dass König Admetus sterben soll. Apollon jedoch, der eine Zeitlang vom Olymp verbannt wurde, erreicht bei den Schicksalsgöttinnen, dass Admetus weiterleben darf, wenn sich jemand für ihn opfert. Als sich seine beiden Eltern weigern, geht seine Frau Alkestis für ihn in den Tod. Im direkten Anschluss tritt Herakles auf, der Heros, und bittet Admetus um ein Nachtquartier.

Ein kalter Kuss

Beim Gastmahl spricht Herakles gehörig dem Wein zu. Betrunken erfährt er, dass im Palast getrauert wird, hält inne und fasst den spontanen Entschluss, die gerade erst verstorbene Alkestis kraft seiner göttlichen Macht zurückzuholen aus der Unterwelt.  

"ich werds ihnen schon zeigen, dass jemand, der das herz am rechten fleck hat
und zupacken kann, mehr bewirkt als alles sophistische gerede.
Zumindest versuchen muss ichs – hab ja schliesslich auch einen ruf zu verlieren.
Der schwarzgeflügelte herr der toten wird sicher zu ihrem grab kommen
um das blut der opfer zu trinken, die man dort schächtet.Ich geh hin, leg mich in den hinterhalt und wart –
bis ich ihn seh, wie er sich über Admetus’ frau bückt
um ihr einen kalten kuss auf die trockenen lippen zu drücken.
Dann spring ich aus meinem versteck hervor und pack ihn"  

Zupackende, kraftvolle Sprache

Angesichts dieser zupackenden, kraftvollen deutschen Sprache lässt sich vermuten, dass Raoul Schrott durchaus Spaß am Übersetzen hatte. Bald kommt Herakles in Begleitung einer verschleierten Frau zurück und ruft Admetus aus dem Palast. Der König weigert sich zunächst, die Frau zu beherbergen. Er fühlt sich an das Versprechen gebunden, das er Alkestis gegeben hat, keine Frau mehr zu nehmen.

Euripides nimmt hier das klassische Motiv der Anagnorismós auf, der Wiedererkennung, und nachdem Herakles den König an die Pflichten des Gastgebers erinnert hat, erkennt dieser tatsächlich seine Frau Alkestis wieder. Der Chor, der den religiösen Ritus in der Tragödie fortsetzt, hat das Schlusswort:

"Das göttliche nimmt viele formen und figuren an:
dank seiner führung fügt sich manch seltsames –
und vollendet sich stets auf überraschende weise."

Alkestis als feministische Figur

Das scheint die Handlung doch wieder in die göttliche Vorsehung einzubinden und der Tradition zu gehorchen. Raoul Schrott betont durch die Art seiner Annäherung, dass in der Tragödie des Euripides viele komplizierte Fragen stecken. Er zieht das Publikum unmerklich auf die Seite der Frau, legt eine feministische Sicht auf Alkestis nahe. Der Einsatz von Herakles hat unter Schrotts Zugriff etwas nahezu Komödiantisches. Der Übersetzer stellt heraus, dass das überaus glückliche Ende nichts mit einer vorgegebenen Wirklichkeit zu tun hat, sondern überkommenen Formen entspricht, die sich auch für Euripides vielleicht schon überlebt haben könnten. Wie sang doch Herakles noch beim Gastmahl:

"Keiner kann sagen, ob er den morgigen tag noch erlebt
weil über uns allen das schwert des damokles schwebt.
Egal, wonach man auch strebt –
das schicksal hat muster gewebt."

Die drei anderen Tragödien, die Raoul Schrott von Euripides ausgewählt hat, sind kurz vor dem Tod des antiken Dichters entstanden, unter dem Eindruck des langen Krieges, in dem sich das demokratische Athen zusehends von den ursprünglichen gesellschaftlichen Werten entfernte. Der Verfall einer Hochkultur – Schrott zieht hier, ohne das inhaltlich allzu plakativ deutlich werden zu lassen, Parallelen zu unserer nachbürgerlichen Gesellschaft. "Elektra" und "Orestes" sind thematisch aufeinander bezogen. Euripides hat sie zwar als eigenständige Stücke konzipiert, zwischen ihrer Entstehung liegen mehrere Jahre. Raoul Schrott fasst sie aber, eine von Aischylos ausgehende Tradition aufrufend, als "Orestie" zu einem einzigen Stück in zwei Teilen zusammen.

Euripides: "Die großen Stücke" übertragen von Raoul Schrott Zu sehen ist ein Porträt des Schriftstellers und Literaturwissenschaftlers Raoul Schrott (Peter-Andreas Hassiepen)Raoul Schrott hat Euripides' "große Stücke" neu übertragen (Peter-Andreas Hassiepen)

Direkter Weg zu Shakespeare

Die Sage von den Atriden, die Euripides in "Elektra" und "Orestes" auf seine Weise gestaltet, gehört zu den bekanntesten aus der Antike und ist bis in die Moderne des 20. Jahrhunderts immer wieder bearbeitet worden. In seinem erhellenden Nachwort zur neuen Übersetzung zieht Oliver Lubrich eine direkte Linie von Orestes zu Shakespeares Hamlet und wirft dabei ein Licht auf die Wandlungen des Geschichtsprozesses. Der tragische Kern liegt in der antiken Überlieferung darin, dass auf dem Geschlecht der Atriden über Generationen hinweg ein Fluch liegt. Am Anfang zieht Agamemnon in den Krieg gegen Troja.

Als das an widrigen Windverhältnissen zu scheitern droht, opfert er seine Tochter Iphigenie, um die dafür zuständige Göttin Artemis zu beschwichtigen. Siegreich aus Troja zurückgekehrt, wird er deshalb von seiner Frau Klytaimestra erschlagen. Orestes wiederum, der Sohn, tötet daraufhin aus Rache die Mutter, mit Unterstützung seiner Schwester Elektra.

Mit bloßen Händen löschen

In der ältesten Gestaltung des Stoffes durch Aischylos durchläuft Orestes anschließend ein Gerichtsverfahren, das zu einem versöhnlichen Ende führt und die demokratischen Institutionen feiert. Dieser Gedanke eines geschichtlichen, aufklärerischen Fortschritts wird von Euripides grundsätzlich in Frage gestellt. Bei ihm steht, ohne jeglichen utopischen Horizont, die Eigendynamik der Rache und der Gewalt im Mittelpunkt. Und dabei akzentuiert er, zumal in der Fassung von Raoul Schrott, direkt die Problematik des Populismus und zeichnet nach, wie der Verfall einer Demokratie vor sich geht. Menelaos spricht als zynischer Taktiker: 

"Denn ist die menge einmal aufgebracht und lodert der volkszorn auf
ist es als wollte man einen waldbrand mit blossen händen löschen
oder einen sturm besänftigen – besser man reitet die brandung aus
lässt das segel etwas aus und gibt leine – besser man gibt dort nach
wo sich der grösste druck aufbaut wartet bis der wind wieder abflaut
und harrt der dinge – es ist alles eine frage des richtigen zeitpunkts:
haben sich die wogen erst gelegt und ist der zorn einmal verraucht
kann man von den wählern einer polis alles was man will erreichen.
Man muss politisch denken – die menge ist zu mitleid ebenso fähig
wie zu leidenschaft – mit leidigen problemen geht der am besten um
der abzuwarten und die menge zu beobachten versteht um alles dann
in seine richtung zu steuern"

Das hat Thrillerqualität

Die Handlung des "Orestes" hat fast etwas von einem Thriller. Als Orestes wegen des Mordes an seiner Mutter angeklagt wird, hofft er auf die Unterstützung durch seinen Onkel Menelaos. Der hält ihn aber hin, und schließlich wird das Todesurteil für ihn und Elektra verkündet. Orestes gibt aber nicht auf und nimmt Hermione, die Tochter des Menelaos, als Geisel. Daraufhin spitzt sich alles zu und scheint in einem Blutbad zu enden. Menelaos will seine Tochter retten und sieht, wie Orestes ihr ein Messer an die Kehle hält. Plötzlich taucht aber Apollon auf, der Gott, ein klassischer "deus ex machina", und beendet abrupt das Geschehen.

Er verkündet, dass Orestes in einem Gerichtsverfahren freigesprochen werden wird. Es geht in dieser Tragödie nicht mehr, wie in der klassischen Zeit, um ein archaisches Ritual mit anschließender "Katharsis", einer Reinigung, sondern um die Binnenlogik der Gewalt. Hier gibt es keinen Ausweg mehr. Der von außen aufgezwungene, künstlich wirkende Schluss durch den Auftritt Apollons hat etwas Absurdes und deshalb auch zutiefst Ironisches. Es gelten, so kann man daraus schließen, keine allgemeinen Normen mehr, sondern nur noch das Recht des Stärkeren. Der Chor äußert als Befund:  

"Die zeit der heroen ist vorbei:
am gipfel des glücks gleicht der mensch einem gott.
Doch der duldet keinen neben sich und übergiesst uns mit spott –
den rest besorgen niedertracht und heuchelei."

Bacchantinnen geraten außer sich

Raoul Schrott stellt seine Fassung einer "Orestie" des Euripides an den Schluss seiner Auswahl. Er betont damit sein besonderes Erkenntnisinteresse. Chronologisch gesehen entspricht das aber nicht der Entstehungszeit der Werke. Das letzte Stück des Euripides sind nämlich die "Bakchen", die kurz nach seinem Tod uraufgeführt wurden. Schrott versteckt sie etwas in der Mitte seines Buches, aber diese Bakchen, die haben es in sich. Das Stück ist so etwas wie ein weiser Rückblick des Dichters auf seine Zeit.

"Bakchen" werden auf deutsch normalerweise als "Bacchantinnen" wiedergegeben und sind die Verehrerinnen des Dionysos, des Gottes des Weines und des Rausches. Euripides benutzt diesen Kult, um vielleicht auch auf terroristische oder religiös-fundamentalistische Entgleisungen eines Staatswesens aufmerksam zu machen. Diese Lesart legt Raoul Schrott zumindest nahe.

Silene, Satyre oder Pan

Der Gott Dionysos kehrt hier in Menschengestalt in seine Heimat Theben zurück und führt die Frauen der Stadt aus Rache in die Wildnis, denn man erkennt ihn am Ort seiner Geburt nicht als Gott an. Die Frauen leben auf dem Berg mit wilden Tieren und schlagen mit spezifischen, dem Gott geweihten Stäben gegen die Felsen, so dass aus ihnen Wein herausquillt. Ein Hirte beobachtet sie dabei:

"Ihre körper wiegten sich hin und her, langsam
zuerst, in einem absonderlichen rhythmus,
dann immer schneller, bis alle sich zu verdrehen
anfingen und die eigenartigsten posen
einnahmen – der hals verrenkt, der rücken
durchgebogen, wild mit den haaren schüttelnd –,
sie jaulten und winselten, dass es mir vorkam,
als wollten sie tiere darstellen, oder so,
als würden Silene, Satyre oder Pan aus ihnen.
Sie sprangen auf und über die felsen,
ohne auch nur einmal zu stürzen;
manche holten sich aus der glut der feuerstelle
kohlen, ohne dass es ihnen die hände zu verbrennen
schien, oder schlugen einander,
ohne schmerz zu spüren, sie tanzten und tanzten
sich in ekstase, bis einige erschöpft umfielen;
auf der erde lagen sie und murmelten vor sich hin,
wie abgelöst von sich, wie losgelöst – ich weiss nicht!"

Ein beklemmendes Orakel

Pentheus, der Herrscher Thebens, bricht auf, um diesem Geschehen ein Ende zu machen. Das mündet jedoch in ein Desaster. In einer orgiastischen Szene zerreißen ihn die Frauen. Die Lesarten dieses Stückes sind seit jeher sehr unterschiedlich. Es handelt sich eindeutig um ein kultisches Geschehen, doch es findet nicht in dem dafür bestimmten Rahmen, sondern in der Wildnis statt. Das Opferritual hat sich verselbständigt und in der Zurückweisung aller gesellschaftlichen Verbindlichkeiten auf jeden Fall etwas Anarchisches. Ist die dionysische Ekstase eine Alternative zu dem machtbewussten Herrscher Pentheus? Die Offenheit des Stücks hat etwas Radikales und Verstörendes. Der Chor bereitet mit vielsagenden Sätzen das Ende vor:

"Ein gott erklärt sich –
doch er erklärt sich nicht."

Das letzte Wort hat der siegreiche Dionysos. Euripides hinterlässt der Nachwelt durch den Mund des maskierten Gottes ein Orakel, das eher beklemmend wirkt:

"Ein in die erde geschlagner pflock und die masken, drangehängt,
eine aus dem stock der rebe, eine andre aus dem stamm der pinie,
larven, die sich innen aus dem holz schälen, um an dem brocken gestalt zu nehmen:
ein stier, der unter der borke seine schnauze bleckt, hörner, die durch ein astloch stossen, hauer, zweige, die sich zu schlangen häuten, die krallen eines luchses,
zähne, zungen, und hinter all den masken das schwarze fell von einem ziegenbock,
das zu boden hängt: dieser pflock, in der roten furche eines ackers,
das ist meine gegenwart, ist ich, hier, vor der mauer Thebens."

Mehr als kokett

Der Mensch ist auf sich selbst zurückgeworfen, die Götter halten ihn nicht mehr. Raoul Schrott hat in seinen Euripides-Variationen vieles zugespitzt, vor allem seine Sprache entlässt die Antike aus einem ihr in späteren Jahrhunderten zugewiesenen Raum und operiert mitunter augenzwinkernd mit zeitgenössischen Wendungen. Das macht seine Euripides-Übertragungen überraschend leicht lesbar und anschaulich.

Mitunter mag Schrotts Deutsch, gerade in der Aufnahme heute gebräuchlicher Floskeln, auch etwas selbstverliebt wirken. Der Niedergang der attischen Demokratie, die verschiedenen Erscheinungsformen des Kulturverfalls haben aber mehr Berührungen mit der aktuellen Gegenwart, als dass man es nur dem Zufall zuschreiben könnte. Von daher ist Schrotts Anspruch, Anschluss an eine Universalpoesie zu finden, auch hier mehr als bloß kokett.

Euripides: "Die großen Stücke. Alkestis, Bakchen, Elektra, Orestes"
übertragen von Raoul Schrott
mit einem Nachwort von Oliver Lubrich
dtv, München. 408 Seiten, 30 Euro.

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