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StartseiteEssay und DiskursEuropa als Idee: Rüdiger Altmann und Francois Bondy10.05.2009

Europa als Idee: Rüdiger Altmann und Francois Bondy

Intellektuelle Gegenpole, Teil 1

In der nunmehr 60-jährigen nachkriegsdeutschen Geschichte hat es kluge Köpfe gegeben, die im Rampenlicht der politischen Öffentlichkeit standen, über deren Andenken aber inzwischen die Dämmerung hereingebrochen ist. In der sechsteiligen Serie "Intellektuelle Gegenpole" erinnert "Essay und Diskurs" in Doppelporträts an prägende Geister und spannende Kontroversen. Die erste Folge befasst sich mit der Idee Europas im Denken der Publizisten Francois Bondy und Rüdiger Altmann.

Von Alexander Cammann

Die katastrophalen Erfahrungen von Diktaturen und Weltkrieg waren jahrzehntelang der Antriebsmotor für Altmann wie Bondy. (AP Archiv)
Die katastrophalen Erfahrungen von Diktaturen und Weltkrieg waren jahrzehntelang der Antriebsmotor für Altmann wie Bondy. (AP Archiv)
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Autor des Essays ist Alexander Cammann. Er war verantwortlicher Redakteur der politischen Kulturzeitschrift "Vorgänge". Heute publiziert Cammann im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und lehrt an der Berliner Humboldt-Universität.


Europa als Idee
Rüdiger Altmann und Francois Bondy

Ein Kontinent voller Ruinen und Leichen, nach dem verheerendsten Krieg in der Geschichte der Menschheit: Im Jahr 1945 hätte kaum einer der Überlebenden dieses Krieges auf die Zukunft Europas gewettet. Jahrhunderte lang hatte das alte Europa die Welt geprägt, ja oft beherrscht: in Politik, Wirtschaft, Kunst und Kultur. Nun lag es zerstört am Boden. Schon bald erschienen die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten als die einzigen großen Sieger, die die Welt nunmehr für eine unabsehbare Zeit beherrschen würden. Viele Beobachter erinnerten sich damals an die Prognose von Alexis de Tocqueville: der französische Denker hatte bereits in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts den Aufstieg Russlands und Amerikas zu den einzigen dominanten Mächten des Erdballs prophezeit.

"Tiefe geschichtliche Wahrheiten finden ihr klarstes Wort im Augenblick ihres Aufgangs."

So sah es beispielsweise im Sommer 1946 der berühmt-berüchtigte Staatsrechtler Carl Schmitt und interpretierte die These des von ihm bewunderten Franzosen:

"Zwei aufsteigende Riesen, beide vom europäischen Geist geprägt und doch nicht europäisch, werden sich über die Grenzen und über die Köpfe des kleinen Europa hinweg unmittelbar treffen."

Tocquevilles Vorhersage war also eingetroffen. Der Niedergang Europas schien damit besiegelt. Dass mehr als sechs Jahrzehnte später in Europa Wohlstand und Freiheit herrschen, gehört nach alledem vielleicht zu erstaunlichsten Wendungen, die die an Überraschungen wahrlich nicht arme menschliche Geschichte zu bieten hat.

Heute, angesichts neuer wirtschaftlicher Bedrohungen und globaler Krisen, angesichts der immerwährenden Klagen über den Moloch der Brüsseler Bürokratie, über das Demokratiedefizit in der Europäischen Union, über Niederlagen in Volksabstimmungen und das Stocken des europäischen Einigungsprozesses, heute muss man angesichts solcher zugegebenermaßen drängenden Nöte der Gegenwart daran erinnern, dass die europäische Lage damals, am Beginn der europäischen Einigung, im Vergleich geradezu hoffnungslos aussah.

Dabei bestand die Paradoxie der Konstellation des Jahres 1945 darin, dass ein geschundener, zertrümmerter und alsbald in Ost und West geteilter Kontinent offenbar zu einer politischen Vision für seine verschiedenen Länder taugte. Einstige Verbündete und Feinde näherten sich einander unter der Überschrift "Europa". Nach dem Zweiten Weltkrieg, nach noch einmal gesteigerten Opfern an Menschen, hatte der Nationalismus bei den Völkern ausgedient. Und die maßgeblichen europäischen Eliten in Politik und Wirtschaft sahen nunmehr, dass ihre Länder nur in einer Notgemeinschaft überhaupt eine Chance hätten.

Neben Märkten und Währung, neben politischen Eliten und äußerst selten protestierenden Bevölkerungen gibt es noch eine andere Ursache für die erfolgreiche europäische Renaissance: Europa war von Anbeginn an auch - und nicht zuletzt - ein geistiges Projekt, mit engagierten Wegbegleitern. Kein europäischer Intellektueller von Rang konnte es sich leisten, Antieuropäer zu sein. Im Gegenteil: viele taten mit am europäischen Projekt, indem sie mit ihren Wortmeldungen im Verlauf der letzten Jahrzehnte eine öffentliche Sphäre durch lebhafte kritische Diskussionen schufen, zumeist in ihren Heimatgesellschaften, aber immer häufiger auch als grenzüberschreitender Aktivist jener "globalen Klasse", wie sie der Soziologe Ralf Dahrendorf beschrieben hat. Dahrendorf selbst gehört zu diesen bedeutenden europäischen Intellektuellen, ebenso der politische Philosoph Raymond Aron, der Historiker Golo Mann, der Philosoph Jürgen Habermas oder der Schriftsteller und Linguist Umberto Eco, aber eben auch der Dramatiker, Dissident und Präsident Vaclav Havel.

Neben den großen Geistern gab es jedoch immer einige kluge Köpfe, die, obwohl einflussreich, zu Unrecht im Schatten der Meisterdenker standen. Man kann sie vielleicht dialektisch als zentrale Randfiguren bezeichnen: Analytiker und Beobachter, präsent in Zeitungen und Zeitschriften, Funk und Fernsehen, stets wirkungsvolle und zähe Stichwortgeber und Vordenker. In der alten Bundesrepublik gehörten Rüdiger Altmann und der Schweizer Francois Bondy zu diesen europäischen Wegbegleitern. So unterschiedlich diese beiden Publizisten in ihrer Herkunft und ihren Blickwinkeln auch waren - etwas einte sie: Europa als Idee trieb diese beiden zentralen Randfiguren um. Francois Bondys Vision von Europa war die einer kulturell-politischen Ordnung der Vielfalt; für Rüdiger Altmann sollte Europa ein institutioneller Raum sein, der die ermüdenden Staaten ersetzen könnte. Zugleich - und das mag psychologisch-politisch besonders interessant sein - verkörperten die Europäer Bondy und Altmann jeweils eine der beiden idealtypischen Figuren, die den Kontinent seit 1945 hauptsächlich geformt haben: der Ex-Kommunist einerseits, der Ex-Soldat andererseits.

"Ich hatte einen europäischen Horizont", "

so blickte Francois Bondy auf seine Kindheit und Jugend zurück. 1915 in Berlin geboren, wuchs Francois als Sohn des Dramatikers, Regisseurs und Feuilletonisten Fritz Bondy auf, der seinerseits Franz Kafkas Prag entstammte, also dem dortigen deutschsprachigen Milieu assimilierter Juden. Dreisprachig ist die Kindheit des Knaben Francois: deutsch redete er mit dem Vater, mit der Stiefmutter französisch - und italienisch an der Schule im schweizerischen Lugano, wo die Familie in den zwanziger Jahren lebte. Der Kritiker Joachim Kaiser beschrieb Jahrzehnte später die Wirkung dieser Einflüsse auf seinen Freund Francois Bondy:

" "Er ist weder ein Berliner, noch ein Pariser, noch ein Schweizer oder ein Italiener, sondern ein literarischer Weltbürger im umfassenden Sinne des Wortes."

Sein Vater Fritz war damals unter dem Pseudonym N. O. Scarpi mit Feuilletons und Theaterstücken erfolgreich. Der Sohn Francois konnte später das Theaterblut des Vaters an dessen Enkel, den bekannten Regisseur Luc Bondy, weitergeben.

In den dreißiger Jahren wurde die Politik zum Schicksal für den jungen Francois Bondy. Auf dem reichsdeutschen Gymnasium in Davos schlugen ihm Mitschüler in der ersten Woche drei Zähne aus; so erfuhr der Sohn assimilierter Juden plötzlich, was Antisemitismus ist. Bei einem Spaziergang durch Paris, wo die Familie inzwischen lebte, hatte sein Vater ihm wenige Wochen nach Hitlers Machtergreifung prophezeit:

"In den nächsten zehn Jahren haben wir Krieg."

Bondy wandte sich nach links und wurde 1936 Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs. Diese Zeit sei eine große Lehre für ihn gewesen, so betonte er stets. Doch drei Jahre später traf ihn wie so viele andere bis dahin gläubige Kommunisten der Schock des Hitler-Stalin-Paktes. Bis gestern noch Todfeinde, machten im August 1939 die Sowjetunion und Nazideutschland plötzlich gemeinsame Sache. Bondy verließ die Partei. Fortan wird ihn die frühe totalitäre Erfahrung immun machen gegen die östliche Ideologie. Noch 50 Jahre später konstatierte er nüchtern die Unfreiheit in Osteuropa, als er sich gegen die voreilige Rede vom sogenannten gemeinsamen europäischen Haus wendet:

"Ein gemeinsames Haus, in dem bestimmte Leute in ihren Zimmern frei ein- und ausgehen und andere wie in Zellen eingesperrt sind und gar nicht ausreisen können, weder in die Nachbar-Republiken des Ostblocks noch gar in den Westen, ist ein sehr ungemütliches Haus und dass die Osteuropäer wirklich ein Haus-Europa wollen, das wissen wir."

1941 wurde er aus dem französischen Internierungslager in die Schweiz ausgewiesen und reüssierte dort alsbald zu einem der wichtigsten Journalisten des Landes. Bondys europäische Mission begann nach dem Krieg. Von 1951 bis 1969 gab er in Paris die Zeitschrift "Preuves" heraus, die wie Melvin Laskys in Berlin erscheinender "Monat" zu einem der Zentralorgane der linksliberalen Intelligenz wurde. Zugleich war Bondy einer der führenden Vertreter im "Kongreß für kulturelle Freiheit", jener 1950 in Berlin gegründeten Sammlungsbewegung der nichtkommunistischen Intellektuellen Europas. Als Journalist kommentierte er in den kommenden Jahrzehnten den europäischen Einigungsprozess immer in dem Bewusstsein, dass erst die Länder Ostmitteleuropas den halbierten Kontinent vervollständigen würden:

"Wenn wir in Westeuropa selbst aus engen und egoistischen Motiven dieses europäische Modell einer Überwindung des Nationalismus herstellen, so tun wir damit gleichzeitig das Beste, was wir für Osteuropa in der heutigen Lage überhaupt tun können; denn wir schaffen für die Osteuropäer einen Rahmen, in dem sie irgendeinmal später Platz finden können, während in einem Bereich von rein nationaleuropäischen Staaten für sie kein Frieden ist, kein Platz und keine Zukunft."

Aus dem Jahr 1963 stammt dieser erstaunlich hellsichtige Kommentar Bondys. Vier Jahrzehnte später haben die ostmitteleuropäischen Länder tatsächlich ihren Platz in diesem europäischen Rahmen gefunden. Für Francois Bondy gab es keinen Zweifel über die Ausstrahlungskraft, die der Westen in der Systemkonkurrenz gegenüber dem Osten besaß:

"Meine Generation hat noch erlebt, dass die Vision des Ostens stark nach Westen gewirkt hat, dass Menschen im Westen für Stalin und sein Regime zu leben, zu kämpfen, zu töten und zu sterben bereit waren. Diese Vision gibt es nicht mehr."

Dies stellte Bondy 1984 fest.

"Dagegen ist unsere Form des Lebens und der Freiheit eine Attraktion für die östlichen Völker, ob wir das nun wollen oder nicht. Sie wird von den dortigen Machthabern als Bedrohung empfunden. Das hat nichts mit Imperialismus zu tun. Es gibt keine Vision aus dem Osten mehr, die uns verführt, aber es gibt eine Vision des Westens, die dort verführt."

Verführbar blieb Bondy allerdings für die geistigen Leistungen der osteuropäischen Künstler und Intellektuellen, für die er sich häufig als Vermittler einsetzte. Dennoch machte er sich keine Illusionen darüber, worauf die besondere Bedeutung beruhte, die Kunst und Literatur im Ostblock besaßen. Während andere westliche Intellektuelle sich zur gleichen Zeit noch in das angebliche Leseland DDR verlieben mochten, sind Bondys Beobachtungen aus dem Jahr 1983 wiederum von ungetrübter Scharfsinnigkeit. Die Osteuropäer vermögen, so Bondy,

"unsere Kultur sicher mit mehr Faszination aufzunehmen, als wir selbst es tun. Sie haben aber im Vergleich mit uns auch weniger Möglichkeiten, ihre Freizeit zu verbringen und in den Konsum auszuweichen. Gäbe es dort Konsumgesellschaften wie bei uns, so würden vermutlich das Interesse für Kultur, die Bestsellerzahlen in der Lyrik sich verringern. Insofern ist Kultur Nutznießerin einer Notlage."

Der 2003 verstorbene Francois Bondy hat den welthistorischen Umbruch von 1989, den Untergang des Kommunismus und das Ende der europäischen Teilung noch miterleben können. Für diesen feinsinnigen, gerne hintersinnig lächelnden Herren war das Anlass zur Freude, jedoch nicht zu Triumphgeheul, obwohl gerade er allen Anlass dazu gehabt hätte. Bondy ging der Ruf voraus, nie laut gewesen zu sein. Er dachte und schrieb in moderaten Tönen. So konnte 1988 ein ebenso nüchterner wie unorthodoxer Bondy sogar dem Kalten Krieg zwischen den Supermächten gleichsam historische Gerechtigkeit widerfahren lassen. Denn die anderen leidvollen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, inklusive heißer Kriege, hatte er stets im Kopf:

"Und wie immer die Unterschiede, die bleiben, und auch die Gegensätze, dass es Möglichkeiten gibt gerade zwischen großen Mächten solche Gegensätze durchzuleben, wobei es immer wieder Spannungen geben wird mit kaltem Krieg den ich als den Gegensatz zum heißen Krieg verstehe, d. h. einer klaren, auch ideologischen Interessenauseinandersetzung, bei der man Grenzen innehält und nicht einander damit auch sich selber vernichtet."

Darin hätte der kühle Analytiker Rüdiger Altmann seinem häufigen Gesprächspartner Bondy womöglich zugestimmt - trotz ihrer gänzlich verschiedenen Lebensläufe. Der 1922 geborene Altmann gehörte zweifellos zu den originellsten und zugleich schillerndsten Gestalten in der politischen Publizistik der alten Bundesrepublik. Heute verbindet man vor allem den Begriff der "formierten Gesellschaft" mit ihm, den er als Berater des Kanzlers Ludwig Erhard in den sechziger Jahren entwickelte. Formierte Gesellschaft - das klang - vielleicht fälschlicherweise - sehr nach einem neuen Autoritarismus. Autorität jedenfalls im Sinne von politischer Führung und Verantwortung war stets eine Schlüsselkategorie für das CDU-Mitglied Altmann. Wo sie fehlte, wurde sie von ihm vehement eingefordert. So leitete er 1960 publizistisch mit seinem nüchtern-kritischen, für Furore sorgenden Buch "Das Erbe Adenauers" das Ende einer Ära ein, die erst drei Jahre später mit Adenauers Rücktritt tatsächlich vorbei war. Kritisch wohlwollend hat er die sozialliberalen Jahre begleitet. Später galten dann Altmanns Attacken dem politischen Adenauer-Enkel Helmut Kohl. "Die Null vor dem Komma" überschrieb er 1989 einen seiner polemischen Artikel über den in seinen Augen unfähigen Kanzler. Altmann konnte verschiedene Rollen übernehmen.

So konstatierte er in seinem Essay "Späte Nachricht vom Staat" von 1967 dessen Autoritätsverlust. Der Staat gleiche einem "kastrierten Kater, der an Umfang zunimmt - was ihm fehlt ist die Potenz". Damit variierte er ein Leitmotiv konservativer Denker jener Jahre, von den Soziologen Arnold Gehlen und Helmut Schelsky bis zum Juristen Ernst Forsthoff. Auf der einen Seite beklagte Altmann das "funktionslose Wuchern" der Verbandsinteressen - auf der anderen Seite war er selbst von 1963 bis 1978 als stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelstages einer der einflussreichsten Akteure im von ihm kritisierten Wettbewerb der Verbände.

Gegenpole prägten auch seine intellektuelle Herkunft. 1943 wurde der Soldat Altmann schwer verwundet und konnte daher bis Kriegsende an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität beim Staatsrechtler Carl Schmitt hören. Nach dem Krieg wurde Altmann in Wilhelmshaven und Marburg Oberassistent des marxistischen Juristen und Politikwissenschaftlers Wolfgang Abendroth. Bei Altmann im Seminar sitzen der spätere Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl und der spätere Bundesarbeitsminister Herbert Ehrenberg, beides Sozialdemokraten. Abendroth promovierte seinen Schüler 1954 mit einer Arbeit über "Das Problem der Öffentlichkeit und seine Bedeutung für die moderne Demokratie" und vergab die Note "sehr gut" - obwohl sich der Doktorvater

"nicht in allen Punkten mit der Arbeit zu identifizieren vermag."

So heißt es im Gutachten. Dass wenige Jahre später der linksliberale Jürgen Habermas ebenfalls eine Arbeit über das Problem der Öffentlichkeit bei Abendroth einreichte, seine berühmte Habilitationsschrift "Strukturwandel der Öffentlichkeit", gehört zu den schönen Ironien der bundesdeutschen Ideengeschichte. Altmann nahm alsbald wieder Kontakt zu Carl Schmitt auf, der noch Jahre später seine Dissertation als "bahnbrechend" bezeichnen wird. Trotz aller Nähe zu Schmitt bewahrt Altmann seine intellektuelle Unabhängigkeit gegenüber dem Mentor. Nach dessen Tod bringt er seine Distanz auf den Punkt:

"Wir sollten uns davor hüten, Adepten des großen Magiers zu sein; diese epigonale Treue ist etwas lästig."

Dies stellte er 1986 im Kreise von Schmitt-Schülern fest. Auch in dieser Kirche übernahm Altmann die Rolle des Ketzers.
Sein kraftvoller Stil allerdings, seine apodiktische Kürze, seine Neigung zu globalen Visionen und historisch langfristigen Perspektiven - all das verrät den Einfluss Carl Schmitts. Vehement und vernuschelt zugleich konnte er da schon einmal von der Wissenschaft jene Prognosen einfordern, die er selbst gerne lieferte - so 1979 in einer Diskussion mit den Politikwissenschaftlern Karl Dietrich Bracher und Hans-Peter Schwarz über die Lage Europas:

"Ich meine, wir sollten heute uns ganz klar machen, dass dieser Integration in West- und Osteuropa Grenzen gesetzt sind. Ganz offensichtlich. Wir spüren heute ganz deutlich, wenn es nicht zu einer wesentlichen Innovation unserer Politik kommt, nach Westeuropa, dass diese westeuropäische Integration Grenzen hat. Man kann im Grunde im Augenblick von weiterer Integration nicht mehr sprechen."

Europas Zukunft - das war eines der Lebensthemen von Rüdiger Altmann. Dort verband er kühle realpolitische Analyse mit weitausgreifenden Interpretationen. Auch hierbei übrigens erinnert einiges an Carl Schmitt: das Denken in Großräumen sowie die Skepsis gegenüber den politischen Möglichkeiten moderner Nationalstaatlichkeit. 1963 konstatierte Altmann:

"Europa ist entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg, durch amerikanische Geburtshilfe, und weil die europäischen Nationen sich nahezu ruiniert hatten. Sie sind nicht mehr selbstbehauptungsfähig, wenn sie sich nicht zusammenschließen."

Zugleich muss Europa über seinen Horizont hinausblicken, so forderte Altmann bereits damals, und will zugleich den globalen Zusammenhang der europäischen Einigung verdeutlichen:

"Europa hat einen großen Raum beherrscht, für uns Europäer war die Weltgeschichte nur eine europäische Geschichte, und von dieser Vorstellung müssen wir heute Abschied nehmen. Gerade die deutsche Bevölkerung hat ein Gefühl dafür, in einer großen Weltauseinandersetzung zu stehen. Deshalb kann die europäische Einigung nicht einfach als alleiniger Sinn der europäischen Geschichte aufgefasst werden."

Von rückwärtsgewandten "Ersatzideologien" wie der "Abendländerei", jener in den fünfziger Jahren vor allem in weiten Teilen des deutschen Katholizismus verbreitete "Abendland"-Idee, hält der aufgeklärte Konservative Altmann nichts. Wie Francois Bondy nutzt Altmann ebenfalls viele Jahre lang Diskussionsforen wie den "Bergedorfer Gesprächskreis" des Hamburger Unternehmers Kurt A. Körber, um seine europapolitischen Vorstellungen zu formulieren. Sein Blick ist dabei häufig, ebenfalls wie bei Bondy, nach Osten gerichtet. So kann Altmann 1963, im Jahr des West-Berliner Passierscheinabkommens und Egon Bahrs programmatischer Tutzinger Rede über eine neue Ostpolitik und den "Wandel durch Annäherung", seinen auf Westeuropa fixierten Landsleuten ins Gewissen reden:

"Wenn sich die Deutschen nicht darüber klar sind - und das hat mit Wiedervereinigung als politischem Ziel noch nichts zu tun -, dass ihr Blick, ihr Horizont nicht an der Elbe zu Ende sein darf, sondern dass hier ein großer geschichtlicher Auftrag liegt, wäre das erst recht ein großer Verlust für das europäische Bewusstsein."

Altmann plädiert, ebenfalls ungewöhnlich für einen Konservativen, im Zweifel für das Neue - auch wenn er selbst nicht immer weiß, wie dieses Neue inhaltlich zu füllen wäre:

"Im Grunde ist es die Aufgabe Europas, den Kulturkonflikt dieser sich wandelnden Welt auszuleben und mit neuen Ideen zu überwinden....Welches sind die europäischen Ideen, die Europas Existenz heute ausmachen? Das kann nicht die Idee eines sich gegen die übrige Welt abgrenzenden Europas sein, das um seine Identität, auch um seine geschichtliche Identität, ringt. Die entscheidende Frage ist: Findet Europa den Mut, neue Ideen zu formulieren und auszuleben, die die ganze Welt angehen, also in diesem Sinne nicht spezifisch europäische sind? Auf diese Weise könnte Europa wieder jene Weltgeltung erlangen, die es früher gehabt hat."

Dass Altmann über die von ihm so geschätzte Prognosefähigkeit verfügt, belegen seine ins Globale zielende Ansichten über Europas Randständigkeit und den kommenden Aufstieg Asiens aus dem Jahr 1979:

"Zum ersten Mal, seit wir uns geschichtlich erinnern, im Sinne europäischer Machtpolitik, ist Europa im Begriff, nicht mehr Zentrum der Weltspannungen der Weltpolitik zu sein. Die Spannungswolken verlagern sich nach Asien. Das ist eine neue Situation für Europa und für auch die deutsche Freiheit und den damit verbundenen transatlantischen Spannungen."

1984 hat sich dieser Trend in Altmanns Augen verstetigt:

"Asien, das Hegel und die Großen seiner Zeit im vorigen Jahrhundert längst abgeschrieben hatten, ist in die Weltgeschichte zurückgekehrt. Die Sowjetunion kämpft um ihre Hegemonie in Asien genauso wie in Europa. Asien ist der größte Kontinent mit den meisten Menschen; es ist die Heimat großer Kulturen gewesen. Wenn Asien jetzt in die Weltinnenpolitik und Weltgeschichte zurückkehrt, werden sich auch die Dimensionen unseres strategischen Denkens verändern müssen"

Bei einem Bergedorfer Gespräch im Jahr 1984 traten Rüdiger Altmann und Francois Bondy gemeinsam auf. Die Debatte kreiste um das Thema

"Ist die Spaltung Europas das letzte Wort? Europa der Gegensätze auf dem Weg zu sich selbst"

Hier entzündete sich zwischen dem Liberalen Bondy und dem Konservativen Altmann eine Diskussion über das Wesen der europäischen Kultur - mit vertauschten Rollen. Während Altmann die Kraft der modernen Populärkultur präzise diagnostizierte, hielt Bondy am alteuropäischen Kulturideal fest.

Altmann konstatiert:

"Die mediale Kultur hat einen großen Bedarf und Verbrauch an Ideen. Darin unterscheidet sie sich deutlich von der Kultur der Klassengesellschaft alten Stils. In gewissem Sinne ist sie unideologisch. Zugleich entfaltet sie in der Massengesellschaft ein Kommunikationsfeld von großer Kraft, dem die osteuropäische Kultur nicht gewachsen sein wird."

Der Essayist und Literaturkritiker Francois Bondy setzte dagegen:

"Wir haben eine gemeinsame europäische Kultur, die nicht nur die Summe nationaler Kulturen ist: Fuge, Sonate, Tafelbild bis hin zur Rezeption des Jazz - überall gibt es diese gemeinsamen Quellen und Wurzeln. Die moderne Kultur war nie rein national begrenzt, nicht einmal bei der Lyrik. Die Kultur ermöglicht uns einen unmittelbaren Zugang und einen direkten Dialog, zu jenen Völkern, die wir aus ideologischen Gründen Osteuropa nennen, obwohl es sich eher um Mitteleuropa handelt."

Heute, ein Vierteljahrhundert später wissen wir, dass Altmann mit seiner Diagnose den weltweiten Siegeszug der Populärkultur ziemlich genau vorhergesagt hat.

In den letzten Jahren vor seinem Tod im Jahr 2000 wurde es stiller um Rüdiger Altmann. Er fand einen regelmäßigen Publikationsort in der SPD-nahen, von Peter Glotz geleiteten Theoriezeitschrift "Frankfurter Hefte/Neue Gesellschaft" - auch dies eine der zahlreichen Paradoxien in Altmanns Leben. Sein Nachlass, vielleicht noch ungewöhnlicher für einen einstigen Mitarbeiter Ludwig Erhards, liegt im Archiv der sozialen Demokratie. Die Partei Helmut Kohls hatte offenbar ihrem unorthodoxen Mitglied, das in den 50er Jahren die unionsnahe Akademie Eichholz leitete, die abweichenden Positionen nicht verziehen. Peter Glotz, der verstorbene letzte sozialdemokratische Intellektuelle, nannte Altmann

"den einzigen konservativen Vordenker der Bonner Republik neben Johannes Groß, allerdings weniger locker als dieser, weniger zynisch, mehr auf der tragischen Seite"

In seinen Notizen zu einem letzten Buchprojekt unter dem Titel "Guten Morgen, Abendland", 2001 aus dem Nachlass publiziert, versuchte Altmann sich noch einmal an den europäischen Zuständen. Wieder griff er weit aus: Nichts weniger als eine politische Theorie der Vereinigung wollte er liefern. Noch einmal kreist er um Staat, Organisationen und Institutionen und deren Erscheinungsformen in der menschlichen Geschichte.

Beide, der Ex-Kommunist Francois Bondy und der Ex-Soldat Rüdiger Altmann, gehören zu den bedeutenden Europäern nach 1945. Wer nach den Motiven fragt, die hinter ihren unablässigen Kommentaren und publizistischen Interventionen liegen, der stößt trotz aller biographischen Unterschiede, unweigerlich auf die totalitäre Erfahrung. Das Zeitalter der Extreme steckte Bondy und Altmann "in den Knochen und in den Fingerspitzen", wie es der britische Historiker und Hitler-Biograph Allan Bullock einmal über sich selbst gesagt hat. Wie sehr diese vergangene Epoche die schreibenden Finger zeitlebens anleitete, mag man am Titel einer Essaysammlung von Francois Bondy ablesen. 1985, vier Jahrzehnte nach Kriegsende, nannte er sie

"Der Nachkrieg muss kein Vorkrieg sein. Europäische Orientierungen."

Am Beginn des so erfolgreichen europäischen Nachkriegs stand das Ende eines Krieges in Europa. Wer will, kann dabei an die griechische Mythologie denken: So wie die Europa von Zeus gewaltsam geraubt wurde, so entstand das Europa von heute nach entsetzlicher, von Deutschland ausgehender Gewalt. Somit wird die spätere missionarische Intensität, mit der manche Debatte um die europäischen Perspektiven gerade hierzulande geführt wurde, verständlich. Denn Europa, das war eben nichts Selbstverständliches, sondern eine stets gefährdete, immerhin allmählich wachsende Realität. Die friedliche Normalität für die glücklichen Nachgeborenen kann über diese Tatsache allzu leicht hinwegtäuschen. Dabei bleibt bis auf weiteres eine Aufgabe unerledigt, die Francois Bondy bereits 1963 formuliert hat:

"Denn Europa entsteht, die Europäer sind noch nicht entstanden - und das ist eine Sache, die unsere Generation bis zu ihrem reifsten Vertreter ebenso angeht wie unsere Kinder."

Die katastrophalen Erfahrungen von Diktaturen und Weltkrieg waren jahrzehntelang der kraftvolle Antriebsmotor für Rüdiger Altmann, für Francois Bondy, für die europäische Einigung. Künftige Generationen werden beweisen müssen, dass Europa auch ohne diese allmählich verblassende Erfahrung zum Erfolg werden kann.

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