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StartseiteThemaAntisemitismus auf dem Vormarsch15.12.2017

EuropaAntisemitismus auf dem Vormarsch

Brennende Israel-Fahnen - in Deutschland und in anderen europäischen Ländern zeigten Demonstranten zuletzt wieder offen ihre Feindseligkeit gegenüber Juden. Der Antisemitismus gärt in Europa seit ein paar Jahren wieder besonders: Hass und Ablehnung nehmen zu. Wo liegen die Gründe?

Von Arne Lichtenberg

Im Libanon zünden Menschen ein israelische Fahne an (EPA)
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Eines vorweg: Einen konkreten Auslöser, der die jüngsten Fälle von Antisemitismus ausgelöst haben könnte, gibt es nicht. Einige Experten sprechen vom Gaza-Krieg im Sommer 2014, der das Verhältnis von Israel und den Palästinensern verändert habe. Andere sehen die Gründe in der Flüchtlingsbewegung, die im Sommer 2015 viele Menschen aus den arabischen Ländern nach Europa kommen ließ.

"Wir wissen schon lange, dass wir ein Problem mit Antisemitismus haben. Wir haben aber viel zu lange die Hände in den Schoß gelegt", sagte der Grünen-Politiker Volker Beck im Dlf, der auch lange die deutsch-israelische Parlamentariergruppe geleitet hat. 

"Nahost-Konflikt in der arabischen Community ständig präsent"

Am 10. Dezember verbrannten in Berlin muslimische Teilnehmer einer Demonstration als Reaktion auf die Entscheidung von Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, Israel-Flaggen. Einen Vorfall, den Dlf-Korrespondentin Gudula Geuther wie folgt kommentierte:

"Der Nahost-Konflikt ist in der – auch durch den Flüchtlingszuzug wachsenden - arabischen Community ständig präsent, auch viele der Jüngeren wachsen in Deutschland mit dem Judenhass auf, der in den Herkunftsländern der Eltern verbreitet ist. Und Kritik am Staat Israel ist auch hier oft verbrämter Antisemitismus." 

Häufig wird auf die Sozialisierung und die Herkunft der Zugezogenen aus den arabischen Ländern verwiesen, um den Antisemitismus zu begründen. "Wir wissen, vor allem die Geflüchteten aus arabischen Ländern, vor allem aus Syrien und dem Irak, sind in einer Gesellschaft sozialisiert, wo Antisemitismus und Judenhass zur Staatsdoktrin gehören. Das heißt, diese Menschen müssen erst mal ganz neue Informationen bekommen und lernen, dass hier diese Fakten, die sie im Schulsystem dieser Länder gelernt haben, nicht zum Konsens gehören", sagte Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt, im Deutschlandfunk. 

Kein rein deutsches Problem

Der Islamexperte Ahmad Mansour forderte im Dlf deswegen ein nationales Konzept für den Umgang mit Antisemitismus. "Ich würde nicht sagen, bei Flüchtlingen ist Antisemitismus stark, sondern vor allem bei Leuten, die aus bestimmten Ländern kommen, wo Antisemitismus eine Art der Sozialisation war. Das heißt, wir müssen über Palästinenser, die seit 30, 40 Jahren in Deutschland leben, wir müssen über Jugendliche, die aus der Türkei kommen, wo Verschwörungstheorien sehr stark vertreten sind, wir müssen über arabische Länder reden und nicht nur diejenigen, die 2015 gekommen sind, obwohl diejenigen, die 2015 gekommen sind, meistens aus Syrien, auch starke antisemitische Bilder mitgebracht haben." 

Doch das Problem ist nicht nur auf Deutschland zu begrenzen. In Schweden kamen im Zuge der Jerusalem-Entscheidung von US-Präsident Trump Proteste auf. Israel-Flaggen brannten, Brandsätze flogen. Freddy Gellberg, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Malmö:

"Es ist empörend und wir müssen scharf reagieren. Wir können nicht akzeptieren, dass wir hier in Malmö aufgrund unserer Herkunft oder Religion angegriffen werden. Natürlich weckt das bei einigen ein Gefühl von Unsicherheit und Angst."

Und Regierungschef Stefan Lövgren gab öffentlich zu:

"Wir haben ein Problem mit Antisemitismus in der schwedischen Gesellschaft, das müssen wir sehen. Es liegt jetzt an uns, dem entgegenzuwirken und vorzubeugen. In Schweden ist es völlig inakzeptabel, Judenhass zu äußern." 

In Frankreich stieg die Zahl antisemitischer Übergriffe seit der Jahrtausendwende stark an. Ein Grund, warum sich französische Juden zunehmend zur Auswanderung entschieden, nach Israel, in die Vereinigten Staaten, nach Kanada. Über 8.000 Menschen waren es 2015, dem Höhepunkt der Auswanderungswelle. Doch die Attentate im November 2015 in Paris und Saint-Denis brachten eine Wende: Sie zeigten, dass islamistische Terroristen nicht mehr nur Juden im Visier haben, sondern die gesamte Bevölkerung. Seither verlassen deutlich weniger Juden das Land. 

Antisemitismus im Sport

Auch im Sport ist Antisemitismus ein Problem: Im Oktober gab es einen besonders aufsehenerregenden Fall in Italien. Beim Fußballverein Lazio Rom hatten Anhänger die Fan-Kurve des Lokalrivalen AS Rom mit dem Bild der jüdischen Jugendlichen Anne Frank im Roma-Trikot und antisemitischen Sprüchen beklebt. Die Aktion schlug große Wellen - selbst der Präsident des EU-Parlaments verurteilte die Tat. 

Um ein Zeichen zu setzen, wärmten sich die Lazio-Spieler danach in Trikots mit einem aufgedrucktem Bild von Anne Frank auf und in allen Stadien der Serie A, in denen gespielt wurde, wurde vor dem Anpfiff ein Auszug aus dem Tagebuch von Anne Frank vorgelesen und eine Schweigeminute eingelegt. 

Doch die Aktion wurde teilweise von Fans gestört, indem sie Gesänge anstimmten und damit die Schweigeminute überlagerten. "Das liegt auch daran, dass bei vielen italienischen Klubs Antisemitismus und Rassismus einfach weit verbreitet sind", sagte ARD-Korrespondentin Lisa Wie im Dlf.

In Deutschland sorgte Ende September das gute Abschneiden der AfD für Entsetzen in der jüdischen Community, allerdings gaben überraschend auch einige Juden offen im Dlf zu, für die Rechtspopulisten zu stimmen. Ein Grund: Der Zuzug von Kriegsflüchtlingen etwa aus Syrien weckt bei ihnen Ängste vor einem importierten muslimischen Judenhass. "Die Leute, die aus diesen Ländern kommen - Israel ist für sie ein Erzfeind. Sie sind so aufgewachsen, diesen Staat zu hassen", sagte Aviv Golan im Dlf.

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