Samstag, 23.02.2019
 
Seit 18:10 Uhr Informationen am Abend
StartseiteForschung aktuellSichtbare Narben im Immunsystem der Ureinwohner17.11.2016

Europäische Invasion in Nordamerika Sichtbare Narben im Immunsystem der Ureinwohner

Um die Geschichte der Menschheit zu erforschen, greifen Wissenschaftler immer häufiger auf Methoden der Erbgutanalyse zurück. Damit konnten US-Forscher jetzt erstmals die Folgen der europäischen Invasion in Nordamerika analysieren. Bis heute sind im Immunsystem der amerikanischen Ureinwohner Spuren der damaligen Ereignisse nachweisbar.

Von Michael Lange

Indianerfriedhof auf Vancouver Island in Kanada (imago/blickwinkel)
Indianerfriedhof auf Vancouver Island in Kanada (imago/blickwinkel)
Mehr zum Thema

Ripan Malhi, Anthropologe, University of Illinois, USA

Michael DeGiorgio, Biologe, Penn State University, USA

Rückkehr eines Ur-Eskimos Dänische Genforscher analysieren Erbgut aus der Steinzeit

Im Nordwesten Kanadas in der Nähe der Ortschaft Prince Rupert, nicht weit entfernt von Alaska, lebten die amerikanischen Ureinwohner Jahrtausende ungestört. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts, um 1850 herum, kam es vermehrt zu Kontakten mit Europäern - mit fatalen Folgen:

Wissenschaftler schätzen, dass damals drei Viertel der Ureinwohner in wenigen Jahren ums Leben kamen. Die Narben dieser Ereignisse konnte ein Forscherteam um den Anthropologen Ripan Malhi von der University of Illinois im Erbgut von 25 heute lebenden Ureinwohnern nachweisen:

"Wir konnten nachweisen, dass die genetische Vielfalt im Erbgut der Ureinwohner verschwunden ist. Das könnte passiert sein, nachdem die Europäer in den Lebensraum der Ur-Amerikaner eingedrungen sind. Die Bevölkerungszahl sank damals dramatisch - durch Kriege oder Seuchen, die um 1850 herum ausgebrochen sind."

Genetische Variante HLA verschwand mit Invasion der Europäer

Die Forscher haben außerdem die Überreste von 25 Verstorbenen aus vorkolumbianischer Zeit untersucht, bis zu 6.000 Jahre alt. So konnten sie die mündlichen Überlieferungen der amerikanischen Ureinwohner bestätigen, wonach deren Vorfahren bereits seit Jahrtausenden in der Region leben. Zunächst hatte sich das Erbgut der Menschen kaum verändert, berichtet Ripan Malhi:

"Bestimmte genetische Varianten hatten sich über Jahrtausende im Erbgut etabliert. Sie brachten den Ureinwohnern Amerikas anscheinend einen Vorteil. Aber dann änderte sich die Umwelt radikal und dieser Vorteil verschwand, vielleicht durch neue Krankheitserreger."

Auf besonderes Interesse der Forscher stieß eine genetische Variante namens HLA. Dieses Gen trägt die Information für ein Eiweiß auf der Oberfläche von weißen Blutkörperchen. Als wichtiger Teil des Immunsystems ist es für die Erkennung von Krankheitserregern zuständig.

Die ursprüngliche Variante im Erbgut der Ureinwohner war wahrscheinlich auf Krankheitserreger spezialisiert, die seit Jahrtausenden in Nordamerika verbreitet waren. Die Pocken oder andere Erreger aus Europa konnte es nicht erkennen. Das Protein auf den Blutzellen und das dafür zuständige Gen wurde nach dem Auftauchen der Europäer nicht mehr gebraucht und verschwand.

Keine Gene, die aktiv vor den Erregern aus Europa schützten

Um diese Theorie zu bestätigen, tat sich Ripan Malhi mit dem Biologen Michael de Georgio von der Penn State University zusammen:

"Wir haben viele mathematische Modelle ausprobiert und herausgefunden, dass es nur eine schlüssige Erklärung gibt. Als die Europäer kamen, brachten sie neue Krankheitserreger mit, und das Immunsystem der Ureinwohner musste darauf reagieren. Die verbreitete HLA-Variante verlor ihren Nutzen. Sie machte nach und nach einer anderen Variante Platz, die besser angepasst war an eine veränderte Umwelt."

Gerne hätten die Wissenschaftler Gene gefunden, die die überlebenden Ureinwohner aktiv vor den Erregern aus Europa schützten. Aber die Suche blieb bislang erfolglos.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk