Sonntagsspaziergang 26.01.2020

Europäische Kulturhauptstadt 2020Rijeka: Zu Besuch beim kroatischen AschenputtelVon Conrad Lay

Beitrag hören Blick über die kroatische Hafenstadt Rijeka. (dpa)Blick über die kroatische Hafenstadt Rijeka (dpa)

Zusammen mit dem irischen Galway ist das kroatische Rijeka Europäische Kulturhauptstadt 2020. Für einige überraschend, denn die Hafenstadt hat kein römisches oder mittelalterliches Erbe, dafür eine bewegte Vergangenheit ab dem Ersten Weltkrieg. Statt in ein Spektakel will man langfristig investieren.

Das Café direkt am Ufer der Adria hat eine beneidenswerte Lage: kein Wunder, dass die Gäste gut gelaunt sind. Sie schlürfen ihren Campari-Orange oder Aperol-Spritz und schauen hinaus auf den Hafen, vorbei an einem alten Olivenbaum, der in einem großen Pflanzkübel steckt, hinüber zu einem verrosteten Hafenkran und weiter zum "Molo Longo", der eineinhalb Kilometer langen Hafenmole, die ihren italienischen Namen bis heute behalten hat. Vom Meeresufer aus kann man die Geschichte der kroatischen Stadt Rijeka anhand ihrer Gebäude ablesen: Vorne an der Uferstraße stehen prunkvolle Paläste aus der K.u.K.-Zeit, aus der goldenen Ära Rijekas, als der Hafen unter ungarischer Verwaltung enorm prosperierte. Dahinter schaut der speerförmige Turm der Sankt-Romuald-Kirche hervor, die auf die Zeit zurückgeht, als hier die italienischen Faschisten herrschten. Oben auf den Hügeln dominieren die Wohnhochhäuser aus der Zeit des Kommunismus, und schließlich ziehen sich endlose Siedlungen von Einfamilienhäusern aus der Nachwendezeit die Hügel hinauf.

Die Gäste im Cafè "Boonker" – geschrieben mit zwei o – sind auch deshalb gut gelaunt, weil aus den Lautsprechern die höchst beliebte Musik der kroatischen Punk-Band "Let 3" tönt. Das Café Boonker ist tatsächlich ein nach oben gewölbter Hoch-Bunker aus der Zeit, als die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg die Stadt zu einer Festung ausbaute. Der kroatische Schriftsteller Slobodan Snajder, der durch seinen Roman "Die Reparatur der Welt" bekannt geworden ist, erinnert sich:

"Rijeka war 1945 eine Festung der Deutschen, aber wirklich Festung. Die wollten sich zurückziehen nach Deutschland, aber dann verteidigten sie, also ohne wirkliche Aussicht auf Chancen, Rijeka, ich weiß nicht warum, gerade Rijeka. Und dann kommen die Partisanen, fast ausschließlich serbische Partisanen. Und es sind ein paar Tausend gefallen. Und das ist besonders peinlich, vor allem praktisch in den letzten Tagen des Krieges. Die Freiheit von Rijeka war bezahlt mit dem Tod."

Heute will sich kaum jemand in Rijeka an die Befreiung durch die serbischen Partisanen erinnern, allzu sehr steckt den Kroaten der Krieg mit den Serben aus den 1990er-Jahren des letzten Jahrhunderts in den Knochen. Und schon gar nicht möchte man sich in diesem schicken Café, dieser hippen Party-Location, die Laune durch die Erinnerung an die Vergangenheit vermiesen lassen.

Ein ehemaliger Punk-Musiker als Kulturdezernent

Die Punk-Band "Let 3" ist in jüngster Zeit noch in anderer Hinsicht bekannt geworden: Der ehemalige Schlagzeuger der Band ist heute Kulturdezernent der Stadt. Ich mache mich auf vom Café Boonker hinüber zum "Korzo" - geschrieben vorne mit K und in der Mitte mit Z - , der Fußgängerzone von Rijeka, zugleich das Herz der Stadt. Vorbei an Läden mit Calzedonia-Strümpen, Initimissimi-Unterwäsche, Deichmann-Schuhen und KiK-Textilien, direkt importiert aus Bangladesch, erreiche ich das altehrwürdige Rathaus Rijekas. Im ersten Stock gibt Ivan Sarar, der ehemalige Punk-Musiker, eine Pressekonferenz. Vorbei an bunten, großformatigen Fotos des Karnevals von Rijeka, des größten östlich von Venedig, betrete ich den Besprechungsraum.

"Während der Kandidatur als Europäische Kulturhauptstadt galten wir als eine Art ‚underdogs‘, denn Rijeka hat kein großes römisches Erbe, kein großes mittelalterliches Erbe, wir repräsentieren auch nicht die kulturelle Mainstream-Identität Kroatiens. Rijeka lebte stets an der Grenze. Wir sind die westlichste Stadt des Balkan, die südlichste Stadt Mitteleuropas und der östlichste italienische Zipfel, und so lebte diese Stadt in den letzten 300 Jahren."

Auf einem Platz in Rijeka steht ein Kunstwerk, auf dem auch angezeigt wird, wie viele Tage und Stunden es noch dauert, bis Rijeka für ein Jahr Europäische Kulturhauptstadt sein wird. (imago images / Eibner Europa)Ab Februar 2020 wird Rijeka für ein Jahr Europäische Kulturhauptstadt. An dieser Uhr mitten in der Stadt kann man die Tage und Stunden bis zur Eröffnung ablesen. (imago images / Eibner Europa)

Der Kulturdezernent übt sich in Understatement: Wenn man schon nicht mit den großen Adria-Konkurrenten Venedig, Triest und Dubrovnik konkurrieren kann, dann kann man sich immerhin als liebenswerte, kleine Alternative präsentieren:

"Die Leute in Rijeka sind nicht arrogant, sie sind soft und entspannt und wollen sich und die Stadt nicht in den Vordergrund drängen und so tun, als seien wir groß, wichtig, hübsch, schön und reich. Und das ist der Grund, warum wir jetzt in ungewöhnlichen Zeiten leben."

Ivan Sarar erwähnt zwar den offiziellen Slogan der Europäischen Kulturhauptstadt "Hafen der Vielfalt", aber das eigentliche Motto von Rijeka, so meint er verschmitzt, sei: "Hässlich, aber charmant". Sarar ist ein erstaunlich offener, sehr sympathischer Kulturdezernent. Dass er einmal Punk-Musiker war, lässt er immer mal wieder anklingen.

Vor dem Ersten Weltkrieg gehörte Rijeka zur österreichisch-ungarischen K. u. K.-Doppelmonarchie. Die Österreicher hatten damals Triest als ihren Mittelmeerhafen auserkoren, da brauchten sie den Konkurrenten Rijeka nicht und gaben ihn großzügig den Ungarn zur Verwaltung. Nach wie vor sehen sich die Kroaten von den Österreichern verraten. Die Ungarn ihrerseits freuten sich über die großzügige Haltung der Habsburger und bauten Rijeka zu einem großen Adriahafen aus, sodass die Zeit unter den Ungarn zur goldenen Ära Rijekas wurde. Allerdings wollen die Kroaten dies heute nicht wahrhaben, denn sie befürchten eine Ungarisierung Rijekas. Ivan Sarar:

"Bei ungarischen Besuchern gibt es heute noch viel Nostalgie nach Rijeka, dem damaligen ungarisch verwalteten Fiume, wir waren schließlich über 100 Jahre lang ihr Hafen, sie behandelten uns wie eine ungarische Stadt – bis heute hält sich noch bei einigen diese Fantasie, und das gleiche gilt für Italien und für andere. Bitte stoppen Sie die Aufnahme.

Früh-Faschist D'Annunzuio eroberte Rijeka

Die Ungarn ihrerseits holten zur Kontrolle der Kroaten viele italienische Geschäfts- und Kaufleute nach Rijeka, sodass vor 100 Jahren die Mehrheit der Bewohner aus Italienern bestand. Kaum war der Erste Weltkrieg vorbei, versuchten die Italiener mehrfach, sich Rijeka militärisch anzueignen. Die ersten beiden Expeditionen scheiterten, dann hatte der exzentrische Soldaten-Dichter, Frauenheld und Früh-Faschist Gabriele D’Annunzio Erfolg. Er stellte eine Privatarmee von einigen Tausend Freischärlern auf und zog mit einer waffenstrotzenden Wagen-Kolonne von Triest nach Rijeka. Ohne auf Widerstand zu stoßen, eroberte er den dortigen Gouverneurpalast und verkündete:

Zitat: "Ich bin nicht mehr von mir selbst berauscht, sondern von meiner ganzen Rasse."

In den nächsten 15 Monaten gab es in Fiume, wie die Italiener die Stadt nannten, Fackelmärsche in Uniformen, die Damen gerne in Abendkleidern und Gewehr über der Schulter, ansonsten peitschende Reden ans Volk und orgiastische Feste. Ich verlasse das Rathaus und steige den Hügel hinauf zum Gouverneurspalast; dort hat die Stadt Rijeka eine kritische Ausstellung über D’Annunzio organisiert. Ausstellungsleiterin Tea Perincic führt mich durch die repräsentativen Räume:

"Nach 100 Jahren kann ich als Historikerin sagen: Die Stadt Fiume war zu einem Opfer D’Annunzios geworden. Viele sagen, er selbst war gar kein Faschist, angeblich kann er kein Faschist gewesen sein, weil es den Faschismus ja noch gar  nicht gab. Aber er war eine Art Prophet, einer, der den Faschismus schon vor dessen Existenz proklamiert hat."

Das Frachtschiff Manassa M beim Holz-Verladevorgang im Hafen von Rijeka (imago images / Eibner Europa)Einige Tausend Transportarbeiter waren einst im Hafen tätig. Heute sind es nur noch 160. (imago images / Eibner Europa)

D‘Annunzio, der sich in Konkurrenz zu Mussolini sah und selbst gerne Duce geworden wäre, ließ seine Expedition von großen Triestiner Unternehmen finanzieren. Tea Perincic:

"Ziel der Unternehmung D’Annunzios war es, die Wirtschaft Rijekas zu zerstören, denn man wollte Rijeka als Konkurrenz für italienische Häfen ausschalten. Denn wer hat denn D’Annunzio das Geld gegeben, um unsere Stadt zu besetzen? Es waren große Triestiner Unternehmen und auch einige aus Venedig. Triest und Rijeka standen immer in Konkurrenz zueinander. Aber Fiume war wirtschaftlich schneller gewachsen. Wäre Fiume damals eine jugoslawische Stadt geworden, wäre sie eine enorme Konkurrenz für die italienischen Häfen gewesen. Daher sahen sie es für klug an, sie zu besetzen und zu neutralisieren."

Nach 15 Monaten musste D’Annunzio Rijeka räumen, ein italienisches Kriegsschiff machte dem Spuk ein Ende. Anders als in Rijeka mit seiner kritischen Ausstellung über D’Annunzio, in der insbesondere das fragwürdige, um nicht zu sagen obszöne Verhalten des Macho D’Annunzio dokumentiert wird, verhält man sich im nahegelegenen Triest: dort ist eine höchst affirmative Ausstellung zu bestaunen, im Besucherbuch kann man faschistische Anfeuerungsrufe lesen.

Umarmungen für eine Statue

Ganz offiziell weihte die Stadt Triest im September 2019 zum 100. Jahrestag der Annexion Rijekas eine Statue D’Annunzios ein; viele Triestiner lassen es sich nicht nehmen, den Dichter-Soldaten zu umarmen und mit ihm zu schmusen. Das Denkmal wurde direkt vor der Triestiner Industrie- und Handelskammer aufgestellt, der Hinweis auf die Geldgeber der Annexion Rijekas ist deutlich. Zur Einweihung trat Antonio Tajani auf, Politiker von Berlusconis Forza Italia und bis Juli 2019 Präsident der Europäischen Parlaments, und rief aus:

 "Es lebe das italienische Fiume, es lebe das italienische Istrien, es lebe das italienische Dalmatien."

Man stelle sich einmal vor, in Deutschland würde ein Politiker auftreten und ausrufen:

 ‚Es lebe das deutsche Danzig, es lebe das deutsche Ostpreussen.‘

In Italien sind vergleichbare Aussprüche heute an der Tagesordnung und führen zu diplomatischen Verwicklungen mit Kroatien. Zum 100. Jahrestag der Annexion traten in Rijeka italienische Faschisten auf, schwenkten italienische Fahnen und riefen D’Annunzios Parole: "Fiume oder der Tod". Der Schriftsteller Slobodan Snajder meint dazu:

"Was fehlt, Gott sei Dank, ist der D’Annunzio. Das fehlt noch in dem ganzen Bild, alles andere ist schon da."

Ausstellungsleiterin Tea Perincic ist noch pessimistischer:

"Da wird sich schon jemand finden. Es gibt schließlich viele Verrückte in Italien."

Wieder unten auf dem Korzo stehe ich an der Europa-Uhr, dem einzigen Hinweis, dass Rijeka dieses Jahr Europäische Kulturhauptstadt ist. Rijeka bleibt eine unfertige, raue Industriestadt; das inoffizielle Motto "hässlich, aber charmant" trägt sie zu Recht. Jüngstes Beispiel dafür ist das Luxusschiff Titos, das im Hafen dahindümpelt und verrostet. Die "Galeb", auf deutsch: "Möwe", sollte eigentlich für das Jahr 2020 saniert werden. Man hätte gespannt sein können auf die zahlreichen Geschichten, die sich um das Schiff ranken: Wie war es, als Tito Brigitte Bardot empfing und Sofia Loren und Che Guevara? Vielleicht trafen sich die Drei in der Lounge des Schiffes – und was spielte sich dann ab? Brigitte Bardot hätte sich sicher mit Che Guevara nicht besonders gut verstanden, aber vielleicht Sofia Loren mit dem Barkeeper namens Tito? Leider hat man in Rijeka den Termin für die Sanierung des Schiffes auf Ende 2020 verschoben; die Tito-Gegner befürchteten, mit der Sanierung werde Tito verherrlicht. Also schiebt man die Sache hinaus, bis das Europäische Kulturjahr vorbei ist.

Das Staatsyacht 'Galeb' des ehemaligen Regierungschef Jugoslawiens Tito im Hafen von Rijeka, Kroatien. (imago stock&people)Die Staatsyacht 'Galeb' des ehemaligen Regierungschef Jugoslawiens Tito: Sie soll erst Ende 2020 saniert werden. (imago stock&people)

Automatisierter Hafen braucht viel weniger Hafenarbeiter

Durch Zufall begegne ich am nächsten Morgen Ivan Sarar, wie er auf dem Korzo spazieren geht, mit seinen beiden Kindern an der Hand. Der Kulturdezernent begrüßt mich herzlich und meint, ich müsse unbedingt Davor Miskovic und seine Kunstprojekte kennenlernen. Sein Büro sei ganz in der Nähe. In der Tat befindet sich die Kulturinitiative Drugo More wenige Schritte entfernt. In dem langgestreckten Fabrikloft kommt mir ihr künstlerischer Leiter Davor Miskovic schon von weitem entgegen:

"Ich bin als Direktor zuständig für die Organisation unserer Kunst- und Kultur-Programme. Nicht wir sind es, die ein neues Paradigma der Arbeit aufstellen, sondern wir stellen dieses vor."

Rijeka war einmal eine florierende Industriestadt, aber seit 1989 sind Zehntausende von Arbeitsplätzen verlorengegangen. Nun will die Stadt das Heraufziehen der postindustriellen Ära mit Kunstprojekten begleiten: das entsprechende Projekt heißt hintersinnig "dopolavoro". Zu denken ist dabei nicht an die wörtliche Übersetzung aus dem Italienischen, also Freizeit, Feierabend, sondern an eine Ära nach der Arbeit, eine Epoche ohne Arbeit.

"Einige Tausend Transportarbeiter waren einst im Hafen tätig. Heute sind es nur noch 160. Der Hafen ist so automatisiert, dass die Software des Schiffes der Software des Hafens mitteilt, wo sich in dem Schiff die auszuladende Ware befindet. Das ist etwas, was wir den Leuten mit unseren Kunstprojekten zeigen wollen: ‚Schaut her, das geht vor sich‘."

Von der Deindustrialisierung soll der direkte Weg in die Digitalisierung führen. Es ist ein weiter Weg, den Rijeka vor sich hat. Und es wird noch lange dauern, bis sich das kroatische Aschenputtel hübsch gemacht hat. Wie sagte ein Mitarbeiter des "Teams Rijeka 2020" so schön?

"Wir hatten niemals vor, riesige Spektakel zu veranstalten und eine Million Euro an zwei Abenden auszugeben, sondern wir möchten langfristig in die kulturelle Infrastruktur investieren, also für Dinge, die nach 2020 noch weiterwirken. Den wirklichen Wert einer Europäischen Kulturhauptstadt kann man erst in zehn Jahren ermessen."

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