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StartseiteMusikjournalZurück zum europäischen Gedanken15.07.2019

Europäische Wochen PassauZurück zum europäischen Gedanken

Im vergangenen Jahr standen die Europäische Wochen Passau kurz vor der Insolvenz, in diesem Jahr sind sie gesichert. Carsten Gerhard, künstlerischer Leiter, will das Festival in die Zukunft führen und setzt nicht ausschließlich auf ästhetische Höhenflüge, sondern sucht den gesellschaftlichen Diskurs.

Von Thomas Senne

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Blick über Passau (picture alliance/dpa - Reinhard Kungel)
Die Europäischen Wochen Passau finden als einziges Festival Europas in drei europäischen Ländern statt (picture alliance/dpa - Reinhard Kungel)

Nach wie vor steht klassische Musik im Zentrum der Europäischen Wochen Passau. Doch die Musen, die einst überall in der Stadt deutlich sichtbar als stilisierte gelbe Engel auf blauem Grund Transparente und Plakate bevölkerten, sind als Werbeträger des Traditionsfestivals mittlerweile verschwunden. An ihre Stelle sind blassblaue Fähnchen getreten: mit einer wackeligen Bild-Wort-Marke, bestehend aus den Anfangsbuchstaben des renommierten Veranstaltungsreigens.

Neuer künstlerischer Leiter: Carsten Gerhard

Ob Carsten Gerhard das alte publikumswirksame Logo künftig wieder einsetzen wird, verrät der studierte Musikwissenschaftler und aktive Kulturmanager nicht. Als neuer künstlerischer Leiter, der dem Festival früher schon mal als Dramaturg zur Verfügung stand, zeichnet er für das aktuelle Programm verantwortlich. Im vergangenen Jahr waren die Europäischen Wochen Passau nach Turbulenzen mit dem damaligen Intendanten in eine finanzielle Schieflage geraten und standen kurz vor der Insolvenz. Inzwischen ist die aktuelle Notlage vorüber und das Festival gesichert. Doch die Suche nach solventen Sponsoren wird die Festspiele auch künftig noch weiterbeschäftigen.

"Die aktuelle Situation ist, dass wir auf einem guten Weg sind, die Europäischen Wochen Passau für die Zukunft zu stabilisieren. Nach einem Jahr der Unruhe sind wir jetzt dabei Zukunftsstrukturen zu bauen, die dafür sorgen, dass die Europäischen Wochen Passau auch mittel- und langfristig eine solide Zukunft bauen können. Das sieht vor allen Dingen vor, dass auf der Satzungsseite einige Änderungen passieren, dass es eine neue Geschäftsordnung geben wird. Und wenn die etabliert sind, dann wird neues Führungspersonal ausgeschrieben, damit die Festspiele tatsächlich in die Zukunft starten können."

Zwei Ziele für das Festival

Besonders dem europäischen Gedanken möchte der 42-Jährige in seiner zunächst bis 2020 laufenden Amtszeit bei den Festspielen wieder mehr Beachtung schenken. Vor allem zwei Ziele stehen dabei im Mittelpunkt:

"Zum einen der ererbte Auftrag, klassische Gastspiele zu veranstalten mit hochkarätigen Ensembles, Solisten, Orchestern. Und zum anderen: der Gründungsauftrag der Väter der Europäischen Wochen Passau, mit den Mitteln von Kultur für das europäische Miteinander zu sorgen, für den Friedensgedanken Europa zu werben. Und aus diesen beiden Aufträgen heraus habe ich das Programm geplant, indem ich es unterteilt habe in Höhepunkte und in Brennpunkte."

Gerhard setzt also nicht ausschließlich auf ästhetische Höhenflüge, sondern sucht den gesellschaftlichen Diskurs – durchaus auch bei heiklen politischen Fragen, etwa Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen zu Themen wie "Europas tödliche Grenzen" oder der deutschen Erstaufführung des Flüchtlingsstückes "Lampedusa Way". Freilich: Ob das traditionell eher konservative Publikum diesen diesmal stärker betonten kritischen Programmteil mit trägt, bleibt abzuwarten.

In der prunkvollen Asambasilika von Osterhofen war ein ausverkauftes Konzert unter anderem mit einer chinesisch-stämmigen Solistin aus England zu erleben, die schon früh die Liebe zur Geige entdeckt hat. Angekündigt wurde die Künstlerin allerdings mit dem etwas abgenutzten Begriff "Wunderkind": Leia Zhu.

Leia Zhu und Raphaela Gromes überzeugten

Beim Konzert zeigte die 12-Jährige dann, dass sie ihr Metier beherrschte, als sie im weißen Kleidchen Paganini-Stücke zum Besten gab. Beim Gespräch in der Künstlergarderobe thronte die junge Geigerin dann im leuchtend roten Outfit selbstbewusst und unbefangen auf dem Sofa: wie eine kleine Prinzessin. Von Stress keine Spur.

"Bei meinen Auftritten bin ich nie nervös", erzählt Leia Zhu und betont, wie aufregend sie es finde, ihre Musik mit dem Publikum zu teilen. Das sei ganz anders als bei den Proben, bei denen es sie ganz verrückt mache, dass niemand ihr zuhöre.

Auch die Münchner Cellistin Raphaela Gromes war am Abend in der mit kostbaren Stuckaturen geschmückten Asamkirche mit von der Partie und präsentierte Jacques Offenbachs "Hommage à Rossini".

"Dieses Werk, Offenbachs Hommage à Rossini - das habe ich ausgegraben für meine Rossini-CD. Dieses Stück hat noch keiner vorher gespielt seit Offenbach. Offenbach war selbst Cellist und hat dieses Werk damals für sich selbst geschrieben und uraufgeführt. Aber seitdem ist es wirklich einfach verschwunden. Aber Dank eines wunderbaren Experten, der sich da für mich auf die Suche begeben hat, haben wir dann Teile in Paris und in Schweden gefunden bei Offenbach-Familienmitgliedern, also bei Ur-Urenkeln. Dank deren Hilfe konnten wir das jetzt wirklich zusammenstellen."

Begleitet wurde Raphaela Gromes wie auch Leia Zhu vom überragenden Ensemble "Festival Strings Lucerne". Das riss die Zuhörer besonders bei Tschaikowskys Streichsextett d-Moll op. 70 zu Begeisterungsstürmen hin. Weltklasse-Interpreten gewissermaßen hautnah zu erleben – dafür standen die Europäischen Wochen in der Vergangenheit. Auch dieses Mal ist das wieder der Fall. Namen wie die "Academy of St. Martin in the fields" oder Frank Peter Zimmermann bürgen dabei für Qualität. Auf seiner Stradivari absolvierte der Geiger zusammen mit dem Pianisten Martin Helmchen ein Beethoven-Programm der Extraklasse: eine Art verfrühtes Geburtstagsgeschenk zum Beethoven-Jubiläum im nächsten Jahr.

"Es war immer der Plan, eines Tages mal den ganzen kompletten Beethoven-Violinensonaten-Zyklus zu spielen, diese zehn Sonaten. Und wir haben also schon letztes Jahr im Sommer begonnen und halt jetzt die ersten vier. Und im Herbst spielen wir noch fünf bis sieben. Und dann sind wir halt nächstes Jahr zum Beethoven-Jahr gewappnet."

Zum Abschluss ein zeitgenössisches Konzert

Am 28. Juli werden die bislang gut besuchten Europäischen Wochen zu Ende gehen: unter anderem mit einer Uraufführung der türkischstämmigen Komponistin Zeynep Gedizlioglu "Zukunftsmusik", so der Titel dieses zeitgenössischen Konzertes. Bei der Frage, ob er sich eine Zukunft als Intendant des Passauer Festivals vorstellen könne, zuckt Carsten Gerhard mit den Schultern.

"Ich werde für mich nach den Festspielen eine Bilanz ziehen und dann werde ich mal schauen, wie es in die Zukunft weiter geht."

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