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StartseiteKultur heuteEuropäische Zeitungen suchen Wege aus der Krise17.05.2006

Europäische Zeitungen suchen Wege aus der Krise

"European Newspaper Congress 2006" in Wien

Als am Sonntag in Wien knapp 500 Chefredakteure und Führungskräfte aus der Zeitungsbranche zum "European Newspaper Congress 2006" zusammenkamen, sollte es vor allem um Innovationen gehen. Neue Ideen sind angesichts sinkender Verkaufszahlen und steigendem Leseralter dringend nötig. Mit dem Internet ist eine mächtige Konkurrenz erwachsen, die einige Verlage aber auch als Chance nutzen wollen.

Von Burkhard Müller-Ullrich

Überall in Europa kämpfen Zeitungen ums Überleben. (Stock.XCHNG / Natalie Souprounovich)
Überall in Europa kämpfen Zeitungen ums Überleben. (Stock.XCHNG / Natalie Souprounovich)
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Das Zeitungswesen ist im Umbruch, noch nie wurde so heftig experimentiert wie jetzt - und zwar weltweit. Torsten Casimir, der bei der "Rheinischen Post" ein Internet-Projekt begleitet, brachte die Problematik auf den Punkt:

" Der durchschnittliche Tageszeitungsleser ist - glaube ich - älter als der durchschnittliche Deutsche, und der ist schon alt. Wahrscheinlich ist der Tageszeitungsleser ungefähr so alt wie der durchschnittliche Japaner. Und das ist eben gar nicht gut."

Die Kundenbestände sinken, Lektüre gilt nicht mehr als Selbstverständlichkeit, Informationen werden gratis erwartet, das Internet setzt neue Standards bei der Schnelligkeit und über allem braut sich eine allgemeine Krise des Interesses an den Themen zusammen, die von Tageszeitungen behandelt werden: Unter diesem düsteren Horizont steht heute jeder Zeitungskongress - ganz zu schweigen von der deutschen Wirtschaftskrise, die in den letzten Jahren heftig auf die Anzeigenerlöse durchschlug.

Umso bemerkenswerter ist die neue Emsigkeit, mit der sich die Print-Branche aus der Krise windet. In Wien gab es dafür eine ganze Reihe von Beispielen zu hören. So versuchen viele Blätter, ihre Leser zu Autoren oder wenigstens zu Informationslieferanten zu machen. Bei der "Rheinischen Post" werden per Internet persönliche Erfahrungsberichte gesammelt.

16.000 Artikel von 2000 Autoren sind inzwischen zusammengekommen und schaffen eine ganz eigene Kommunikations-Community, die - wie Torsten Casimir betont - nichts Spinnertes und Abwegiges mehr hat:

" Wenn man mit der Differenzierung zwischen Profis und Laien immer auch gleichzeitig eine Qualitätsdifferenzierung machen wollte, dann hat das bis vor einigen Jahren wahrscheinlich ganz gut geklappt, und es klappt heute immer weniger gut."

Dies zeigt sich generell an der Blogger-Kultur, die sich von einer technischen Spielerei zu einer hochaktiven und zuweilen hochbrisanten Form von Journalismus entwickelt hat. Einen anderen Weg, um das Publikums-Feedback einzufangen und damit die Leserbindung zu verstärken, geht die norwegische Boulevardzeitung "Verdens Gang". Sie hat es vor allem auf exklusive Bilder abgesehen, wie ihr Chefredakteur Torry Pedersen berichtete:

" Heutzutage kann jedermann mit seiner Handykamera etwas Sensationelles aufnehmen. Und in Zukunft ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass ein aufregendes Bild von einem professionellen Fotografen geliefert wird, sondern das kann ein Handwerker oder ein Taxifahrer oder ein Student sein - jeder von denen hat heute eine Digitalkamera und kann Bilder vom Ort des Geschehens senden."

So hat "Verdens Gang" eine technische Struktur geschaffen, die es ermöglicht, dass ein Bild, das irgendjemand von einem Handy an die norwegische Nummer 2200 schickt, sofort im Redaktionssystem erscheint und auf die Website gestellt oder im gedruckten Blatt verwendet werden kann. Und selbstverständlich zahlt die Zeitung jedem Einsender ein Bildhonorar - im Gegensatz zu manchen Nachahmern in Deutschland oder Österreich.

Das alles sind jedoch flankierende Maßnahmen; vom Kernprodukt war noch gar nicht die Rede. Dabei betrifft die im Gang befindliche Revolution auch das Design und Konzept der Zeitungen selbst. Vor allem das Design, wie der Karikaturist Gustav Peichl alias Ironimus ein wenig bitter feststellte:

" Das muss ich den Granden der schreibenden Zunft hier schon sagen, dass die Beurteilung eines Blattes heute - ob das ein Magazin ist oder eine Tageszeitung - weitgehend vom Optischen abhängt. Das heißt: von der Form. Der Inhalt, man muss es sagen, ist zweitrangig, was schade ist aus meiner Sicht, aber es ist so."

So haben zum Beispiel die englischen Qualitätszeitungen in letzter Zeit versucht, verlorene Marktanteile gegenüber der Boulevardpresse zurück zu gewinnen, indem sie auf ein kleineres Papierformat umstellten. Der "Guardian" folgte als letzter diesem Trend und, wie Chefredakteur Alan Rusbridger erklärte, war das nicht nur eine Frage der äußeren Gestalt, sondern es brachte eine ganz grundsätzliche Veränderung der Zeitungsphilosophie mit sich.

Herausgekommen ist ein deutlich ruhigeres Layout, während die anderen Zeitungen immer schreierischer wirken. Denn auch im Internet, so Rusbridger, hat sich längst eine klar gegliederte, mit Information vollgepackte und möglichst wenig aggressive grafische Oberfläche durchgesetzt. Für seine Neupositionierung bekam der Guardian in Wien den "European Newspaper Award" in der Kategorie "überregionale Zeitung". Die deutsche "Zeit" hingegen denkt vorerst nicht daran, mit den Quadratzentimetern ihres Papiers zu geizen - und hat trotzdem Erfolg, wie ihr Chefredakteur Giovanni di Lorenzo erklärte:

" Gerade jetzt profitiert "Die Zeit" vom Zeitgeist, und zwar indem wir uns dem Zeitgeist beharrlich verweigern. Wir widersetzen uns Moden und Mätzchen. Und wir muten unseren Lesern nach wie vor einiges zu."

Soviel Selbstbewusstsein kann man nicht aus Marketingstudien gewinnen, denn wenn die immer Recht hätten, dann gäbe es gar keine Zeitungskrise, weil jeder wüsste, was er zu machen hätte. Immerhin ließ "Die Zeit" kürzlich das tatsächliche Verhalten ihrer Leser wissenschaftlich untersuchen:

" Das Erstaunliche war, dass so ziemlich all das gelesen wird, wovor Medienberater uns jahrelang gewarnt haben. An dritter Stelle unter den meistgelesenen Texten liegt das Dossier der Zeit. Das umfasst jede Woche nahezu 800 Zeilen, manchmal hat man das Gefühl: ich muss jetzt ein kleines Taschenbuch lesen. Und die beiden beliebtesten Texte sind - ich kann es kaum glauben - die Leitartikel."

"Die Zeit" wurde dafür als beste europäische Wochenzeitung ausgezeichnet.

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