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StartseiteMusikjournalNach 40 Jahren droht das Aus24.05.2016

Europäisches JugendorchesterNach 40 Jahren droht das Aus

Kulturbotschafter, Symbol für Europa, Vorbild – das Europäische Jugendorchester (EUYO) ist von Spitzenpolitikern der EU immer in den höchsten Tönen gelobt worden. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz ist Ehrenpräsident des Orchesters, EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker Schirmherr. Trotzdem soll das Projekt nicht weiter gefördert werden. Aber Widerstand formiert sich.

Von Sylvia Systermans

Das Europäische Jugendorchester (EUYO) wird während einer Probe am 24.11.2005 in der Cadogan Hall in London von Vladimir Ashkenazy dirigiert.  (picture alliance / dpa)
Das Europäische Jugendorchester (EUYO) wird während einer Probe in London von Vladimir Ashkenazy dirigiert. (picture alliance / dpa)
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"Das EUYO ist für mein Leben unglaublich wichtig geworden. Es hat etwas, das kein anderes Orchester hat und ich glaube, das ist der Zusammenhalt zwischen den Musikern. Es ist die Art, wie hier alle zusammen arbeiten und zusammen Musik machen, aber vor allem die Art wie hier Freundschaften entstehen."

Für die niederländische Geigerin Inge Bergenhuizen wird dieses Erleben im Jugendorchester der Europäischen Union vielleicht bald nur noch Erinnerung sein. Der jüngste Projektantrag, den das Orchester zur weiteren Förderung bei der EU-Kommission gestellt hat, wurde vor Kurzem abgelehnt. Das European Union Youth Orchestra, das in diesem Jahr sein 40-jähriges Jubiläum feiert, steht vor dem Aus.

"Die aktuelle Situation hat uns überrascht und schockiert", fasst der CEO des Jugendorchesters, Marshall Marcus, die erste Reaktion auf den Beschluss zusammen. Bis 2013 wurde das Jugendorchester der Europäischen Union, kurz EUYO, als kultureller Botschafter kontinuierlich gefördert. 2014 änderten sich die Förderrichtlinien. "Kreatives Europa" heißt das neue Programm, das nicht mehr einzelne Institutionen fördert, sondern nur noch gemeinschaftliche Projekte, für die komplizierte Anträge gestellt und umfangreiche Bedingungen erfüllt werden müssen.

"Als das Programm "Kreatives Europa” startete und wir uns das erste Mal beworben haben, waren wir nicht sicher, ob wir erfolgreich sein würden. Parallel zu unserer Bewerbung haben wir Gespräche mit der Kommission geführt. Wir haben im gesamten Jahr 2015 immer wieder gesagt, wir freuen uns, dass wir an dem Programm teilnehmen können, aber wir glauben, dass es nicht den Bedürfnissen eines Kulturbotschafters wie dem EUYO entspricht."

"Man muss viele Ziele erfüllen im Bereich digitale Entwicklung, Publikumsentwicklung und Mobilität der Künstler", bestätigt Paul James, Gründer und Manager des Jugendbarockorchesters der Europäischen Union, EUBO. "Ich glaube, nur 17 Projekte waren bei "Creative Europe" erfolgreich von mehr als hundert. Da findet ein sehr starker Wettbewerb statt. Man muss für jeden einzelnen Bereich sehr gute Ergebnisse präsentieren. Weshalb meiner Meinung nach Projekte erfolgreich sind, die so entwickelt wurden, dass sie genau zu den Parametern des Programms passen.

Kulturbotschafter Europas mit Weltniveau

Für lange bestehende Orchester wie das EUYO und EUBO ein kaum zu leistendes und auch nicht wünschenswertes Unterfangen. Doch CEO Marshall Marcus kritisiert nicht die Entscheidungen der Kommission über einzelnen Anträge, sondern das neue Förderprogramm an sich.

Kulturbotschafter, Symbol für Europa, Vorbild – viele Superlative werden dem Europäischen Jugendorchester von Spitzenpolitikern der EU wie dem EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz oder dem Präsidenten der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker zugeschrieben. Martin Schulz ist Ehrenpräsident des Orchesters, Jean-Claude Juncker Leiter der ehrenamtliche Schirmherr. Sie sollten sich für den Erhalt des Orchesters stark machen, gerade in einer Zeit, in der die Europäische Union positive Signale und Symbole dringender braucht denn je, fordert der stellvertretende Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung in Deutschland, Andreas Masopust.

"Die jungen Musiker treten auf als Kulturbotschafter Europas mit Weltniveau. Sie sind sowohl künstlerisch extrem erfolgreich, aber eben auch Multiplikator und Verbreiter des europäischen Gedankens und vor diesem Hintergrund ist es schlicht und ergreifend nicht nachvollziehbar, dass ausgerechnet in diesen Zeiten in einer Krise Europas oder in der Krise Europas dieser Klangkörper nicht mehr gefördert werden soll. Wir hoffen, dass auch der Parlamentspräsident des Europäischen Parlaments, Herr Schulz, sich jetzt wirklich mal zu Wort meldet. Er ist ein aktiver Verbreiter der europäischen Idee und er hat eine ganz, ganz starke Verantwortung, die sollte er auch wahrnehmen."

Die EU-Kommission schweigt bislang

Bislang schweigt Martin Schulz zur aktuellen Situation des EUYO. Dabei drängt die Zeit. Die Anfrage für ein Interview für diesen Beitrag bei einem Mitglied der EU-Kommission zur aktuellen Entwicklung wurde nicht beantwortet.

Jetzt ist die Gefahr groß, dass die 40-jährige Jubiläumstournee in diesem Sommer gleichzeitig die Abschiedstournee des Orchesters wird. Seit bekannt wurde, dass das EUYO mit dem 1. September seine Förderung verliert, erfährt das Orchester eine enorme Welle der Solidarität. Mit Flashmobs in zahlreichen europäischen Großstädten machten die Musiker vergangenen Freitag auf ihre Situation aufmerksam, Dirigenten wie Simon Rattle und Marris Jansons, Orchester wie das Bayerische Symphonieorchester, die Berliner Philharmoniker und Amsterdamer Concertgebouw Orchester zeigen sich solidarisch, der Deutsche Musikrat, der DOV, die Kulturstaatsministerin Monika Grütters haben sich zu Wort gemeldet und versichert, dass sie sich aktiv in Brüssel für den Erhalt des Orchesters einsetzen wollen. Doch noch ist die Auseinandersetzung nicht gewonnen. Marshall Marcus: "Ich denke, es ist möglich, dass dies unsere Abschiedstournee wird. Ich glaube, wir finden nur eine Lösung, wenn viele EU-Staaten entscheiden, dass das eine wichtige Sache ist. Ich schreibe gerade den Kulturministern der EU und beziehe mich auf die Pressemitteilung der deutschen Kulturstaatsministerin mit der Frage, ob sie auch Teil der Koalition sein wollen. Das ist die Frage und das ist genau das, was Monika Grütters in ihrer Pressemitteilung gesagt hat: Sie sagte, wenn das Jugendorchester der Europäischen Union nicht schon bestehen würde, müsste man es jetzt erfinden. Warum dann nicht gleich das Bestehende erhalten?"

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