Mittwoch, 18. Mai 2022

Abhängigkeit vom russischen Nuklearsektor
Die Übermacht des Staatskonzerns Rosatom

Die Neuauflage des Uranatlas macht deutlich, wie abhängig die europäische Atomenergie von Russland ist. Nicht ohne Grund wurde der zivile Nuklearsektor von den EU-Sanktionen ausgenommen. Höchste Zeit also, dass nicht nur über Erdgas und Erdöl, sondern auch über die Abhängigkeit vom russischen Nuklearsektor diskutiert wird, meint Dagmar Röhrlich.

Ein Kommentar von Dagmar Röhrlich | 21.04.2022

Eine Luftaufnahme des Kernkraftwerks  Neckarwestheim (aufgenommen am 06.01.22).
Durch die Übernahme der deutschen Firma Nukem Technologies im Jahr 2009 verdient Russland sogar an der Lagerung radioaktiver Abfälle mit und am Rückbau der Atomkraftwerke in Neckarwestheim und Philippsburg. (picture alliance / Daniel Kubirski)
Inzwischen weiß jeder, wie abhängig Europa und insbesondere Deutschland von russischem Gas sind – oder von russischem Öl oder russischer Kohle. Doch bei Uran denkt kaum jemand über die Herkunft nach. Dass das ein Fehler ist, führt der Uranatlas vor Augen, der jetzt unter anderem von der Nuclear Free Future Foundation und dem Bund für Naturschutz Deutschland vorgestellt worden ist. Die Bilanz: In Europa – und das betrifft auch die in Deutschland laufenden Atomkraftwerke – stammen rund 20 Prozent des in den Brennelementen eingesetzten Urans aus Russland und etwa 19 Prozent aus dem eng mit Russland verbündeten Kasachstan. Macht zusammen rund 40 Prozent.

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Europa, so zeigt sich, ist also bei der Atomenergie stark von Russland abhängig. Und es ist ein erstaunliches Netzwerk, das sich da über die vergangenen Jahre gebildet hat. Im Zentrum steht der russische Staatskonzern Rosatom, der im internationalen Uran- und Nukleargeschäft eine Spitzenposition innehat. Er ist 2007 vom damaligen und heutigen Präsident Wladimir Putin per Gesetz gegründet worden – und untersteht direkt dem Kreml. Heute gehören ihm mehr als 350 Unternehmen an – die meisten davon sind im Nuklearsektor tätig: vom Uranbergbau über die Brennstoffproduktion bis hin zum Bau und sogar Betrieb von Kernkraftwerken ist alles vertreten.

 

Nuklear-Versorgungsagentur sieht „signifikante Verwundbarkeit“ Europas 


Durch die Übernahme der deutschen Firma Nukem Technologies im Jahr 2009 verdient Russland sogar an der Lagerung radioaktiver Abfälle mit und am Rückbau der Atomkraftwerke in Neckarwestheim und Philippsburg. Noch im Dezember 2021 hat der französische Nuklearkonzern Framatome mit einem zu Rosatom gehörenden Unternehmen ein strategisches Kooperationsabkommen unterzeichnet, in dem es unter anderem um Entwicklungen bei der Brennstoffherstellung geht. Und mit Blick auf die osteuropäischen und einige finnische Reaktoren ist die Abhängigkeit von Russland sogar so groß, dass die Europäische Nuklear-Versorgungsagentur darin eine Zitat „signifikante Verwundbarkeit“ sieht. Dort können derzeit aus technischen Gründen ausschließlich russische Brennelemente eingesetzt werden.

Dass alles ist der Grund, weshalb der zivile Nuklearsektor von den EU-Sanktionen gegen Russlands Energiewirtschaft vom 15. März 2022 explizit ausgenommen wurde. Mitten im Ukraine-Krieg gibt es Ausnahmen für russische Flugzeuge im EU-Luftraum – und zwar für die Lieferung von Brennelementen.

Das Ganze hat etwas von einer Spinne im Netz – und Europa ist die Fliege, die sich darin verfangen hat. Nicht nur bei den fossilen Energieträgern, sondern auch im Nuklearbereich. Höchste Zeit, dass also nicht nur über Erdgas und Erdöl, sondern auch über die Abhängigkeit vom russischen Nuklearsektor diskutiert wird. Atomkraft ist auch in dieser Beziehung keine Lösung.