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StartseiteKommentare und Themen der WocheDas Schuldzuweisungs-Bingo hat begonnen20.08.2021

Evakuierung aus Afghanistan Das Schuldzuweisungs-Bingo hat begonnen

Die Kultur der Schuldzuweisung, die Außenminister Heiko Maas und Innenminister Horst Seehofer nach dem Afghanistan-Debakel praktizieren, sei angesichts des menschlichen Leides der Flüchtenden und der Gefahr, in der Soldaten in Kabul stünden zutiefst empörend, kommentiert Marcus Pindur.

Ein Kommentar von Marcus Pindur

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Innenminister Horst Seehofer (CSU), beantwortet nach dem Innenausschuss zu Afghanistan vor der Bundespressekonferenz Fragen von Journalisten. (picture alliance/dpa/Wolfgang Kumm)
Meister des Schwarzer-Peter-Spielens ist Bundesinnenminister Seehofer, meint Marcus Pindur (picture alliance/dpa/Wolfgang Kumm)
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Keiner will es gewesen sein. Keiner will die Verantwortung für den katastrophalen Fehler tragen, die Evakuierungen von Deutschen und besonders afghanischen Ortskräften aus dem Land so lange, zu lange verzögert zu haben.

Das Schuldzuweisungs-Bingo hat begonnen. Neudeutsch nennt man das "blame game". Jeder schiebt den Schwarzen Peter weiter. Und alle sind nervös, denn es ist Wahlkampf. Selten entscheiden außenpolitische Themen eine Bundestagswahl, aber dieses Thema hat das Zeug dazu, den Wahlkampf zumindest mitzubestimmen.

Deutsche Soldaten stehen am Flughafen in Gao und sichern ein Transportflugzeug. (picture alliance / dpa / Arne Immanuel Bänsch) (picture alliance / dpa / Arne Immanuel Bänsch)Mögliche Lehren aus dem Afghanistan-Einsatz
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Meister des Schwarzer-Peter-Spielens: Seehofer

Meister des Schwarzer-Peter-Spielens ist Bundesinnenminister Seehofer. Auf der Pressekonferenz nach seinem Auftritt im Innenausschuss zündete er eine Nebelkerze nach der anderen. Seine Erklärungen glichen einem weißen Rauschen. Dabei ist mittlerweile klar, dass die umständliche Herangehensweise seines Ministeriums verhindert hat, dass die Ortskräfte der Bundeswehr in Masar-I-Sharif und Kundus bereits im Juni, ja, vor zwei Monaten, ausgeflogen werden konnten. Das Verteidigungsministerium hatte bereits Charterflugzeuge gemietet. Aber irgendwo im Gerangel zwischen Außen-, Innen, und Verteidigungsministerium ging diese Chance verloren. Zu Lasten von hunderten von afghanischen Mitarbeitern der Bundeswehr und ihrer Familien, die jetzt Todesängste ausstehen. Innenminister Seehofers lockere Körperhaltung auf seiner Pressekonferenz machte klar, dass ihn das wenig berührt.

Außenminister Maas hat immerhin eingestanden, dass er nicht mit dem schnellen Durchmarsch der Taliban gerechnet hat, und dass dies ein Fehler gewesen sei. Doch auch er konnte der Versuchung nicht widerstehen, sich an dem unwürdigen Spiel zu beteiligen und dem BND die Schuld in die Schuhe zu schieben. An der Spitze des BND steht ein CDU-Mann – ein Schuft, wer Böses dabei denkt.

Kramp-Karrenbauer spielt Blame-Game-Bingo nicht mit

Im verantwortlichen Ministertrio steht einzig Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer ihren Mann. Nicht nur, dass sie schon vor zwei Monaten versucht hat, die afghanischen Ortskräfte und ihre Familien, nach Deutschland zu bringen. Sie widerstand in den letzten Tagen auch der Versuchung, das Blame-Game-Bingo mitzuspielen und arbeitet sich an ihren Pflichten ab. Stünde nicht in fünf Wochen die Bundestagswahl bevor, würde sie das wahrscheinlich auch nicht vor dem Rücktritt bewahren können. Minister sind eben politisch verantwortlich, wenn in ihrem Bereich etwas schiefgeht.

Die Kultur der Schuldzuweisung jedoch, die Außenminister Maas und Innenminister Seehofer praktizieren, ist angesichts des menschlichen Leides der vor den Taliban Flüchtenden und der Gefahr, in der unsere Soldaten in Kabul stehen, zutiefst empörend.


Marcus Pindur, Korrespondent in Washington (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Marcus Pindur (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Marcus Pindur hat Geschichte, Politische Wissenschaften, Nordamerikastudien und Judaistik an der Freien Universität Berlin und der Tulane University in New Orleans studiert. Er war Stipendiat der Fulbright-Stiftung, der FU Berlin sowie des German Marshall Fund. 1997 bis 1998 arbeitete er als Politischer Referent im US-Repräsentantenhaus. Pindur war ARD-Hörfunkkorrespondent in Brüssel, bevor er 2005 zum Deutschlandradio wechselte. Von 2012 bis 2016 war er Korrespondent für Deutschlandradio in Washington, D.C. Seit Anfang 2019 ist er Deutschlandfunk-Korrespondent für Sicherheitspolitik.

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