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StartseiteTag für TagJesus, der Arier06.05.2019

Evangelische Kirche in der NS-ZeitJesus, der Arier

Auf der Wartburg gründeten vor 80 Jahren elf Landeskirchen "Das Institut zur Erforschung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben". Das "Entjudungsinstitut" sollte die Bibel an die nationalsozialistische Ideologie anpassen. Viele Mitarbeiter machten nach Kriegsende weiter Karriere.

Von Wolfram Nagel

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Kulisse für Nazi-Propaganda: Am 6. Mai 1939 wurde auf der Wartburg das sogenannte "Entjudungsinstitut" gegründet (imago stock&people)
Kulisse für Nazi-Propaganda: Am 6. Mai 1939 wurde auf der Wartburg das sogenannte "Entjudungsinstitut" gegründet (imago stock&people)
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Der pensionierte Glockensachverständige Rainer Thümmel hat in seinem Berufsleben viele Spuren der NS-Vergangenheit in deutschen Kirchen entdeckt. Zum Beispiel Glocken mit NS-Symbolen, die heute nicht mehr geläutet werden.

Und immer wieder stieß er auf den Namen eines Theologen, der schon 1930 in die NSDAP eingetreten war: Dr. Walter Grundmann, geboren 1906 in Chemnitz, gestorben 1976 in Eisenach.

"Walter Grundmann war ein ganz junger Oberkirchenrat, mit 27 Jahren aufgestiegen im Landeskirchenamt der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens und wurde dann 1936/37 berufen als Professor für Neues Testament und völkische Theologie. Seine Ernennungsurkunde trug die Unterschrift von Adolf Hitler", erzählt Thümmel.

Kirchliches Schweigen

Von dem Eisenacher Institut erfuhr Reiner Thümmel durch die US-amerikanische Judaistin Susannah Heschel. Die Tochter des Rabbiners und Religionsphilosophen Abraham Joshua Heschel begann sich nach dem Mauerfall mit den protestantischen "Deutschen Christen" und deren völkischer Theologie zu befassen. In einem Aufsatz stellte sie 1994 klar, dass Theologen wie Walter Grundmann, die alles Jüdische aus der Bibel tilgen wollten, damit der NS-Vernichtungspolitik zugearbeitet haben. Das sogenannte "Entjudungsinstitut" in Eisenach war Teil der Shoa, der Judenvernichtung.

Thümmel sagt: "Ich bin aus dem Staunen nicht mehr rausgekommen, als ich erfasst habe, was sich 1939 in Eisenach mit Gründung auf der Wartburg zugetragen hat. Das konnte man sich nicht vorstellen, denn die Kirchen haben nach dem Zweiten Weltkrieg darüber geschwiegen."

Kein "Amen" und kein "Haleluja"

Bis zu 200 Theologen arbeiteten in dem Institut am Fuße der Wartburg. So zum Beispiel Hans Erich Eisenhuth, Professor für systematische Theologie in Jena, oder der Thüringer Bischof Martin Sasse, der die Novemberpogrome mit Martin Luthers Schrift "Von den Juden und ihren Lügen" rechtfertigte. Walter Grundmann hatte schließlich als "wissenschaftlicher Leiter" des Instituts daran mitgewirkt, jüdische Hinweise aus der Bibel oder den Gangsbüchern zu tilgen.

Hebräische Begriffe wie "Amen" und "Haleluja" kamen bei ihm nicht mehr vor. Jesus machte er zum arischen Galiläer. Erst im Juli 1945 wurde das Institut von den Behörden geschlossen.

Thümmel: "Es ist keine Rede mehr davon gewesen, was er gemacht hatte. Er hat sogar versucht, die Arbeit des Instituts fortzusetzen. Das wurde unterbunden, auch eine Bewerbung in den sächsischen Pfarrdienst wurde abgewehrt."

Vom Nazi-Schergen zum Stasi-Mitarbeiter

Rainer Tümmel engagiert sich als Pensionär aktiv im Freundeskreis Dresdner Synagoge engagiert.

"Aber wie gesagt, er muss Gönner gehabt haben, die sein früheres Tun im Dritten Reich, in der Nazidiktatur gedeckt haben. Dass er auch, was sehr spät bekannt geworden ist, der Staatssicherheit gedient hat, hat dazu geführt, dass auch staatlicherseits für sein Tun gedeckt worden ist."

Ein Gönner muss der Thüringer Bischof Moritz Mitzenheim gewesen sein, der als Vertreter der Bekennenden Kirche das Vertrauen der neuen Machthaber besaß. Grundmann und Eisenhuth verloren zwar ihre Lehrstühle in Jena, wurden aber schon bald wieder in den Pfarrdienst übernommen.

Eisenhuth, der 1941 in einem Gutachten auch getaufte Juden als Feinde des Reiches bezeichnet und ihren radikalen Ausschluss aus der Volksgemeinschaft gefordert hatte, wurde Superintendent in Eisenach und dann Leiter der Evangelischen Akademie Thüringens.

Als Judenfeind zum Ausbildungsleiter

Grundmann fand zunächst eine Anstellung bei der Inneren Mission Waltershausen und bekam dann Lehraufträge am katechetischen Oberseminar in Naumburg sowie am Theologischen Seminar in Leipzig. 1954 wurde er Rektor des Eisenacher Katecheten Seminars.

Rainer Thümmel sagt: "Also Walter Grundmann hat an der Theologenausbildung in einem Umfang teilgenommen, dass man nur den Kopf schütteln kann. Er war ein erklärter Feind der Juden. Der antijüdische Kontext ist nicht übersehen bis zum Schluss. Wurde dann später noch zum Kirchenrat ernannt, dass er eine höhere Pension kriegen konnte."

Bei seiner Nachkriegskarriere habe ihm geholfen, sich als Opfer darzustellen, so der Historiker Oliver Arnhold. Grundmann und auch andere ehemalige "Deutsche Christen" behaupteten, sie hätten die Kirche vor dem völkischen Geist der Nazis schützen wollen.

Oliver Arnhold sagt: "Aber das Erschreckende ist natürlich, dass keine Notwendigkeit gesehen wurde, dass diese Menschen ihre Schuld eingestehen und ihre Vergangenheit dann entsprechend reflektieren. Man muss natürlich auch die Rolle der Kirche in der DDR sehen, dass dort auch kein Interesse bestand, nach 1945 in den Schattenseiten herum zu kramen. Die Kirche in der DDR hatte andere Sorgen als die Aufarbeitung ihrer braunen Vergangenheit."

Bücher weiterhin in den Regalen

Oliver Arnhold hat die bisher umfangreichste Arbeit über das sogenannte "Eisenacher Entjudungsinstitut" vorgelegt. Die zwei Bände "Entjudung – Kirche im Abgrund" sind im Berliner Institut Kirche und Judentum erschienen. Eine seiner ersten Quellen war ebenfalls der Aufsatz von Susannah Heschel. Erst nach dessen Erscheinen habe man begonnen, das Archiv zu sichten.

Arnhold erzählt: "Das war eingemottet. Das galt als sogenannte Giftküche, fest verschnürt. Ich war mit der Erste, der diese Archivalien entschnüren und erforschen durfte."

Bei seinen Recherchen hat Oliver Arnhold auch all die Schriften des Instituts in Antiquariaten gefunden. Wie "Die Entjudung des religiösen Lebens als Aufgabe deutscher Theologie und Kirche" von 1939 oder das "judenreine" Neue Testament "Die Botschaft Gottes".

Arnhold: "Als ich in den 90er Jahren dort geforscht habe, auch zu dem Institut, war das schon spannend, wie viele von den Büchern antiquarisch letztendlich noch zu bekommen waren. Die sind eben nicht weggeschmissen worden, sondern standen weiter in den Bücherregalen der Pfarrer und wurden dann nach ihrem Tod an die Antiquariate verkauft."

Die judenfeindliche Theologie der Deutschen Christen sei mit dem Ende der Nazidiktatur nicht einfach verschwunden gewesen, sagt der Wissenschaftler, genauso wenig wie Luthers Hetzschrift "Von den Juden und ihren Lügen". Darüber wurde nach 1945 allerdings nicht mehr laut gesprochen oder gepredigt.

"Das war ja nicht nur bei Walter Grundmann so, sondern bei vielen Theologen, die antijudaistische Denkstrukturen, die sie vor 1945 vertreten haben, auch in ihren Publikationen nach 1945 vertreten haben. Das muss man deutlich sehen, dass es dort auch 'nen starken Strang im theologischen Denken gegeben hat, der nicht betont hat, dass das Christentum aus der Wurzel des Judentum stammt."

"Mit Vergnügen gekauft"

"Wir haben ihm aus der Hand gefressen, weil wir gedacht haben, das ist theologisch die reine Lehre. Und hab nichts gewusst, dass er Nazi und gar in dieser Entjudungs-Kommission der Chef war. Ich habe das zu meiner großen Betroffenheit erst hinterher mitgekriegt", erinnert sich der pensionierte Pfarrer Hanno Schmidt aus Dresden an seinen Lehrer Walter Grundmann. Nach seiner Stasihaft war der Theologiestudent von der Leipziger Uni exmatrikuliert worden und konnte sein Studium aber an der kirchlichen Hochschule fortsetzen. Ganz neu erschienen waren damals Grundmanns Kommentare zu den Evangelien, mit denen noch bis vor wenigen Jahren ganze Studenten-Generationen arbeiteten, im Osten und im Westen.

Hanno Schmidt: "Wir haben die Bücher mit Vergnügen gekauft. Das war ja auch das Einzige, was es in der DDR gab. Und die dicken grünen Bände haben fast alle Pfarrer aus dieser Generation, wenn man nicht mit Verdacht oder Argwohn da ran geht, findet man auf Anhieb nichts, was da auf seine Vergangenheit hinweist."

Doch Hanno Schmidt hat nach Spuren des Eisenacher Instituts gesucht und ist fündig geworden. Als Beispiel nennt er die ökumenische Fassung des Chorals "Lobet den Herrn, den mächtigen König der Ehre". Da heißt es in der letzten Strophe Joachim Neanders von 1680:

"Alles was Odem hat, lobet mit Abrahams Samen. Für Grundmann war klar, der Abraham muss raus. Und da heißt es jetzt, die die Verheißung bekamen. Da ist Abraham weg, da ist Samen weg. Das ist im Gotteslob genauso drin wie im evangelischen Gesangbuch als ökumenisches Lied als wahrhaftes Überbleibsel der Nazizeit, Entjudungs-KommissionGrundmann und Eisenach."

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