Dienstag, 23.07.2019
 
Seit 22:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKommentare und Themen der WocheAngstfrei auf dem Weg in die Vertrauenskrise23.06.2019

Evangelischen KirchentagAngstfrei auf dem Weg in die Vertrauenskrise

Beim 37. Evangelischen Kirchentag hätte beobachtet werden können, dass die Kirche vor riesigen Zukunftsfragen stehe, kommentiert Kirsten Dietrich. In Dortmund hätte nicht überall das Vertrauen gestiftet werden können, dass sie diese Aufgaben bewältigt oder auch nur erkannt habe.

Von Kirsten Dietrich

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Pastorin Sandra Bils aus Hannover spricht beim Abschlussgottesdienst beim 37. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dortmund die Predigt. (dpa/Roland Weihrauch)
Pastorin Sandra Bils aus Hannover spricht beim Abschlussgottesdienst des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentags in Dortmund die Predigt (dpa/Roland Weihrauch)
Mehr zum Thema

Evangelischer Kirchentag Eine Institution auf Selbstfindungskurs

Evangelischer Kirchentag Dortmunder Demokratieversuche

Evangelischer Kirchentag "Sport kann auch Seelsorge sein"

Evangelischer Kirchentag Suche nach Auswegen aus der sozialen Spaltung

"Was für ein Vertrauen" dahinter kein Punkt, Ausrufe- oder Fragezeichen, sondern große Offenheit – ich hoffe, der Kirchentag spendiert dem- oder derjenigen, die den Geistesblitz für dieses Motto hatte, etwas richtig Schönes. Denn damit war dieser Kirchentag wirklich am Puls der Zeit. Vertrauenskrise, aber auch die Sehnsucht nach vertrauensstiftenden Maßnahmen, German Angst und "Ängstigt euch nicht" – das stellte den Kirchentag mitten hinein in die Debatten einer verunsicherten Gesellschaft. Gesellschaftliche Spaltungen wurden nicht schöngeredet, aber auch nicht mit Panik übergossen und verschärft. Stattdessen zeigte sich der Kirchentag wirklich als das, was er ja so gerne für sich in Anspruch nimmt: als politische Zeitansage und Forum für gesellschaftliche Debatten. Der Kirchentag war gerufen, und der Kirchentag hat geliefert. Kein Vergleich mehr zu der blassen und konturlosen Veranstaltung vor zwei Jahren: da feierten sich die Protestanten zur 500-Jahr-Feier ihres Gründungsjubiläums zwar in großem oder genauer: zu großem Stil, hatten aber kaum beflügelnde Inhalte zu liefern. Warum braucht auch eine immer weniger christlich geprägte Gesellschaft ein Forum wie den Kirchentag? Die Antworten, die vor zwei Jahren in Berlin fehlten, wurden dieses Jahr in Dortmund geliefert.

Grund für Vertrauen

Und doch: das sind keine Lorbeeren, auf denen sich die evangelischen Kirchen in Deutschland allzu sehr ausruhen sollten. Denn so klar der Kirchentag in die Gesellschaft hinein sprach und klarmachte, warum es Grund für Vertrauen, Zutrauen und Hoffnung gibt: in Richtung Kirche selber ist die Botschaft deutlich weniger hoffnungsvoll. Beim Kirchentag ließ sich nämlich auch beobachten, dass auch eine relevante Kirche vor riesigen Zukunftsfragen steht – und nicht überall das Vertrauen stiften konnte, dass sie diese Aufgaben bewältigt oder auch nur gesehen hat.

Persönliche Erbauung und Wachstum

Symptomatisch dafür kann der Abschlussgottesdienst stehen: in der Kirchentagslogik Schluss und Höhepunkt des Treffens. In Dortmund rechnete man mit mehr Teilnehmenden, als ins größte Fußballstadion Deutschlands passen – doch die Ränge waren nicht mal halb gefüllt. Das kann man mit Pragmatismus erklären: nicht so lang in der Sonne stehen zu wollen etwa oder der Wunsch, den früheren und leereren Zug nach Hause zu erwischen. Es heißt aber auch: Das Bekenntnis zu der Kirche, die hinter dem Kirchentag steht, ist etwas Verzichtbares geworden. Wichtig sind die Tage zwischen Eröffnungs- und Schlussgottesdienst, wo es um die persönliche Erbauung geht, persönliches Wachstum, Angebote fürs Individuum. Die vielen Workshops, in denen der und die Einzelne sich maßgeschneidert stärken konnten waren fast immer übervoll – die Gottesdienste eher selten. Natürlich muss niemand beim Kirchentag beten – aber es ist doch ein Signal, wenn das gemeinschaftliche Feiern im Stellenwert hinter die persönliche Erbauung zurückfällt. Zumindest sollte das die Kirche als Signal werten. Besonders deutlich zeigt sich das da, wo es um die sogenannte digitale Kirche geht – also die Frage, wie sich eigentlich in sozialen Netzwerken überzeugend von der christlichen Vertrauensbotschaft reden lässt. Die Institution Kirche, das zeigt sich immer deutlicher, stört da nur. Es geht nur um überzeugende Einzelpersonen. Ist diese Botschaft schon bei den hauptberuflichen Christen angekommen?

Verantwortliche sollten zuhören

Bei der Diskussion um Klimagerechtigkeit verließen die jungen Kirchentagsteilnehmer den Saal, nachdem Luisa Neubauer von Fridays for Future gesprochen hatte. Was Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, als EKD-Ratsvorsitzender immerhin ranghöchster Protestant, zum Klima zu sagen hatte, interessierte sie offenbar nicht die Bohne.  Beim Umgang mit dem Thema sexualisierte Gewalt zeigten sich Kirchentag und Kirchenleitungen wenig sensibel dafür, dass auch an sie die Vertrauensfrage gestellt wird. Die Institution erscheint da wichtiger als die Einzelnen. Diese Priorität, ganz im Vertrauen, setzen die Gläubigen längst anders. Wird Zeit, dass das auch die Kirchenverantwortlichen hören. Damit sie auch künftig wichtige Vertrauensbotschaften nach draußen senden können. 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk