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StartseiteTag für TagWie Genitalien zu Göttern wurden 20.03.2018

Evolution der Religion Wie Genitalien zu Göttern wurden

Wie ist die Religion entstanden? Und entwickelt sie sich nach Gesetzmäßigkeiten? Diese Fragen stellt die Religionswissenschaftlerin und Biologin Ina Wunn seit rund 20 Jahren und hat in ihrem neusten Buch die "Evolution der Religion - entschlüsselt". Manchem Theologen missfällt das.

Von Christian Röther

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Nachbildung der Venus von Willendorf unter Bäumen in Niederösterreich (imago stock&people)
"Der Ursprung des Göttlichen ist weiblich" (imago stock&people)
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"Die Religion ist aus der Biologie entstanden. Das heißt, aus ganz, ganz normalem Verhalten des Menschen. Es ging letztlich um Territorialverhalten."

Ina Wunn ist in Hannover Professorin für Religionswissenschaft. Außerdem ist sie Naturwissenschaftlerin, hat in Biologe und Paläontologie promoviert. Gute Voraussetzungen also, um nach dem Ursprung der Religion zu suchen. Fündig wird Ina Wunn vor plus/minus 70.000 Jahren. Die damaligen Jäger und Sammler fangen an, ihre Gebiete zu markieren, um andere Menschengruppen fernzuhalten.

"Dazu dienten ganz verschiedene Signale - einmal: Bestattungen. Bestattungen machen eben deutlich, dass man ein Gebiet von seinen Vorfahren ererbt hat. Dann dienen dazu aber Signale, die wir aus unserem normalen Verhalten kennen. Und zwar die abwehrend vorgestreckte Hand, kennen wir von Baustellenzeichen, kennen wir auch gelegentlich von Stoppschildern."

"Sexuelles Drohen"

Solche ausgestreckten Hände wurden schon vor 35.000 Jahren in Höhlen gemalt.

"Es gehört aber auch etwas dazu, was sehr unanständig ist, nämlich sexuelles Drohen. Das heißt, sowohl Männchen als auch Weibchen zeigen ihre Geschlechtsorgane, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass jemand, der sich widerrechtlich auf einem Gebiet zu schaffen macht, eine Vergewaltigung droht. Das Ganze war außerordentlich wirkungsvoll."

Was Forscher auch bei Affen beobachten, soll vor bis zu 30.000 Jahren Vorbild gewesen sein für Zeichnungen und Figuren. Berühmt sind die sogenannten Venusfiguren. Die waren bei unseren Vorfahren besonders beliebt, denn sie kombinieren drohende und beschwichtigende Signale, erklärt Ina Wunn:

"Die Venus von Willendorf droht ganz eindeutig mit ihrer recht aufdringlich dargestellten Scham. Sie beruhigt aber auch durch ihre wunderbaren großen Brüste."

"Die Ursprungsidee des Göttlichen ist weiblich"

Aus diesen Figuren, die ursprünglich also das Territorium sichern sollten, habe sich allmählich die Idee von göttlichen Wesen entwickelt.

"Die Ursprungsidee des Göttlichen ist tatsächlich weiblich. Aus diesen Frauenfiguren zusammen mit den Begräbnissen entstand über viele, viele tausend Jahre dann zuletzt die Vorstellung von einer schützenden Figur, die über die Toten in der Unterwelt wacht. Und in weiteren Schritten kamen dann andere Mächte, Wettergottheiten und so weiter, hinzu."

Der Schritt hin zu dem, was wir heute unter Religion verstehen, sei dann am Ende der Jungsteinzeit erfolgt, während der Neolithischen Revolution, als aus mobilen Jägern und Sammlern sesshafte Ackerbauern und Viehzüchter werden. Komplexere Gesellschaften erzeugen komplexere Glaubenssysteme.

"So ab 5000 vor Christus gab es den Glauben an Gestalten, Mächte, Kräfte, die auf das Leben der Menschen einen gewissen Einfluss ausüben und die man möglicherweise auch durch bestimmtes eigenes Verhalten, also durch Rituale, Opfer und ähnliches beeinflussen kann."

Religionen stehen "völlig gleichberechtigt nebeneinander"

So also ist, laut Ina Wunn, die Religion in die Welt gekommen. Daran schließt sie die Frage nach der Evolution der Religion an, ähnlich dem biologischen Evolutionsmodell.

Entwicklungsmodelle für Religionen wurden schon viele entworfen. Da heißt es dann zum Beispiel, aus dem Animismus habe sich der Polytheismus und daraus dann der Monotheismus entwickelt. Damit ging meistens eine Wertung einher: der Monotheismus als die höchste Entwicklungsstufe. Ina Wunn sieht das anders:

"Wir haben eine Gleichzeitigkeit von verschiedenen Spielarten, die einfach die unterschiedlichen Formen von Gesellschaft, die wir auf dieser Welt haben, widerspiegelt. Das heißt, eine Religion in Afrika, in der vielleicht noch die Ahnen verehrt werden, und die Religionen, die wir hier in Deutschland haben - dass die völlig gleichberechtigt nebeneinander stehen."

"Religionsökologische Nischen"

Religionen passen sich an Umweltbedingungen an, sagt Ina Wunn, also an politische, wirtschaftliche und soziale Strukturen. Analog zur Biologie spricht die Religionswissenschaftlerin von "religionsökologischen Nischen":

"Als Beispiel würde ich in diesem Falle gerne die Mormonen wählen."

Das Mormonentum hat sich im 19. Jahrhundert in den USA entwickelt – oder in Ina Wunns Worten: Die Mormonen haben erfolgreich eine religionsökologische Nische besetzt. Und zwar, indem ihr Buch Mormon unter anderem beschreibt, wie Jesus Christus auf dem amerikanischen Kontinent gewirkt habe. Das kam an, denn die Sehnsucht nach einer spezifisch amerikanischen Offenbarung war in den USA damals anscheinend groß.

"Genau in diese Nische sind diese Vorstellungen eingedrungen und konnten deswegen sofort in einem großen Teil der Bevölkerung einen Widerhall finden."

"Von einer konkurrierenden Religion ausgerottet"

Heute bekennen sich 15 bis 20 Millionen Menschen zum Mormonentum. Es ist hier also eine neue Spielart des Christentums entstanden, aus der schließlich eine eigenständige Art wurde. Wie bei Darwin sozusagen. Nur dass keine neue Spezies entsteht, sondern eine neue Religion. Allerdings verläuft die Evolution religiöser Ideen deutlich schneller als die biologische Evolution. Wie in der Biologie gibt es aber auch in der Religion Spielarten, die sich nicht durchsetzen können und schnell wieder aussterben.

"Eine erfolglose Spielart des Christentums waren die Albigenser."

Die Albigenser, auch Katharer genannt, sind eine christliche Strömung des späten Mittelalters. Vor allem in Südfrankreich gewinnen sie tausende Anhänger. Nach rund 400 Jahren ist es allerdings schon wieder vorbei mit den Albigensern, "die deswegen von der Bildfläche verschwanden, weil sie einfach von einer konkurrierenden Religion – damals eben dem katholischen Christentum – ausgerottet worden sind."

Neue Nischen entstehen

"Survival of the Fittest" bedeutet hier also: Diejenige christliche Konfession, die über die größere weltliche Macht verfügt, setzt sich gewaltsam durch. In der Geschichte der Religionen wurden und werden Abweichler oft bekämpft. Viele Ideen konnten sich trotzdem etablieren. Doch nie hätten es religiöse Spielarten in Europa so leicht gehabt wie heute, sagt Ina Wunn.

"Was wir sehen können, ist, dass allenthalben hier neue Nischen entstehen, in die sich Spielarten der christlichen Kirchen oder auch von nicht-christlichen Gruppierungen einnisten, die dann im Sinne einer Vereinskirche eine begrenzte Anzahl von Gläubigen an sich ziehen und an sich binden."

In Ina Wunns Evolutionsmodell hat sich aus menschlichem Territorialverhalten also über zehntausende Jahre die heutige komplexe Welt der Religionen entwickelt.

Gott abschaffen?

Diese Theorie dürfte nicht jeder Wissenschaftler vollständig teilen. Sie eröffnet trotzdem neue und inspirierende Perspektiven auf die Religionsgeschichte. Dafür erhalte sie viel Zuspruch, sagt Ina Wunn, es gebe allerdings auch kritische Reaktionen.

"Und zwar die von theologischer Seite. Da findet man das, was ich mache, überhaupt nicht schön, denn wenn sich Religionen entwickeln und wenn sie sich vor allen Dingen aus natürlichen Ursprüngen entwickelt haben, dann liegt der Gedanke nahe, dass es letztlich den Kernpunkt von Religion, also eine Gottesvorstellung, dass die nicht real ist. Also eigentlich macht man mir gelegentlich zum Vorwurf, ich wolle Gott abschaffen, was in der Tat nicht der Fall ist."

Denn ob es Gott gibt oder nicht, sagt Ina Wunn, könne sie mit ihrer Evolutionstheorie nicht entscheiden.

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