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StartseiteWissenschaft im BrennpunktLeben ist sterblich31.12.2019

Evolution des AlternsLeben ist sterblich

Der Nacktmull ist die Fleischwerdung eines alten Menschheitstraums: Er altert nicht, sein Risiko zu sterben ist immer gleich und dabei sehr gering. Warum altern Lebewesen überhaupt? Wie hat sich der Prozess im Lauf der Evolution entwickelt? Welche Rolle spielt die Umwelt – und welche unsere Gene?

Von Dagmar Röhrlich

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Nacktmull (Heterocephalus glaber) in einem zu Demonstrationszwecken aufgeschnittenen Erdtunnel   (imago stock&people)
Nacktmull in einem zu Demonstrationszwecken aufgeschnittenen Erdtunnel (imago stock&people)
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"Wir sehen jetzt gerade eine unserer jüngeren Kolonien, sie besteht aus zirka 20 Tieren."

Haarlose Nager wuseln durch einen künstlichen Bau aus Plexiglas. Sie trappeln durch schmale Röhren, schaffen Möhren- und Kohlstückchen von einem Ort an den anderen, schärfen die großen, krummen Vorderzähne, die aus ihrem Mund ragen.

"Wenn Sie einen Nacktmull sehen, dann sehen Sie ihn meist aktiv. Er ist immer am Konstruieren, am Bauen, am Aggressionen austeilen…"

…erläutert Thomas Hildebrandt. Fünf Terrarien stehen im Kellerraum des Berliner Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung – und in jedem lebt eine Nacktmullkolonie.

"Wenn man die normalen Parameter des Alterns an eine menschliche Population anlegt und an eine Nacktmullpopulation, dann gibt es eigentlich keine altersbedingten Sterberaten."

Eine Laune der Natur. Denn Leben - sieht eigentlich anders aus. Lebewesen altern. Und bis heute weiß keiner so ganz genau, warum.

Evolutionshypothese von Alfred Russel Wallace

"Alles altert, selbst Steine. Wir Menschen bauen mit dem Alter ab, und andere Tiere bauen mit dem Alter ab."   

Sagt James Vaupel von der Syddansk Universitet. Nur: Welches Prinzip steckt dahinter? Und warum altern wir, wie wir altern? Beides sind übrigens keine neuen Fragen:

"350 v. Chr. wies Aristoteles darauf hin, dass es einen Zielkonflikt gibt, wenn ein Tier in seinen Nachwuchs investiert und nicht in sich selbst."

Schwarz-Weiß-Foto von Alfred Russel Wallace (1823 - 1913).  (dpa / picture-alliance/ Mary Evans Picture Library)Der Forscher Alfred Russel Wallace entdeckte zeitgleich mit Darwin die Evolutionstheorie. (dpa / picture-alliance/ Mary Evans Picture Library)
Der britische Naturforscher Alfred Russel Wallace schlug erstmals vor, dass Altern und Tod Produkte der Evolution sein könnten: Sterben schafft Platz für die nächste Generation und entschärft den Wettbewerb um die verfügbaren Ressourcen. Inzwischen wird diese Hypothese kaum noch vertreten, unter anderem, weil die meisten wildlebenden Tiere gefressen werden oder auch verhungern, ehe sie an Altersschwäche sterben könnten. Wie sollte die Evolution da ansetzen? Vaupel:

"Alles altert. Doch die Frage ist, warum manche Lebewesen mit dem Alter schnell abbauen, und andere nur langsam."

Langlebig, aber nicht unsterblich

James Vaupel ist emeritiert, doch das bedeutet nicht, dass er aufgehört hat zu arbeiten. In Rostock hat er das Max-Planck-Institut für demographische Forschung aufgebaut und in Odense das Max-Planck-Center für Biodemographie des Alterns, dort forscht er jetzt an der Universität von Süddänemark.

"In meiner Gruppe haben wir haben die Hydra untersucht, einen kleinen Süßwasserpolyp. Im Labor haben diese Süßwasserpolypen eine extrem niedrige Sterberate. Wenn wir sie tausend Jahre lang halten könnten, würden sie immer noch leben."

Braune Hydra, Brauner Süßwasserpolyp (Hydra vulgaris) (Dunkelfeldaufnahme) (imago stock&people / blickwinkel/F. Fox)Unter idealen Bedingungen kann die Braune Hydra mehrere Jahrhunderte alt werden (imago stock&people / blickwinkel/F. Fox)

Für Hydra und Nacktmull scheinen die normalen Gesetze der Natur nicht zu gelten – doch das bedeutet nicht, dass sie unsterblich sind, sagt Vaupel:

"Ob Nacktmull oder Hydra: Auch wenn ihr individuelles Sterberisiko gering ist, werden sie eines Tages doch sterben."

Nacktmulle sterben nach Kämpfen, nicht an Altersschwäche

"Sie können jeden Nacktmull in die Hand nehmen, und Sie wissen nicht, wie alt er ist."

Thomas Hildebrandt vom Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung hat einen der Nacktmulle aus seiner Kolonie geholt. Er sieht aus als wäre eine Maus versehentlich in eine zu große, haarlose Haut geschlüpft.

"Das einzige, was wirklich nachweislich als Altersmarke dienen kann, sind die Zähne. Der Nacktmull hat drei Backenzähne unten und drei Backenzähne oben. Und diese wachsen nicht nach wie die Schneidezähne, und deswegen können Sie über Form und Zustand dieser Zähne relativ gut abschätzen, wie alt das Tier ist."

Hat ein Nacktmull erst einmal die gefährliche Anfangszeit überstanden, kann er Jahrzehnte alt werden. Wie alt, weiß niemand so genau. Das ist umso überraschender, weil Nacktmulle klein sind. Eigentlich gilt in der Natur: Je kleiner, desto kürzer das Leben. Hildebrandt:

"Der häufigste Tod eines Nacktmulls ist der Kampf. Es gibt kampfbedingte Erkrankungen wie Abszessbildung, Knochenbrüche, Nierenquetschungen, die dann zum Tod der Tiere führen. Aber dass ein Tier wirklich an Altersschwäche gestorben ist, das haben wir noch nicht gefunden."

Wie lässt sich "altern" überhaupt definieren?

"Was passiert eigentlich, wenn wir altern?" "Es ist mein Thema, und ich stocke schon bei der ersten Antwort."

Die Mathematikerin Annette Baudisch gehört zum Team um James Vaupel. Auch sie forscht an der Universität von Süddänemark – und am Rostocker MPI.

"Altern ist etwas, was wir alle erleben, und jeder hat natürlich sofort eine Vorstellung davon, was es bedeutet zu altern. Aber wenn man zur Alterung Forschung macht, dann muss man immer erst fragen, wie definiere ich Altern überhaupt."

Odense ist ein Hotspot der demographischen Alternsforschung. Dabei geht es um Geburten- und Sterberaten, darum, wie sich im Lauf eines Lebens die Fruchtbarkeit entwickelt und wie die Wahrscheinlichkeit zu sterben.

"Altern wäre da also ansteigende Sterberate, fallende Reproduktionsrate."

Unterschiedliche Alterungsverläufe bei verschiedenen Spezies

Den Demographen geht es darum, Alterungsverläufe zu entschlüsseln: in der Bevölkerung etwa, bei Tieren oder auch bei Pflanzen... So altern ziemlich alle Säugetiere nach einem für sie typischen Muster. Baudisch:

"Am Anfang ist in der Regel bei den meisten Arten die Sterberate recht hoch - bei den Kleinsten, bei den Jüngsten, frisch Geborenen, weil sie noch sehr verwundbar sind und erst wachsen müssen, sich entwickeln müssen. Dann fallen die Sterberaten. Die Größenordnungen sind unterschiedlich von Art zu Art, aber sind dann relativ niedrig um den Beginn des Erwachsenenalters und steigen dann bei vielen mit dem Alter an."

Fische folgen einem ganz anderen Muster. Bei ihnen ist die Sterblichkeit ganz früh im Leben am höchsten:

"Sie produzieren Hunderttausende, ja Millionen Eier, von denen die meisten gefressen werden."

Freischwimmende Larve des Fluss-Hechts (Esox lucius) lauert auf aus Laichband schlüpfenden Flussbarschlarven  (imago stock&people)Für Fischlarven ist die Lebenserwartung extrem gering (imago stock&people)

Owen Jones ist in Odense der Spezialist für demographische Muster quer über den Stammbaum des Lebens hinweg.

"Es gehört schon viel Glück dazu, zur Larve heranzuwachsen. Und auch die werden meist gefressen, so dass wieder nur mit viel Glück eine Larve zum kleinen Fisch wird. Für ein Individuum liegt die Chance, groß zu werden und damit weniger verletzlich, bei einer Million zu eins."

Oder anders gesagt: Wenn Fische oder beispielsweise auch Krokodile alt sind, erleben sie ihren nächsten "Geburtstag" mit größerer Wahrscheinlichkeit als in ihrer Jugend.

War Nichtaltern irgendwann einmal der Normalfall?

Und dann ist da die Gruppe der "Extravaganten", an denen die Jahre fast spurlos vorübergehen. Jones:

"Es gibt Arten, deren Sterblichkeit sich mit dem Alter nicht verändert – wie zum Beispiel bei der Hydra: Ihre demographische Kurve zeigt, dass diese kleinen Süßwasserpolypen nicht altern, sprich: Ihre Überlebenschancen sinken nicht und steigen nicht: Es geht einfach immer weiter, ohne dass ihr Organismus abbaut."

Diese Vielfalt des Alterns passt nicht zur klassischen Evolutionstheorie, nach der ein Lebewesen nur so lange in den Erhalt seines Körpers investiert, bis es seine Nachkommen großgezogen hat. Wenn die Fruchtbarkeit sinkt, verfällt der Körper – diese Sicht orientiert sich sehr an den demographischen Profilen von Säugetieren und Vögeln. Über das Altern von anderen Wirbeltieren oder wirbellosen Arten war viel zu wenig bekannt. Annette Baudisch:

"Es ist eine unglaublich spannende Frage zu fragen, ob es zuerst das Nichtaltern gab und sich dann das Altern entwickelt hat, oder ob Altern erst einmal der Ausgangspunkt war in den Algen und Bakterien, in den Einzellern, und dann bei den vielzelligen Lebewesen – also ob das Altern erst da war und dann verschwunden ist und wiedergekommen ist, oder hin oder her."

Fruchtbarkeit bei vielen Arten bis zum Tode

Jedenfalls altern in einem gewissen Sinne sogar Bakterien. Die Schäden, die sich im Lauf der Zeit in der Erbsubstanz des Bakteriums angesammelt haben, werden bei einer Teilung nicht gleichmäßig auf beide Tochterzellen verteilt, sondern eine der beiden kommt besser weg, wird verjüngt – und kann sich deshalb besser reproduzieren.

"Die Evolution scheint so viele bunte Formen hervorzubringen, warum nicht auch das Nicht-Altern?"

Erstaunlicherweise scheint es in der Natur kaum einen Typ von Lebensverlauf zu geben, den man nicht finden kann. Auch bei der Fruchtbarkeit: So werden beispielsweise die Alpensegler bis kurz vor ihrem Tod immer fruchtbarer – und die Steppenpaviane bekommen ihr Leben lang Junge, ohne dass die Jahre, die dabei ins Land gehen, viel an der Geburtenrate ändern würden. Nur eines scheint es nicht zu geben: einen Organismus, der unsterblich ist. Obwohl ein solcher Organismus mehr Nachkommen haben könnte als jeder andere.

"Da scheint es Trade Offs zu geben. Zielkonflikte."

Fortpflanzung geht auf Kosten der individuellen Überlebenschancen 

Annette Baudisch hat mit Modellrechnungen untersucht, wie es sich auf die Wachstumsrate einer Population auswirken würde, wenn die Mitglieder sozusagen ewig jung und ewig fruchtbar blieben. Das Ergebnis war eindeutig:

"Ich kann nicht alles haben. Wenn ich sehr viele Nachkommen produziere, dann hat das Kosten auf meine Überlebenschancen."

Fortpflanzung kostet Zeit, Energie und Ressourcen – Zeit, Energie und Ressourcen, die nicht für das eigene Überleben, etwa für die Korrektur von Fehlern im Erbgut der Zellen aufgewendet werden können. Jeder Organismus muss sich den Bedingungen seiner Umwelt anpassen, um Fortbestand und Erfolg der Art zu sichern. Seine Ressourcen muss er zwischen seinem eigenen Wachstum, dem Erhalt seiner Grundfunktionen und der Fortpflanzung aufteilen. Baudisch:

"Wenn ich mehr Nachkommen produzieren will, bedeutet das auch mehr Kosten, bedeutet das auch mehr Abnutzung. Und das schlägt sich dann wieder negativ auf die Überlebensraten nieder."

Reproduktionsstrategie hängt von Umweltfaktoren ab

Welche Strategie dabei am besten ist, hängt von Umweltfaktoren ab: Wenn es um den Erhalt einer Art geht, kann es sich durchaus auszahlen, früh auf viel Nachwuchs zu setzen.

Hauskatze (Felis silvestris f. catus), mit gefangener Maus in der Schnauze (www.imago-images.de / blickwinkel/McPHOTO/R. Mueller)Genetische Langlebigkeit macht für ein typisches Beutetier wie die Maus wenig Sinn (www.imago-images.de / blickwinkel/McPHOTO/R. Mueller)
"Eine kleine Maus wird sehr, sehr gerne von allen möglichen Tieren gefressen – dann ist das Leben sehr kurz. Und dann lohnt es sich auch nicht, diese Maus ewig jung und stark zu halten, weil die Lebenserwartung in so einer feindlichen Umgebung sowieso nur kurz ist."

Dasselbe gilt auch für kleine Vögel, die im Winter oft erfrieren oder verhungern, weil sie einen so hohen Metabolismus haben. Baudisch:

"Es macht einfach Sinn, möglichst viel Nachkommen so früh wie möglich zu erzeugen, weil man nicht weiß, ob man den nächsten Sommer erlebt."

Altern als Kosten-Nutzen-Rechnung

Mathematisch betrachtet geht es beim Altern also um eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Bäume lassen ihre Samen einfach auf den Boden fallen, wo sie dann wachsen oder eben auch nicht. Das bereitet dem Baum so gut wie keine Mühe. In solchen Fällen sieht die Kosten-Nutzen-Gleichung also ganz anders aus als bei Eichhörnchen oder Menschen: Sie kümmern sich um ihren Nachwuchs – und damit wirkt sich auch ihre Fortpflanzung ganz anders auf ihr Altern aus als bei einem Thunfisch, der Millionen Eier einfach ins Wasser abgibt. Owen Jones:

"Dass sich die Überlebenschancen eines Organismus mit dem Alter verbessern oder verschlechtern oder gleichbleiben, das sind alles Lösungen für das Problem der Reproduktion, die Weitergabe Ihrer Gene. Keine dieser Lösungen ist wirklich besser oder schlechter als die andere. Es ist eine Eigenschaft, die sich aus der Art, wie Evolution arbeitet, ergibt. Es geht um Kompromisse zwischen sofortigen und künftigen Gewinnen, zwischen dem Erhalt des Individuums und dem Erhalt seiner genetischen Linie. Die Evolution ‚versucht‘ sozusagen die Populationsgröße und den Erhalt der eigenen genetischen Linie zu optimieren. Und diese Balance richtet sich anscheinend mehr zugunsten des Nachwuchses aus als zur Erhaltung des Individuums."

Bei Nacktmullen produziert nur die Königin Nachkommen

Für die Nacktmulle liegt die Idealtemperatur bei 32 Grad Celsius. In ihrer Heimat in den Halbwüsten Ostafrikas leben sie in riesigen unterirdischen Bauten, graben mit ihren Zähnen kilometerlange Gänge aus der Erde.

Frage an Thomas Hildebrandt: "Was ist eigentlich das Geheimnis ihrer Langlebigkeit?"

"Nacktmulle sind Vegetarier, und haben ein sehr striktes, hierarchisches System. Aber ich glaube, diese beiden Faktoren sind in keinster Weise dafür verantwortlich, dass sie so langlebig sind."

Nacktmull-Nachwuchs im Tierpark Berlin Friedrichsfelde. Nur die Königin einer Nacktmull-Kolonie gebiert Junge. (imago stock&people)Nacktmull-Nachwuchs im Tierpark Berlin Friedrichsfelde. Nur die Königin einer Nacktmull-Kolonie gebiert Junge. (imago stock&people)
Vielmehr scheint ein Mechanismus eine Rolle zu spielen, der eigentlich "tödlich" sein sollte für jede Population. Die Inzucht. Nacktmulle, erklärt Thomas Hildebrandt, sind die einzigen Säugetiere, die wie Insekten organisiert sind:

"Nur ein einziges weibliches Tier ist fortpflanzungsfähig, und alle anderen Tiere sind eingeordnet in Kasten, vergleichbar mit dem Kastensystem beim Menschen. Es gibt also Tunnelarbeiter, es gibt Bruthelfer, es gibt Soldaten, es gibt den Pascha, und die Königin produziert für diese Kolonie, die bis zu 300 Individuen erreichen kann, alle Nachkommen."

Nacktmulle sind alle Erbkrankheiten losgeworden

Die Königin dieser Kolonie steckt mitten in einem kuschelnden Haufen aus Nacktmullen in einer Art "Wohnkammer".

"Durch diese Fortpflanzungsform, dass nur ein einziges Tier immer mit dem gleichen Mann Kinder produziert und alle miteinander verwandt sind, entsteht so eine Art Superorganismus, und jedes Mitglied der Kolonie ist mit der Königin verwandt."

Krankmachende Gene im Erbgut der Nacktmulle wären das Ende der Kolonie, denn die Krankheit bräche mit absoluter Gewissheit aus. Im Lauf von Jahrmillionen ist der Nacktmull alle Erbkrankheiten losgeworden. Wer sie trug, starb. Doch diese Entwicklung hatte ihren Preis:

"Er hat einen sehr geringen Grad an krankmachenden Genen, hat aber auch einen sehr geringen Grad an Anpassungsfähigkeit."

Leben unter der Erde braucht nur geringe genetische Flexibilität 

Denn Gene können auch positive Effekte haben, sie liefern das Spielmaterial für die Anpassung an sich verändernde Bedingungen. Doch der Nacktmull hatte kaum Bedarf.

"Er lebt unter der Erde. Nichts ändert sich richtig in diesem Bereich."

Die Evolution ist extrem verlangsamt. Gäbe es plötzlich Veränderungen in ihrem unterirdischen Bau oder dränge ein neuer Krankheitserreger ein: Nacktmulle könnten kaum darauf reagieren. Der Preis für ihre "Altersresistenz" ist also hoch.

Der Nacktmull hat seine eigene Form des Alterns entwickelt – eine, die zu seiner Umwelt passt. Andere Lebewesen waren im Lauf ihrer Evolution mit anderen Herausforderungen konfrontiert.

Größere Gehirne "lohnen" sich nur bei längerem Leben

"Eine wesentliche Veränderung bei der Evolution des Alterns kam ins Spiel, als die Ahnen der Menschen auftauchten. Wir investierten in größere Gehirne und in längere Jugendphasen, um Kompetenzen aufzubauen."

Kenneth Wachter von der University of California, Berkeley, ist mathematischer Demograph. Auch er ist emeritiert, und auch ihn lässt das Thema Alternsforschung nicht los:

"Größere Gehirne und eine längere Entwicklungsphase, bevor Sie produktiv werden, lohnen sich nur, wenn Sie lange genug leben, um auch die Früchte zu ernten. Wir glauben: Als sich die Menschen aus dem gemeinsamen Vorläufer mit den Schimpansen entwickelten, setzte bei uns eine Spirale ein, die ein längeres Leben und höhere Fertigkeiten förderte. Was für die Vorfahren der Schimpansen schlecht war, zahlte sich für unsere Vorfahren aus, weil wir in der Lage waren unser Gehirn zu nutzen, um unsere Nahrung zu optimieren. Es gab also eine Feedbackschleife in Richtung Langlebigkeit."

Alt werden für die Enkelkinder

Schimpansen werden schon mit etwa sieben Jahren geschlechtsreif, und 30 bis 40 Jahre alt. Ein deutlicher Unterschied zum Menschen.

Zwei Schimpansen (Pan troglodytes) sitzen zusammen mit einem Jungtier auf einem Felsblock  (www.imago-images.de / blickwinkel/W. Layer)Schimpansenfamilie: Unsere nächsten Verwandten werden früher geschlechtsreif, aber nicht so alt wie Menschen (www.imago-images.de / blickwinkel/W. Layer)
Als unsere Ahnen mehr und mehr Werkzeug einsetzten und damit Wissen weitergeben mussten, drängte uns der Theorie zufolge der evolutionäre Druck zu einer längeren Jugendzeit. Und zu einer Lebensdauer weit über die reproduktive Phase hinaus. Wachter:

"Es ist wichtig, dass wir uns um unsere Enkelkinder kümmern. Überleben jenseits des reproduktiven Alters hat einen evolutionären Wert."

Typische demographische Kurve beim Menschen

Auf dem Weg zum modernen Menschen entstand eine typische demographische Kurve. Sie hat zwei Besonderheiten: Nur wenige Säugetierarten leben länger als sie fruchtbar sind – und bei keiner anderen steigt die Mortalität im hohen Alter so radikal an wie bei uns. James Vaupel:

"Die Sterblichkeitskurve des Menschen verläuft im Grunde heute noch so wie vor 10.000 Jahren. Es gibt diese hohe Sterblichkeit im Säuglingsalter, dann sinkt sie, erreicht zwischen 10 und 15 einen Tiefpunkt, und das Risiko beginnt dann wieder zu steigen – insbesondere für junge Männern zwischen 15 und 35 Jahren. Die Untersuchungen an Skeletten und das Studium der letzten heute lebenden Jägersammler-Kulturen belegen, dass sich dieses prinzipielle Muster über die Zeit erhalten hat.  Im Lauf der Zeit sind allerdings die Sterblichkeitsraten für jedes Alter sehr stark zurückgegangen. Vor allem die Säuglingssterblichkeit, die früher vielleicht 25 Prozent betrug, liegt in den entwickelten Ländern heute nur noch bei wenigen Promille. Aber auch im höheren Lebensalter, mit 70, 80, 90 Jahren, ist das Sterberisiko enorm gesunken in den letzten Jahrhunderten."

Fortschritt bei Medizin lässt Lebenserwartung steigen

Es sind Verbesserungen bei Hygiene, Ernährung und vor allem in der Medizin, die die Lebenserwartung haben steigen lassen, erläutert Kenneth Wachter:

"Untersuchungen an der Mumie von Pharao Ramses II. – dem Pharao, der mit Moses gesprochen hat – legen nahe, dass er mehr als 90 Jahre alt geworden ist. Es gab also schon immer Menschen, die sehr alt geworden sind. Doch bis in die Neuzeit starben viele Menschen an Infektionskrankheiten. Die chronischen Krankheiten, die uns heute im Alter so zu schaffen machen, sind erst im 20. Jahrhundert wichtig geworden. Davor wurden die meisten Menschen einfach nicht alt genug."

 Zwar sterben auch heute noch die meisten Menschen zwischen 65 und 90 Jahren, doch inzwischen erreichen immer mehr ein extremes Alter, werden 100, 105, 110 Jahre und älter. Dieses Phänomen ist recht neu und wirft die Frage auf, wie lange es noch so weitergehen kann.

Gibt es eine Grenze, wie alt Menschen werden können?

2016 kamen Forscher des Albert Einstein College of Medicine in New York in einer Studie zu dem Schluss, dass die Menschheit an eine Grenze gestoßen ist: Die Ältesten der Alten seien im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer älter geworden – bis 1995. Seitdem habe sich der Rekord bei 115 Jahren eingependelt.

Die Arbeit wurde heftig kritisiert, unter anderem wegen der kleinen Zahl der "Super-Alten". Also legten James Vaupel und Kenneth Wachter eine neue Studie mit den Daten von 3900 "Super-Alten" aus Italien auf – Menschen, die alle ihren 105. Geburtstag gefeiert hatten. Das Ergebnis, so Wachter:

"In unseren Daten sehen wir, dass ab 105 das Sterberisiko ziemlich gleichbleibt. Man ist nicht auf der sicheren Seite, wenn man 105 Jahre alt geworden ist: Das Risiko zu sterben ist sehr hoch, aber es wird nicht noch schlimmer."

Dünne Datenlage bei Studien zu "Super-Alten"

Auch an dieser Studie gibt es Kritik, etwa dass nur sehr wenige Menschen älter waren als 110, so dass die Datenlage dann sehr dünn wurde. Doch es sieht so aus, als würde sich die Zunahme des Sterberisikos zwischen 80 und 90 abschwächen und ab 105 bei 50 Prozent einpendeln. Die Chance, den nächsten Geburtstag zu erleben oder auch nicht, ist und bleibt 50 Prozent, ganz gleich ob jemand 105 oder 115 Jahre alt ist.

Emma Morano im Porträt. (imago / Xinhua)Die Italienerin Emma Morano war von Mai 2016 bis April 2017 mit 117 Jahren die älteste lebende Frau der Welt. (imago / Xinhua)

Was die Superalten unter den Menschen besonders interessant macht ist, dass sie einen Blick in die Arbeitsweise der Evolution erlauben, sagt Kenneth Wachter. Denn weil Menschen jenseits der Fruchtbarkeitsgrenze weiterleben, kann die Evolution Gene eigentlich nicht aussortieren. Man würde erwarten: Was sich spät im Leben als ungünstig erweist, wird von Generation zu Generation weitergegeben:

"Die genetischen Varianten, die im extremen Alter schlecht für dich sind, die dazu führen, dass du krank wirst oder stirbst, haben allerdings meist auch leicht negative Auswirkungen auf die Entwicklung in jüngeren Jahren. Es gibt also einen gewissen Druck der Evolution, dass sich nicht eine zu große Zahl von diesen genetischen Varianten aufbaut. Ab einem bestimmten Punkt in Ihrem Leben ist all das Schlimme, was Ihnen unter genetischer Kontrolle passieren kann, bereits passiert. Wenn Sie 105 werden, werden Sie wahrscheinlich keinen Krebs mehr bekommen, Sie werden wahrscheinlich keinen Alzheimer bekommen. Wenn sie dazu neigen würden, wäre es bereits passiert."

Lebensstil und äußere Faktoren haben starken Einfluss

Man weiß inzwischen, dass 25 Prozent der Unterschiede in der Lebenserwartung des Menschen auf genetische Variationen zurückzuführen sind. 75 Prozent werden von Faktoren wie dem medizinischen Fortschritt, der Umwelt und dem eigenen Lebensstil bestimmt. James Vaupel:

"Ihr persönliches Sterberisiko hängt also auch von Ihrem Verhalten ab, von ihrer Ernährung, davon, wieviel Sie sich bewegen, ob Sie fettleibig sind, rauchen, zu viel trinken. Auch Freundschaften und Beziehungen zur Familie sind sehr wichtig, vor allem, wenn man älter ist und manchmal Hilfe braucht."

Die bislang zweifelsfrei älteste Frau, Sarah DeRemer Knauss, starb mit 119 in den USA. Für James Vaupel und Kenneth Wachter gibt es keinen Grund, warum die Superalten der Zukunft nicht noch länger leben sollten: In ihren Daten deutet nichts auf die Existenz einer absoluten biologischen Grenze hin. Kenneth Wachter schränkt allerdings ein:

"Ich glaube nicht, dass es große Veränderungen geben wird und die Menschen 140, 150 oder 160 Jahre alt werden, jedenfalls nicht ohne irgendeine Art Gentechnik. Wenn wir davon sprechen, dass keine Begrenzung der Lebensdauer in Sicht ist, meinen wir ein paar Jahre länger."

Immunsystem der Nacktmulle außergewöhnlich effektiv

Thomas Hildebrandt setzt den kleinen Nacktmull vorsichtig zurück in seine Kolonie. Das Immunsystem dieser Tiere ist zu erstaunlichen Leistungen fähig. Einmal, erzählt der Zoologe, hätte sich eine Königin durch eine Kampfverletzung einen riesigen Abszess zugezogen: Ein Viertel ihrer Körpermasse bestand schließlich aus Eiter. Die Biologen behandelten sie – und die Wunde heilte, das Tier blieb Königin.

Nacktmulle im Tierpark Berlin - damit man die Tiere beobachten kann, sind die Gangröhren in ihrem Terrarium aus Plexiglas  (imago stock&people)In ihrer natürlichen Umwelt leben Nacktmulle in völliger Dunkelheit unter der Erde (imago stock&people)
"Wir arbeiten sehr eng mit Infektiologen zusammen und mit Immunologen, weil wir beim Nacktmull viele der altersbedingten Erkrankungen vermissen."

Noch nicht einmal die Gifte, die absterbendes Gewebe freisetzt, können sie töten:

"Das ist ein Phänomen, das wir bisher auch nicht begreifen."

Auch nicht, wie sie so perfekt die Krebszellen bekämpfen, die auch in ihren Körpern ständig entstehen. Hildebrandt:

"Krebszellen sind Ergebnisse von Zellenmutationen. Das ist der Hauptgrund, der auch beim Menschen dazu führt, dass Krebsprozesse starten und dann zu Geschwülsten ausarten, die dann lebensbedrohend werden. Beim Nacktmull scheint es so zu sein, dass diese entarteten Zellen sehr früh erkannt werden und vom immunologischen System eliminiert werden."

Aggression sorgt für Führungswechsel

Das Immunsystem der Nacktmulle ist ungewöhnlich aktiv – und es ist angeboren, muss also nicht durch den Kontakt mit Keimen erst erworben werden. Dass es so perfekt darauf ausgelegt sei, Tumore zu bekämpfen, das dürfte ihrem untertägigen Lebensraum geschuldet sein: Die natürliche Radioaktivität ist unter der Erde hoch und damit auch die Mutationsrate, die zu entarteten Zellen führt. Den Krebs hat der Nacktmull besiegt. Nicht aber den Hang zu Aggression. Eine Kolonie ist nur dann stabil, wenn die Königin gesund und stark ist. Zeigt sie Schwäche, fordert ein anderes Weibchen sie zum Kampf auf Leben und Tod.

"Die Königin wird ausschließlich durch tödliche Kämpfe gewählt. Eine Königin, die letztendlich eine andere Königin ablöst oder eine gestorbene Königin ersetzt, muss bei ihrem Kampf mehrere Individuen umbringen. Es gibt keine friedliche Übernahme."

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