Mittwoch, 26.06.2019
 
Seit 17:35 Uhr Kultur heute
StartseiteUmwelt und Verbraucher Exklusives Gemüse für Feinschmecker19.05.2009

Exklusives Gemüse für Feinschmecker

Maiwirsing – eine fast vergessene Spezialität wird wiederentdeckt

Der Maiwirsing wächst wie er will, es gibt ihn nur in wenigen Dörfern in Deutschland und das auch nur wenige Wochen im Jahr. Trotzdem haben ihn die Feinschmecker von "Slow Food" entdeckt und nun kümmern sie sich um seine Erhaltung, um der fortschreitenden Standardisierung unserer regionalen Spezialitäten entgegenzuwirken.

Von Christoph Gehring

Kurz vor dem Wochenende auf einem Bauernhof bei Bonn: Frau Lenzen
packt ein.

"Wie viel wollen Sie jetzt? – So zehn bis zwölf, soviel wir reinkriegen."

Brigitte Lenzen ist aus Köln zu Bauer Edgar Janz nach Oedekoven gekommen, um das vielleicht exklusivste Gemüse des Rheinlandes, nein: das exklusivste Gemüse Deutschlands zu kaufen – Maiwirsing. Exakt drei Höfe bauen die selten gewordene Pflanze noch an, und alle drei liegen im sogenannten Vorgebirge zwischen Köln und Bonn. Woanders weigert sich der Maiwirsing nämlich, zu wachsen.

"Die haben schon Mal von den großen Saatgutfirmen aus versucht, dass sie hergegangen sind und haben in auslaufenden Betrieben Saatgut aufgekauft – funktioniert nicht. Der wächst nur hier zwischen, man kann sagen: Lengsdorf, Röttgen da oben, bis maximal Brühler Kante. Und dann ist Ende im Gelände."

Erklärt Sabine Janz, während ihr Mann die blaue Plastikkisten voller frischem Maiwirsing in Brigitte Lenzens Auto stapelt. Bei der Gelegenheit lässt sich auch gleich klären, wieso der Maiwirsing eigentlich Maiwirsing heißt.

"Das ist halt der erste Wirsing, den es halt im Frühjahr gibt. Der andere Wirsing wird dann halt erst im Frühjahr gesetzt. Und der hier wird schon im Herbst gepflanzt, steht dann über Winter und sobald annähernd die Temperatur ist im Frühjahr, fängt der an zu wachsen."

Vor Kurzem hat "Slow Food", die Vereinigung für Esskultur und Geschmacksvielfalt, den Maiwirsing in die Arche des Geschmacks aufgenommen. In dieser Arche schützt "Slow Food"inzwischen mehr als 1000 Lebensmittel, Kulturpflanzen und Nutztierarten, die in ihrer Existenz bedroht sind. Dass der Maiwirsing nun Passagier auf dieser Arche ist, verdankt er Brigitte Lenzen, die sich als Leiterin der Kölner Regionalgruppe von "Slow Food"der Rettung dieses rheinischen Gemüses verschrieben hat. Denn der Maiwirsing ist bedroht, weil niemand ihn mehr kennt. Und es kennt ihn niemand mehr, weil es ihn im Supermarkt nicht mehr gibt. Und warum es ihn im Supermarkt nicht mehr gibt, erklärt Sabine Janz:

"Einfach weil die großen Discounter nur noch standardisierte Ware verkaufen können. Da müssen sechs Köpfe siebeneinhalb Kilo in der Kiste ergeben. Das ist hier nun mal nicht, denn Maiwirsing lässt sich nicht standardisieren."

Tatsächlich ist der Maiwirsing nicht nur nicht standardisiert, er ist so etwas wie ein Anti-Wirsing: Er riecht nicht wirklich nach Wirsing, er schmeckt nicht wirklich nach Wirsing, er sieht nicht einmal aus wie wirklicher Wirsing. Der perfekte Wirsing für Leute, die keinen Wirsing mögen. Brigitte Lenzen jedenfalls mag den Maiwirsing:

"Der ist wirklich vom Geschmack her milder und vielleicht sogar ein bisschen nussig. Also: leicht. Und er sieht auch wunderbar aus: Dieses helle Grün und Gelb, das ist schon optisch so schön. Und dann duftet der sehr gut, bisschen Zitrone dran, bisschen Muskat – köstlich."

Blöd ist halt, dass der moderne Mensch sich nicht richtig rantraut an ein Lebensmittel, das keiner mehr kennt. Aber das soll sich jetzt ändern – Brigitte Lenzen und die anderen Gut-Esser von "Slow Food" haben im Rheinland nämlich eine Maiwirsing-Offensive gestartet. Die besteht aus gedruckten Informationen über den Maiwirsing, aus den zwölf blauen Kisten voller Maiwirsing, die Bauer Janz vorhin in Brigitte Lenzens Auto gestapelt hat – und aus viel Maiwirsing-Enthusiasmus.

"Wir machen zum Beispiel in Köln jetzt an drei Wochenenden hintereinander eine Marktaktion und verkaufen den Maiwirsing, aber nicht nur den Maiwirsing, sondern wir geben den Leuten diese Broschüre mit. Und dann haben wir diese etwas akademische Broschüre etwas gekürzt und haben stattdessen Rezepte dazu gemacht. Also zum Beispiel ein Grundrezept Maiwirsing, ja, weil wir gedacht haben, das muss da rein erstmal, damit die Leute überhaupt wissen, was sie mit dem Ding machen sollen. Und dann haben wir Wirsing-Kartoffeln-Stampf, Wirsing-Risotto – etwas vornehmer – oder Rahmwirsing-Tarte oder Wirsingsuppe."

Anders ausgedrückt:

"Köstlich!"

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk