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StartseiteInterview"Alpinismus lebt nach der Prämisse: möglich oder unmöglich"02.05.2017

Extrembergsteigen"Alpinismus lebt nach der Prämisse: möglich oder unmöglich"

Aus der Gefahrenwelt der Berge zurückzukommen, sei die eigentliche Kunst, sagte der Bergsteiger Reinold Messner im DLF. In jeder Generation habe es Leute gegeben, die versucht hätten, aus dem Unmöglichen, das die Generation zuvor definiert habe, Mögliches zu machen - auch der tödlich verunglückte Ueli Steck.

Reinhold Messner im Gespräch mit Dirk Müller

Reinhold Messner (Imago / Eibner)
Reinhold Messner im Gespräch zum Tod vom Bergsteiger Ueli Steck. (Imago / Eibner)
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Dirk Müller: "Scheitern heißt, wenn ich sterbe, wenn ich nicht zurückkomme." Das hat er einmal gesagt. Ueli Steck gehört zu den besten Extrembergsteigern der Welt und er ist sich der Gefahren seines Berufes bewusst, das ist klar, jede Sekunde. Sein Motto, leicht und schnell hinauf, und das in Rekordzeit. Das Unmögliche möglich machen. Auf dem Weg zu seiner neuen Bestmarke im Himalaya, ganz nahe am Mount Everest, ist der Schweizer an diesem Wochenende abgestürzt, 1.000 Meter tief in den Tod, kurz nach seinem 40. Geburtstag. Ueli Steck war einer der prominentesten Extrembergsteiger der Welt, ein Nationalheld in der Schweiz. Die berüchtigte Nordwand des Eiger hat er schon im Alter von 18 Jahren das erste Mal bestiegen und dann viele Male wieder. Sein Rekord steht noch immer: zwei Stunden und 22 Minuten für die Eiger-Nordwand. Im Sommer 2015 ist er auf alle 82 Viertausender der Alpen geklettert. Die Strecken dazwischen legte er zu Fuß, mit dem Fahrrad oder per Gleitschirm zurück, auch das war ein Rekord. Genau diese Rekordjagt ist immer auch äußerst kontrovers diskutiert worden, jedes Jahr aufs Neue, auch dann, wenn am Everest zum Beispiel hunderte Hobby-Bergsteiger wieder versuchen, auf den Gipfel zu kommen mithilfe der Sherpas, mit all den Gefahren und all den Risiken, mit all den Unzulänglichkeiten der Nichtprofis.

Aber reden wir über Ueli Steck. Völlig neue alpine Dimensionen eröffnet und erreicht hat auch unser Interview-Partner, der frühere Extrembergsteiger und Arktis-Durchquerer Reinhold Messner. Guten Morgen ins Vinschgau nach Südtirol.

Reinhold Messner: Guten Morgen aus Südtirol.

"Ueli Steck war ein sehr sicherer Bergsteiger"

Müller: Herr Messner, war Ueli Steck durch sein bergsteigerisches Tun und wie er es getan hat immer ein Todeskandidat?

Messner: Nein, nein. Ueli Steck war ein sehr sicherer Bergsteiger. Er hat ja sehr, sehr viel gemacht. Niemand hat das Glück, alle Viertausender der Alpen in Serie zu besteigen, auch noch in der winterlichen Zeit, und kommt dabei nicht um. Ich hätte nie gedacht, dass Ueli Steck umkommt mit seinen 40 Jahren, denn die Erfahrung, die er hatte, das Know-How, das er aufgebaut hatte, auch sein Können waren absolut top. Da gibt es keinen Zweifel. Ich schließe allerdings nicht aus, dass er in der letzten Zeit unter Druck stand und jetzt dann am Nuptse – das ist ja nicht direkt am Everest, sondern das ist ein Nachbargipfel, ein Siebentausender, eine sehr schwierige Wand, die er dort geklettert hat – mit seiner Methode, Drytooling oder nur mit den Pickeln hochzurennen, einen kleinen Fehler gemacht hat, oder dass ihm ein Stein auf den Kopf gefallen ist, oder dass eine kleine Lawine, ein Schneerutsch abgegangen ist. Wir wissen es nicht. Er hat den einen Fehler gemacht, oder umgekehrt er hat ein Quäntchen Glück, das jeder von uns braucht, eben nicht gehabt.

Müller: Sie haben gesagt, er hat vielleicht unter Druck gestanden in den vergangenen Monaten. Was meinen Sie damit?

Messner: Er hat sich selber Druck aufgebaut. Ich weiß nicht einmal genau, was er vorhatte, denn die Tatsache, dass am Everest natürlich eine Infrastruktur steht – da wird ja eine Piste gebaut, dass Leute da hinaufgebracht werden können, die keine Chance haben, in Eigenregie den Everest zu besteigen. Diese Piste wollte Steck nicht unbedingt nutzen, um seinen Rekord zu machen, Lhotse und Everest in einem Aufwasch zu besteigen. Und es scheint durch diese Besteigung des Nuptse im Vorfeld im Rahmen der Akklimatisation, des Trainings, dass er doch vielleicht das große Hufeisen machen wollte. Das war sozusagen das Projekt beziehungsweise die Herausforderung dieser Jahre, oder es bleibt die Herausforderung der nächsten Jahre.

Müller: Was heißt das, Hufeisen, für unsere Hörer?

Messner: Das ist eine bestimmte Möglichkeit, Lhotse, Nuptse und Everest in einem Aufwasch zu überschreiten. Das heißt, ich gehe vom Western Cwm – das ist ein großes Tal, auch Tal des Schweigens genannt – hinauf auf den Nuptse. Vom Nuptse gibt es einen langen, langen Grat, sehr ausgesetzt zum Lhotse, runter vom Lhotse auf den Südsattel - da treffe ich dann die Touristen, diese Everest-Besteiger auf der Piste -, hinauf auf den Everest und über den Westgrat zurück in das Tal des Schweigens. Das schaut aus wie ein Hufeisen. Aber ich habe dabei drei große Berge zu besteigen und die Nordwand des Nuptse dazu. Das ist dann wirklich das Highlight, das man heute machen kann. Das wäre eine neue Dimension des Höhenbergsteigens gewesen. Diese Bergsteiger tun ja vielfach - und habe auch ich gemacht - ein bisschen tiefstapeln am Beginn, dass die Kritik von außen, die Skepsis der anderen – Steck hatte natürlich auch Rivalen und hat einiges an Neid zu ertragen gehabt -, dass die anderen nicht allzu früh anfangen mit: Irrsinn, Wahnsinn, darf man nicht.

"Ich persönlich habe dem Ueli Steck sehr wohl zugetraut, das zu schaffen"

Müller: Das ist Ihnen ja 1978 bei der Everest-Besteigung auch so gegangen, ohne künstlichen Sauerstoff. Da haben ja alle gesagt, der ist wahnsinnig, der Reinhold Messner, das kann man nicht schaffen. Ist das durchaus vergleichbar heute mit der Situation von Ueli Steck?

Messner: Ja, das ist vergleichbar, obwohl wir Bergsteiger, zum Beispiel ich persönlich dem Ueli Steck sehr wohl zutraue und zugetraut habe, das zu schaffen. Mit seiner Geschwindigkeit, die einmalig war, mit seiner Ausdauer, auch mit seinem Know-How – wer heute an seinen Fähigkeiten zweifelt, hat keine Ahnung vom Ueli Steck, der kann das machen. Aber es kann dabei auch etwas passieren. Das ist einfach Extremalpinismus, dass nicht alle Risiken ausgeschaltet werden können. Es bleibt ein Restrisiko und jeder von uns, der an der Spitze des Bergsteigens unterwegs war in seiner Zeit – man darf den Steck nicht mit mir vergleichen, so wie ich nicht den Anderl Heckmair, Erstbegeher der Eiger-Nordwand, mit meiner Zeit vergleiche. Jeder steht in seiner Zeit. Aber es ist eindeutig so, dass Steck in der heutigen Zeit die Fähigkeit gehabt hat, außer zum Absturz am Nuptse, dieses große Projekt auch umzusetzen.

Müller: Aber es ging ja um Rekorde. Das ist es früher vielleicht auch schon gewesen. Das wurde vielleicht etwas anders definiert. Sie haben ja auch völlig neue Dimensionen durchbrochen: Everest ohne künstlichen Sauerstoff, Everest Alleingang, alle 14 Achttausender als erster Mensch bestiegen. Ueli Steck war bekannt, berühmt, berüchtigt, wie auch immer, für seine Geschwindigkeit. Vielleicht das noch mal ganz kurz, um das den Zuhörern klarzumachen. Im Grunde hat er nichts anderes als zwei Eispickel in die Hand genommen, einen leichten Rucksack, und ist mit einem Affenzahn, mit Hochgeschwindigkeit extrem steile Wände hochgegangen und hat diese Eispickel sogar nicht nur für das Eis, sondern auch für Felsformationen benutzt, damit er sein Instrument da nicht verändern musste. Zwei Stunden 22 auf die Eiger-Nordwand – da haben ja viele gesagt, das kann ja nicht wahr sein, das ist ja ein Sport, das hat nichts mehr mit Alpinismus zu tun. Wenn wir das richtig verstanden haben, nachgelesen haben, waren Sie ja auch einmal kritisch demgegenüber und haben gesagt, das ist Zahlenalpinismus. Sehen Sie das anders heute?

Messner: Der Rekord in der Eiger-Nordwand, vor allem der Wertrekord ist nicht nach meinem Geschmack. Das Bergsteigen ist nicht messbar. Ob einer schneller oder langsamer durch die Eiger-Nordwand geht, das zählt nicht, sondern es zählt am Ende, wer wieder zurückkommt. Das Zurückkommen aus dieser Gefahrenwelt ist eigentlich die Kunst. Das Drytooling, das Klettern mit den Eispickeln gab es bei uns damals nicht am Fels. Das ist heute Standard, das machen viele. Natürlich ist es ein Risiko, wenn jemand ohne den entsprechenden Rucksack, ohne die Ausrüstung, ohne Essen und mit ganz leichten Schuhen einen Siebentausender besteigt, wie es jetzt der Fall gewesen ist. Denn wenn er dabei in einen Schlechtwetter-Einbruch kommt und biwakieren [*] muss, ist er des Todes. Das ist ein sehr hohes Risiko. Das sei ihm unbenommen, das entscheidet er allein. Aber das Bergsteigen auf einen Rekord zu reduzieren, ist völlig falsch. Das Bergsteigen hat sich entwickelt ausschließlich nach der Prämisse, möglich oder unmöglich. Und in jeder Generation hat es Leute gegeben, zu der letzten Generation gehörte Ueli Steck, die versucht haben, aus dem Unmöglichen, das die Generation vorher definiert hat, Mögliches zu machen. Auch ich habe nur Unmögliches möglich gemacht. Und je größer die Schreier waren, die im Vorfeld gesagt haben, unmöglich, das geht nicht, das ist Wahnsinn, siehe Everest ohne Maske '78, umso größer war nachher der Erfolg, wenn es doch gelungen ist, dieses Vorurteil zu kippen. Im Grunde sind die Prämissen, das ist unmöglich, nur Vorurteile und solange das Unmögliche existiert, wird der Alpinismus sich weiterentwickeln. Das ist natürlich wie in jeder anderen Sparte des Daseins so, dass immer Leute versuchen, zu forschen, weiterzukommen, besser zu werden, mehr Know-How aufzubauen, und das Know-How akkumuliert sich ja im Laufe der Geschichte. Der Alpinismus ist 250 Jahre alt und lebt nach dieser Prämisse, möglich oder unmöglich.

Müller: Herr Messner, ich danke ganz herzlich - die Nachrichten warten auf uns -, dass Sie für uns Zeit gefunden haben heute Morgen. Vielen Dank nach Südtirol, Reinhold Messner.

Messner: Tschüss! – Danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


[*] Anm. d. Red.: An dieser Stelle wurde in der Abschrift ein Transkriptionsfehler beim Wort "biwakieren" korrigert.

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