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StartseiteKultur heute"Was man jetzt braucht, ist Zivilcourage"11.06.2016

Extremismusforscher Zick"Was man jetzt braucht, ist Zivilcourage"

In Sachsen soll das Fach Geschichte künftig auch nach der zehnten Klasse wieder verpflichtend sein - um rechtem Gedankengut vorzubeugen. Doch Rassismus und Populismusanfälligkeit entstünden eher auf dem Schulhof als im Unterricht, sagt Extremismusforscher Andreas Zick. Hier sei Zivilcourage gefragt.

Extremismusforscher Andreas Zick im Gespräch mit Mascha Drost

Der Konfliktforscher Andreas Zick ist Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)
Der Konfliktforscher Andreas Zick ist Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)
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Mascha Drost: Das Fach Geschichte soll in Sachsen zukünftig auch nach der zehnten Klasse verpflichtend sein, die Geschichte des 20. Jahrhunderts umfassend behandelt werden. Was sagt einer der führendsten deutschen Extremismusforscher zu diesem Vorschlag, Professor Andreas Zick – Geschichtsunterricht gegen braunes Gedankengut, ist das die Lösung?

Andreas Zick: Nein, das ist ein Teil einer kleinen Lösung. Eigentlich wundert man sich, denn wir denken ja alle, dass eigentlich ein Geschichtsunterricht diese Themen Rassismus, Kolonialismus, auch die Entstehung von Nationalstaaten, der Föderalismus, also die ganze Demokratiebildung sowieso schon Standard ist. Offensichtlich gibt es da Versäumnisse. Nein, man kann das nicht von oben verordnen. Man kann das nicht einem Fach zuordnen. In der Schule sind viele Fächer damit zu befassen. Zu den aktuellen Problemen gehört ja nicht nur mangelndes Geschichtsbewusstsein, sondern Rassismus, Rechtsextremismus, Rechtspopulismus. Da ist man anfällig, wenn man andere Dinge nicht kann. Da muss man Zivilcourage lernen. Da muss man auch verstehen, Geschichte anordnen ist immer sehr gefährlich, weil Geschichte ist interpretierbar, und man muss darüber lernen, wie man Geschichte vermittelt und nicht, dass man irgendeinen Inhalt von oben nun verordnet.

"Das passt eben nicht alles in einen Geschichtsunterricht"

Drost: Aber der Ansatz ist ja nun verständlich. Junge Menschen verbringen einen großen Teil ihres Tages in der Schule. Wo könnte man sie besser erreichen als da?

Zick: Nein, man muss sie da erreichen, wo Rassismus und Rechtsextremismus, wo Populismusanfälligkeit entsteht. Das entsteht zum Teil auf dem Schulhof, das entsteht ja nicht unbedingt im Unterricht. Wir haben Studien durchgeführt, in denen zeigt sich: Na ja, die Schülerinnen und Schüler, die hören dem Lehrer dann zu. Die hören vielleicht auch den Eltern zu und die Eltern versuchen es richtig und sagen, nein, wir distanzieren uns von Extremismusformen. Aber sie lernen es in ihrer gleichaltrigen Gruppe. Sie lernen es in den neuen Medien. Das heißt, sie lernen es über die sozialen Netzwerke und dieses alles muss dazugehören und das passt eben nicht alles in einen Geschichtsunterricht, der notwendig ist. Aber beim Geschichtsunterricht sind ja nicht die Fakten notwendig, sondern die Welt verschieden zu interpretieren und zu lernen, dass zu einer Demokratie es auch gehört, dass ich selbst persönlich diese Demokratie auch selber legitimieren kann und nicht nur eine Lehrerin oder einen Lehrer höre, der das für mich tut.

Drost: Ist es vielleicht auch ein größer angelegtes Bildungsproblem? Wenn wir jetzt mal einen Schritt zurücktreten und zum Beispiel auf die AfD schauen? Da gibt es ja an der Spitze natürlich den Professor, aber der Wähler, der kommt ja zum großen Teil aus dem Arbeitermilieu oder ist arbeitslos und nicht jeder, wie jetzt die Pläne in Sachsen vorhaben, macht ja auch nach der zehnten Klasse weiter. Müsste man nicht eigentlich schon viel, viel früher anfangen?

Zick: Wir fangen ja sehr viel früher an. Das wird uns auch nicht reichen, weil dann gucken wir vielleicht in die Kitas, wo die Kinder schon lernen, in Schubladen zu denken. Da gibt es irgendwie die Bärchengruppe und die Blümchengruppe und dann lernen Kinder, dass man Menschen in Schubladen ordnen kann. Das haben wir alles begriffen. Nein! Ich glaube, wenn wir unsere Daten - wir beobachten jetzt menschenfeindliche extremistische Tendenzen, auch Anfälligkeit von Menschen durch alle Schichten seit zwölf Jahren. Wir haben vorgeschlagen schon vor vielen Jahren: Wir brauchen andere Bildung. Wir brauchen zivilgesellschaftliche Bildung. Was man jetzt in solchen aufgeheizten Zeiten zum Beispiel braucht ist Zivilcourage, Medienkompetenz.

"Im Kern geht es darum, Demokratie zu vermitteln"

Drost: Wie kann man das vermitteln und wo vor allem?

Zick: Das vermittelt man ja. In Sachsen gibt es enorm viele Demokratieprojekte. Die werden oft nicht genannt. Ich arbeite auch zusammen mit der Amadeo-Antonio-Stiftung. Wir sind im ländlichen Raum, wir machen dort Graswurzel-Demokratieprojekte. Dort wo wir Menschen nicht mehr erreichen durch klassische Medien, weil Journalismus abgezogen ist oder weil Politik sich auch nicht vor Ort zeigt, da machen wir Projekte, Straßentheater, eigene Zeitungen. Im Kern geht es darum, Demokratie zu vermitteln und so zu vermitteln, dass Menschen wieder Lust und Freude haben, an Demokratie teilzunehmen, weil es ihnen selber auch hilft, in eine Zivilgesellschaft hineinzukommen. Das heißt, eigentlich kann man etwas gegen Menschenfeindlichkeit und Rassismus überall lernen. Wir brauchen das ja auch, wie die Gewerkschaften jetzt sagen, in den Ausbildungsberufen.

Drost: Wie wäre es denn eigentlich mit mehr Kunst statt mehr Geschichte? Denn rechtsdenkende Künstler, die kann man heutzutage an einer Hand abzählen, wenn einem überhaupt einer einfällt.

Zick: Das, finde ich, ist eine wunderbare Idee. Wir haben zum Beispiel jetzt gemerkt bei der Arbeit mit geflüchteten Menschen, asylsuchenden Menschen, wenn es da Konflikte gibt bei der Unterbringung, dass wir mit Kunst und Kultur Integration erreichen können. Ich finde, ja, das kann es sein. Wir lernen jetzt zum Beispiel, dass gemeinsames Kochen hilft, so banal das klingt. Aber eigentlich jede Möglichkeit, interkulturelle Verständigung und auch zu lernen, dass Vielfalt nicht bedrohlich ist. Darum geht es ja im Kern, dass viele Menschen Vielfalt als bedrohlich, als Überfremdung wahrnehmen. Das kann natürlich Kunst, Kultur, das kann der Sport auch tun. Wir sehen jetzt viele Sportprojekte, die sagen, na ja, wir vermitteln nicht nur Sport, sondern auch demokratische Kompetenzen, Konfliktfähigkeit. Das sind alles Wege, die man gehen muss und gehen kann und die man auch notwendigerweise nun gehen muss, weil im Moment sehen wir in den Studien, die Menschenfeindlichkeit steigt an und sinkt nicht wieder ab.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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