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StartseiteComputer und KommunikationExzellenz für Wikipedia17.06.2006

Exzellenz für Wikipedia

Web-Enzyklopädie will Akademiker für sich gewinnen

<strong>"Jung, unkonventionell und erfolgreich" – so könnte man das Wikipedia-Lexikon-Projekt beschreiben. Verfasst wurde es von vielen Tausend freien Autoren in ehrenamtlicher Tätigkeit. Hier liegt jedoch auch die Crux, denn manche Amateure nehmen es mit der Richtigkeit nicht so genau. Das soll sich jetzt ändern.</strong>

Von Björn Schwentker

Eine breite Initiative soll die Qualität des Online-Lexikons verbessern. (Wikimedia)
Eine breite Initiative soll die Qualität des Online-Lexikons verbessern. (Wikimedia)
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Wikipedia-Academy

Über 26.000 Autoren arbeiten an der deutschsprachigen Online-Enzyklopädie Wikipedia. Viele sind begeistert, einmal im Internet an einem Lexikon mitzuschreiben – doch nicht alle können das auf einem hohen Niveau. Ihnen fehlt einfach das Fachwissen. Die Macher der Wikipedia haben das erkannt, und wollen jetzt gezielt Experten als Autoren anwerben – auf der weltweit ersten "Wikipedia-Academy" in Göttingen:

"Wir haben diese Academy organisiert, um mehr Akademiker wie Professoren, aber auch Studenten, zum Mitmachen zu ermutigen. Wir wollen die "Qualität" dieser Leute."

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales reiste eigens aus Florida zur Academy nach Göttingen. 160 Teilnehmer sind gekommen, etwa ein Drittel davon Forscher, außerdem viele Studenten. In Workshops bekamen sie das technische Handwerkszeug, um in der Wikipedia zu schreiben. Wie legt man einen Artikel an, welche Links muss man dazu klicken, und wie kann man sich als Benutzer anmelden? Es ist alles ganz einfach – das ist die Botschaft der Wikipedianer hier in Göttingen. Dennoch: Bisher scheuten viele Forscher den Schritt, online mitzumachen. Ihnen fehlt einfach die Zeit, ihr Wissen allgemeinverständlich zu formulieren. Macht nichts, sagt Jimmy Wales, es geht auch anders:

"Wenn zum Beispiel ein Professor sieht, dass etwas falsch ist, er aber nicht viel Zeit hat, dann kann er immer noch andere gute Autoren alarmieren: "Schaut Euch mal diesen Artikel hier an, der ist falsch." Und dann sucht die Autorengemeinschaft jemanden, der den Artikel in Ordnung bringt."

Dann allerdings müsste der Professor darauf vertrauen, dass andere – die weniger wissen - wirklich einen korrekten Lexikoneintrag aus seinen Anmerkungen machen. So etwas kann nicht klappen, sagt Ulrich Fuchs aus Essen. Der Computer-Spezialist war früher selbst eifriger Wikipedianer. Inzwischen hat er das Projekt enttäuscht verlassen und ist heute einer seiner schärfsten Kritiker – weil die Qualität zu schlecht sei. Doch auch die Wikipedia-Academy werde wohl kaum dauerhaft Akademiker als Autoren begeistern können, glaubt Ulrich Fuchs:

"Wenn ich jetzt eben nur versuche, das Ding unter Akademikern bekannter zu machen und zu sagen: Schreibt mal schön. Dann gucken die da rein und sagen: Um Gottes Willen, da schreibe ich doch nicht mit. Da muss sich das Benehmen in der Wikipedia ändern. Das muss akademischer werden."

Was Akademiker abstoße, sagt der Ex-Wikipedianer, sei vor allem die Diskussionskultur. Jeder sehe sich selbst als Fachmann, auch wenn er keine Ahnung habe. Die Forscher andererseits sind ziemlich überzeugt von ihrem Wissen.

"Es gibt immer wieder Fälle, dass eben in bestimmten Artikeln Fachleute kommen, die fachlich den Artikel verändern, und das dann von Autoren gesagt wird: ich habe das aber auf der Webseite von soundso anders gelesen, und da machen wir jetzt mal einen gemeinsamen Artikel und wir müssen jetzt einen Konsens finden und sonst was. Das ist aber nicht unbedingt das, was ein Akademiker will, denke ich, sondern da gibt es halt doch in vielen Dingen weit mehr richtig und falsch, als die Wikipedia sich das gerne zugesteht."

Die Lexikon-Macher hingegen sehen solche Diskussionen gerade als Vorteil – auch für die Wissenschaftler. So könnten sie lernen, ihre Ideen verständlich zu erklären und mit Laien in den Dialog zu treten. Das sei auch eine Frage der Verantwortung, sagt Frank Schulenburg, der die Wikipedia-Academy in Göttingen organisiert hat. Unter Schülern sei die Wikipedia schon heute die Informationsquelle Nummer eins, und müsse darum so richtig wie möglich sein. Schließlich gehe es um mehr Wissen für die Leser, und nicht um wissenschaftliche Lorbeeren für die Autoren, sagt Frank Schulenburg.

"Das heißt also, dass die Wikipedia sicherlich nicht insofern für Wissenschaftler attraktiv ist, dass sie sich mit ihrem Namen da wieder finden, dass sie die Zahl ihrer Veröffentlichungen auf ihren Publikationslisten vergrößern, das glaube ich wäre völlig absurd, das zu denken."

Bald soll es weitere Wikipedia-Akademien geben, auch in anderen Ländern. Schon diesmal wollten dreimal mehr Teilnehmer kommen als es Plätze gab. Wikipedia-Gründer Jimmy Wales ist darum optimistisch, dass mehr Akademiker und Forscher unter den Autoren die Qualität der Wikipedia langfristig verbessern werden. Auch wenn sie das Lexikon heute am schärfsten kritisieren.

"Diesen Leuten sagen wir: Ja, kommt und helft mit. Wir wollen besser werden. Das ist jetzt das Wichtigste."

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