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StartseiteInterviewDer abgeschaltete Zinseszins11.04.2016

EZBDer abgeschaltete Zinseszins

Georg Fahrenschon fordert von der Europäischen Zentralbank eine Umkehr in ihrer Geldpolitik. "Die EZB hat das Grundprinzip des Zinseszins abgeschaltet", sagte der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes und CSU-Politiker im DLF. Die Folgen wirkten sich auf viele Anlageformen aus.

Georg Fahrenschon im Gespräch mit Christine Heuer

Georg Fahrenschon, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. (Imago / Sepp Spiegl)
Georg Fahrenschon, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. (Imago / Sepp Spiegl)
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Die EZB finanziere Krisenstaaten und Krisenbanken, sagte Fahrenschon. "Sie hat sich in eine Sackgasse manövriert." Seiner Ansicht nach würden nahezu alle Anlageformen darunter leiden: Stiftungen, Lebensversicherungen, betriebliche Altervorsorge, Sozialversicherungssysteme. "Das ist der dramatische Effekt", sagte Fahrenschon. Er forderte eine Debatte über die Politik der EZB.

Es gebe nun drei Möglichkeiten, mit der Lage umzugehen, sagte Fahrenschohn: Entweder müsse man Leistungen aus den Anlagen zurücknehmen, in riskantere Anlagen investieren oder schlicht und einfach mehr bzw. länger arbeiten. Angesichts dieser Optionen sei es daher wichtig, mit den Zinsen die Grundstruktur des Sparens wiederherzustellen. "Damit jeder wieder weiß: Sparen lohnt sich." Andernfalls gehe man gefährlichen Zeiten entgegen. 


Das komplette Interview zum Nachlesen:

Christine Heuer: Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon, ist jetzt am Telefon. Guten Morgen!

Georg Fahrenschon: Grüß Gott! Guten Morgen, Frau Heuer.

Heuer: Herr Fahrenschon, nun laufen sie Sturm gegen Mario Draghis Niedrigzins-Politik, die Unions-Politiker. Kommt Ihnen das zu spät?

Fahrenschon: Nein. Insgesamt ist festzustellen, dass in ganz Europa die Kritik an der Notenbankpolitik mittlerweile zunimmt, denn sie muss sich ihre eigenen Ergebnisse vorhalten lassen und sie schafft neue gefährliche Probleme. Mit ihrer unbegrenzten Nachfragemacht zerstört die Europäische Zentralbank aktuell Märkte und den Wettbewerb. Durch die Geldschwemme, die sie selber auslöst, durch das Ankaufsprogramm am Geldmarkt und am Markt für Staatsanleihen stellen wir im Grunde Funktionsunfähigkeit fest. Und jetzt steigt sie ja selbst auch noch in den Kauf von Unternehmensanleihen ein. Das beeinträchtigt ganze Marktbereiche. Der Immobilienmarkt läuft langsam europaweit heiß. Unterm Strich muss man feststellen: Die Märkte können dieses ganze viele Zentralbankgeld gar nicht mehr aufnehmen. Man hat versucht, Zeit zu kaufen. Die Politik hat aber europaweit diese Zeit nicht genutzt. Die Ergebnisse werden eben schwieriger.

Heuer: Nun möchte die Union den Druck erhöhen auf die EZB, aber wie soll denn das gehen. Was konkret fordern Sie jetzt von der Bundesregierung?

Fahrenschon: Ich glaube, dass man sich einfach der Debatte zu stellen hat, dass Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank gleichzeitig nicht frei von Einfluss, den die Zentralbank nimmt, bedeutet. Unterm Strich finanziert die Europäische Zentralbank Krisenstaaten und auch Krisenbanken in bestimmten EU-Ländern. Und diese Debatte muss geführt werden. Die Unabhängigkeit erfordert immer auch die Beschränkung auf das eigene Mandat. Und da geht es um die Geldwertstabilität und um nichts anderes.

Heuer: Wollen Sie, dass die EZB nicht mehr unabhängig ist?

Fahrenschon: EZB hat sich in eine Sackgasse hineinmanövriert

Fahrenschon: Nein, um das geht es nicht. Aber die Europäische Zentralbank muss sich mit den Konsequenzen und auch den Ergebnissen ihrer Politik auseinandersetzen. Der Zins ist immer auch gleichzeitig der Preis für das Risiko eines Geschäfts. Wo die Europäische Zentralbank den Zins ausschaltet, dort werden immer höhere Risiken eingegangen. Sie hat sich am Ende hier in eine Sackgasse hineinmanövriert, aus der es am Ende im schlimmsten Fall nur über krisenhafte Zuspitzungen wieder einen Weg hinaus gibt. Man muss einfach immer sich wieder daran erinnern: Der Zins ist der Preis für den heutigen Verzicht auf Konsum. Wer sein Haus anderen zur Verfügung stellt, der bekommt über die Miete eine Zinseinnahme. Wenn dieser Effekt ausgeschaltet ist, dann verzichtet niemand mehr. Dann verbraucht jeder alles. Das ist das glatte Gegenteil von Nachhaltigkeit. Und das Problem erleben wir jetzt europaweit in allen Bereichen, bei den Stiftungen, bei den betrieblichen Altersvorsorgesystemen, in den Sozial- und Rentenversicherungen. Dieser Debatte muss sich die EZB stellen. Sie darf sich nicht darauf zurückziehen, nur den Zins niedrigzustellen und Zeit einzukaufen. Das ist zu wenig.

Heuer: Aber, Herr Fahrenschon, was heißt denn das konkret? Sie sagen, die EZB soll unabhängig bleiben. Sie sagen, sie soll sich der Debatte stellen. Das können Sie sich wünschen. Was kann die Politik konkret tun, um Ihrer Kritik, wenn sie denn geteilt wird, gerecht zu werden? Was heißt das konkret?

Fahrenschon: Ich glaube, man muss sich sehr genau anschauen, ob die Europäische Zentralbank mit all ihren Maßnahmen bis hin zu den direkten Einflussnahmen in die Märkte, was Unternehmensanleihen angeht, was Staatsanleihen angeht, noch in ihrem Mandat steht. Dieser Debatte muss sich die Europäische Zentralbank stellen. Sie wird in ganz Europa geführt. Das ist nicht ein Arbeiten an ihrer Unabhängigkeit, sondern das Fordern, dass die Europäische Zentralbank sich in ihrer Gesamtverantwortung auch den Effekten, die sie durch die Niedrigzins- und Negativzinspolitik aufbaut, stellt. Die gefährlichen Nebenwirkungen, die steigen Monat für Monat, und die Ergebnisse, das wirtschaftliche Wachstum in weiten Teilen Europas bleibt hinter den Erwartungen bei Weitem zurück.

Heuer: Sie finden, dass die EZB sich nicht an ihr Mandat hält beziehungsweise es überschreitet?

Fahrenschon: Geldwertstabilität alleine erfordert nicht negative Zinsen

Fahrenschon: Die Geldwertstabilität alleine erfordert nicht negative Zinsen und Debatten über Hubschraubergeld. In einer Zeit, in der wir ganz genau wissen, dass unsere gemeinsame Währung eine Vertrauenswährung ist, auf dem Vertrauen in das Zusammenspiel auch aufbaut, darf von der Spitze der Europäischen Zentralbank bitte doch nicht solche eine Diskussion völlig unnötigerweise vom Zaun gebrochen werden.

Heuer: Und wenigstens das könnte man, wie die Bundesregierung meint, juristisch prüfen lassen, oder wie die Union meint?

Fahrenschon: Ich glaube, dass man sich einfach wieder gemeinsam daran erinnern muss, wie wichtig das Vertrauen in die gemeinsame Währung ist. Da darf man dann nicht davon reden, man will Bargeldobergrenzen einführen. Man darf nicht davon reden, man will einen Euroschein vom Markt nehmen. Und man sollte auch die Finger davon lassen, die Menschen zu verunsichern, dadurch, dass man ihnen erklärt, man will jetzt europaweit Geld ausschütten.

Heuer: Die Deutschen sind klassische Sparer und die sind beunruhigt. Ist die Rente hierzulande nicht mehr sicher?

Fahrenschon: Fakt ist, dass alle unter diesen Effekten der Negativ- und Niedrigzinspolitik zu leiden haben, die Stiftungen, die Lebensversicherungen, die betrieblichen Altersvorsorgesysteme in Industrie und Mittelstand und auch die Sozialversicherungssysteme. Das nimmt niemand aus. Das ist der dramatische Effekt, den wir uns mit diesem Zeit-Einkaufen und mit dem Ausschalten der Zins- und Zinseszinseffekte eingekauft haben. Umso wichtiger ist, dass wir damit möglichst bald wieder Schluss machen.

Heuer: Herr Fahrenschon, sind Sie so lieb und sprechen mehr in den Hörer, weil wir verlieren Sie gerade ein bisschen akustisch.

Fahrenschon: Ja gerne. Wir hatten hier eine technische Anmeldung. Wenn es jetzt wieder besser ist, mache ich gerne so weiter.

Heuer: Perfekt! So machen wir weiter. Dann haben wir das technische Problem auch geklärt. - Müssen die Deutschen länger arbeiten wegen der Zinspolitik der EZB? Ist das so?

Fahrenschon: Fakt ist, dass wir unter den gegebenen Umständen zu wenig Erträge erreichen können, wenn man solide und sicher anlegt. Denn der Zins und Zinseszins ist durch die Zentralbank ausgeschaltet worden. Dann kann man sich mit drei Optionen auseinandersetzen. Man versucht, die Leistungen zurückzunehmen. Das wollen wir nicht. Man versucht, in schwierigere Anlagen zu gehen, also riskanter zu fahren. Das verbietet sich. Oder wir versuchen, einfach diesen Zins- und Zinseszinseffekt abzuarbeiten, auszusteuern; dann müssen wir alle gemeinsam mehr zupacken. Der beste Weg allerdings wäre, wir würden wieder zurückkehren auf eine Grundstruktur, die den Zins- und Zinseszinseffekt wieder unterstützt. Die Europäische Zentralbank muss sich auf den Weg begeben, die Rahmenbedingungen wieder in normale Gefilde zurückzuführen, sodass jeder wieder weiß, Sparen lohnt sich und Vorbereitung und Prävention ist die richtige Entscheidung.

Heuer: Jetzt haben wir ganz viel über die Sparer gesprochen. Die bringen ihr Geld aber zu den Banken und gerne zu den Sparkassen. Das liegt ja sozusagen schon in ihrem Namen. Um wen machen Sie sich eigentlich mehr Sorgen, Herr Fahrenschon, um die deutschen Sparer, oder um die deutschen Sparkassen?

Fahrenschon: Sparkassen stehen sehr stabil an den Märkten

Fahrenschon: Die Sparkassen stehen sehr stabil in den Märkten. Wir haben in der Vergangenheit, weil wir diese Entwicklung haben kommen sehen, zusätzliche Vorsorgereserven aufgebaut, damit wir unbeschadet auch schwierige Zeiten überstehen können. Ich mache mir viel mehr Sorgen um die Kunden, um die privaten Haushalte in ganz Europa und um die Wirtschaft, die am Ende höhere Risiken aufnehmen muss. Und bei den Sparern muss man ganz klar sagen: Wer heute mehr spart, der muss mehr Kapital im Alter haben. Wer das nicht tut, dem fehlen nicht nur Zinsen; dem fehlt dann auch das Grundkapital. Wir gehen da ganz gefährlichen Zeiten entgegen. Umso wichtiger ist, dass wir frühzeitig wieder umsteuern.

Heuer: Herr Fahrenschon, nun ist es aber so: Mario Draghi möchte ja nicht die Deutschen ärgern. Er möchte Krisenstaaten unterstützen. Und diese Spardiskussion, die wir hier erleben, die findet ja nicht überall in Europa statt. Das ist schon etwas sehr Deutsches offenbar. Welchen Staaten außer uns schadet die EZB-Politik denn noch im Euroraum?

Fahrenschon: Diese Diskussion haben wir sehr wohl in weiten Teilen Europas. Wir haben sie in den Niederlanden, wir haben sie in Österreich, wir haben sie auch in Italien, in Norditalien vor allen Dingen, oder aber auch Frankreich. Es ist eben so, dass die Europäische Zentralbank momentan ein zentrales Grundprinzip, auf das wir in unserer Wirtschaft, in unserer Gesellschaft auch setzen, nämlich heute etwas zurückzulegen, auf die hohe Kante legen, um mit den zusätzlichen Erträgen auch Herausforderungen, die im Alter auf jeden von uns zukommen können, abzusichern, das ist abgeschaltet. Wissen Sie, das ist so ähnlich wie in dieser wunderbaren Werbung für das Überraschungsei. Derjenige, der warten kann, der erhält ein zweites Ei dazu. Der, der dieses Ei sofort vervespert und sofort auffuttert, das ist weg, das steht nicht mehr zur Verfügung. Und diesen positiven Grundeffekt, dass man Sparen auch belohnt, dass man auch einen zusätzlichen Effekt aufbaut, der ist abgeschaltet und das trifft alle ohne Ausnahme.

Heuer: Herr Fahrenschon, ganz kurz zum Schluss. Wolfgang Schäuble geht ja jetzt so weit, dass er sogar sagt, irgendwie ist die EZB sogar Schuld am Erstarken der Rechtspopulisten in Deutschland, der AfD. Das ist dann schon ein bisschen übertrieben, oder?

Fahrenschon: Ich kann nur noch mal darauf hinweisen. Wir haben in Europa eine Vertrauenswährung und die wesentlichste Aufgabe der Spitze der Europäischen Zentralbank ist, das Vertrauen in die eigene Währung zu unterstützen, und zwar europaweit im ganzen Euroraum. In dieser Situation von neuen Initiativen zu reden, die sogar davon ausgehen, Geld an die privaten Haushalte zu verteilen, das ist alles andere als eine vertrauensbildende Maßnahme.

Heuer: Also auch politisch heikel. - Georg Fahrenschon, Sparkassenpräsident, im Interview mit dem Deutschlandfunk. Herr Fahrenschon, vielen Dank.

Fahrenschon: Sehr gerne, Frau Heuer. Auf Wiederhören!

Heuer: Tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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