Freitag, 20. Mai 2022

EZB-Zinsentscheid
Euro-Notenbank hält den richtigen Kurs

Dass die EZB hat ihren Kurs beibehalte und die Zinsen unverändert bei Null Prozent belasse, sei richtig und gut, kommentiert Mischa Erhardt. Denn die hohe Inflation lasse sich mit den Mitteln der Zinserhöhung nur bedingt bekämpfen.

Ein Kommentar von Mischa Ehrhardt | 14.04.2022

Europäische Zentralbank (EZB) und Frankfurter Skyline
Die Europäischen Zentralbank (EZB) setzt weiter auf eine lockere Geldpolitik (picture alliance / greatif | Florian Gaul)

Schon in den Monaten vor dem Krieg war die Inflation in Folge gestörter Lieferketten durch die Pandemie angestiegen. Diese Inflation sei vorübergehend lautete Mantra-Artig das Argument im gläsernen Turm der Währungshüter in Frankfurt. Das, soviel ist im Nachhinein klar, war zu optimistisch gedacht. Denn auch vor dem russischen Krieg in der Ukraine hat die Teuerung – entgegen der Prognosen der EZB – nicht nachgelassen.

Zwar ist es nicht ihr Auftrag. Doch im Blick dürfte sie dabei auch die Schuldensituation vieler Staaten in der Eurozone gehabt haben. Die Staatsschulden sind in der Pandemie explodiert; entsprechend negativ würden sich Zinsanhebungen in den Haushalten der Mitgliedstaaten auswirken. Die Eurokrise in Folge der Banken- und Finanzmarktkrise – mitsamt der griechischen Schuldentragödie – sind noch in lebhafter Erinnerung.

"Kerninflation" im Euroraum bei rund drei Prozent

Nun kann man kritisieren, dass dies womöglich ein verstecktes Motiv war für den durchgehend lockeren geldpolitischen Kurs der Notenbank. Und ja: Es wäre besser gewesen, wenn die EZB ihre Geldpolitik vorher gestrafft hätte. Nur hilft das in der aktuellen Lage nicht weiter. Die Situation hat sich innerhalb nur weniger Wochen durch den Krieg in der Ukraine dramatisch verändert. Da ist zum einen die hohe Inflation, die zu bekämpfen die hauptsächliche Aufgabe der Zentralbank ist. Nur muss man fairerweise dann auch die Frage stellen, ob sie diese Inflation mit den Mitteln einer Zinserhöhung effektiv bekämpfen kann.
Die Antwort lautet nein – oder nur sehr bedingt. Warum ist dem so? Weil die Inflation hauptsächlich an den hohen Energiepreisen liegt. Und die ändern sich nicht, nur weil in Europa die Zinsen um ein Viertel Prozent steigen oder nicht. Rechnet man im Übrigen Energie und Nahrungsmittel heraus, so liegt die so genannte „Kerninflation“ aktuell im Euroraum bei rund drei Prozent. Das ist der eigentliche Grund, warum die EZB stoisch auf ihrem eingeschlagenen Pfad bleibt und bleiben kann. Sie muss in dieser Situation nicht überhastet an der Zinsschraube drehen.

Zentralbank schafft Vertrauen

Und das ist gut. Denn jeder weiß, dass eine Notenbank ihre geldpolitischen Schritte vorbereitet. Sie wägt sie ab und kommuniziert sie im Vorhinein, damit möglichst jeder und jede sich darauf einstellen kann. So schafft eine Zentralbank im besten Fall Vertrauen. Und das ist entscheidend für die Frage, ob man ihr zutraut, die Inflation zu bekämpfen, wenn es darauf ankommt. Der erste Schritt in dieser Richtung in Form eines Zinsanstiegs dürfte – Stand heute – im dritten Quartal folgen.
Und schließlich muss man auch berücksichtigen, dass Zinserhöhungen grundsätzlich auch das Risiko bergen, die Konjunktur abzuwürgen. Die aber hat auch ohne steigende Zinsen aktuell mit scharfem Gegenwind zu kämpfen. Vor dem Hintergrund dieser Unsicherheiten hält die EZB stoisch ihren angekündigten Kurs bei. Angesichts des Ausmaßes dieser Krise ist das – nolens volens – nicht das Schlechteste.
Mischa Ehrhardt, geboren 1974 in Bayern, studierte Philosophie und Soziologie in Tübingen und Frankfurt. Nach seinem Studium absolvierte er ein Volontariat an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin. Es folgten Moderationen und Planung von Wissenschafts- und Mediensendungen beim Hessischen Rundfunk, dort war er lange Jahre dann als Wirtschaftsjournalist tätig. Nach sechs Jahren im ARD-Börsenstudio für das Radio arbeitet er schließlich als Wirtschaftskorrespondent für den Deutschlandfunk in Frankfurt.