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StartseiteCampus & KarriereKita-Beschäftigte "fühlen sich wenig wertgeschätzt"28.10.2019

Fachkräfte in KindertagesstättenKita-Beschäftigte "fühlen sich wenig wertgeschätzt"

Gut qualifiziert, aber schlecht bezahlt: Nur rund ein Viertel der befragten Kita-Fachkräfte in Deutschland sei mit dem eigenen Gehalt zufrieden, sagte der Leiter einer internationalen OECD-Vergleichsstudie, Arno Engel, im Dlf. Auch Stress sei ein Problem.

Arno Engel im Gespräch mit Thekla Jahn

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Unter dem Motto "Unsere Kinder sind es wert" demonstrieren Kita-Erzieher und Eltern für bessere Bedingungen in Kitas und Horten. (dpa/Bernd Wüstneck)
Fachkräftemangel ist laut Experten ein Riesenproblem und Stress-Faktor für Kita-Pädagogen (dpa/Bernd Wüstneck)
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Thekla Jahn: Bildung fängt nicht erst mit der Einschulung an. Je früher die Kinderbetreuung - und damit ist eben nicht nur "Verwahrung", sondern gerade auch frühkindliche Bildung gemeint - desto besser. Sie bestimmt wie unsere weitere Bildungskarriere verläuft. Stichwort: Chancengleichheit. Entscheidend sind dabei natürlich die Fachkräfte - je besser ausgebildet und je motivierter - auch hier: desto besser.

Wie gut aber sind die Fachkräfte in der frühkindlichen Bildung vorbereitet? Welche Möglichkeiten der Aus- und Weiterbildung haben sie? Wie sind ihre Arbeitsbedingungen? Eine OECD-Studie hat diese Fragen gestellt und zwar 15.000 pädagogischen Fachkräften und 3.000 Leitungskräften in Deutschland, Chile, Dänemark, Island, Israel Japan, Korea, Norwegen und der Türkei. "Providing Quality Early Childhood Education und Care" heißt die Studie - übrigens die erste internationale Erhebung - geleitet von Arno Engel. Ihn habe ich gefragt - Wie schneidet denn Deutschland ab im internationalen Bereich?

Arno Engel: Ja, Deutschland hat es sozusagen gewagt, diese Daten zu sammeln - zusammen mit acht anderen Ländern. Und wir sehen, dass Deutschland in verschiedenen Bereichen natürlich verschieden abschneidet. Im Vergleich zu anderen Ländern ist es so, dass Deutschland viele Fachkräfte hat, die sehr gut darauf vorbereitet sind, mit jungen Kindern zu arbeiten. Das ist bei den Leitungen allerdings für ihre verschiedenen Anforderungen nicht immer der Fall. Wir sehen auch dass die Fachkräfte an sich sehr zufrieden sind, auch im internationalen Vergleich, allerdings fühlen sie sich wenig wertgeschätzt.

Im internationalen Vergleich ist es so, dass die Fachkräfte oft etwas weniger als in anderen Ländern an Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen, jedoch auch weniger Hürden dafür sehen als anderswo. Im Großen und Ganzen hat Deutschland gewisse Vorteile und gewisse Nachteile gegenüber anderen Ländern.

Jahn: Gehen wir mal ein bisschen ins Detail: Was ist denn besser in Deutschland als anderorts, wo können wir uns auf die Schulter klopfen?

Engel: Man sieht zum Beispiel, dass in Deutschland über 95 Prozent der Fachkräfte, also derjenigen, die in Kitas arbeiten, eine Ausbildung gemacht haben, die dazu befähigt, mit jungen Kindern zu arbeiten. In anderen Ländern, zum Beispiel Island, ist das nur gut zwei Drittel. Das heißt, im Großen und Ganzen sind eigentlich alle, die in Kitas arbeiten, auch darauf vorbereitet, diese Arbeit zu tun.

Aber gleichzeitig wissen wir, dass die Fachkräfte auch sagen, dass diese Arbeit mit Kindern mit besonderen Bedürfnissen, zum Beispiel einer anderen Muttersprache, die Bereiche sind, in denen sie gerne weitere Fort- und Weiterbildungen machen würden. Das heißt, da gibt es durchaus einen Bedarf, mehr zu tun - selbst aus Sicht der Fachkräfte.

"Eine Quelle von Stress"

Jahn: Sie haben eben angesprochen, dass eine Überlegung der Fachkräfte selber ist, dass sie zu wenig Weiterbildung haben. Was könnte da noch geleistet werden in Deutschland in diesem Bereich?

Engel: Wir haben Fachkräfte befragt, was sie eigentlich daran hindert, an Weiterbildungen teilzunehmen. Und der Hauptgrund, der uns genannt wurde, ist, dass niemand da ist, um sich darum zu kümmern, wenn sie abwesend sind. Das heißt, es fehlt einfach an Fachkräften in der Kita, die einspringen können, wenn andere fehlen. Das ist ein wichtiges Kriterium, um überhaupt das zu ermöglichen. Was man auch sieht in anderen Ländern, zum Beispiel in Korea, ist, dass, wenn man an Fort- und Weiterbildungen teilnimmt, man auch finanzielle Vorteile hat. Das heißt, man kann aufsteigen, man verdient mehr. Das ist in Deutschland bisher nicht immer der Fall.

Die Fachkräfte sagen uns auch, dass sie von sich nicht genug andere Kolleginnen im Team haben, das heißt, das ist eine Quelle von Stress für sie, dass die Gruppen zu groß sind mit zu wenig Fachkräften. Sie sagen uns auch, dass sie zu viel administrative Aufgaben haben, also Verwaltungsaufgaben, die ihre Arbeit erschweren. Von den Leitungen wissen wir, dass dieser Fachkräftemangel und die Abwesenheiten ein Riesenproblem für sie, aber auch die Anforderungen von der Politik, die an sie gestellt werden, sind etwas, das sie als Belastung ansehen.

Jahn: Was meinen Sie damit genau?

Engel: Wir können das ganz genau nicht sagen, weil wir nur fragen, sind diese Anforderungen ein Problem. Aber was wir wissen ist, dass die Leitungen in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern nur zu rund einem Drittel auf administrative Aufgaben und auf die pädagogische Leitung der Kita vorbereitet sind durch ihre Ausbildung. Das heißt, in anderen Ländern wird diese Verwaltungsaufgabe der Leitung in der Ausbildung größer geschrieben. Wir sehen da, dass das vielleicht hinterher auch Probleme bereitet in der Arbeit, dass sie sich darauf nicht vorbereitet fühlen und das Stress verursacht.

Nur ein Drittel der Befragten fühlt sich anerkannt durch Gesellschaft

Jahn: Analyse ist ja immer eines, daraus folgen dann ja meist Empfehlungen oder Forderungen. Was empfehlen Sie der Politik?

Engel: Was in Deutschland ganz wichtig ist, das ist klar, dass man den Leitungen natürlich auch hilft, diese umfassenden Aufgaben, die sie haben, auch gut wahrzunehmen. Und dafür müssen sie die Ausbildung und die Anerkennung bekommen, die sie verdienen. Ein anderer Bereich ist, wir sehen ja, dass viele Kinder aus verschiedenen Hintergründen bereits in den Kitas sind, aber die Fachkräfte sich darauf nicht gut vorbereitet fühlen.

Da muss man sagen: Wenn die Fachkräfte mehr Weiterbildungen wollen in dem Bereich, der so wichtig ist für die Chancengleichheit, zum Beispiel mit zweisprachigen Kindern zu arbeiten, dann muss man ihnen helfen, diesen Weg zu gehen. Ich denke, man könnte auch sagen, dass generell die Frage der gesellschaftlichen Anerkennung wichtig ist, weil wir finden, dass gesellschaftliche Anerkennung nicht nur damit zusammenhängt, wie es den Fachkräften geht in der Kita, sondern auch damit, wie sie mit den Kindern arbeiten. Das heißt, das hat auch einen Einfluss darauf, wie sie tagtäglich mit den Kinder umgehen. Das heißt, es ist nicht nur wichtig für die Fachkräfte, sondern auch für die Kinder. Natürlich ist viel auf dem Weg in Deutschland mit der Fachkräfteoffensive im Gute-Kita-Gesetz. Aber wir müssen halt sehen, dass es wirklich den Sektor als Ganzen erreicht.

Jahn: Sie sprechen gerade die gesellschaftliche Anerkennung an. Warum mangelt es denn an Anerkennung für Fachkräfte im frühkindlichen Bildungsbereich?

Engel: Wir haben natürlich nur die Fachkräfte selbst befragt, wir sehen, dass sie sich sehr anerkannt fühlen von den Kindern, von den Eltern, von den Familien. Und nur ein Drittel sagt in Deutschland, dass sie sich anerkannt fühlen von der Gesellschaft. Interessanterweise wissen wir aus Studien in Deutschland, dass die Gesellschaft an sich den Beruf mehr anerkennt. Das heißt, da fehlt irgendwo etwas an der Kommunikation. Und ein Faktor hier könnte das Gehalt sein - nur rund ein Viertel sagt uns, dass sie mit dem Gehalt zufrieden sind, das sie erhalten. Das ist natürlich eine Art und Weise der Gesellschaft, zu sagen: Wir erkennen dich an, wir geben Geld, was wir denken, was deiner Arbeit entspricht.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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