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StartseiteInterviewFachkräftemangel als Konjunkturbremse26.04.2008

Fachkräftemangel als Konjunkturbremse

VDI-Chef Braun: Deutschland hinkt in der Ausbildung hinterher

Nach Einschätzung des VDI-Chefs Bruno O. Braun schwächt der Fachkräftemangel das Wachstum in Deutschland "enorm". Angesichts von mehr als 70.000 freien Stellen im Bereich der technischen Berufe sei von einem Verlust in Höhe von sechs bis sieben Milliarden Euro für die deutsche Wirtschaft auszugehen, sagt Braun.

Moderation: Jürgen Zurheide

Werkzeug von Architekt und Ingenieur (Stock.XCHNG / miguel ugalde)
Werkzeug von Architekt und Ingenieur (Stock.XCHNG / miguel ugalde)

Jürgen Zurheide: Auf der Hannover-Messe ist in dieser Woche viel über den Fachkräftemangel diskutiert worden. In Deutschland fehlen Fachkräfte Ingenieure und gut ausgebildete Facharbeiter. Das wissen wir längst. Und das ist nicht gut für den Standort, das ist nicht gut für eine exportstarke Nation, die zum Beispiel mit dem Signet "Made in Germany" überall wirbt. Was kann man denn dagegen tun? Darüber will wir nun reden mit Professor Bruno O. Braun, dem Chef des VDI. Guten Morgen Herr Braun.

Bruno O. Braun: Hieb und stichfest ist auf jeden Fall, dass mehr 70.000 Ingenieure fehlen. Und wenn man dann noch die nicht gemeldeten beziehungsweise die Graubereiche mithin zunimmt, geht das schon in diese Größenordnung.

Zurheide: Und dass das unser Wachstum schwächt, das wird ja auch hinzugefügt. Auch dieser Diagnose würden Sie ohne Weiteres zustimmen?

Braun: Das schwächt unser Wachstum enorm. Denn wenn man davon ausgeht, dass Ingenieure eine durchschnittliche Wertschöpfung pro Kopf von mehr als 60.000 Euro erwirtschaften, dann kann jeder mit dem Einmaleins selbst hochrechnen, dass wir hier in Verlustgrößen wertschöpfungsmäßig von mehr als sechs, sieben Milliarden uns bewegen.

Zurheide: Wenn wir jetzt zu den Ursachen kommen, über die Politik wollen wir gleich reden, würde ich gerne mal bei der Wirtschaft anfangen. Da hatten wir natürlich Phasen, wo über den Vorruhestand, zum Beispiel in der Kraftwerkindustrie, hoch qualifizierte Menschen rausgesetzt worden sind. Das war offensichtlich ein Fehler, oder wie würden Sie das heute bewerten?

Braun: Manchmal neigt ein Unternehmen dazu, zu spontan, nicht langfristig genug zu reagieren. Ich halte das nicht für richtig. Allerdings in diesem konkreten Beispiel, das Sie genannt haben, sind die meisten dieser Personen wieder voll in Lohn und Brot. Und im Gegenteil, gerade in dem Bereich wird händeringend Nachwuchs gesucht.

Zurheide: Jetzt kommen wir mal auf die Problemfelder. Wir haben gerade angesprochen, dass es Menschen gegeben hat, die man rausgesetzt hat. Sie sagen Rückkehrprogramme gibt es schon, und die sind auch schon breit genutzt?

Braun: Ja, es gibt viele Unternehmen, die ganz gezielt solche Rückkehrprogramme starten beziehungsweise an denen arbeiten. Es zeigt sich auch in der statistischen Entwicklung, dass inzwischen mehr ältere Ingenieure über 50 arbeiten als jüngere. Wobei sich in diesen Zahlen wieder eine ganz andere Problematik mit versteckt.

Zurheide: Da müsste man ja fragen, was wird dann mit dem Nachwuchs. Wachsen denn genügend nach? Wir alle kennen die Zahlen, wie viel Ingenieure in China jedes Jahr ausgebildet werden. Wie hinken wir denn da hinterher hier bei unserer Ausbildung hierzulande?

Braun: Unglaublich hinken wir her. Denn in Deutschland, wir haben etwa 39.000 Ingenieure pro Jahr in die Industrie und Welt entlassen von den Hochschulen. In China ist das ein Hundertfaches dessen, und das ist auf Dauer nicht tragbar. Wir haben, wenn Sie die Zahl noch mal nennen, mehr als 70.000 offene Stellen. Wir produzieren, sagen wir, rund 40.000 Ingenieurinnen und Ingenieure. Das reicht nicht aus. Wir müssen den Beruf interessanter machen für Schulabsolventen, und deshalb müssen wir stärker in die Schulen gehen, Technikunterricht einführen und auch Lehrer stärker an die Bedürfnisse der Gesellschaft heranführen.

Zurheide: Wenn Sie sagen wir, erkennt die Wirtschaft da auch eine Aufgabe, und Sie als Verein der Deutschen Ingenieure, wollen Sie da mitmachen und wenn ja, wie?

Braun: Ja, wir als VDI machen intensiv in diesem Feld, betreiben wir Arbeit. Denn wir wollen, dass mehr Ingenieure nachwachsen. Wir haben zum Beispiel eine Aktion, Sachen machen mit der Industrie, mit mittelständischen Unternehmen, indem wir gemeinsam genau an diesem Thema arbeiten. Wir arbeiten mit Landesregierung, um in den schulischen Bereich Technikunterricht einzuführen. Und wir versuchen auch, weil das ganze Thema sehr komplex ist, einen nationalen Technikrat bei der Bundesregierung anzusiedeln. Das ist alles ein breites Feld. Wichtig ist allerdings auch, und das ist das, was Sie mit fragen, dass die Industrie selbst was macht. Aus- und Weiterbildung im Beruf ist sehr, sehr wichtig. Es muss möglich sein, und viele Unternehmen machen das ja auch, dass sie durchaus in Weiterbildung ihre Fachkräfte flexibel halten. Und dann ist es auch leichter möglich, in älteren Jahren zu wechseln und in andere Bereiche zu gehen. Dann hat man kein Problem. Und das Live Long Learning, das muss zum Normalen eines jeden Berufes werden.

Zurheide: Jetzt haben Sie gerade bewusst gesagt, bei dem Nachwuchs Ingenieure und Ingenieurinnen, das ist natürlich das andere Feld, wo möglicherweise die Berufsgruppe selbst auch etwas tun muss, dass man für Frauen attraktiver wird. Richtig oder falsch?

Braun: Das ist vollkommen richtig. Das hat viele Ursachen. Viele junge Damen sind in den Schulen besonders intelligent. Und wir brauchen die Intelligentesten. Und da spielt das Geschlecht keine Rolle. Im Gegenteil, vielleicht hat das Frauliche auch hier noch den Vorteil, dass das etwas Spröde, dass man dem Ingenieur dumm nachgesagt, aufgebrochen wird.

Zurheide: Jetzt muss ich Sie fragen, Sie selbst sind Ingenieur mit Leib und Seele. Was hat Sie eigentlich seinerzeit mal bewogen, vor vielen Jahren diesen Berufszweig einzuschlagen? Was ist die Faszination aus Ihrer Sicht?

Braun: Der Ingenieurberuf ist besonders kreativ. Das heißt, er ist nicht weit weg vom künstlerischen Tätigsein. Man kann konstruieren, man gestalten, man kann Prozesse optimieren. Man ist einfach in seiner Kreativität gefragt, aber nicht nur sozusagen fern der Realität, sondern basierend auf den Naturwissenschaften und der Mathematik in dem Vorausdenken. Und das ist faszinierend.

Zurheide: Aber man muss durch die Mathematik durchkommen?

Braun: Man wird durch die Mathematik hindurchkommen. Das ist unterschiedlich nach Bereichen. Es ist ein großer Unterschied, ob Sie Straßenbauer sind, oder ob Sie für die IT-Technik als Ingenieur tätig sind. Da gibt es graduelle große Unterschiede. Mathematik hat immer eine gewisse Bedeutung. Aber die Physik genauso. Aber das ist auch faszinierend und ist nicht schwer. Das ist nur eine Frage des Zuganges und man weiß, wie man das umsetzen kann. Und wenn das Kreative im Fordergrund steht, das Kreative, und das ist eben der Unterschied zwischen Mathematik und Naturwissenschaften, dass der Ingenieur kreativ umsetzt, dann wird das für viele Menschen wirklich natürlich zugänglich.

Zurheide: Sie würden es heute noch mal studieren? Ich muss Sie da nicht fragen?

Braun: Ich würde es noch mal studieren.

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