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StartseiteDlf-MagazinAusländische Ärzte in der deutschen Provinz14.12.2017

FachkräftemangelAusländische Ärzte in der deutschen Provinz

Immer mehr Mediziner kommen aus dem Ausland. Tendenz steigend. In Mecklenburg Vorpommern liegt der Anteil ausländischer Ärzte derzeit im Schnitt bei über 16 Prozent. Doch es geht noch höher, wie das Beispiel Pasewalk zeigt.

Von Silke Hasselmann

 Außenansicht Asklepios Klinik Pasewalk (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)
Deutschland gehen die Ärzte aus: In Pasewalk kommt bereits jeder zweite Oberarzt aus Polen, während sogar fast drei Viertel der Assistenzärzte aus anderen Ländern stammen. (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)
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Unterwegs in der Asklepios Klinik Pasewalk, dem früheren Kreiskrankenhaus am Rande der Stadt. Für die Versorgung kranker Menschen stehen hier bereit: neun Fachabteilungen plus Anästhesie und Notaufnahme, rund 300 Betten, 500 Mitarbeiter. Darunter, so Geschäftsführer Ludwig Merker:

"Also im ärztlichen Personal haben wir etwa 70 Vollkräfte. Davon sind ausländisch etwa die Hälfte, also 35. Bei den Assistenzärzten sind es 70 Prozent ausländischer Anteil. Der größte Anteil sind die polnischen Kollegen."

Ewelina Niewadomska zum Beispiel arbeitet seit September auf der Kinderstation. Gerade tritt sie ihren Spätdienst an. In Zimmer fünf findet die polnische Assistenzärztin den einjährigen Linus Ebert und dessen Mutter vor.

Ärztin: "So, Linus. Wie geht es dir heute? Gut?"
Mutter: "Ja, Linus geht es sehr gut. Er hat zwar noch ein bisschen Fieber. Aber das geht schön runter jetzt."
Ärztin: "O.k. Und hat sie Schnupfen? Äh, hat er Schnupfen?"

Assistenzärzte kommen aus Lettland, Rumänien und Polen

Sie habe ihren fiebrigen Jungen mit etwas bangem Gefühl in die Klinik gebracht, denn von Bekannten und Verwandten habe sie oft gehört, dass man hier kaum noch auf deutsche Ärzte treffe, erzählt Frau Ebert später. Und tatsächlich: Die fünf Assistenzärzte der Kinderstation kommen aus Lettland, Rumänien und Polen.

"Also ich hatte wenig Erwartung, sag ich ganz ehrlich, weil man Angst hat: Die Sprachbarriere ist da. Verstehen sie mich richtig und verstehe ich sie richtig? Ein Problem wäre ja gerade im medizinischen Bereich, dass man wahrscheinlich eine ganz andere Krankheit rüberbringt, als die, die man hat, und demzufolge auch der Arzt einen ganz anderen Ansatz hat. Und das ist gefährlich."

Ewelina Niewadomska nickt. Sie kommt aus dem 30 Kilometer entfernten Stettin. Dort lernte sie schon in der Grundschule und studierte ein Jahr lang auch in Kiel Medizin. Danach wollte sie im deutschen Gesundheitswesen bleiben, möglichst in der Nähe von Stettin, wo ihr Mann arbeitet. Da sei Pasewalk ideal. Die Verständigung mit ihren Arztkollegen? Wenig fehleranfällig, sagt sie, denn sie alle nutzen Latein für die Befunde. Problematisch hingegen die Umgangssprache der Patienten.

Assistenzärztin Ewelina Niewadomska auf Visite bei Linus Ebert und seiner Mama auf der Kinderstation Asklepios Klinik Pasewalk (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)Assistenzärztin Ewelina Niewadomska auf Visite bei Linus Ebert und seiner Mama auf der Kinderstation (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)

"Am Anfang hatte ich Angst vor schlechtem Verständnis. Aber jetzt, ich verstehe immer mehr. Und wenn nicht, ich frage noch einmal oder bitte um Wiederholung."

Die Posten der leitenden Ärzte und Chefärzte sind in Pasewalk noch ausschließlich von deutschen Medizinern besetzt. Dagegen kommt bereits jeder zweite Oberarzt aus Polen, während sogar fast drei Viertel der Assistenzärzte aus anderen Ländern und Kulturkreisen stammen. Gewöhnungsbedürftig für beide Seiten: Tätigkeiten, die anderenorts grundsätzlich von Krankenschwestern erledigt werden, in deutschen Kliniken aber hauptsächlich von Ärzten – Stichwort Blutentnahme. Und dann die enorme Krankenhausbürokratie, so Geschäftsführer Ludwig Merker:

"Teilweise gibt es schon auch Schwierigkeiten. Das ist so. Aber gerade die polnischen Kollegen, weil es nun mal die meisten sind, haben da auch so eine gewisse Community und unterstützen sich da."

Mediziner zieht es in die Metropolen

Wie die meisten Kliniken in der Provinz leidet auch das hochmodern ausgestattete Pasewalker Lehrkrankenhaus der Uni Greifswald darunter, dass Mediziner in der Regel in die Metropolen oder zur Pharmaindustrie drängen. Personalchef Tobias Weitzel findet zwar täglich acht bis zehn Bewerbungen auf freie Facharzt- bzw. Assistenzarztstellen vor – allerdings ausschließlich von Ausländern. Meistens EU-Bürger, zunehmend aber auch Flüchtlinge oder Migranten aus Nordafrika und Nahost.

"Aktuell ist es tatsächlich gerade so, dass viele Bewerbungen aus Syrien kommen und da die Besonderheit herrscht, dass man da sehr weit in Vorleistung gehen muss. Das heißt, da gibt es noch keine Arbeitserlaubnis. Eine Approbation - bis die beantragt und durchgeführt werden kann, vergehen Monate, je nach Bundesland auch durchaus Jahre." 

Doch Ärztemangel hin oder her: ohne medizinische Kenntnis- und Fachsprachenprüfung keine Berufserlaubnis.  

"Also wir nehmen nicht jeden. Wichtig ist erst mal die deutsche Sprache, und dann haben wir ja auch noch die Probezeit." 

Monatiliches Stipendium soll zum Bleiben anregen

Am Dienstag beschloss der Schweriner Landtag ein Programm, das jedem Medizinstudenten der Universitäten Rostock und Greifswald ein monatliches Stipendium von 300 Euro zusichert, der sich verpflichtet, nach dem Abschluss zunächst im Land zu bleiben. Dennoch sind viele Kliniken vorerst darauf angewiesen, immer mehr Ärzte und übrigens auch Pflegekräfte aus dem Ausland anzustellen. Eine delikate Angelegenheit meint diese Besucherin der Pasewalker Kinderstation:

"Also ich finde schon, dass es schwierig ist in der Kommunikation. Die möchten ja in ihrem Fach was können und wissen. Aber für jemanden, der krank ist und gleich noch mehr gehandicapt ist als ich als Gesunder, der sich schon konzentriert, um was vermittelt zu bekommen, also für die ist es da gleich doppelt so schwer. Also - es geht einfach um Menschenleben und um Gesundheit."

Grundsätzlich sieht auch Frau Ebert aus Zimmer 5 das so. Doch ihre unmittelbare Erfahrung nach vier Tagen und Nächten in der Asklepios Klinik Pasewalk:

"Ich kann wirklich sagen, die machen sehr gute Arbeit. Ich verstehe vor allem auch alles. Also ich kann mich absolut nicht beschweren. Ich find´ das sehr gut."

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