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StartseiteInformationen am MorgenMehr Geld und doch unattraktiv28.04.2018

Fachkräftemangel im öffentlichen DienstMehr Geld und doch unattraktiv

130.000 Stellen in der Pflege und 50.000 Stellen im öffentlichen Nahverkehr werden in den kommenden zehn Jahren fehlen. Nachwuchs lässt sich in vielen Bereichen des öffentlichen Dienstes derzeit nur schwer gewinnen: Die Arbeitsbedingungen sind in vielen Berufen nach wie vor unattraktiv.

Von Tessa Walther

Symbol für Überforderung: Eine Frau mit sehr vielen Armen (imago stock&people)
Stress und Überforderung: Wegen der schlechten Arbeitsbedingungen gibt es Probleme, Menschen für die Pflegeberufe zu rekrutieren (imago stock&people)
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"Wie geht's?"

"Ja, immer rauf und runter."

Klara Kremmelbein schüttelt herzlich die Hand ihrer ersten Patientin heute Nachmittag. Vor zehn Jahren ließ sich die heute 57-Jährige zur Gesundheits- und Krankenpflegerin umschulen. Fast sechs Jahre hat sie anschließend in der Palliativ-Abteilung der Uniklinik in Köln gearbeitet. Anfang diesen Jahres kam dann der Wechsel zu einem privaten Pflegedienst, bei dem sie Menschen jetzt ambulant versorgt.

"So einmal kurz abduschen. Ist es so passend von der Wärme? Sollen wir die Haare auch waschen?"

Klara Kremmelbein: "Vor einem Jahr im Krankenhaus, da habe ich mich gefühlt wie jemand im Hamsterrad. Ich renne und renne und renne. Und es wird nicht besser. Dann wurden neue Leute eingestellt, die sind womöglich schon wieder gegangen. Also dieses Hamsterrad, das blieb einfach am laufen. Ich hatte des Gefühl ich bekam überhaupt keine Luft mehr."

Klara Kremmelbein steht vor ihrem Auto (Deutschlandradio / Tessa Clara Walther)Klara Kremmelbein ließ sich zur Gesundheits- und Krankenpflegerin umschulen (Deutschlandradio / Tessa Clara Walther)

Bis 2030 werden weitere 130.000 Pflegekräfte gebraucht

Laut dem Pflegereport der DAK müssen bis 2030 in der Altenpflege mindestens 130.000 Pflegefachkräfte zusätzlich eingestellt werden. Doch wegen der schlechten Arbeitsbedingungen gibt es große Probleme, Menschen für die Pflegeberufe zu rekrutieren, das zeigt eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Dazu kommt, dass sich mehr als drei Viertel der Pflegekräfte nicht vorstellen kann, unter den derzeitigen Bedingungen überhaupt bis zur Rente durchzuhalten.

Das war auch für Klara Kremmelbein der Fall: "Ja in der privaten Pflege geht es mir jetzt einfach besser, weil ich mehr Zeit für die Patienten habe. Wirklich nur einen Patienten da habe, um nicht vier oder fünf, die wieder klingeln. Oder Angehörige die kommen. Oder dass das Telefon klingelt.

Was ich noch dazu sagen muss, ist, dass ich jetzt hier in der privaten Pflege nur noch 36.5 Stunden arbeite, also zwei Stunden weniger in der Woche als vorher im Krankenhaus und ich bekomme trotzdem noch mehr Geld. Und dadurch auch mehr Wertschätzung. Ich fühle mich wirklich wohl hier. "

Aber die Pflege ist nicht die einzige Branche des öffentlichen Dienstes, die um neues Personal ringt. In den höheren Lohnstufen fehlen Ingenieure und IT-Experten, in den unteren Gehaltsklassen ist außerdem besonders der Nahverkehr gefährdet. Der Sprecher der Kölner Verkehrsbetriebe Matthias Pesch konnte in den letzten Jahre auf viele Quereinsteiger setzen, doch die Situation dreht sich:

"Also wir haben im Moment keinen Fahrermangel bei Bus und Bahn. Aber es wird immer schwieriger die Fahrschulen zu besetzen und Nachwuchs bei den Fahrern für Bus und Bahn zu bekommen. Wenn die Wirtschaft boomt und die Alternativen groß sind, ist die Konkurrenz eben auch für uns groß und die Menschen suchen verstärkt auch andere Jobs, in denen sie, das muss man auch sagen, zum Teil mehr Geld verdienen können als bei der KVB",  sagt KVB-Sprecher Matthias Pesch.

50.000 offene Stellen im öffentlichen Nahverkehr bis 2030

Aber der öffentliche Dienst hat auch Vorteile. Die hat Thorsten Kleefisch für sich nutzen können. Er hat im Januar bei der KVB eine Ausbildung zum Busfahrer angefangen. Mit 45 Jahren.

"Guten Tag. Brauchen Sie Hilfe?"

"Nein, Dankeschön"

"Mit 45 Jahren ist man oft schon zu alt. Das ist besonders bei den privaten Unternehmen so. Und hier bei der KVB ist es toll, dass man auch in dem Alter eine Chance bekommt. Wenn man Fragen hat, hier wird einem sofort geholfen. Ja man begegnet sich hier so auf Augenhöhe untereinander", sagt KVB Busfahrer Thorsten Kleefisch.

Thorsten Kleefisch lehnt an der Tür eines KVB-Busses (Deutschlandradio / Tessa Clara Walther)Quereinsteiger: Thorsten Kleefisch hat mit 45 Jahren eine Ausbildung als Busfahrer angefangen (Deutschlandradio / Tessa Clara Walther)

Laut dem Verband deutscher Verkehrsunternehmen müssen bis 2030 im öffentlichen Nahverkehr 40 Prozent der Bus- und Bahnfahrer ersetzt werden, denn sie gehen bald in Rente. Außerdem werden zusätzliche Kräfte für den Streckenausbau gesucht. Insgesamt geht es um bis zu 50.000 offene Stellen.

Aktuell ist es besonders schwer junge Menschen für eine Ausbildung im öffentlichen Nahverkehr zu begeistern. Und das habe nicht nur mit dem Gehalt zu tun, sagt Michael Weber-Wernz vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen.

Wünsche an die Politik: Mehr Geld und weniger Druck

"Ansätze müssen unseres Erachtens insbesondere darin liegen, dass wir die Berufsausbildung attraktiver machen können, auch in der Kombination mit einer Hochschulausbildung. Denn es ist ein großes Problem, dass immer mehr Jugendliche, die von der Schule kommen, in die Hochschulausbildung gehen."

Und auch die Pflege hat ein Nachwuchsproblem. Schon die Auszubildenden litten unter der allgemeinen Personalnot. Bei hohem Zeitdruck und extremer Arbeitsverdichtung bleibe eine gute Ausbildung auf der Strecke, bemängelt die Gewerkschaft Verdi. Die jungen Menschen würden schon sehr früh als "Lückenfüller" eingesetzt und erlebten dadurch, wie schlecht die Arbeitsbedingungen seien. Vielen brächen deshalb ihre Ausbildung ab oder suchten sich nach der Ausbildung Perspektiven außerhalb der Pflege.

Pflegerin Klara Kremmelbein hat Vorschläge, um die Situation zu verbessern: "Von den Politikern würde ich mir wünschen, dass der Stellenschlüssel im Krankenhaus und vielleicht auch in der ambulanten Pflege einfach erhöht wird. Dass da wesentlich mehr Krankenpflege, Krankenpflegerinnen für die Patienten da sind. Und vor allen Dingen auch, dass das Geld. Dass das wirklich eine Anerkennung stattfindet, indem das Geld wirklich massiv erhöht wird. Und vielleicht noch mehr Urlaub. Das könnte man auch noch machen."

Mit Sicherheit und Menschlichkeit punkten

Auch der quer-eingestiegene Busfahrer Thorsten Kleefisch hat Vorschläge, um den öffentlichen Dienst grundsätzlich attraktiver zu machen hat. Man solle weiterhin auf die Vorteile setzen, die Kleefisch in der freien Wirtschaft vergeblich gesucht hat: Sicherheit und Menschlichkeit.

"Ich wünschte mir, dass der Druck, diese Hektik die in Deutschland überhaupt herrscht. Dass da ein bisschen was von den Schulter genommen wird. Da ist immer mehr, immer schneller, immer mehr, immer mehr. Und das ist irgendwann nicht mehr kompatibel, das ist nicht mehr zu schaffen. Und die Leistung kann ein Mensch einfach irgendwann nicht mehr erbringen. "

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