Samstag, 17.11.2018
 
StartseiteKalenderblattFachmesse und Volksfest20.02.2006

Fachmesse und Volksfest

Grüne Woche feiert 80. Jubiläum

Für die einen ist es die größte Schlemmermeile der Republik, für die anderen ein wichtiges Forum der Information und des Gedankenaustauschs: die Internationale Grüne Woche in Berlin. Vor 80 Jahren feierte die Messe ihre Premiere. Im Jubiläumsjahr wurden rund 410.000 Besucher in den Hallen unter dem Funkturm gezählt.

Von Beatrix Novy

"Deutsche Holsteiner" auf der Grünen Woche in Berlin (AP)
"Deutsche Holsteiner" auf der Grünen Woche in Berlin (AP)
Mehr bei deutschlandradio.de

Externe Links:

Grüne Woche

Berlin im Januar 2006. Die Grüne Woche hat begonnen. Ein Jubiläum: 80 Jahre ist es her, dass diese Landwirtschaftsmesse zum ersten Mal zelebriert wurde. Damals, 1926, war noch ein Netz agrarischer Produktion in die Textur der Großstadt Berlin eingeflochten: Zehntausende Nutztiere, Schweine, Pferde, Kühe, Hühner lebten auf dem Territorium, das zu einem Fünftel landwirtschaftlich oder gärtnerisch genutzt wurde- Der Kleingarten war für Hunderttausende Menschen Rückzugs- und Versorgungsstation. Es gab Kleintierschauen, Reitturniere, Bauernmärkte. Und jeden Winter tagte die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft in Berlin und zog dabei verwandte Gewerke an, die ihre Produkte auf den Straßen präsentierten. All das wurde am 20. Februar 1926 zu einer landwirtschaftlichen Ausstellung zusammengeführt: zur ersten Grünen Woche.

2006 sind die Russen gekommen. Dass Russlands Regionen sich einmal bei der Grünen Woche in einer eigenen Halle kulinarisch präsentieren würden, hätte vor über 50 Jahren niemand zu hoffen gewagt, 1953, als Ernst Reuter Berlins Bürgermeister war:

"Die Grüne Woche, die wir heute zum vierten Male hier eröffnen, war, wie jeder Berliner weiß, in den besseren Zeiten vor dem 1000-jährigen Reich eine Einrichtung, die zum Berliner Leben gehörte. Und wir sind alle stolz und glücklich gewesen, dass es nach den wahnsinnigen Zerstörungen des Weltkriegs möglich geworden ist, vor vier Jahren zum ersten Mal die Grüne Woche hier wieder einrichten zu können."

Reporter: "Ein besonderer Anziehungspunkt ist die kleine Ausstellungsecke des Berliner Falkenverbandes. Hier ist auf einer improvisierten Rasenfläche ein kleiner Stand angebracht, und auf dem stehen drei Falken, zwei lebendige und ein präparierter, ein Wanderfalke und ein kleiner Habicht."

Auch die Vogelschützer, die Jäger und die Kleingärtner präsentieren sich 1953 stolz dem Rundfunk-Reporter:

"Besonders die Westbewohner, welche in den Ostgebieten ihre Lauben beziehungsweise. Grundstücke hatten und dort jetzt enteignet worden sind, sollen hier eine Anregung finden, ein schnell zu bauendes Gebäude sich auf ein eventuell heranzuschaffendes Gelände hier aufsetzen zu können, in Eigenhilfe."

1953 steht die Grüne Woche noch im Zeichen der Not, kein Überfluss weit und breit. Aber sie ist schon eine Institution, die zur Selbstvergewisserung der isolierten Westberliner beiträgt.

Reporter: "An den verschiedenen Wänden, weiß gestrichen, sind vereint mit Bildern und sonstigen Kunstwerken gehören, Schaufeln, Geweihe, kurzum alles das, was das Herz des Waidmanns höher schlagen lässt."

In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Grüne Woche, was sie immer noch ist: erstens eine Fachmesse der Ernährungs- und Landwirtschaft, bei der Interessenvertreter und Medien seit Jahr und Tag Subventionen, Überschussproduktion, Flächenstilllegungen, Bauernhofsterben und andere ungelöste Fragen diskutieren. Zweitens ist die Grüne Woche ein überaus beliebtes Volksfest. Hier kann man die lehrreiche hypermoderne Melkanlage besichtigen und die Diepholzer Moorschnucke kennen lernen – einmal als wolliges hübsches Tier, einmal als Lammsalami. Denn die Grüne Woche ist ein Paradies, für manche auch eine Vorhölle der Völlerei, die Jahr um Jahr mit häppchenjagenden Besuchermassen die Fress- und Genusswellen der Republik abbildet. Folglich verirren sich auch die Lebensmittelskandale hierher: In diesem Jahr warnte Bundespräsident Köhler vor "Gammelfleisch", bevor er in die Thüringer Wurst biss. Aber gegen die Liebe der Deutschen zum billigen Lebensmittel helfen keine Skandale und keine Präsidenten-Ansprachen.

Die Gentechnik-Gegner, die Flugblätter gegen einen Milchproduzenten verteilen, finden immerhin draußen vor der Tür ein Forum.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk