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StartseiteLied- und Folkgeschichte(n)Zwischen Tradition und Moderne06.03.2020

FadoZwischen Tradition und Moderne

Der Multi-Instrumentalist Raül Refree und die Sängerin Lina aktualisieren portugiesischen Fado fürs 21. Jahrhundert: Raus mit den Gitarren, rein mit Klavier und Synthesizern. Doch Schönheit, Tragik, Leidenschaft dieser alten, wehmütigen Musik bleiben erhalten.

Von Anke Behlert

Die portugiesische Sängerin Cristina Branco bei einer Fotosession in Amsterdam, November 2013. Sie sitzt im Ringelshirt und Latzhose an einem Tisch. (Getty Images Europe/Pedro Loureiro)
Steht auch für modernen Fado: die portugiesische Sängerin Cristina Branco (Getty Images Europe/Pedro Loureiro)
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Musik: "Fado Português"

Eine klassische portugiesische Gitarre, Gesang, eventuell ein Bass, aber auf jeden Fall jede Menge Saudade – Weltschmerz. Das sind die Zutaten für Fado. Das Wort geht auf den lateinischen Ausdruck fatum zurück und der bedeutet Schicksal. Portugal war lange ein armes Land, ein Auswandererland. Und Portugal ist eng mit dem Meer verbunden und eine Seefahrernation: Immer wieder hieß es Abschied nehmen. Kein Wunder also, dass Fado voller Melancholie und Sehnsucht ist, aber auch eine ordentliche Portion Pathos gehört dazu.

Musik: "Medo"

Fado enthält unter anderem arabische Elemente, viele Tonhöhensprünge und bevorzugt Melodien in Moll. Ob er sich ursprünglich aus den Gesängen der portugiesischen Seeleute entwickelte oder aus brasilianischen Musikrichtungen wie Lundum oder Modinha entstand, lässt sich heute nicht mehr genau nachvollziehen. Fado wurde in den Armenvierteln von Lissabon geboren, wo er zunächst in den anrüchigen Kneipen im Stadtteil Mouraria auftauchte.

Im 19. Jahrhundert wurde er auch in den bürgerlichen Salons hoffähig, erste bedeutende Interpretinnen waren Maria Severa und Ercília Costa.

Musik: "Fado de Lisboa"

Spätestens mit der schon erwähnten Amália Rodrigues ist Fado auch international bekannt geworden, bis heute prägt sie das Bild dieser Musik wie niemand anderes. Songs aus ihrem Repertoire gehören zum Standard und werden natürlich auch von jüngeren Fado-Sängerinnen interpretiert. Zum Beispiel von Lina, in ihrer Familie hat Fado eine lange Tradition.

"Fado war immer meine Leidenschaft"

Lina: "Mein Vater liebt Fado und hat mich früh mit ihm bekannt gemacht. Ich war erst im Chor und hab dann einen Gesangskurs am Konservatorium gemacht und auch in der Oper gesungen. Aber Fado war immer meine Leidenschaft. Ich bin in verschiedenen Fado-Häusern aufgetreten und heute singe ich an vier Abenden in der Woche im Club de Fado in Lissabon."

Auf ihrem gemeinsamen Album haben Lina und der Multi-Instrumentalist Raül Refree sich von Insignien und peinlich genau eingehaltenen Traditionen des Fado getrennt und aktualisieren ihn fürs 21. Jahrhundert: Raus mit den Gitarren, rein mit Klavier und Synthesizern.

Musik: "Medo"

Um Fado ein neues Gewand überzustreifen, war der Musiker und Produzent Raül Refree aus Barcelona genau der Richtige. Mit 17 spielte er in der Hardcore-Band Corn Flakes und begann außerdem, Alben zu produzieren. Später hat er mit Musikern wie Lee Ranaldo von Sonic Youth oder der Flamenco-Sängerin Rosalia zusammengearbeitet.

Die Fado-Welt ist tradtionsbewußt

Raül Refree: "Ich habe schon ein paar experimentelle Flamenco-Alben gemacht. Carmo Cruz, die Managerin von Lina, hat sie gehört und micht kontaktiert. Sie hatte die Idee, dass man so etwas ähnliches auch mit Fado machen könnte. Denn die Fado-Welt ist sehr in sich geschlossen und traditionsbewusst. Da brauchte es mal jemanden von außen ohne Scheuklappen, der einen neuen Ansatz mitbringt. Sie hat mich mit Lina zusammengebracht und wir haben uns sofort gut verstanden."

Für das Album hat Lina fast ausschließlich Stücke von Amália Rodrigues ausgewählt. Im Studio griff Raül erstmal zur Gitarre, merkte aber schnell, dass ihm das nicht gefällt.

Refree: "Sobald ich anfing Klavier und Keyboard zu spielen wusste ich: Das ist es. Ich hatte vorher keinen genauen Plan, was ich machen wollte. Wir haben ein paar Tage herumexperimentiert und Demos aufgenommen. Lina und Carmo waren sehr offen für meine Ideen, es hat Spaß gemacht mit ihnen zusammenzuarbeiten."

Musik: "Quando eu era pequenina"

Abstrakte Soundlandschaften aus atmosphärischen, analogen Synthies, neoklassischem Piano und nebulösem elektronischen Gewaber untermalen Linas schmerzerfüllten Gesang. Ihm wird in den minimalistischen Arrangements viel Platz eingeräumt. Schönheit, Tragik, Leidenschaft - all das hört man in den Stücken. Auch mit dem modernen Gewand bleibt der Kern der Musik, die untröstliche Zerbrechlichkeit, erhalten.

Refree: "Die richtigen Noten an der richtigen Stelle: Das ist ein gutes Arrangement. Ich wollte, dass es eine nackte, dunkle Platte wird, gespielt von zwei Leuten. Fado ist sehr emotional und hat eine intime Atmosphäre. Und um diese intensiven Gefühle zur Geltung zu bringen, musste die Musik eher sparsam sein.

Musik: "Fado Menor"

Musik: "Foi deus"

Auch die portugiesische Musikerin Lula Pena spielt ihre eigene Variante von Fado. In ihren Songs streift sie auch Folk, Blues, Flamenco und französischen Chanson, lässt aber kein Genre intakt. Lula Penas Stimme ist tief bewegend, dazu begleitet sie sich selbst auf der Gitarre. Ihr Ansatz hoch emotional, aber auch konzeptionell.

Musik: "Fado Malhoa"

Die 45-jährige Pena folgt nur ihren eigenen Regeln. In den letzten 20 Jahren hat sie gerade mal drei Alben veröffentlicht. Mit zehn Jahren hat sie angefangen, Gitarre zu spielen. Später hat sie Grafikdesign studiert und ein paar Jahre in Brüssel gelebt. 1998 ist ihr Debütalbum "Phado" erschienen, 2010 der Nachfolger "Troubadour". Vor allem dem Einfluss von Plattenfirma und Managerin ist es zu verdanken, dass das dritte Album "Archivo Pittoresco" 2017 fertig geworden ist. Aber ihre Musik brauche nun mal Zeit, sagt sie.

Zeit erlaubt mehr auf Details zu achten

Lula Pena: "Das ist einfach mein natürlicher Rhythmus, man sagt ja auch nicht: Der Frühling braucht zu lange, er soll besser alle drei Monate kommen. Ich arbeite viel an meinen Songs, denke nach, reise oder recherchiere. Alles braucht seine Zeit und Zeit erlaubt einem, mehr auf Details zu achten. Manchmal vergisst man etwas oder erinnert sich an etwas. Zeit enthüllt die Wahrheit."

Musik: "Las Penas"

Als Autodidaktin versucht Lula Pena ihrem Instrument immer wieder neue Facetten zu entlocken. Sie verstimmt zum Beispiel die Saiten und entdeckt die Gitarre so nochmal ganz neu. Für "Archivo Pittoresco" hat sie sich von Malern des 19. Jahrhunderts inspirieren lassen, die ebenfalls ihre Grenzen neu ausloten wollten.

Pena: "Ich habe das Album "Archivo Pittoresco" genannt, nach einer Strömung in der Malerei des 19. Jahrhunderts. Die Maler wollten raus aus den Ateliers, denn diese empfanden sie als Einschränkung. Sie sind in die Natur gegangen und haben dort neue Motive gesucht. Und das habe ich mit dem Album auch versucht."

Musik: "O ouro e a madeira"

Bei ihren Auftritten sitzt Lula Pena meist allein nur mit Gitarre auf der Bühne. Sie hat dann etwas Schamanenhaftes an sich, spielt mit geschlossenen Augen, die tiefe Altstimme zieht das Publikum in ihren Bann. Pena ist zwar anwesend, aber vollkommen in der Musik versunken.

Das Repertoir ist varibel

Pena: "Wenn man über etwas zu viel nachdenkt, dann erlebt man oft nicht die Aktivität an sich, sondern nur das Nachdenken darüber, was man gerade tut. Es ist natürlich schwierig, zu singen und gleichzeitig Gitarre zu spielen, das erfordert Konzentration. Aber wenn ich vor einem Publikum spiele, ist das wie ein Ritual, das es mir ermöglicht, loszulassen. Mein Repertoire ist nicht in Stein gemeißelt, es gibt ein paar festgelegte Referenzpunkte, aber der Weg zwischen diesen Punkten kann von Konzert zu Konzert sehr unterschiedlich sein. Man muss sich gehen lassen, damit sich der Zauber der Musik entfalten kann und man selbst für einen Moment verschwindet."

Der Zauber der Musik entfaltet sich - da hat Lula Pena völlig recht - vor allem bei einem Konzert. Klassischen Fado kann man auch heute noch allabendlich in den verschiedenen Fado-Clubs in Lissabon oder Porto erleben, wo auch Gäste spontan etwas vortragen. Die bekannteren Sängerinnen wie Cristina Branco und Mariza spielen eher im großen Konzertsaal. Das klingt dann zum Beispiel wie das folgende Stück "Barco negro", gesungen von Mariza bei einem Konzert 2006.

Musik: "Barco negro" (live)

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