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StartseiteCampus & KarriereFair Company14.10.2004

Fair Company

Zeitschrift "Junge Karriere" vergibt Gütesiegel an Unternehmen

<strong>Wer sein Studium absolviert, ohne ein oder besser noch mehrere Praktika absolviert zu haben, der hat es nach seinem Abschluss schwer, einen Job zu finden. Das hat sich mittlerweile herum gesprochen. Dass es oftmals nur ein kleines Taschengeld gibt oder manchmal auch gar nichts, wird von den Studierenden hingenommen. Schließlich gelten die Praktika als Gelegenheit, zarte Bande zu potentiellen Arbeitgebern zu knüpfen. Mittlerweile vergeben aber auch viele Firmen Praktikumsstellen an Hochschulabsolventen. Die kriegen kein Geld und im Anschluss oftmals auch keinen Job. Die Zeitschrift Junge Karriere vergibt nun ein Siegel an Unternehmen, die sich fair verhalten. </strong>

Von Kai Toss

Manche Firmen stellen aus Kostengründen Hochschulabsolventen als Praktikanten ein (AP)
Manche Firmen stellen aus Kostengründen Hochschulabsolventen als Praktikanten ein (AP)
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Zeitschrift "Junge Karriere"
Über "Fair Company"

Susanne Rinecker hat alles richtig gemacht. Sie hat sich ihr Studium nach persönlichen Neigungen ausgesucht: Theater- und Medienwissenschaften an der Humbold Universität in Berlin. Sie hat zügig studiert und hat während ihrer akademischen Ausbildung Praktika absolviert.

Am Anfang war ich bei Premiere zwei Monate in der Redaktion, dann habe ich ein Theaterfestival mitorganisiert. Das war noch als ich in Erlangen studiert habe und mein Grundstudium absolviert habe. Das war eine komplette Festivalorganisation. Da habe ich von der Finanzierung bis zur Öffentlichkeitsarbeit alles gemacht: Von der Einladung der Gruppen, ja, die ganze Organisation einfach.

Nach dem Studium konnte sie dennoch keinen Job finden. Ihr persönlicher Ausweg: Praktikum nach Praktikum, um keine Lücke im Lebenslauf zu riskieren.

Ich bin seit anderthalb Jahren fertig. Im Mai 2003 bin ich fertig geworden und bin seitdem im zweiten Praktikum. Ich hab zuerst ein halbjähriges Praktikum in der Redaktion einer Produktionsfirma gemacht, in Berlin auch. Danach musste ich etwas Geld verdienen, weil das Praktikum war fast wieder ehrenamtlich, die ersten drei Monate für lau und danach drei Monate, da habe ich 250 Euro bekommen. Wobei ich dazu sagen muss, das war eine 40- Stunden-Woche für mich mit Überstunden, die nicht bezahlt wurden. Das musste man in Kauf nehmen.

Um solche extremen Formen der Ausbeutung von akademischen Fachkräften zu verhindern hat der Chefredakteur des Magazins "Junge Karriere", Jörn Hüsgen, nun das Gütesiegel "Fair Company" ins Leben gerufen. Einige Branchen fallen immer wieder unangenehm auf.

Das sind insbesondere die Werbung, das ist der PR- und Kommunikationsbereich, kleine Redaktionen, das ist aber auch der ganze Kulturbereich beispielsweise.

Absolventen, die wie Susanne Rinecker mit Praktikumsstellen hingehalten und ausgenutzt werden, kann das Siegel natürlich nicht direkt helfen. Dennoch:

Es geht ja darum – in unserer Aktion Fair Company – die wir ins Leben gerufen haben, gerade solchen Studenten zu helfen und da für eine neue Fairness, für eine neue Ethik in der Arbeitswelt zu sorgen. Wir vergeben ein Gütesiegel an Unternehmen, die fünf Kriterien erfüllen müssen: Dass sich die Unternehmen verpflichten, keine Vollzeitstellen durch Praktikanten zu substituieren, dass sie sich verpflichten, keinen Praktikanten mit der vagen Aussicht auf einen Job anzuwerben, dass sie die Praktika zur Aus- und Weiterbildung während des Studiums anbieten – und nicht danach! Und dass sie, wenn sie Praktikanten haben, diese auch fair entlohnen.

Dr Dirk Pfenning ist Leiter der Abteilung Hochschulmarketing bei der Bayer AG. Das Unternehmen beteiligt sich an der Aktion und darf mit dem Gütesiegel "Fair Company" werben. Im Bereich Forschung und Entwicklung werden Ingenieure und Naturwissenschaftler zumeist mit Promotion eingestellt.

Die steigen dort normalerweise als Laborleiter ein. Ich sag mal, das sind hoch qualifizierte Arbeitsplätze. Im betriebswirtschaftlichen Bereich ist das noch differenzierter, das Controlling, Finanzen, Steuern, im Marketing, im Vertrieb mit unterschiedlichen Anforderungen der Stellen. Man kann aber ganz generell sagen, dass wir Hochschulabsolventen als leitende Mitarbeiter einstellen. Das ist der Standard. Es gibt bei uns ja auch diesen Manteltarifvertrag für akademische Angestellte in der Industrie. An den halten wir uns, und wir zahlen auch entsprechend dem Abschluss, den der Absolvent hat.

Und Praktika während der Ausbildung werden auch entlohnt.

Das fängt an im Grundstudium bei 130 Euro und kann bis 1.000 Euro gehen.

Mittlerweile haben sich nach Angaben der Jungen Karriere 57 Unternehmen den Regeln von Fair Company unterworfen. Es sollen noch viel mehr werden. So soll der Druck auf die schwarzen Schafe steigen. Der Absolventin Susanne Rinecker wird das nichts mehr nutzen. Sie hat noch immer keinen Job gefunden - und keine Perspektive.

Ne, leider nein. Zur Zeit arbeite ich wieder in einem Praktikum am Theater in Berlin. Da bekomme ich 300 Euro im Monat. Und das ist auch wieder eine richtige Stelle – 40 Stunden die Woche. Ich mache da einen richtigen Pressejob mit Verantwortung natürlich – und hoffe, dass irgendwann jemand sagt: Sie können hier bleiben, aber durch die ganzen Kürzungen im Personalbereich ist das wahrscheinlich nicht möglich.

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