Kommentare und Themen der Woche 03.02.2020

Faire LebensmittelpreiseDie "Geiz-ist-geil"-Mentalität muss geächtet werdenVon Barbara Kostolnik

(Sebastian Gollnow/dpa )Je niedriger der Preis desto dramatischer in der Regel die Produktion, kommentiert Barbara Kostolnik (Sebastian Gollnow/dpa )

Faire Preise für Lebensmittel zu fordern, ist gut und überfällig, meint Barbara Kostolnik. Doch es werde massiven Druck brauchen, um Industrie und Handel zum Mitmachen zu zwingen. Auch Verbraucher sollten mithelfen, indem sie keine Dumping-Angebote mehr kaufen - nicht nur bei Lebensmitteln.

Schnäppchenjäger, aufgemerkt: Der niedrigste Preis mag euch magisch anziehen, aber er ist immer von irgendjemandem zu bezahlen - und zwar teuer. Hinter dem Discounter-Schnäppchen verbergen sich Menschen und Tiere und je niedriger der Preis desto dramatischer in der Regel die Produktion.

Was sind uns Nahrungsmittel wert?

Zwei Kilo Äpfel für 1,11 Euro? Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. Was sind uns Nahrungsmittel wert? Das ist die entscheidende Frage – die im übrigen auf alle Bereiche des menschlichen Lebens ausgeweitet werden kann: Kleidung, Möbel, Reisen, Technologie.

Eier in einem Karton (picture alliance / dpa - Armin Weigel) (picture alliance / dpa - Armin Weigel)Lebensmittelpreise - Das Verhältnis der Bauern zu den Handelsriesen
Seit Wochen gehen deutsche Landwirte auf die Straßen: Sie fordern eine faire Bezahlung für ihre Arbeit. Eine Schlüsselrolle kommt dabei den Handelsketten zu. Aber wie mächtig oder ohnmächtig fühlt sich ein Bauer gegenüber Rewe, Aldi und Co.?

Wenn jetzt überall faire Preise gefordert werden, ist das gut und überfällig. Es baut Druck auf, auf die Politik, endlich zu reagieren, wie "Fridays for Future" beim Klimaschutz. Und es wird massiven Druck brauchen, damit sich eine Industrie bewegt, die seit Jahr und Tag mit einem "Geiz-ist-Geil"-Mantra an die niedrigsten Instinkte des Verbrauchers appelliert und als Nebeneffekt fette Gewinne einstreicht.

Freiwillige Fairness ist nicht zu erwarten

Die schnellstmögliche Umsetzung der EU-Richtlinie gegen unlautere Handelspraktiken wird dem Handel nicht schmecken. Muss sie auch nicht. Freiwillige Fairness wird man von Supermarktketten und Discountern nicht erwarten dürfen. Aber viel hat die Bundesregierung auch sonst nicht in der Hand: Sie kann nun mal keine Preise diktieren. Oder um Julia Klöckner zu zitieren: "Wir sind nicht nicht in einer sozialen Marktwirtschaft."

03.02.2020, Berlin: Julia Klöckner (CDU), Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, steht vor einem Mann, der ein Plakat mit der Aufschrift «Faire Agrarpolitik statt Bauernmilliarde» und spricht mit Aktivisten der «Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft» und der Umweltschutzorganisation Greenpeace vor dem Bundeskanzleramt. Im Streit um Lebensmittelpreise im Supermarkt beraten bei einem Spitzentreffen Vertreter des Einzelhandels und der Lebensmittelindustrie, mit Kanzlerin Merkel, Agrarministerin Klöckner und Wirtschaftsminister Altmaier über Lösungen. Foto: Michael Kappeler/dpa | Verwendung weltweit (dpa) (dpa)Bauern vs. Supermärkte - Unfaire Handelspraktiken sollen unterbunden werden
Angesichts von Kampfpreisen für Lebensmittel in vielen Supermärkten ruft die Regierung den Handel zu fairen Bedingungen für die Erzeugerinnen und Erzeuger auf. Auch gesetzlich will sei eingreifen.

Auffällig ist das laute Schweigen des Wirtschaftsministers. Peter Altmaier hat seiner Landwirtschaftsminister-Kollegin Klöckner die öffentliche Bühne überlassen. Er weiß ganz genau, dass Klöckners Handlungsspielraum begrenzt ist. Letztlich entscheidet der Verbraucher, die Verbraucherin, was gekauft wird, und zu welchem Preis.

Gutes Essen gibt es nicht zum Nulltarif

Es ist jedoch eine Frage des Bewusstmachens. Die "Geiz-ist-geil"-Mentalität muss geächtet werden. Diejenigen, die es sich leisten können, müssen Lock- und Dumping-Angebote links liegenlassen. Man kann sich seinen Einzelhändler auch erziehen. Dafür müsste aber jeder seinen privaten inneren Geizhals abwürgen.

Julia Klöckner (CDU), Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, spricht im Bundestag (picture alliance/ dpa/ Soeren Stache) (picture alliance/ dpa/ Soeren Stache)Klöckner zu Lebensmittelpreisen - "Es ist ein Kampf David gegen Goliath"
Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hat mehr Fairness  für Produkte und Erzeuger gefordert. Die vier großen Supermarktketten hätten 85 Prozent der Marktmacht. Aus Sicht der Bauern sei ein Kampf wie David gegen Goliath entstanden.

Fragen wir uns doch selbst: Möchte ich wirklich, dass etwas, das ich in der Regel mit viel Liebe und im Schweiße meines Angesichts hergestellt habe, fast nichts kostet und damit fast nichts wert ist? Vielleicht verstehen wir dann die Landwirte und ihre Klagen ein bisschen besser.

Gutes – und damit gesundes – Essen gibt es nicht zum Nulltarif. Es wird also nicht ohne Opfer gehen. Das ist beim Klimaschutz genauso wie beim Tierschutz. Höchste Zeit, das zu akzeptieren. Sorry, Schnäppchenjäger.

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