Kommentare und Themen der Woche 08.02.2020

Faire LebensmittelpreiseNotwendig sind härtere Gesetze und mehr TransparenzVon Joachim Dorfs

Beitrag hören Prospekte verschiedener Lebensmittelhändler liegen auf einem Tisch (dpa/Sebastian Gollnow)In Deutschland ist auch in Sachen Lebensmittel eine Geiz-ist-geil-Mentalität vorherrschend, meint Joachim Dorfs (dpa/Sebastian Gollnow)

Viel Geld für Fleisch und Lebensmittel ausgeben will in Deutschland kaum jemand, meint Joachim Dorfs, Chefredakteur der „Stuttgarter Zeitung“. Doch irgendwer bezahle am Ende den Preis. Härtere Gesetze zum Tierwohl und bessere Qualitätssiegel wären ein erster Schritt – für mehr Transparenz und Qualität.

"Essen hat einen Preis verdient - den niedrigsten." Dieser Slogan einer Handelskette trieb Ende Januar Bauern zum Protest auf die Straße. Zwar war das alles offenbar nur ein Missverständnis - nach Angaben des Händlers war der Ort Essen in Niedersachsen gemeint. Und doch führt der Spruch zum Kern der Auseinandersetzung, über den sich in dieser Woche Handel, Landwirtschaft und Politik auseinandersetzten: Lebensmittel in Deutschland sind billig, sehr billig, zu billig.

In Frankreich gilt das geflügelte Wort: Die Deutschen haben die teuersten Küchen und das billigste Essen. Und das lässt sich auch weitgehend mit Zahlen untermauern: Weniger als elf Prozent ihres gesamten Konsums geben die Deutschen für Nahrungsmittel aus. Im EU-Durchschnitt sind es über 13 Prozent.

Urlaub und Auto sind wichtiger als das Essen

Und Lebensmittel sind in Deutschland zwar zwei Prozent teurer als im Durchschnitt der EU; in vergleichbaren Ländern wie Italien, Frankreich oder Österreich liegen sie aber zehn bis 25 Prozent über dem Durchschnitt in der Gemeinschaft. Und auch die Tatsache, dass in Deutschland ein Viertel des Frischfleischs beim Discounter gekauft wird, zeigt, dass wir Deutschen zwar immer vorne dabei sind, wenn es darum geht, höchste Umwelt- und Tierwohlstandards zu fordern, uns an der Kasse dann aber oft für die billigste Variante entscheiden.

In Deutschland kommen mehrere Faktoren zusammen. Zum einen ist da unsere vielfach mangelnde Wertschätzung für qualitativ hochwertige und entsprechend teure Nahrungsmittel. Da sind Urlaub, Smartphone und das Fahrzeug meist wichtiger. Zum zweiten gibt es die Marktmacht der großen Händler, die mit Schnäppchenangeboten die vorherrschende Geiz-ist-geil-Mentalität noch befördern.

Edeka, die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland, Rewe sowie Aldi beherrschen etwa 85 Prozent des Lebensmittelmarktes in Deutschland. Zwar verhandeln nicht die Bauern selbst mit den Handelsriesen. Das übernehmen oft ihre Genossenschaften. Doch im Größenvergleich hat selbst ein Zusammenschluss von Landwirten nur so viel Marktmacht wie eine Näherin aus Bangladesch gegenüber einem internationalen Mode-Label.

Landwirtschaft braucht weiterhin hohe Effizienz

Aber einer muss bezahlen für Fleisch und Lebensmittel: der Verbraucher, der Bauer, das Tier oder die Umwelt. Bei Ramschpreisen von 1,11 Euro für zwei Kilo Äpfel oder 20 Cent für 100 Gramm Hähnchenschenkel ist klar, wer es nicht ist: Der Verbraucher.

Nun will und kann sich nicht jeder Bio-Qualität leisten. Viele Deutsche sind darauf angewiesen, günstige Lebensmittel zu kaufen, und - das Wachstum der Tafeln zeigt es – einige können sich selbst die Billigpreise nicht leisten. Deshalb wird es fernab jeder Romantik, mit der sich Großstädter das Landleben vorstellen, auch weiter eine hohe Effizienz in der Landwirtschaft geben müssen – nicht nur weltweit, auch in Deutschland.

Unter anderem deshalb sind staatliche Mindestpreise für Lebensmittel, wie sie die Grünen fordern, kein probates Mittel im Kampf für gutes Essen zu fairen Preisen. Ein anderer Grund sind die tausendfachen Markteingriffe der EU, die in schlimmsten Zeiten zu Milchseen und Butterbergen geführt haben. Hinzu kommt: Die Nahrung wird dadurch nicht automatisch besser.

Ungleiches Machtverhältnis zwischen Handel und Bauern einebnen

Was aber schon Not täte, wären härtere Gesetze zum Tierwohl auf den Höfen und ein Qualitätssiegel, das für den Verbraucher klar erkennbar zeigt: Das Tier, dessen Fleisch ich kaufe, ist artgerecht gehalten worden - oder eben nicht. Ersteres wird schlimme Auswüchse der Tierhaltung beenden, letzteres Transparenz beim Verbraucher schaffen. Der weiß: Wenn ich mehr ausgebe, erhalte ich auch eine bessere Qualität. Hier muss Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner endlich Resultate liefern.

Richtig sind hingegen Pläne, die das ungleiche Machtverhältnis zwischen Handel und Bauern ein Stück weit einebnen. Wenn Deutschland wie geplant zügig eine EU-Richtlinie gegen unfaire Handelspraktiken umsetzt, sind Auswüchse wie das extrem kurzfristige Stornieren von bestellter Frischware nicht mehr möglich.

Außerdem soll es eine Kommunikationsallianz von Handel und Bauern geben, die für den Wert von Lebensmitteln wirbt. An sich eine gute Sache. Edeka wirbt seit vielen Jahren mit dem Slogan: "Wir lieben Lebensmittel", der alles, worüber diese Woche beim Aufeinandertreffen von Politik, Bauern und Handel gesprochen wurde, schön zusammenfasst. Letztens hat Edeka seinen Werbeclaim allerdings ergänzt. Er lautet nun: "Wir streichen die Preise."

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