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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Animal Hoarding ist ein Krankheitsbild"04.04.2018

Falsch verstandene Tierliebe"Animal Hoarding ist ein Krankheitsbild"

Animal Hoarding bezeichnet ein Krankheitsbild, bei dem Menschen unverhältnismäßig viele Tiere in ihrer Wohnung halten. Eine Therapie sei oft schwierig, sagte Tierschutzexpertin Moira Gerlach im Dlf. Den Menschen einfach die Tiere wegzunehmen, sei aber keine Lösung.

Moira Gerlach im Gespräch mit Stefan Römermann

Die Hündin Kelly (2 Jahre), ein Irischer Setter, säugt am 1. Februar im englischen Terrington St Clement ihren umfangreichen Nachwuchs. Am 15. Januar 2008 hatte die Hundemutter nach zehn Stunden Geburt 16 Welpen zur Welt gebracht. (picture alliance/dpa - Matthew Usher)
Animal Hoarder seien oft mit der unkontrollierten Vermehrung ihrer Tiere überfordert, sagte Moira Gerlach im Dlf (picture alliance/dpa - Matthew Usher)
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Stefan Römermann: Es beginnt meist mit zwei, drei oder vier Katzen, Hunden oder Vögeln, vielleicht auch mit Schlangen, die in der Wohnung gehalten werden. Dann kommen nach und nach noch ein paar mehr dazu. Irgendwann sind es dann Dutzende Tiere, und denen fehlt es an allem. Es gibt zu wenig Futter, zu wenig Wasser, oft auch keinen ordentlichen Schlafplatz, von regelmäßigen Tierarztbesuchen ganz zu schweigen. Tierschützer nennen das Problem Animal Hoarding – das krankhafte Sammeln von Tieren. Vor der Sendung habe ich mit Moira Gerlach vom Deutschen Tierschutzbund über das Problem gesprochen und sie gefragt, welche Bilder sich den Tierschützern in solchen Fällen bieten.

Moira Gerlach: Leider finden sich da sehr häufig erschreckende Bilder. Die Unterkünfte von vielen Animal Hoardern sind sehr unhygienisch, das heißt man findet oft Exkremente von Tieren, oft findet man auch viel Müll in der Wohnung, manchmal findet man auch tote oder verwesende Tierkadaver. Das Problem ist einfach, dass die Animal Hoarder eben mit der Zeit mit der Betreuung und Pflege der Tiere überfordert werden und selbst nicht erkennen, dass sie die Tiere vernachlässigen und auch ihre eigene Situation und die Auswirkungen auf ihre eigene Gesundheit nicht realisieren.

Römermann: Sind das Menschen, die eigentlich Tiere lieben, aber dann ist einiges schief gelaufen, oder was wissen wir über dieses Animal Hoarding?

Gerlach: Also, Animal Hoarding ist ein Krankheitsbild, das ist allerdings in Deutschland noch nicht als eigenes Krankheitsbild anerkannt, und die Menschen leiden sehr häufig an psychischen Störungen. Es gibt eben auch Parallelen, zum Beispiel zum Messie-Syndrom. Es sind jetzt meistens, grundlegend natürlich keine böswilligen Taten, die die Menschen da vollbringen, aber es gibt verschiedene Formen von Animal Hoardern. Oft ist es so, dass die Menschen anfangen, Tiere aufzunehmen und dann eben immer mehr aufnehmen und dann eben nicht merken, dass sie die Tiere nicht mehr versorgen können. Es gibt zum Beispiel auch Züchter, die eigentlich erstmal eine ganz gute Zucht führen und dann das mit der Zeit aus dem Ruder läuft.

Also, da gibt es verschiedene Formen quasi, von Animal Hoarding. Aber es ist eben, wie gesagt, vor allen Dingen ein Krankheitsbild, und deswegen ist es natürlich schwierig auch, den Menschen dann zu helfen, wenn es auch noch nicht richtig anerkannt ist, als Krankheitsbild in Deutschland.

Römermann: Sie haben gesagt "Tiere aufnehmen". Das sind dann also auch teilweise auch Leute, die, ich sage mal, Hunde und Katzen retten wollen und dann aber den Tieren am Ende nicht wirklich ein ordentliches zu Hause bieten, oder?

Gerlach: Genau! So kann es auch sein. Also, es gibt eben auch diesen Retter-Typ unter den Animal Hoardern, den man auch wirklich so benennt, der eben meint, er rettet die Tiere, indem er sie bei sich aufnimmt, und es werden immer mehr und mehr – das ist eben auch eine Form davon. Das ist, wie gesagt, oft kein böswilliger Hintergrund, aber die Menschen sind dann einfach, durch ihre Erkrankung dann erkennen sie die Situation oft nicht mehr, dass die dann aus dem Ruder läuft.

Tiere pflanzen sich oft unkontrolliert fort

Römermann: Die Tiere vermehren sich ja dann auch selber, vermutlich.

Gerlach: Genau! Das ist das große Problem, dass die Tiere sich dann häufig unkontrolliert fortpflanzen, es dann an Futter, Wasser und tierärztlicher Betreuung fehlt. Die Tiere werden dann oft krank, einfach auch, weil viele Tiere eben auf kleinem Raum leben. Da ist es natürlich auch immer dann eine gute Grundlage für Infektionskrankheiten, die sich ausbreiten. Und in schlimmen und fortgeschrittenen Fällen kommt es halt mehr und mehr dann zum Tod einzelner Tiere oder auch von mehreren Tieren.

"Viele Fälle leider werden erst entdeckt, wenn es wirklich schon schlimm ist"

Römermann: Ab welchem Zeitpunkt kann, oder ab welchem Zeitpunkt sollte man denn eingreifen, wenn man, beispielsweise als Freund oder Nachbar, das mitbekommt?

Gerlach: Sehr häufig werden die Fälle leider erst entdeckt, wenn es wirklich schon schlimm ist. Also, wenn es zum Beispiel zu einer großen Geruchsbelastung kommt, im Haus, oder zu einem großen Lärmpegel auch, durch die Tiere. Deswegen ist es gut, wenn man sich ein bisschen sensibilisiert für die möglichen Anzeichen. Also wenn man den Verdacht hat, oh, der hält aber viele Tiere oder sehr viele Tiere auf engem Raum, und wenn man ihn darauf anspricht, dass er eben da eher zurückweisend ist oder das Problem nicht realisieren möchte. Da haben wir auch eine Checkliste auf der Homepage des Deutschen Tierschutzbundes, wo man eben mal so bestimmte Anzeichen einsehen kann, was da eben einen Hinweis geben könnte. Wir sagen immer, bei Verdacht ist es natürlich immer sinnvoll, erstmal das Gespräch mit der Person zu suchen und eben gegebenenfalls auch Hilfe anzubieten. Wenn das zu nichts führt und man merkt, dass da wirklich ein Problem vorliegt, dann lieber frühzeitig wirklich auch dem Veterinäramt und der Polizei Bescheid sagen, weil das viel Leid erspart – sowohl Tier also auch Mensch, dann am Ende.

"Wichtig für die Menschen ist, dass sie eine Therapie bekommen"

Römermann: Was passiert dann, wenn ich denen Bescheid sage? Wie läuft das ab?

Eine Türklinke einer weiß gestrichenen Tür. (imago/McPHOTO)Hinter so mancher verschlossenen Wohnungstür leben Dutzende Tiere. (imago/McPHOTO)

Gerlach: Das Veterinäramt geht dann meistens erstmal auch dann zur Wohnung hin, oder die Polizei. Man versucht natürlich erstmal, so mit den Leuten zu reden und Zutritt zu bekommen. Das ist dann auch nicht immer möglich, weil oft wollen die Menschen dann auch keinen in ihre Wohnung lassen. Das heißt, manchmal braucht man dann eben auch erstmal eine Zutrittsgenehmigung. Und dann ist es natürlich meistens erstmal, wenn man dann die Tiere rausholt, muss man auch mit einem großen Aufgebot von Menschen kommen und dann auch sehr häufig, dass dann in Schutzkleidung da reingegangen wird und dann eben die Tiere beschlagnahmt werden und dann in die Tierheime verbracht werden. Für die Menschen ist es natürlich auch sehr wichtig, dass sie eine Therapie bekommen. Das Problem ist halt, dass es noch kein anerkanntes Krankheitsbild ist. Das heißt, Therapien aufzuerlegen ist oft schwierig. Die Menschen müssen quasi selbst dazu bereit sein, eine anzunehmen.

Das ist aber häufig nicht der Fall. Aber einem Menschen einfach nur die Tiere wegzunehmen ist meistens leider überhaupt keine Lösung. Die werden häufig rückfällig, und deswegen ist es wirklich auch eine schwierige Gesamtsituation, oft dann dort.

Römermann: Moira Gerlach, vom Deutschen Tierschutzbund, über das sogenannte Animal Hoarding. Das Gespräch haben wir vor der Sendung aufgezeichnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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