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StartseiteKommentare und Themen der WocheFacebook braucht eine echte Aufsicht11.10.2020

FalschmeldungenFacebook braucht eine echte Aufsicht

Der US-Wettbewerbs-Unterausschuss ist zu dem Schluss gekommen, dass Amazon, Apple, Facebook und Google ihre Marktmacht missbrauchen. Nicht erwähnt werde, dass Facebook demokratische Gesellschaften unterminiere, kommentiert Marcus Schuler. Auch deshalb müsse der Algorithmus endlich geändert werden.

Von Marcus Schuler

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Auf dem Display eines Smartphones sind die Logos von Apple, Amazon, Netflix, Facebook und Google zu sehen. (picture alliance/TT NEWS AGENCY / Helena Landstedt)
Google, Facebook, Apple und Amazon stehen erneut unter Druck. Wettbewerbsaufseher in Amerika und der EU knöpfen sich die großen Plattformen vor. (picture alliance/TT NEWS AGENCY / Helena Landstedt)
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Besonders ein Unternehmen hat aus seinen Fehlern nicht gelernt. Facebook erweist sich in demokratischen Gesellschaften immer mehr zu einem Totengräber derselben. Es gaukelt uns eine vernetzte Welt vor, in der wir uns alle als Freunde treffen. Bei näherem Hinsehen ist entpuppt sich diese Welt aber als Dystopie.

Too little, too late, zu wenig, zu spät - so sollte stattdessen das Motto des sozialen Netzwerks lauten. Der Konzern von Multimilliardär Mark Zuckerberg unternimmt gerade nur so viel wie nötig ist, um später sagen zu können, man habe doch etwas unternommen.

Stärker gegen Verschwörungstheorien vorgehen

Seit Monaten tummeln sich bei Facebook und der Tochterfirma Instagram die Anhänger der QAnon-Verschwörungstheorie. Und die besagt, Donald Trump kämpfe allein auf weiter Flur gegen einen Staat im Staate. Seine Gegner: die ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama und Bill Clinton. Die demokratische Partei - angeführt von Hillary Clinton - unterhalte zudem einen Kinderhändler-Ring aus einem Pizza-Restaurant in Washington heraus. 

Bislang hat das soziale Netzwerk die abstrusesten aller Verschwörung-Schwachmaten in seinem Netzwerk gewähren lassen. Es gelte die Freiheit der Meinung, so beschwichtigt sein Co-Gründer Zuckerberg stoisch die Kritiker. Dabei wähnt er sich in Gesellschaft mit dem US-Präsidenten, der dieses Argument als Vorwand nutzt, um weiterhin die Unwahrheit sagen zu können. Nebenbei hatte Trump im August die QAnon-Anhänger als Leute bezeichnet, die - Zitat - "unser Land lieben".

Trump-Anhänger in New Hampshire mit Wahlkampf-Flaggen (picture alliance/ Zuma Press/ Allison Dinner) (picture alliance/ Zuma Press/ Allison Dinner)Desinformation im US-Wahlkampf: Wie die Demokratie gehackt wird
In den sozialen Netzwerken zirkulieren Falschmeldungen, Halbwahrheiten und Deutungen über alle Grenzen hinweg. Wahlpropaganda funktioniert in Echtzeit – und dank eines immensen Datenschatzes immer gezielter.

Nun also geht Facebook gegen die Gruppierung vor und löscht tausende Seiten und Konten. Einen Tag später sah man sich in der Facebook-Firmenzentrale dann ein weiteres Mal genötigt, eine andere Reißleine zu ziehen. Diesmal ging es um die Präsidentschaftswahl am 3. November. Das Netzwerk will dann Einträge, die vorschnell einen Kandidaten zum Wahlsieger erklären, mit Warnhinweisen versehen. Auch wolle man gegen Beiträge mit militaristischer Sprache vorgehen, die zum Gang ins Wahllokal aufrufen.

All diese Maßnahmen sollten aber nicht über die beiden Grundübel hinwegtäuschen: Die Architektur des Netzwerks sowie seine Führung sind das Problem. Der Algorithmus von Facebook ist so programmiert, dass er besonders radikale Meinungen nach oben spült und diese überproportional weiter verbreitet. Damit leistet das Unternehmen aktive Hilfe, um Anti-Demokraten und Verschwörungstheoretiker miteinander zu vernetzen. Das Top-Management des Konzerns zündet immer wieder neue Nebelkerzen und gelobt Besserung; im Kern bleibt aber alles wie ist oder so wie sich das Mark Zuckerberg vorstellt. 

Facebook muss Algorithmus ändern

Der vom US-Kongress verabschiedete Untersuchungsbericht geht im Falle Facebook an der Sache vorbei. Er adressiert zwar die monopolartige Stellung als soziales Netzwerk, verliert aber kein Wort darüber, dass Facebook demokratische Gesellschaften unterminiert. 

Das Bild zeigt die amerikanische Flagge, Dossier zur US-Wahl 2020  (picture alliance / Wolfram Steinberg) (picture alliance / Wolfram Steinberg)
Als einer der Ersten hat das übrigens der russische Präsident Vladimir Putin erkannt und so Trump 2016 zu einem Wahlsieg verholfen. Facebook braucht eine echte Aufsicht und nicht irgendwelche Marionetten, die sich Mark Zuckerberg ausgesucht hat. Das Unternehmen muss seinen Algorithmus ändern, der auf Verstärkung radikaler Meinungen setzt, weil sich diese viral am schnellsten verbreiten.

Dieser Tage kolportierte die Technologie-Website The Verge: Bei Facebook arbeite man derzeit mit Hochdruck daran, die Chat-Funktionen von Messenger, Instagram und WhatsApp zusammenzuführen. Ist das erst einmal geschehen, wird eine Zerschlagung, wie sie vielen Politikern in Washington vorschwebt, noch schwieriger.

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel des viel kleineren Konkurrenten Twitter in San Francisco. Der Kurznachrichtendienst schaltet viele Funktionen, die für Verstärkung und schnelle Weiterverbreitung sorgen, in den Tagen vor und nach der Wahl einfach ab. 

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