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StartseiteTag für TagWie wir niemals waren30.07.2015

Familienbild in US-FersehserienWie wir niemals waren

Einer der wichtigsten Bezugspunkte des Fernsehens war immer die Familie als Zentrum des gesellschaftlichen Zusammenlebens. So kreist fast jede Fernsehserie um das Thema Familie. Und selbst da, wo vordergründig keine Familie zu sehen ist, lassen sich bei genauerem Hinsehen doch wieder familiäre Strukturen erkennen. Das konservative Medium Fernsehen – vor allem das amerikanische – erzählt also seit Jahrzehnten, wie Familie zu sein hat. Erst langsam weichen die Strukturen auf.

Von Hendrik Efert

Die Helden der US-Serie "Mad Men" - hier Joan als Barbie-Puppe (picture alliance / dpa / Foto: Mattel)
US-Serien wie "Mad Men" prägen das Familienbild. (picture alliance / dpa / Foto: Mattel)
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"Es wird eine kleine Veränderung geben. Euer Vater zieht nämlich hier aus."

Nie hat eine Serie eine Epoche realistischer dargestellt als Mad Men: Die 60er zwischen festzementierten Rollenverständnissen und größten Umbrüchen. Und als vor wenigen Wochen die letzte Folge ausgestrahlt wurde, waren auch die meisten Familienverhältnisse in der Serie zerbrochen.

"Du hast gesagt, du wirst immer nach Hause kommen." – "Das werde ich, es ist nur ein anderes Zuhause." – "Bitte geh nicht!"

"Mad Men" - unerreichbares Idealbild der 50er und 60er

"Ich habe kaum eine Serie gesehen, die die 60er historisch genauer dargestellt hat als Mad Men."

Stephanie Coontz ist Familienforscherin, in ihrem Buch "The Way We Never Were" räumte sie in den 90ern mit verschiedenen Mythen und Vorstellungen von Familie und Ehe auf. Für Coontz ist Mad Men die erste und einzige wahrhaftige telemediale Beschreibung von Geschlechterrollen, Ehen und Familie. Sie interviewte Frauen, die in den 60ern Familie hatten.

"Viele Frauen sagten, dass sie es nicht ertragen haben, Mad Men anzusehen, da es so viele Erinnerungen zurückbrachte. Sie waren aber unglaublich froh, dass ihre Töchter und Enkeltöchter in der Serie sehen konnten, durch was sie durch mussten."

Mad Men ist die dokumentierende Ausnahme. Paradoxer Weise beschreibt das Fernsehen zwar seit seiner Entstehung, wie Familie zu sein hat, liefert da aber immerzu nur ein Idealbild. Ein unerreichbares, das die Zuschauer massiv unter Druck setzt.

"Seit dem Beginn des Fernsehens in den 50ern prägt es massiv die Vorstellungen der Menschen von Familie. Wenn die eigene Familie nicht an die perfekten TV-Familien heranreicht, denken die Leute, das auf dem Bildschirm sei die Norm und bei ihnen liefe es falsch."

Zu keiner Zeit tiefreligiös

Vor dem Zweiten Weltkrieg kam die mediale Unterhaltung noch mehrheitlich aus dem Radio – hier wurde Familie weit vielschichtiger dargestellt, so Coontz. Denn die prototypische Vorstadtfamilie, mit dem Mann als Geld verdienenden Haushaltsvorsteher und der Gattin als Mutter und Hausfrau entstand als breites Lebenskonzept erst nach dem Zweiten Weltkrieg.

Interessanterweise aber propagierte das amerikanische Fernsehen zu keiner Zeit einen tiefreligiösen Aspekt des Konzepts Kleinfamilie, wie es die doch stark protestantisch geprägte Gesellschaft der USA vermuten ließe. Das Ideal der weißen, heterosexuellen und mit biologischen Kindern ausgestatteten Vorstadtfamilie war strikt ökonomisch geprägt.

"Man wollte das amerikanische Leben möglichst homogen darstellen, niemanden verschrecken. Die Kirchen fürchteten natürlich diesen säkularen Aspekt des Fernsehens. Hätte es im 19. Jahrhundert Fernsehen gegeben, hätte das weit religiöser ausgesehen."

"Six Feet Under" -  Familie ohne (Happy) End in den 80ern und 90ern 

Der Blick auf Familie änderte sich zwar in den Folgejahrzehnten. Doch eine Konzentration auf die standardisierte Kernfamilie blieb. Selbst die TV-Trash-Familien der 80er und 90er bezogen sich am Ende doch immer wieder auf das Ideal Vater, Mutter, Kinder.

Doch die Gesellschaft verändert sich – und auch ihr Familienkonzept. Die von der Werbeindustrie weit unabhängigeren Kabelsender nehmen dagegen ein weiteres Mal eine Vorreiterstellung ein. So lohnt ein Blick auf die Produktionen von Jill Solloway: Aufgewachsen in einer nicht-orthodoxen jüdischen Familie, mit homosexuellen Geschwistern und einem transsexuellen Vater versuchte sie bereits im HBO-Bestatter-Epos "Six Feet Under" Familie ungewöhnlich wirklichkeitsnah abzubilden:

"Wieso hast du nicht einfach mit mir Schluss gemacht?" – "Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht – Nate. Du hast ein menschliches Wesen geschaffen, es wird einen weiteren Menschen auf diesem Planeten geben, einen Menschen, auf den ein total beschissenes Leben wartet."

Oft schon quälend realistisch werden hier familiäre Beziehungen gezeigt: Verhältnisse, die problematisch sind, mit Auf und Abs, am Ende oft kein Happy End, oder noch besser: gar kein Ende.

Serien auf Video- und Streamingdiensten - die unglaublichen Familien

Solloway experimentiert mit der Gender-Study-Comedy "Transparent" zurzeit sehr erfolgreich für den Videodienst des Onlinegiganten Amazon. Hier erzählt sie mit viel Leichtigkeit, aber auch großer Ehrlichkeit die Geschichte einer nicht ganz so klassisch strukturierten Familie, deren ehemals männliches Oberhaupt nun eine Frau ist.

"Hast du mit Dad gesprochen?" – "Er ist trans." – "Deine Familie ist unglaublich." – "Coming out ist coming out ist coming out."

Sowieso hängen die Streaming-Dienste die Kabelsender gerade ab. Sie übernehmen die Vorherrschaft über das innovative Erzählen. Netflix zeigt in seiner neuen Serie "Grace & Frankie", die Geschichte zweier über 70-jähriger Männer und ihrer Frauen.

"Es gibt da etwas über das wir mit euch beiden reden möchten." – "Du bist schwul?" – "Ihr wollt heiraten?"

Familie bleibt das zentrale Thema

Dass nun bei Mad Men am Ende alle Familien zerbrochen sind, soll auch zeigen, dass unsere bisherige Vorstellung von Am-Ende-siegt-die-Kleinfamilie womöglich überholt ist. Dennoch ist und bleibt Familie zentraler Ausgangspunkt von Erzählungen. Stephanie Coontz:

"In der Familie erleben wir alle unsere ersten Eindrücke der Welt. Hier haben wir sowohl unsere engsten Beziehungen als auch unsere intensivsten Streitigkeiten und Enttäuschungen. Es überrascht mich nicht, dass Familie das zentrale emotionale Thema in Comedy und Drama ist und wohl auch bleiben wird."

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