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StartseiteInterview"Da muss die Kirche barmherzige Wege finden"05.10.2015

Familiensynode im Vatikan"Da muss die Kirche barmherzige Wege finden"

Im Vatikan geht es bei der Bischofssynode um Themen wie Familie, Ehe und Homosexualität. Der Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Stefan Vesper, hofft, dass sich die Kirche weiterentwickelt. Geschiedenen, die eine neue Ehe eingingen, müsse die Kirche barmherzig zugewandt sein, sagte er im DLF.

Stefan Vesper im Gespräch mit Christine Heuer

Der Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZDK), Stefan Vesper (picture alliance/dpa/Armin Weigel)
Der Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZDK), Stefan Vesper, fordert eine barmherzige Haltung der Kirche gegenüber Geschiedenen. (picture alliance/dpa/Armin Weigel)
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"Beim besten Versuch eine Ehe zu führen, gibt es auch Situationen, wo die Ehe scheitert", sagte Vesper im DLF. Etwa da, wo zum Beispiel Gewalt im Spiel sei. Wenn nach einer solchen Situation Geschiedene wieder einen Partner für eine Ehe fänden und dann auch gemeinsame Kinder bekämen, die christlich erzogen würden, müsse die Kirche dafür auch barmherzige Wege finden, auf diese Väter und Mütter zuzugehen.

Er halte die katholische Kirche derzeit zwar nicht für unbarmherzig, schon jetzt gebe es viele kirchliche Angebote für Familien. Aber manchmal müsse man auch einen Schritt weitergehen. Aus seiner Sicht ist die Grundfrage, ob die Kirche mit den Menschen in dieser Welt lebt oder abseits steht. "Die Synode ist sicherlich ein großer Moment der Weiterentwicklung - das hoffe ich zumindest", so Vesper.

Auch das Thema Homosexualität dürfte bei der Synode zur Sprache kommen. Die Haltung der katholischen Kirche dazu sei klar. Homosexuellen Menschen sei mit Respekt und Wertschätzung zu begegnen. Gleichzeitig räumte Vesper ein, dass die Situation für Homosexuelle in vielen Ländern der Welt schwierig sei.


Das Interview in voller Länge:

Christine Heuer: In der Katholischen Kirche stehen sich zwei Lager gegenüber: das liberale und das konservative. Wie unversöhnlich, das wird sich in den kommenden drei Wochen erweisen. So lange nämlich tagt in Rom die Familiensynode, bei der die katholischen Bischöfe über Ehe und Familie beraten. Die Liberalen möchten Lebenswirklichkeiten wie Homosexualität oder die Wiederheirat Geschiedener nicht länger als Sünde beiseiteschieben. Die Konservativen bleiben dabei: Beides hat im Katholizismus rein gar nichts zu suchen. - Am Telefon ist Stefan Vesper, Generalsekretär beim Zentralkomitee deutscher Katholiken, dem wichtigsten Laiengremium in der Katholischen Kirche. Guten Morgen, Herr Vesper.

Stefan Vesper: Guten Morgen, Frau Heuer.

"Niemand will die Unauflöslichkeit der Ehe verändern"

Heuer: Schon im Vorfeld war von einer Schlacht, vom Lagerdenken die Rede. Heute hat Ihr Präsident beim ZdK, Alois Glück, einen miserablen und abschreckenden Stil in der Auseinandersetzung der beiden Lager kritisiert. Ist Ihre Kirche irgendwie im Krieg mit sich selbst im Moment?

Vesper: Nein. Das ist, glaube ich, deutlich zu scharf zu sehen. Es ist hier erst mal jetzt wichtig, dass die Synode beginnt. Es gab viele Spekulationen, Wünsche, Fragen und Sorgen vorher. Da ist auch manches an Politik gemacht worden. Und was Alois Glück hier sagt ist, dass insbesondere Menschen, die sich früher als besonders romtreu gehalten haben und als wichtigstes Merkmal das angesehen haben, nun doch manchmal sehr aggressiv und mit scharfen und diffamierenden Worten agieren. Niemand will die Unauflöslichkeit der Ehe verändern. Das ist ein ganz wichtiges und ganz wichtiger Teil der katholischen Lehre, dem man überall Anerkennung zollt. Es geht nur darum, jetzt barmherzigere Lösungen für Menschen zu finden, deren Ehen scheitern.

Heuer: Warum regen sich die Konservativen dann so auf?

Vesper: Es ist seit dem Konzil eigentlich so, dass die Grundfrage heißt, ist die Kirche in dieser Welt mitten unter den Menschen als Sauerteig lebendig, geht sie auch mit diesen Menschen mit, oder ist sie sozusagen etwas, was daneben steht, was Ratschläge gibt, was vorlebt, aber was sich abgrenzt von der Moderne, von unserer Zeit, von den Menschen, so wie sie auf den Straßen leben, und das ist eine Grundfrage der Kirche. Das Konzil hat es eigentlich entschieden mit einer überwältigenden Mehrheit. Alle wichtigen Dokumente sind ja mit über 2.000 Stimmen gegen vielleicht 20, 30 Gegenstimmen entschieden worden damals. Aber es zieht sich trotzdem durch die Zeit.

"Franziskus will das freie Gespräch"

Heuer: Und es nimmt aber jetzt ja gerade wieder zu.

Vesper: Franziskus ist ein Papst, von dem man wirklich sagen wird, der eint, dass er dieses aufgehoben hat in ein Gespräch hinein. Er will das freie Gespräch. Er will den offenen Austausch. Er will, dass die Kardinäle ihre Meinung sagen, dass sie hören, was die anderen denken. Er will einen wirklichen Fortschritt zunächst einmal haben in der Diskussionskultur. Er will nicht, dass die Dinge unter den Tisch gekehrt werden, sondern dass sie frei ausgesprochen werden. Das ist für viele schon eine Zumutung, das ist für viele schon der Abfall vom Glauben, aber das ist für uns doch eigentlich in der Zeit, in der wir leben, ganz normal, dass die Verantwortlichen von wichtigen Organisationen sich miteinander austauschen und gemeinsam Wege suchen, wie unsere Kirche in eine gute Zukunft geführt werden kann.

Heuer: Das Zentralkomitee deutscher Katholiken, Ihr Gremium, gilt als liberal. Sie fordern sogar den kirchlichen Segen für homosexuelle Paare oder Paare mit geschiedenen Partnern, die dann heiraten wollen. Konservative Katholiken werfen Ihnen vor, die Kirche damit zu verhöhnen.

Vesper: Ja ich glaube, dass das Unsinn ist. Ich glaube, dass die Kirche in dieser Zeit lebt, und auch das Wort "liberal" gefällt mir da nicht so sehr.

Heuer: Was würden Sie sagen?

Vesper: Ich würde sagen, dass wir aus der Mitte des Glaubens heraus in unserer Kirche in unserer Zeit leben, in unserer Gesellschaft leben, und wir auf Phänomene, die uns in der Gesellschaft begegnen, gute Antworten aus dem Glauben heraus finden müssen. Und wenn Sie in die Gesellschaft in Deutschland schauen, aber nicht nur in Deutschland, sondern europaweit, in anderen Kontinenten ganz genauso, dann sehen Sie, dass es beim besten Versuch, eine Ehe zu führen, auch Situationen gibt, wo die Ehe scheitert, wo es Gewalt gibt in der Ehe und wo Menschen aus dieser Ehe dann zum Glück, sage ich, herausgehen und einen neuen Weg suchen. Und wenn solche Menschen nach einiger Zeit auch des Nachdenkens, auch der Reflexion und auch der Bitterkeit einen neuen Weg finden, wenn eine neue Ehe entsteht, wenn dann Kinder da sind, die Kinder werden getauft, die Kinder gehen zur Kommunion, dann kann es doch nicht richtig sein, wenn hier die Mutter oder der Vater nicht mitgehen darf, sondern da muss die Kirche barmherzige Wege finden. Das ist das große Leitwort dieses Pontifikats, die Barmherzigkeit, und ich denke, dass auch die Synode hier einen guten Schritt vorwärtsgehen kann.

Heuer: Bislang, höre ich da heraus, ist die Kirche zu unbarmherzig. Leiden Katholiken im wirklichen Leben an ihrer Kirche, wenn sie das ernst nehmen, wenn sie ihren Glauben ernst nehmen?

Vesper: Ich würde das nicht so sehen. Das habe ich auch nicht gesagt, dass die Kirche unbarmherzig ist. Ich glaube, dass die Kirche schon jetzt in der Zuwendung zu den Menschen durch die Karitas, durch das, was wir auch in der Familienbildung, in der Eheberatung, in den vielen Familienbildungsstätten machen, was wir übrigens auch als Familienpolitik tun in unserem Land, zum Beispiel für Rechte von Familien einzutreten, all das ist ein großer Ausdruck einer barmherzigen, einer den Menschen zugewandten Kirche. Das ist längst ein Phänomen unserer Zeit und das ist längst ein Selbstbewusstsein auch unserer Kirche. Aber manchmal muss man auch einen Schritt weitergehen und man muss sich weiterentwickeln, und die Synode ist sicherlich ein großer Moment der Weiterentwicklung - das hoffe ich jedenfalls - unserer Kirche in der ganzen Welt.

"Wir tragen hier etwas aus, was weltweit wichtig ist"

Heuer: Herr Vesper, aber die Frage stellt sich ja wirklich. Verliert die Katholische Kirche nicht ihre Richtung - entschuldigen Sie das Wort -, auch vielleicht ihren Markenkern, wenn sie sich von grundlegenden Positionen verabschiedet und zum Beispiel homosexuelle Lebenspartnerschaften in irgendeiner Weise akzeptiert?

Vesper: Die Kirche hat ja im Katechismus festgeschrieben, dass homosexuellen Menschen mit Wertschätzung und mit Respekt zu begegnen ist. Das ist doch eine klare Tatsache, dass homosexuelle Menschen heute in dem überwiegenden Teil unserer Kirche mit Respekt und Anerkennung begegnet wird. Dass wir hier ein weltweites Phänomen und ein weltweites Problem austragen als Katholische Kirche - Sie wissen, wie man in Afrika über Homosexualität denkt und dass Homosexuelle zum Teil in manchen Ländern unter Strafe gestellt werden oder erschossen werden -, das ist natürlich eine ganz andere Frage. Wir tragen hier etwas aus, was weltweit wichtig ist und was weltweit debattiert wird. Nein, ich glaube, dass wir auch für Homosexuelle in der Kirche in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Situationen eine Barmherzigkeit haben müssen, die allen Menschen gilt, unabhängig von ihrer Rasse oder ihrer Hautfarbe oder ihrer sexuellen Orientierung.

Heuer: Herr Vesper, kurz zum Schluss. Sollte sich Papst Franziskus nach der Beratung der Bischöfe - er trifft ja die Entscheidung - für einen liberalen Kurs entscheiden, oder für einen Kurs, wie Sie sagen, aus der Mitte des Glaubens, wird er ihn dann durchsetzen können in seiner Kirche?

Vesper: Ich bin davon fest überzeugt. Ich bin aber auch davon überzeugt, dass der Papst jemand ist, der am Ende nicht mit einem Machtwort entscheiden wird, sondern ich bin davon überzeugt, dass er das Gespräch immer weiter suchen und immer weiter anregen wird, denn nur durch eine dialogische Lebenshaltung in unserer ganzen Kirche, vom Papst bis zu uns Gläubigen, können wir das Evangelium in dieser Zeit bezeugen, nur durch eine dialogische Haltung und nicht durch Machtworte.

Heuer: Stefan Vesper, Generalsekretär beim Zentralkomitee deutscher Katholiken. Herr Vesper, haben Sie vielen Dank fürs Gespräch.

Vesper: Bitte schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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