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StartseiteKommentare und Themen der WocheMit den Ausschreitungen muss endlich Schluss sein19.08.2018

Fan-Gewalt im FußballMit den Ausschreitungen muss endlich Schluss sein

Beim heutigen DFB-Pokalspiel zwischen BFC Dynamo und Köln werden erneut Ausschreitungen befürchtet. Um das Gewaltproblem im Fußball zu lösen, müssten sich alle Beteiligten bewegen, meint Jonas Reese: Vereine, Polizei, Justiz - und nicht zuletzt auch die überwiegende Mehrheit der friedlichen Fans.

Von Jonas Reese

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Polizei im Stadion bei einem Spiel in der Fußball-Bundesliga| Verwendung weltweit (augenklick/firo Sportphoto)
Fußballfans weiter im Visier der Polizei (augenklick/firo Sportphoto)
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In beunruhigender Regelmäßigkeit kommt es zu Gewalt im Fußball. Der jüngste Vorfall ereignete sich in der vergangenen Woche nach dem ersten Zweitliga-Heimspiel des 1. FC Köln. Rund 100 Vermummte hatten einem Fan-Bus des Gastvereins Union Berlin aufgelauert und mit Steinen beworfen. Und das obwohl der Bus von Polizei eskortiert wurde. Bei der Flucht überfuhren einige Gewalttäter in ihren Autos sogar beinahe Polizeibeamte. Einige Polizisten hatten zum Selbstschutz ihre Waffe gezückt.

Die Kölner Polizei spricht von einer neuen Dimension der Gewalt. Auch das geschieht in beunruhigender Regelmäßigkeit. Auf einer Pressekonferenz zeigte sie sichergestellte Waffen, Sturmhauben und Drogen. 28 Randalierer wurden vorläufig festgenommen. Gegen sie wird nun wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und gefährlichem Eingriff in den Straßenverkehr ermittelt. Eine neue Dimension ist das leider nicht. Man muss fast befürchten, dass sich diese polizeiliche Einschätzung als Floskel abnutzt.

An diesem Sonntag droht bereits das nächste Gewalt-Szenario im Fußball. Wieder mit Anhängern des 1. FC Köln. Dann nämlich wenn der Zweitligist Köln in der ersten Hauptrunde des DFB-Pokals nach Berlin fahren muss. Zwar nicht zu Zweitliga-Konkurrent Union Berlin, aber zu dessen Stadtrivalen BFC Dynamo Berlin. Dann könnten die Union-Anhänger die Gelegenheit nutzen und sich für den Vorfall Anfang der Woche in Köln revanchieren. Dazu könnten gewaltbereite Hooligans der übrigen Berliner Vereine stoßen.

Vereine können Fan-Gewalt nicht alleine in den Griff bekommen

Bei diesen Gelegenheiten werden schnell Rufe nach besserer Präventionsarbeit und härterem Eingreifen auf Vereinsseite laut. Die Fans des 1. FC Köln sind schon mehrfach aufgefallen. An den jüngsten Vorfällen waren auch Personen beteiligt, die bereits mit einem Stadionverbot belegt sind. Schärfere Strafen kann der Verein nicht verhängen. Vielsagend auch die Stellungnahme des Bundesliga-Absteigers nach dem Vorfall: Man sei auf Polizei und Justiz angewiesen.

Das klingt resignierend, ist aber richtig. Längst sind nicht mehr vor allem die Stadien die Schauplätze für Gewalt, stattdessen verabreden sich Gewaltbereite und Gewaltsuchende aus unterschiedlichen Fan-Lagern außerhalb der Turnierstätten zu Massenschlägereien. Sie berauschen sich daran, sich gegenseitig zu verprügeln. Die Vereine können das Problem der Fan-Gewalt im Fußball nicht alleine in den Griff bekommen. Allein schon deswegen nicht, weil es keine Fans sind, die da aufeinander einprügeln. Die Gewalt-Orgien gleichen einem perfiden Spiel. Es geht darum, dass sich Gewalttäter unter einem Vereinswappen zusammentun und versuchen Gleichgesinnte unter einem anderen Wappen zu vermöbeln, zu überrumpeln, zu überraschen.

Nach dem Vorfall in Köln hat der Gastverein Union Berlin das Vorgehen der Kölner Polizei kritisiert. Die Union-Anhänger im angegriffenen Bus seien rund sieben Stunden lang erkennungsdienstlich behandelt worden, zudem seien ihre Mobiltelefone beschlagnahmt worden. Es sei daher äußerst fragwürdig, so der Vereinssprecher, warum im Rahmen der Ermittlungen die Opfer wie Täter behandelt werden.

Polizei beklagt mangelnde Kooperation

Von Polizeiseite heißt es dagegen: Auch die Berliner Businsassen seien vermummt und gewaltbereit gewesen. Deswegen prüfe man, ob es sich bei der gesamten Begegnung um einen verabredeten Angriff handelte. Die Gewerkschaft der Polizei moniert, dass bei diesen Ermittlungen die Berliner Fans nicht kooperieren. Mit der Polizei wird nicht zusammengearbeitet. Das kennt man aus diesem Milieu. Die Rückendeckung dafür vonseiten des Vereins Union Berlin ist frech und kontraproduktiv.

Um das Problem zu lösen, müssen sich alle Beteiligten bewegen.

Die Vereine: Sie müssen sich, wie das jüngste Beispiel zeigt, noch mehr von Gewalttätern distanzieren, mit den Ermittlern zusammenarbeiten. Und sie müssen noch stärker den Dialog suchen mit dem Großteil der Fans, der sich nicht prügeln will.

Die Polizei: Sie darf nicht alle Fangruppen in einen Topf werfen und unter Generalverdacht stellen. Sie muss mit Augenmaß eingreifen und Gewalttäter gezielt aufgreifen. Und sie sollte nicht nach jedem Zwischenfall reflexhaft von einer neuen Eskalationsstufe sprechen.

Staat muss Gewaltmonopol durchsetzen

Die Justiz: Sie muss schärfere Urteile gegen überführte Straftäter aussprechen. Offenbar scheint hier nur Abschreckung zu wirken.

Und zu guter Letzt die Fans: Sie müssen sich viel deutlicher und jedes Mal aufs Neue von den Gewalttätern distanzieren. Das geschieht viel zu leise und viel zu selten. Sie dürfen sich dann nicht wundern, wenn sie in Mithaftung genommen werden, selbst wenn sie friedliche Absichten verfolgen.

Mit den Ausschreitungen muss jetzt endlich Schluss sein. Der Staat muss sein Gewaltmonopol durchsetzen. Der Vorfall in Köln ist dieses Mal noch glimpflich ausgegangen. Verletzungen oder Schlimmeres sind ausgeblieben. Das nächste Mal muss das nicht so sein.

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