Donnerstag, 13.08.2020
 
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Fangquoten in der OstseeAusgefischt?

Eigentlich wollen Fischer und Forscher das Gleiche: gesunde, nachhaltige und große Fischbestände. Aber wenn es konkret um erlaubte Fangmengen geht, sind die Fronten verhärtet: Dorsch und Hering droht der Kollaps, warnen die Biologen. Doch die Fischer sagen: Es ist immer noch genug da. Wer hat recht?

Von Tomma Schröder

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Fischer sortieren, wiegen und verarbeiten den Fang des Tages - rund 15 Kilo Schollen und Flundern am Hafen von Flensburg.  (imago / Tim Riediger)
Der Bestand an Schollen in der Ostsee ist im Gegensatz zu Dorsch und Hering nicht gefährdet - aber leider haben deutsche Fischer bei Schollen nur kleine Fangquoten (imago / Tim Riediger)
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Dorsch und Hering sind die wichtigsten Fischarten der Ostsee. 2019 ging es diesen Beständen so schlecht, dass Experten einen Fangstopp empfahlen. Die Politik folgte dieser Empfehlung nur zum Teil; geringe Quoten gestand sie den Fischern noch zu. Jetzt werden die Weichen für die nächste Saison gestellt. Verbessert hat sich an den Fischbeständen in der Ostsee nichts. Das sagen zumindest die Forscher. Die Fischer sehen das anders.

Fischer Jöhnk: "Klar ist es weniger geworden, es ist nicht mehr so wie früher. Aber es ist immer noch genug da."

Fischereibiologe Christian Möllmann: "So einen Fischbestand vernünftig zu überwachen, ist schon eine schwierige Sache, und da kann man schon mal daneben liegen."

Mit dem Fischkutter auf die Ostsee

Es ist halb fünf Uhr morgens, als es auf der Ostsee langsam dämmert. Der Kappelner Fischer Peter Jöhnk ist bereits seit einer Stunde auf den Beinen und hat seinen Kutter gerade aus der Schlei herausgesteuert, einem Ostseearm im nördlichen Schleswig-Holstein.

"Südlich von Schleimünde sind wir hier, Schönhagen. Die ganze Zeit, wo ich die letzten Male los war, habe ich da auch immer Fisch gefangen und dann fährt man da ja auch nicht weg. Da war von allem was: Bisschen Dorsch, Scholle, bisschen Steinbutt, Glattbutt. Da war alles denn, ne? Mal sehen, was da heute ist."

Das Wetter ist ruhig: kaum Wind, wenig Wellen, leichter Nieselregen. Nach einer guten Stunde Fahrt hält Peter Jöhnk Ausschau nach seinen Stellnetzen, die er am Tag zuvor gesetzt hat. Auf dem Radar sind sie schon zu sehen.

"Da sind die Netze, der kleine Punkt da, das ist meine Flagge, da ist so ein Aluminiumkopf, ein Radarreflektor, und hier ist… zwei Bahnen nebeneinander habe ich da."

"Kann man sie schon sehen?" -  "Nee."

Ein guter Fang aus dem Stellnetz

Die rote Flagge taucht erst allmählich aus dem grauen Allerlei auf. Doch dann geht alles ganz schnell. Peter Jöhnk drosselt die Fahrt, greift seitlich über die Bordwand des Kutters und hievt die schwimmende Flagge an Bord. An der Flagge ist das Ende des Netzes befestigt. Eine Maschine, die Jöhnk gerade für 10.000 Euro austauschen lassen musste, zieht das Netz nun automatisch aus dem Wasser.

"Eine Kliesche! Eine Scholle."

Der Ostseefischer Peter Jöhnk in wasserfester Arbeitskleidung überwacht das Einholen seines Stellnetzes (Tomma Schröder/Dlf)Peter Jöhnk auf seinem Kutter SM 3 POLLUX beim Einholen des Stellnetzes (Tomma Schröder/Dlf)

Schnell pult Jöhnk die Fische aus den Maschen heraus und wirft sie in die Körbe hinter sich, während die Maschine zeitgleich das Netz immer weiter aus dem Wasser zieht. Schon beim Zuschauen könnte man hektisch werden, weil hier jeder Handgriff sitzen muss. Aber der Ein-Mann-Fischer arbeitet routiniert. Nach einer guten Stunde sind die drei Kilometer langen Netze eingeholt.

"60 Kilo Dorsch, 30 Kilo Schollen und ein paar Kilo Seelachs. Wenn wir das verkauft kriegen, geht das."

Ein Fischer hält eine Kiste voller frischgefangener Sardinen in den Händen. (imago/Pixsell)Ein Fischer hält eine Kiste voller frischgefangener Sardinen in den Händen. (imago/Pixsell)Thunfisch oder Sardine - Fangquoten in Zeiten des Klimawandels
Keine Fische mehr in der Nordsee? Von wegen. Doch statt kälteliebender Speisefische wie Makrele oder Kabeljau finden Fischer immer häufiger mediterrane Arten wie Thunfisch in ihren Netzen. Angesichts der Folgen des Klimawandels denken Experten über eine Neuordnung der Fangquoten nach.

Während der Kutter bereits mit Autopilot wieder Richtung Heimathafen tuckert, nimmt Jöhnk an Deck bereits die Fische aus. Mit schnellen Schnitten werden die Innereien herausgenommen und über eine Klappe zurück ins Meer befördert.

"Die Möwen, die warten schon. Jetzt wissen die, was los ist, jetzt gibt es gleich Futter."

Danach wird es wieder etwas ruhiger an Deck. Jöhnk geht zurück ins Steuerhaus und schenkt Kaffee ein. Zeit für ein Gespräch über Fische, Fischer und Quoten. Die Wissenschaft kommt dabei nicht gut weg. Es ist das ewige Dilemma.

Im Stellnetz gefangene Fische liegen in einem blauen Plastikkorb an Bord des Kutters (Tomma Schröder/Dlf)Volle Körbe auf dem Kutter von Ostseefischer Jöhnk (Tomma Schröder/Dlf)

Quotenkürzungen sind existenzbedrohend

Der Fischer Peter Jöhnk sagt:

"Klar ist es weniger geworden, es ist nicht mehr so wie früher. Aber es ist immer noch genug da. Eigentlich hängt die Forschung immer ein, zwei Jahre hinterher. Wenn die immer gesagt haben, da ist kein Nachwuchs mehr, dann hatten wir den schon auf den Netzen gehabt denn, kleine Dorsche, zigarettenlang so."

Der Forscher Christopher Zimmermann sagt:

"Wir sehen beim Dorsch der westlichen Ostsee, dass der im Grunde 19 Jahre lang überfischt wurde. Wir haben dann als Wissenschaftler irgendwann sehr deutlich gesagt: Achtung, das geht so nicht, es wird zu viel entnommen."

Im letzten Jahr zog der Internationale Rat für Meeresforschung, kurz ICES, die Notbremse. Auch Christopher Zimmermann vom Thünen-Institut für Ostseefischerei gehört dem Rat an, der 2019 einen kompletten Fangstopp für den Hering empfahl. Beschlossen wurde von der Politik letztlich eine Reduzierung der Quote für Hering um 65 Prozent und für den Dorsch der westlichen Ostsee um 60 Prozent. Für die Fischer sind schon diese Kürzungen brutal. Eine Katastrophe mit Ankündigung. Denn viele Betriebe – da sind sich alle einig – werden das nicht überleben.

Heringsfischer im Strelasund  (www.imago-images.de/Jens Köhler)Heringsfischer im Strelasund: Die Fangquoten für die Fischer sind erneut gesunken (www.imago-images.de/Jens Köhler)

Wissenschaftliche Empfehlung lag daneben

Unter den Fischern ist der Ärger über die ICES-Wissenschaftler groß. Denn der Dorschbestand etwa wurde eine Zeit lang in Einklang mit der wissenschaftlichen Empfehlung überfischt. Das gibt auch Christopher Zimmermann zu:

"Weil wir lange dachten, dass der Managementplan, den die EU erlassen hat, funktionieren würde. Und erst ein paar Jahre später haben wir festgestellt, dass es so viele nicht berichtete Entnahmen gab oder Unsicherheiten in der Berechnung und so weiter, dass der Bestand sich nicht so entwickelt hat, wie wir das vorhergesehen haben. Der Bestand stemmt sich sozusagen erfreulicherweise dagegen, indem er trotzdem genügend Nachwuchs produziert. Aber das muss nicht so bleiben, und es kann sein, dass einfach irgendwann nicht mehr genügend Nachwuchs produziert wird. Und genau das war 2015 der Fall."

Natürliche Schwankungen oder drohender Kollaps?

Auf diesen schwachen Jahrgang folgte im Jahr 2016 ein sehr starker Jahrgang. Der Fischer sagt: Schwankungen, ganz natürlich. Der Wissenschaftler aber sieht darin die ersten Zeichen für einen drohenden Zusammenbruch:

"Nur leider, das kennen wir von Beständen, die einmal kollabiert sind, ist die Nachwuchs-Produktion nicht einfach wieder angesprungen und jetzt stabil auf mittlerem oder hohem Niveau, sondern die folgenden Jahrgänge 2017/18 – und nach allem, was wir wissen auch 2019 – sind wieder extrem schwach."

Auch beim Hering, der neben dem Dorsch den Hauptertrag der Ostsee-Fischer bringt, sieht es nicht besser aus. Im Gegenteil. Hier ist es zum einen der Eintrag von Nährstoffen aus der Landwirtschaft, welcher die Laichgebiete beeinflusst. Vor allem aber zeigt der Klimawandel seine ganze Macht: Verschiedene Studien legen nahe, dass der Bestand des Herings hauptsächlich durch die Erwärmung und die jahreszeitlichen Verschiebungen eingebrochen ist. Das stellt die Forscher vor enorme Probleme:

"So eine fundamentale Änderung wie den Klimawandel, da haben wir einfach keine Erfahrung drüber. Da reichen kleine Änderungen an den Stellschrauben, an den Eingangsparametern, um zu gegensätzlichen Ergebnissen zu kommen."

Messfahrt mit dem Fischerei-Forschungsschiff

Das Fischereiforschungsschiff des Thünen-Instituts "Walther Herwig III" aus der Drohnen-Perspektive (Thünen-Institut)Das Fischereiforschungsschiff des Thünen-Instituts "Walther Herwig III" (Thünen-Institut)

"Ich bin gerade bei dem Kapitän auf der Brücke. Wir hatten auf dem Echolot gerade Fischanzeige und jetzt versuchen wir, die Fische einzufangen, um dann die Artenzusammensetzung und -verteilung zu bestimmen. Das Netz wird gerade zu Wasser gelassen."

Auf der Ostsee ist Stefanie Haase gerade mit der Walther Herwig III und Echolot unterwegs, um den traditionellen Akustik-Survey durchzuführen. Bis zu vier Mal am Tag wird das Netz ausgebracht. An einem Fließband warten dann Mitarbeiter, die den Fang sortieren.

"Ein paar Plattfische, Flundern, wir hatten natürlich wieder Hering und Sprott, einige Dorsche, Sardellen, die man auch nicht so häufig hat."

Mitarbeiter in Ölzeug und Gummihandschuhen vermessen gefangene Fische im Laborraum des Forschungsschiffs "Walther Herwig III" mithilfe eines elektronischen Messbretts (Thünen-Institut)Längenmessung von Fischen im Laborraum des Forschungsschiffs (Thünen-Institut)

Die Fische werden gezählt und bestimmt, einige landen im Labor, wo zum Beispiel das Alter der Tiere oder die genaue Populationszugehörigkeit bestimmt wird. Gleichzeitig wird auf der Fahrt immer wieder Temperatur, Salz- und Sauerstoffgehalt über die komplette Tiefe der Ostsee gemessen. Dafür wird ein Messgerät einmal von der Oberfläche bis zum Grund heruntergelassen.

Die Rechenarbeit folgt später im Institut: Wo genau wurden wie viele Fische über das Echolot aufgezeichnet? Wie war die Artenzusammensetzung? Wo sind sauerstofffreie lebensfeindliche Zonen? All diese Daten werden auf die Ostsee hochgerechnet und die Ergebnisse dann in Arbeitsgruppen des ICES gesammelt.

Prognosen mit vielen Unsicherheitsfaktoren

Die Forschungsfänge machen aber nur einen kleinen Teil der Berechnungen aus, wie Christopher Zimmermann erklärt. Hinzu kommen die sehr wichtigen Fangdaten der kommerziellen Fischerei und zahlreiche Messungen der Umweltparameter.

"Die tragen wir alle zusammen, stecken das in mathematische Modelle und kriegen am Ende, wenn alles gut läuft, ein konsistentes Bild über den Zustand der Fischbestände raus. Aus dieser Rückschau versuchen wir dann abzuleiten, wie viel Fisch man im nächsten Jahr fischen könnte. Dafür muss man Annahmen treffen über das, was im Jahr 2020 passiert. Und das fügt die größte Unsicherheit hinzu, weil wir zwar wissen, wie hoch die Quoten festgesetzt wurden, aber ob die dann überfischt oder unternutzt werden, hängt von vielen anderen Faktoren ab. Jetzt z.B. von der Covid-19-Pandemie, wo wir im Moment nur mutmaßen können, was das aufs Jahr gerechnet mit der Fischerei macht. Wenn wir diese Daten in die Modelle gepackt haben und die Vorhersage ausgerechnet haben, dann kommt am Ende raus: Man kann Summe xy aus dem Bestand entnehmen."

Ignoriert die Forschung die Veränderungen in der Ostsee?

"Ja, Forschung! Das hat sich ja nun alles verändert. Die forschen ja da, die machen seit 30 Jahren ihren gleichen Strich. Und wir haben so viele Veränderungen in der Ostsee."

Für Jöhnk ist die Sache klar: Die Fischbestände sind kleiner geworden, aber das Genick bricht den Fischern die Wissenschaft: Jedes Jahr würden die Forschungsschiffe die gleiche Route abfahren, den gleichen "Strich". Dabei seien die Fische schon längst woanders.

"Kabel wurden gelegt, Windparks wurden gebaut. Das sind ja alles Veränderungen im Wasser. Eine Stelle, da haben die ein Kabel gelegt, ja, da schwimmt der Fisch auch nicht drüber weg, der bleibt da vorm Kabel stehen. Der Fisch verändert sich ja auch mit den ganzen Jahren. Diese milden Winter hier, der Dorsch ist überall verteilt, der geht ja nicht mehr ins Tiefe, der bleibt im Flachen, den fängst du noch am Strand, selbst im Winter im Januar – da hast du nie einen Fisch gefangen."

"Da sind ganz viele Fische" contra "da sind keine Fische"

"Dieser typische Konflikt, der ja immer besteht, wo die Fischer sagen: da sind ganz viele Fische, und die Wissenschaftler sagen: da sind keine Fische. Das kommt natürlich dadurch, dass Wissenschaftler versuchen, möglichst repräsentative Aufnahmen für ein Gebiet zu machen, dass sie nicht nur in Gebiete fahren, wo Fische sind."

Christian Möllmann ist Fischereibiologe an der Universität Hamburg. Er kennt den Kernkonflikt zwischen den Fischern und Forschern der Fischereiinstitute. Als Universitätsprofessor kann er das Geschehen von der Seitenlinie betrachten und versteht beide Parteien. Gerade hat er mit seinem Team Stakeholder-Befragungen gemacht und kam oft mit Fischern ins Gespräch.

"Sagt der zu mir: Wie soll ich denn einer Wissenschaft trauen, die mir jedes Jahr sagt, die Schwankungsbreite ist bei 40 Prozent. Da kann ich als Wissenschaftler sagen: wundert mich nicht, dass das so ist, und kann ich verstehen, dass er das doof findet. Aber wie man da rauskommt, das ist ein schwierigerer Weg.

Behördliche Auflagen mit unsicherer Faktenbasis 

Die Gespräche mit Beteiligten zeigten, dass es um die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Fischern nicht zum Besten bestellt sei, meint Möllmann - und sieht darin ein ganz wesentliches Problem, wenn es um die nachhaltige Bewirtschaftung der Fischbestände geht:

"Wenn wir die Zusammenarbeit nicht besser hinbekommen, sieht das nicht gut aus. Aber wie das mit Wissenschaft und besser Erklären ist, sieht man ja auch gerade bei Corona. Unsicherheiten sind schwer zu verstehen und schwer zu akzeptieren."

Der Vergleich mit dem Virus beschreibt das Problem recht gut: Denn im Prinzip erleben die Fischer seit Jahren das, was während der Corona-Krise viele Unternehmer und Selbständige kennenlernen: Sie bekommen mit den Fangquoten und -bestimmungen sehr genaue Auflagen, wann und wie sie ihrer Arbeit nachgehen dürfen. Teilweise bringen diese Auflagen sie an den Rand ihrer Existenz, während sie gleichzeitig wissen, dass eben diese Auflagen auf wissenschaftliche Erkenntnisse gebaut sind, die mit vielen Variablen und Unsicherheiten agieren müssen. Aber bei allem Unmut: Gibt es dazu eine Alternative? Christian Möllmann:

"So einen Fischbestand vernünftig zu überwachen, ist schon eine schwierige Sache, und da kann man schon mal daneben liegen. Dafür, sag ich immer, funktioniert es schon relativ gut."

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Bestands-Zusammenbrüche nahezu nicht vorhersagbar

Das Meer ist weit, tief und unüberschaubar, das Ökosystem befindet sich in einem rapiden Wandel. Daher muss die Wissenschaft eine gewisse Vorsicht walten lassen. Nicht nur die Fischerei, auch die Entwicklung von Fressfeinden, Klimaveränderungen, Verschmutzungen, Lärm, zu viele Nährstoffe beeinflussen die Bestände. Kippt ein Bestand, kann er sich auf sehr lange Sicht oder überhaupt nicht mehr erholen. Wann genau das der Fall ist, ist nahezu unmöglich vorherzusagen, meint Möllmann.

"Meistens sieht man das erst im Nachhinein, und das liegt daran, dass es keine Modelle gibt, die das vorhersagen können. Das ist nicht nur in der Fischerei, sondern das ist ja auch in der Wirtschaft so. Man kann sich Zeitserien angucken, theoretisch gibt es so typische Eigenschaften eines Zusammenbruchs, z.B. die Schwankungsbreite steigt an. Das Dumme ist, dass diese Methoden oft eine ziemlich hoch aufgelöste Beobachtung, Daten brauchen, die gibt es oft nicht für Bestände, die ja quasi einmal im Jahr gemonitort werden. Deswegen hat man im Moment quasi außer Vorsicht beim Management keine Chance, solche Zusammenbrüche vorherzusagen."

Anlandegebot wird nicht eingehalten

Gerade weil die Forschungsfänge eine nur unsichere Grundlage für Hochrechnungen stellen, sind die Wissenschaftler auf gute Daten zu Fangmengen und Fangaufwand angewiesen. Einfach formuliert: Je mehr Fische da sind, desto seltener muss ein Fischer seine Netze auswerfen, um seine Quote abzufischen. Das Problem dabei ist: Längst nicht alle Fänge sind bekannt. Dass Freizeitfischer etwa ebenfalls erhebliche Mengen Fisch aus den Meeren holen, wird erst seit einigen Jahren erfasst und berücksichtigt.

Das weitaus größere Problem ist aber: Die Wissenschaft weiß nicht, was die Fischer fangen, weil nicht alles dokumentiert wird. Vor allem das Anlandegebot wird nicht eingehalten. Es schreibt Fischern eigentlich vor, alles, was in den Netzen landet, zu behalten. Christopher Zimmermann:

"Es kommt immer wieder vor, dass die Inspektoren zum Beispiel ein Fischerei-Fahrzeug auf See überprüfen und feststellen, dass der in seinem Fang, sagen wir mal, 10 Prozent zu kleine Fische drin hat, die er dann anlanden und auf die Quote anrechnen müsste. Das passiert dann auch mit diesem einen kontrollierten Fischzug. Aber für die gesamte übrige Zeit stehen dann immer bloß ungefähr zwei oder drei Prozent Beifang in den Büchern. Aber natürlich kann der Fischer auch geltend machen, dass es reiner Zufall ist und die Inspektoren ihm halt immer Unglück bringen."

Auslaufen des Fischereischutzschiffes Lundy Sentinel der EU in Kiel.  (www.imago-images.de)Kontrollen auf offener See sollen für die Einhaltung von Fangquoten sorgen (www.imago-images.de)

Peter Jöhnk hat kaum Beifang in seinen großmaschigen Netzen. Nur eine kleine Scholle und zwei kleinere Dorsche sind dabei, die er am liebsten wieder zurückwerfen würde. Das sei doch sein Fang der Zukunft, meint er:

"Der schwimmt doch so wieder weg. Morgen könnte ich eine Scholle reinschmeißen aus der Kiste hier, die schwimmt auch wieder weg. Selbst wenn 50% überlebt, ist das ja auch viel wert, besser als wenn es in die Fischmühle geht."

Welche Überlebensraten hätten zurückgeworfene Fische?

"Das Problem, je nachdem was für eine Fischerei Sie haben, welche Arten, welche Fangmethode, welche Jahreszeit, haben die unterschiedliche Überlebensraten. Und das ist das immer gleiche Problem mit Gesetzen: Man muss versuchen, ein für die gesamte EU in allen Bereichen gültiges, umsetzbares und wirksames Regelwerk zu finden. Und er mag Recht haben, dass aus seinem Stellnetz, wenn er das nicht lange stehen hatte und der noch nicht lange da drin steckte, dass dann dieser Dorsch eine relativ gute Überlebenswahrscheinlichkeit hat. Das kann der ziemlich sicher besser beurteilen als ich."

Und dennoch hält Stella Nemecky, die für den WWF den Bereich Meerespolitik verantwortet, die Einhaltung des Anlandegebots für sinnvoll und wichtig.

"Wenn man eine Bestandschätzung macht, hat man einen unfassbaren Fehler drin. Das ist eh schon schwierig. Das Meer ist groß und tief und dunkel. Die Fischer beschweren sich eh schon immer, dass das, was die Wissenschaftler sagen, totaler Quatsch ist, und dann auch noch so ein extra Unsicherheitsfaktor da reinzubringen, wo einfach keiner mehr weiß, wie viel wurde über Bord geworden, wie viel wurde gefangen, wie viel hat überlebt."

Video-Überwachung könnte verbindlich werden

Wenn in diesem Jahr die EU-Kontrollverordnung reformiert wird, ist es daher sehr wahrscheinlich, dass die Regeln für die Fischerei strenger werden: eine videogestützte Überwachung des Anlandegebots für bestimmte Fahrzeuge könnte vorgeschrieben werden. Schon jetzt gibt es einige Fischereiboote, die das auf freiwilliger Basis machen. Doch die meisten Fischer sagen, was auch Peter Jöhnk sagt: Überwachung, unnötige Bürokratie, Kontrollwahn. Christopher Zimmermann:

"Ehrlich gesagt, gehört die Ressource, die der Fischer nutzt, uns allen, der Gesellschaft. Wir können eigentlich wenigstens erwarten, dass die Fischerei sich dann auch an die Regeln hält, und das tun viele. Aber einige tun es eben nicht, und die muss man irgendwie herausfiltern."

Fangquoten-Verteilung nach jahrzehnte altem Schlüssel

Wem der Fisch gehört, das ist so eine Sache. Erst einmal gehören sie der Allgemeinheit und fischen darf sie nur, wer eine Quote hat. Auf die verschiedenen europäischen Länder verteilt werden diese Quoten nach einem alten Schlüssel, der so genannten relativen Stabilität, die sich an den Fängen der einzelnen Nationen in den 1970er Jahren orientiert. Stella Nemecky:

"Das ist eine Verteilung der Fangmengen auf die Mitgliedsstaaten, die stattgefunden hat vor Jahrzehnten, und ist ein massives Problem. Das Ökosystem ist ja in beständiger Veränderung, mit der Klimakrise noch einmal mehr. Da ist dann so eine Quoten-Verteilung ein Problem."

Im Gegensatz zum Dorsch und Hering etwa scheint die Scholle die Klimaveränderungen in der Ostsee sehr gut zu verkraften. Die deutschen Fischer aber haben nur einen sehr geringen Anteil an der europäischen Schollen-Quote, weil sie in den 1970er Jahren, die für die Festlegung der Mitgliedsanteile maßgeblich waren, kaum Schollen fischten.

Fischerei-Neuordnung ist politisches Tabuthema

Generell gilt: Die tatsächlichen Fänge vieler Betriebe passen nicht mehr mit ihren Quoten-Ausstattungen zusammen. Dass die relative Stabilität, die nach zähen Verhandlungen in den 1980er Jahren beschlossen wurde, komplett überaltet ist, sagen daher alle: Fischer, Wissenschaftler und Vertreter von NGOs wie Stella Nemecky:

"Wenn man mit den Mitgliedsstaaten-Vertretern dieses Wort nur in den Mund nimmt "relative Stabilität", vielleicht sollte man das mal überdenken. Das ist das totale Tabu. Da will keiner ran. Und es wäre aber ganz wichtig."

Der Leiter des Thünen-Instituts, Dr. Christopher Zimmermann, im Ölzeug mit einem Dorsch. (Thünen-Institut)Fischereiforscher Christopher Zimmermann mit einem Dorsch (Thünen-Institut)

Genau genommen gibt es also eigentlich zwei Stellschrauben der Quote: Zum einen die Gesamtquote der EU, die die Politik auf Grundlage der wissenschaftlichen Empfehlungen festlegt. Zum anderen die Anteile an der Quote, wie sie auf die Länder verteilt wird. An letzterer will man nicht drehen und bei der ersteren gibt es so gut wie gar keinen Spielraum, meint Christopher Zimmermann. Die wissenschaftlichen Empfehlungen denke sich ja niemand aus, sondern die folge genauen Regeln:

"Wir werden also im Grunde dafür verantwortlich gemacht von Teilen der Fischerei, dass es abwärts geht, insbesondere dann, wenn die Fänge gar nicht sinken in dem Maße, in dem wir sagen, dass der Bestand geschrumpft ist. Und das ist besonders deutlich dann wieder bei den Heringen der westlichen Ostsee. Da fischt die Fischerei vor allen Dingen auf Laich-Aggregation von Fischen, und die würden sich auch noch zusammenrotten bis auf den allerletzten Schwarm. Das ist leider kein guter Indikator. Ich bin ein chronischer Optimist und hoffe, dass auch wieder bessere Zeiten kommen; dass wir durch dieses Tal durchmüssen."

Fischer stärker an der Quotenberechnung beteiligen? 

"Auch die Wissenschaftler wollen ja nicht, auch wenn denen das immer nachgesagt wird, wollen die Fischer ja nicht loswerden."

Sagt Christian Möllmann. Das ist schon mal eine wichtige Feststellung. Denn auch wenn es manchmal untergeht in den gegenseitigen Beschuldigungen: Eigentlich haben Fischer und Wissenschaftler die gleichen Ziele: gesunde, nachhaltige und große Fischbestände. Warum also arbeiten beide Seiten scheinbar gegeneinander? Der Mann an der Seitenlinie sagt:

"Dann finde ich die Involvierung von Fischereivertretern in diesem ganzen Prozess immer noch ungenügend, weil ich glaube persönlich, dass wenn man gemeinsam solche Berechnungen macht, dann ist die Akzeptanz auch größer. Wo jetzt das eher so ist, dass das jetzt so aussieht, als würden Wissenschaftler in irgendwelchen Räumen irgendwelche komischen komplizierten Sachen machen und die werden den Fischern mitgeteilt und darauf werden die Quoten gekürzt."

Man könnte also die Fischer mehr mit ins Boot holen und man könnte auch gleichzeitig ihr Wissen besser nutzen, meint Möllmann:

"Die haben natürlich viel mehr Ahnung oft und viel mehr Detailwissen zur Ökologie, weil sie da jeden Tag sind, wo quasi auch die besten Fischerei-Biologen gar keinen Zugang zu haben, weil sie das nicht Tag um Tag sehen."

Krise der Fischerei hat auch ökonomische Ursachen

Christopher Zimmermann sagt, er habe das bereits versucht – sei letztlich aber gescheitert. Die Gräben zwischen Forschern und Fischern waren am Ende wohl doch schon zu tief.

Dabei sind es nicht nur knappe Quoten und Fangmengen, die Fischern zu schaffen machen. Das zeigt unter anderem die Krabbenfischerei in der Nordsee. Obwohl die Krabben vollkommen unquotiert sind und ihr Bestand manchmal zu explodieren scheint, läuft ökonomisch nicht immer alles zum Besten. Wie letztes Jahr zum Beispiel, erzählt Christian Möllmann:

"..wo da jede Menge Krabben im Meer waren, die ganz viel fangen konnten, die das aber nicht losgeworden sind, weil die Lager schon voll waren und dann die Händler gesagt haben: Wir nehmen einfach nichts mehr ab."

Ein Krabbenfischer bereitet an Bord seines Kutters in der Nordsee das Leeren eines Fangs aus dem gehievten Schleppnetz vor. (dpa / Ingo Wagner)Krabbenfischerei mit dem Schleppnetz in der Nordsee (dpa / Ingo Wagner)

Die Krise der Fischerei ist daher längst nicht nur eine ökologische, es ist auch eine ökonomische. Oft hänge das Überleben der Fischer von einem Händler ab, sagt Christian Möllmann.

"Und das ist natürlich nichts, was man in der Wissenschaft mit Resilienz bezeichnet. Da muss es auch mal Überlegungen geben, wie man das anders machen kann. Also nicht wie früher, wir gucken uns nur die Ökologie an, sondern dieses Zusammenspiel, das muss viel besser verstanden werden."

Kunden begutachten die Ware beim Fischverkauf von einem Fischkutter im Fischereihafen. Möwen versuchen etwas vom Fang zu bekommen.  (imago stock&people)Garantiert frisch und zu für alle Seiten akzeptablen Preisen: Fisch vom Kutter (imago stock&people)

Direktvermarktung als Rettungsanker

Zurzeit sei es so, wie in vielen anderen Branchen auch: Die kleinen Fischer verschwinden zugunsten weniger großer Betriebe, sagt Ralf Döring, Ökonom am Thünen-Institut für Seefischerei in Bremerhaven. Wer unter den schwierigen Bedingungen überleben will, müsse schon sehr kreativ werden. Das Cuxhavener Unternehmen "Kutterfisch" etwa hat sich nicht nur eine Zusammenarbeit mit der Wissenschaft und die Einhaltung des Anlandegebotes auf die Fahnen geschrieben, sondern vermarktet den Fang seiner zehn Kutter auch selbst und hat sich so unabhängig vom holländischen Auktionsmarkt gemacht.

Fischprodukte mit dem MSC-Siegel (Marine Stewardship Council) aus dem Supermarkt.  (picture alliance / dpa / dpa-Zentralbild)Fischprodukte mit dem MSC-Siegel. (picture alliance / dpa / dpa-Zentralbild)Öko-Fisch-Siegel MSC - "Besser werden, um Fußabdruck und Schäden zu minimieren"
Das Beste, was der Konsument machen könne, sei beim Fisch-Kauf auf das Umweltsiegel MSC zu achten, sagte der WWF-Experte Philipp Kanstinger im Dlf. Gleichwohl gebe es Verbesserungsbedarf.

Hier in der Nordsee, wo es Heringen, Plattfischen und Seelachs recht gut geht, gibt es auch einige Fischereien mit dem Siegel des Marine Stewardship Councils, kurz MSC. Umweltfreundliche Fischereien auf solche nachhaltig bewirtschafteten Bestände erzielen höhere Preise. Die Ostseefischer aber strecken sich vergeblich nach dem Siegel, weil die Bestände schlicht zu stark geschrumpft sind. Hier gibt es momentan eigentlich nur eine Rettung: die Direktvermarktung. Döring:

"Wir haben ja sehr viele Initiativen an der Küste. Fisch vom Kutter ist so eine in Schleswig-Holstein, wo man ja versucht, über Direktvermarktung dann höhere Preise zu erzielen. Das ist in Zeiten, wo jetzt die Quoten stark gekürzt werden, natürlich wäre es da besonders wichtig, dass man möglichst viel aus dem Fang noch macht."

Frischer Fisch vom Kutter von Peter Jöhnk

"Ja, ich schreib jetzt, ‚Frischen Fisch vom Kutter, so lange der Vorrat reicht‘. Und dann kommen die – hoffe ich."

Es ist mittlerweile sieben Uhr morgens. Peter Jöhnk wird in einer Stunde zurück im Hafen sein und postet schon einmal, welche Fische es gleich in Kappeln zu kaufen gibt. Tatsächlich dauert es dann im Hafen nicht lang, bis die ersten Kunden kommen, die oft gleich mehrere Haushalte mit Fisch versorgen wollen.

Hier am Hafen bekommt Peter Jöhnk für sein Dorschfilet 15 Euro pro Kilo. Alles, was der Fischer nicht direkt verkaufen kann, geht nach Holland auf eine große Auktion. Dort bekommt er für ein Kilo Dorsch dann vielleicht noch 1,50 Euro.

Peter Jöhnk verwendet im Moment wenige Netze und große Maschen. Er will seine Quote möglichst langsam abfischen, um kleine, aber regelmäßige Mengen direkt am Hafen verkaufen zu können. Könnte das ein Zukunftsmodell sein? Mehr Verbraucher an der Hafenkante statt vorm Tiefkühlregal? Jöhnk zumindest hofft, dass er auf diese Weise der Katastrophe entgehen kann.

Aussichten für Ostsee-Fischer weiter düster

Denn ob oder wann sich die Bestände erholen, vermag im Moment niemand zu sagen. Ende Mai veröffentlichte der ICES seine neue Empfehlung für 2021: eine leichte Erhöhung der Dorschquote in der westlichen Ostsee. Doch eine wirkliche Erholung bedeutet diese nach wie vor historisch tiefe Quotenempfehlung für die Fischerei nicht. Und für die Heringsfischer sieht es noch düsterer aus. Christopher Zimmermann:

"Es gibt viel Schatten, leider in der Ostsee und vergleichsweise wenig Licht. An dem Zustand der beiden Bestände, die uns am meisten Sorgen machen, dem Dorsch der östlichen Ostsee und dem Hering der westlichen Ostsee sind keinerlei positive Tendenzen erkennbar, eher im Gegenteil. Dem Dorsch der westlichen Ostsee, der Brotfisch der schleswig-holsteinischen Fischer, geht es etwas besser als in den letzten Jahren. Aber die Nachwuchs-Produktion ist nach wie vor sehr gering."

Die ICES-Empfehlung für den Dorsch in der östlichen und den Hering in der westlichen Ostsee lautet erneut: Fangstopp. Christopher Zimmermann geht allerdings davon aus, dass die EU-Politiker auch in diesem Jahr sehr kleine Quoten für die Fischer beschließen werden. Das sei auch richtig so, meint er. Schließlich könne man die Fischerei nicht einfach an- und ausknipsen. Wenn das Knowhow erst einmal weg ist, lässt sich eine Fischerei schwer wieder aufbauen. Und das, meint Zimmermann, wäre in vielerlei Hinsicht ein Verlust: ein kultureller, ein ökonomischer und – ja, auch ein ökologischer:

"Und ich wünsche mir nur einfach, dass möglichst viele Fischer übrig bleiben. Denn am Ende werden wir die Fischerei brauchen, wenn wir diese wertvolle und umweltfreundlich erzeugte Ressource Meeresfisch nutzen wollen."

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