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StartseiteInterview"Ich hoffe, dass die Politik unabhängig entscheidet"24.04.2020

Faninitiative zur Bundesliga"Ich hoffe, dass die Politik unabhängig entscheidet"

Die Deutsche Fußball-Liga hat sich positioniert: Wenn die Politik die Erlaubnis erteilt, soll der Spielbetrieb in der Bundesliga wieder anlaufen. Helen Breit von der Faninitiative "Unsere Kurve" hofft, dass sich die Politik nicht von der Lobbyarbeit beeinflussen lässt.

Helen Breit im Gespräch mit Jörg Münchenberg

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Ohne Fans wurde das 1. Geisterspiel in der Geschichte der 1. Fußball-Bundesliga, Borussia Mönchengladbach gegen den 1.FC Köln (2-1), am 11. 03.2020 im Borussia Park in Mönchengladbach ausgetragen. Zwei als Geister verkleidete Fans zeigten mit einem Transparent ihren Wunsch, dennoch Eintritt zum Stadion zu erhalten. (dpa / Norbert Schmidt)
Fans vor dem "Geisterspiel" Borussia Mönchengladbach gegen den 1.FC Köln (dpa / Norbert Schmidt)
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Sobald es Politik und Behörden wieder zulassen, soll der Ball in der Bundesliga wieder rollen. Dafür hat die Deutsche Fußball-Liga ein Schutzkonzept erarbeitet und Geisterspiele vorbereitet. Wenn es nach den Profivereinen geht, dann kann schon Mitte Mai wieder gespielt werden. Helen Breit von der Faninitiative "Unsere Kurve" hofft auf umsichtige Entscheidungen der Politik. "Ich glaube, es reicht nicht aus, dass sich zwei Ministerpräsidenten äußern, sondern da muss die Politik insgesamt eine Lösung finden.


Jörg Münchenberg: Schönen guten Morgen! Frau Breit, die Deutsche Fußball-Liga legt nun also die Verantwortung in die Hände der Politik und sagt, wenn ihr erlaubt, dann werden wir wieder spielen, eben auch vor leeren Rängen. Sollte die Politik grünes Licht geben?

Helen Breit: Weder ich noch andere werden sich, glaube ich, anmaßen, der Politik eine Empfehlung zu geben. Ich hoffe, dass die Politik unabhängig entscheidet, umsichtig entscheidet und weitsichtig entscheidet. Das sind Wünsche, die habe ich zum Fußball, aber die habe ich auch allgemein und auch jetzt in dieser Krise. Sie soll sich nicht beeinflussen lassen von Lobbyarbeit oder anderem, sondern die Gesamtsituation im Blick haben, und das ist sicherlich keine leichte Entscheidung, die die Politik da treffen muss.

Bundesweite Lösungen müssen gefunden werden

Münchenberg: Jetzt haben sich ja schon zwei Ministerpräsidenten, zwei einflussreiche, für Geisterspiele ausgesprochen – Armin Laschet für Nordrhein-Westfalen, Markus Söder jetzt für Bayern. Ja wohl nicht ganz zufällig gibt es ja auch in beiden Bundesländern doch sehr starke Fußballklubs.

Breit: Ja, aber das kennen wir ja nicht nur jetzt in der Situation und nicht nur aus dem Fußball, dass Einzelne sich dazu äußern. Ich glaube, was wir gelernt haben insgesamt in der Situation, in der wir uns alle befinden, ist, dass es äußerst schwierig ist, bundesweite Lösungen zu finden, und genau das müsste aber ja der Fall sein, wenn wir über Fußball sprechen, aber genauso auch bei allen anderen Maßnahmen. Da, glaube ich, reicht es nicht aus, dass zwei Ministerpräsidenten sich äußern, sondern da muss die Politik insgesamt eine Lösung finden.

Münchenberg: Frau Breit, nun hat ja die Liga auch ein medizinisches Konzept vorgelegt, das heißt, spielen sei möglich, da muss eben ständig getestet werden, Hygiene sei ganz wichtig und vieles andere auch. Ist das glaubwürdig vorstellbar für einen Sport, der ja vom Zweikampf lebt, also auch von der Berührung?

Breit: Ich finde viele Fragen, die sich tatsächlich im Bezug zum Hygienekonzept stellen, äußerst schwierig zu bewerten. Es gibt verschiedene Expertinnen und Experten, die sich auch gestern – zwei Stück haben sich gestern auf der Pressekonferenz der DFL geäußert, andere äußern sich sozusagen außerhalb des Fußballs dazu. Auch das muss ja in die Entscheidungen der Politik einfließen. Natürlich ist es als Normalbürgerin und -bürger sehr schwer vorstellbar, wenn man einerseits eine Maskenpflicht auferlegt bekommt, wenn man in den Kontakt sozusagen geht im Supermarkt oder im öffentlichen Nahverkehr, und gleichzeitig spielt das dann sozusagen keine Rolle in dem Hygienekonzept. Aber ich glaube, das sind einfach Punkte, die auch die Politik und die auch der Fußball berücksichtigen muss, dass jeder Mensch alles, was der Fußball macht oder was ihm erlaubt wird oder nicht erlaubt wird, sozusagen vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrung und seiner eigenen Lebensrealität bewerten wird, und da entstehen ja die meisten Konfliktpunkte, würde ich sagen.

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Kritik am System Fußball

Münchenberg: Nun lautet ja das zentrale Argument jetzt auch aus dieser Bundesliga, wenn es keine Geisterspiele gibt und damit ja eben auch keine TV-Gelder, dann droht vielen Klubs der finanzielle Kollaps. Das ist ja das Argument überhaupt, dass man sagt, wir müssen möglichst bald wieder spielen. Überzeugt Sie das?

Breit: Leider ja. Das ist tatsächlich ja das, was wir auch sehr deutlich kritisieren. Es ist doch sehr erschreckend, dass so wenig ausstehende Spieltage dazu führen können, dass Vereine tatsächlich in ihrer Existenz bedroht sind. Gleichzeitig ist es aber auch nichts Neues, es ist etwas, was wir als aktive Fußballfans schon lange kritisieren. Jetzt haben wir dafür einerseits auch eine Aufmerksamkeit, und andererseits wird eben die wirtschaftliche Situation so sichtbar, wie sie noch nie war, weil eben die Saison unterbrochen ist. Es gibt Vereine, die sehr nachhaltig schon gewirtschaftet haben, die sind nicht akut bedroht in ihrer Existenz, und es gibt andere Vereine, die haben das Geld, das viele, viele Geld, das im Fußball ist, als ich würde mal sagen durchlaufenden Posten genommen, immer in der Idee, damit sportlichen Erfolg zu bekommen. Und genau das sehen wir jetzt hier.

Münchenberg: Trotzdem noch mal die Frage an Sie jetzt als Fan und auch als Vertreterin einer Fangruppe: Wie groß ist Ihrer Einschätzung nach die Gefahr, dass der Fußball vielleicht doch an Zustimmung verlieren könnte, wenn er jetzt dieses Sonderprivileg tatsächlich erhalten sollte, auf das andere verzichten müssen. Im Handball zum Beispiel war es ja ganz anders, da wurde die Saison einfach abgesagt.

Breit: Wir haben das ja sehr deutlich gemacht, wir glauben, es ist unfassbar wichtig, dass der Fußball zeigt, dass er sich ändern wird. Nur dann kann, glaube ich, eine zähneknirschende Akzeptanz, würde ich mal sagen, dafür generiert werden vom Fußball aus bei den Fans, dass der Fußball sagt, okay, wir müssen jetzt die Saison fortsetzen, immer wenn die Politik und die Behörden das genehmigen. Wir haben das in unserer Stellungnahme genannt, damit können sie dann den alten Fußball, das System, das wir wirklich als krank in der Metapher bezeichnen würden, zurücklassen. Dann müssen sie aber auch einen neuen Fußball definieren. Ich weiß, dass es total schwierig ist, in Krisensituationen Entscheidungen für die Zukunft zu treffen, aber wir haben, glaube ich, realistische Punkte ausgemacht, wo wir einfach drauf warten, dass die Vereine und dann auch die Verbände, weil dort sind die Vereine organisiert, sich dazu verhalten. Das würde die Akzeptanz, glaube ich, deutlich erhöhen. Wenn der Fußball da nicht glaubwürdig ist und keine Schritte einleitet, glaube ich, steigt die Kritik enorm.

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Blick der Fans auf den Fußball zählt

Münchenberg: Sie haben die Debatte ja schon angesprochen, es wird seit Jahren gestritten und diskutiert über die immens hohen, monströsen Gehälter für manche Spieler, um die teuren Eintrittskarten, der Poker um die Fernsehrechte, aber haben Sie wirklich die Hoffnung, dass sich da mit Corona tatsächlich was substanziell ändern könnte?

Breit: Die Hoffnung haben wir immer.

Münchenberg: Ist es realistisch?

Breit: Ich habe die Hoffnung, und ich werde sie nicht aufgeben. Ich glaube, das liegt uns so als Fans auch inne. Ich bin Freiburg-Fan, und ich hab auch immer die Hoffnung, dass wir gegen Bayern gewinnen, und manchmal passiert’s. Wir können ja nichts anderes machen, wie das immer zu fordern, es sehr deutlich zu machen und auch lokal in die Diskussion mit unseren Vereinen gehen. Ich glaube, die Vereine müssen endlich mal sagen, ob das realistisch ist, ob sie das wollen oder ob sie das nicht wollen. Also finden sie den alten Fußball, wie wir ihn bezeichnen, gut und wollen sie immer höher, schneller, weiter und lernen nichts aus dieser Situation jetzt, dann kommt es sicherlich zu einer Absenkung der Akzeptanz und Bodenlandung, würde ich sagen, auch bei den Fans, zu denen ich mich auch zähle, die immer noch mal so einen Zweckoptimismus mit dabei haben, weil sonst das Engagement auch irgendwie ein bisschen weniger Sinn macht. Das müssen jetzt die Vereine zeigen. Gestern wurde sich mit diesem Hygienekonzept auseinandergesetzt, und darum hat sich die Pressekonferenz gedreht, aber was ich herausgehört habe, ist, die Vereine sind aufgefordert, bei Fans für die Akzeptanz der Fortsetzung zu werben. Ich würde sagen, nein, die Vereine sind aufgefordert, zu fragen, wie Fans gerade ihren Blick auf den Fußball haben und was sie wichtig finden und was verändert werden muss. Und dann müssen die Vereine auch ins Handeln kommen.

Geteilte Meinungen beim Thema Geisterspiele

Münchenberg: Frau Breit, nun muss man ja auch sagen, die Fanszene ist sich ja nicht einig, was jetzt Geisterspiele angeht, ProFans hat sich jetzt nicht mehr dagegen ausgesprochen, andere Fangruppen sehr wohl. Wie gespalten ist die Fanszene jetzt bei dem Thema Geisterspiele?

Breit: Na ja, beim Thema Geisterspiele, glaube ich, gibt es wirklich alle Meinungen, auch innerhalb von "Unsere Kurve" ist das ein sehr heterogenes Bild. Da spielt viel mit rein, wie ich gerade selbst lebe, wie glaubwürdig ich die Argumentationen finde, ob für mich das eine rote Grenze ist, dass kein einziges Spiel ohne Publikum stattfinden darf. Sie werden keine Fanvereinigung finden, die sich für Geisterspiele grundlegend aussprechen wird. Es ist jetzt sozusagen die Frage – wir haben gesagt als "Unsere Kurve", wir können uns vorstellen, sozusagen diese Erste-Hilfe-Maßnahme zu leisten, damit Vereine eben nicht in die Insolvenz gehen, aber das macht nur Sinn, wenn sie dann auch daraus lernen und wenn sie anerkennen, dass das System Fußball deutliche Probleme hat, die angegangen werden müssen. Und das ist vielleicht noch mal wichtig: In diesen Grundpositionen nehme ich überhaupt keine Spaltung wahr innerhalb der Fanszenen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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