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StartseiteAus Religion und GesellschaftBuddhas Töchter - auf Augenhöhe mit den Männern 20.03.2019

Feministischer BuddhismusBuddhas Töchter - auf Augenhöhe mit den Männern

Die heiligen Schriften werden im tibetischen Buddhismus patriarchal gedeutet, Mönchsorden stehen im Ansehen höher als Nonnenorden. Der Verbund "Buddhas Töchter" setzt sich für Gleichberechtigung ein. Doch obwohl Achtsamkeit als buddhistische Tugend gilt - die Mönche hören oft nicht einmal zu.

Von Mechthild Klein

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Seit mehr als 30 Jahren setzt sich die tibetische Nonne Carola Roloff für die volle Nonnenordination ein - an der Hamburger Universität analysiert sie die alten Quellen. (Deutschlandradio / Mechthild Klein )
Gastprofessorin in der Akademie der Weltreligionen in Hamburg: Bhikshuni Jampa Tsedroen, alias Carola Roloff (Deutschlandradio / Mechthild Klein )
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Die Ziehmutter von Buddha – Mahaprajapati, ist die erste Frau, die den Buddha um die Errichtung eines Nonnenordens bittet. Drei Mal lehnt der Buddha ihren Wunsch ab. Auch als Buddhas Lieblingsjünger Ananda den Buddha bittet, bleibt er bei seiner Ablehnung – so steht es im Palikanon, der ältesten buddhistischen Überlieferung. Schließlich fragt  Ananda, ob die Frauen zum endgültigen Erwachen fähig sind.

Und der Buddha antwortet: "Ja, Ānanda, dazu ist das Weib imstande."

Schließlich willigt er ein, dass die Frauen als Nonnen ordiniert werden können.

"Natürlich können Frauen die Erleuchtung oder Befreiung erlangen", sagt die tibetische Nonne Bhikshuni Jampa Tsedroen, alias Carola Roloff, Gastprofessorin an der Uni Hamburg: "Das heißt, kanonisch betrachtet haben wir das schon in ganz frühen Geschichten."

Die Gleichberechtigung von Frauen ist von Anfang an ein kontroverses Thema in der buddhistischen Gemeinde und es zieht sich bis in die Gegenwart. Denn Frauen kämpfen immer noch um Teilhabe, zumindest in Asien. Schon im alten Indien waren Frauen den Männern gesellschaftlich und familiär untergeordnet, obwohl es immer wieder auch Ausnahmen gab. Wanderasketinnen waren allgemein akzeptiert, Nonnen dagegen wurden skeptisch betrachtet. 

Die patriarchalische Sicht dominiert 

Nach einer Legende wird dem Buddha jedoch eine abschätzige Prophezeiung in den Mund gelegt. Sie lautet, dass der Dharma, also seine Lehre, wegen der Zulassung der Frauen zum Nonnenorden nur 500 Jahre statt 1000 Jahre Bestand haben wird.

Carola Roloff sagt: "Dann gibt es aber die acht schweren Regeln, die er den Nonnen auferlegt hat. Da ist gerade in der tibetische Version, die wir haben, ein Gleichnis noch drin, wo diese acht Regeln wie so ein Staudamm wirken und das sie es verhindern, dass irgendwelche Schwierigkeiten noch auftreten. Das heißt, diese acht Regeln, wo die Nonnen dem Mönchsorden untergeordnet werden, die sollen sozusagen dafür sorgen, dass die Lehre trotzdem weiter bestehen bleibt."

Diese acht zusätzlichen Nonnen-Regeln sind sehr streng. Sie bedeuten eine völlige Unterordnung des Nonnenordens unter den Mönchsorden. Eine Nonne muss sich zum Beispiel vor einem Mönch verbeugen. Selbst wenn sie bereits betagt ist und schon 100 Jahre ordiniert und der Mönch gerade Novize geworden ist. Die überlieferten Geschichten, auf denen die Lehre basiert, haben Mönche für Mönche aufgeschrieben. Es dominiert die patriarchale Sicht.

Buddhistische Mönche bei einer Prozession zum Vesakh in Magelang, Indonesien.   (imago / ZUMA Press)In Asien sind die hohen buddhistischen Ämter von Männern besetzt (imago / ZUMA Press)

Carola Roloff berichtet von einer weiteren Erzählung. Dass nämlich Mahaprajapati den Buddha selbst gebeten hat, diese Regel zu ändern. Sie wollte, dass entscheidend sei, wer länger im Orden sei.

"Sie war in dem Sinne eigentlich die erste buddhistische Feministin, die wir kanonisch belegen können, 500 Jahre vor Christus. Und der Buddha hat geantwortet: Dass das nicht geht, weil die anderen Traditionen das nicht akzeptieren, dass Frauen den Männern gleichgestellt sind.", sagt Roloff.

Strengere Regeln für Frauen

Da könnte man eben heute ansetzen, sagt die buddhistische Nonne:

"Heute ist der Kontext gesellschaftlich ja ein ganz anderer und es ist genau umgekehrt. Und ist das nicht ein klares Zeichen, dass der Buddha das nicht kontextuell diese Regel erlassen hat. Und weil sich der Kontext geändert hat, hat man eben auch diese Regel heute ändern können, um den ursprünglichen Sinn, den diese Regel hatte, nämlich Frauen zu schützen, um das aufrecht zu erhalten".  

Carola Roloff hat herausgefunden, dass eine Zeit lang viel mehr Nonnen dem Buddha nachfolgen wollten als Mönche. Als Nonnen konnten Frauen einem Leben als Ehefrau und Mutter entkommen, meditieren und sich um spirituelles Wachstum kümmern.

Carola Roloff: "Und da muss es einen gewissen Run gegeben haben, dass so viele Nonnen und nur so wenig Mönche gibt – dass das ganze ins Ungleichgewicht kippt".

Deshalb also die strengeren Regeln – als Abschreckung für die Frauen. Nonnen haben zudem weitere 100 Regeln mehr einzuhalten als die Mönche. Die Folgen dieser Regeln waren für die Nonnen zum Teil drastisch. Carola Roloff:

"Dann haben sie aufgrund dieser Regeln auch Probleme gehabt, ihren Lebensunterhalt zu bekommen, also ihre Verpflegung und ihre Kleidung. Weil es dann plötzlich als verdienstreicher galt, den Mönchen zu spenden als den Nonnen zu spenden. Und dann haben die Laien sie auch weniger unterstützt. Und dann sind die Nonnenorden schließlich ausgestorben in Indien."

Tibeterinnen wollen als Männer wiedergeboren werden

Wie ambivalent die Erzählungen über Frauen im Buddhismus sind, zeigt dieses Beispiel aus Tibet. Dort kennt man zwei Erzählungen über den Ursprung der grünen Tara – einer wichtigen Meditationsgöttin im tibetischen Buddhismus.

Die patriarchale Version besagt, dass Tara aus den Tränen Avalokiteshvaras entstanden sind. Der Bodhisattva Avalokiteshavara gilt als eine Verkörperung des Mitgefühls. Als dieser weinte über das Leid der Welt...

"… da rollten ihm die Tränen runter. Aus dem rechten Auge eine Träne, die wurde zur grünen Tara. Aus dem linken Auge ne Träne, die wurde zur weißen Tara. Dann hatte er zwei Assistentinnen, die ihm halfen." Die ihm halfen, das Leid der Welt zu tilgen, sagt Sylvia Wetzel.

Sie ist Feministin und buddhistische Lehrerin aus der tibetischen Tradition. Sie erzählt eine weitere Version über die Entstehung von Tara. Demnach lebte einst eine Prinzessin namens Yeshaedawa, eine praktizierende Buddhistin.

 Mönche und Nonnen beten vor einer Avalokiteshvara-Statue, die vor dem buddhistischen Kloster Pagode Vien Giac in Hannover aufgestellt wurde. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)Im Gebet vereint: Mönche und Nonnen vor einer Avalokiteshvara-Statue (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Sylvia Wetzel erklärt: "Sie hat den Punkt erreicht in ihrer geistigen Entwicklung, dass sie ihre künftigen Inkarnationen selber wählen konnte, bestimmen konnte. Also nicht geschleudert von den Winden des Karma in irgendeine Familie, Schicht und so weiter reingeboren wird. Das wurde bekannt und dann kamen eine Reihe von Mönchen zu ihr und haben ihr gratuliert zu dieser großen Einsicht. Und sagten: 'Jetzt kannst du ja endlich ein Mann werden, um dann im nächsten Leben so richtig zu erwachen'."

Bis heute beten Tibeterinnen dafür, als Mann wiedergeboren zu werden, um dann die Buddhaschaft zu erlangen.
Sylvia Wetzel erzählt: "Dann sagt diese Prinzessin Yeshedawa – Mondengleiche: 'Ich danke euch. Aber habt ihr schon mal etwas von Leerheit gehört? In der Leerheit gibt es weder Frau noch Mann. Und ich gelobe jetzt, ich leg jetzt ein Gelübde ab: Ich werde von nun an bis zum Erwachen immer als Frau inkarnieren und als Frau erwachen. Als Inspiration für die Frauen und auch als Hinweis für die Männer, dass es geht.' - Das ist doch eine unglaubliche Geschichte. Seit 1000 Jahren wird das in Tibet erzählt."  

Königin Sri Mala führte gelehrte Dispute

In den buddhistischen Narrativen tauchen hin und wieder auch starke Lehrerinnen auf. Es gab nicht nur die Unterordnung der Frauen in der Religion. Sylvia Wetzel sagt:

"Die Rolle der Frau im Buddhismus entspricht der Rolle der Frau in den jeweiligen Gesellschaften und es war auch historisch so. Im Süden von Indien zum Beispiel in der Geschichte: 300 nach Christus tauchte eine Königin Sri Mala auf. Die einen wichtigen Text kommentiert hat. Warum? Ihr Mann war Hindu. Sie hatte die Freiheit zu praktizieren, was sie will. Sie hat Buddhismus praktiziert, sie hat die Buddhisten unterstützt. Sie hat Dispute geführt mit den Mönchen und man hat ihr ein Sutra zugeschrieben."

Wenn die Rolle der Frau stark war, wenn sie Einfluss nehmen konnte, dann ist sie auch aufgetaucht in den buddhistischen Erzählungen. 

"In China, in Südchina gibt es frauenrechtliche Strukturen noch, in Mosua beispielsweise Da haben die Frauen ein Gelübde von Amitabha: 'Mögen alle Frauen als Mann wiedergeboren werden' – haben die einfach nicht rezitiert. Weil sie konnten erben, sie konnten Geschäfte führen, sie hatten eine Stellung inne in der Gesellschaft", so Sylvia Wetzel.

Noch einmal zurück zu der Geschichte von Yeshedawa, die aus der Leerheit nur noch als Frau wiedergeboren zu werden wünschte -  bis zum Erwachen als grüne Tara.

Sylvia Wetzel mutmaßt:

"Es muss ein Zeitfenster gegeben haben, irgendwann Ende des ersten Jahrtausends in Indien, die Geschichte kommt ja aus Indien, wo Frauen sozial mehr Macht hatten, dass sich solche Geschichten überhaupt als Sehnsucht, als Ausdruck einer gesellschaftlichen Bewegung – dass solche Geschichten entstanden sind. Für mich sind alle Mythen, Geschichten, Legenden Ausdruck von Bewegungen. Und die ist entstanden und es dauert natürlich ne Weile. Ich meine, wie lange hat es in Deutschland gedauert, bis verheiratete Frauen arbeiten gehen durften ohne die Zustimmung ihres Mannes einzuholen? Also das dauert auch im Westen: 300 Jahre nach der Aufklärung, 500 Jahre nach der Reformation."

Zur Erinnerung: Erst in den siebziger Jahren durften in der Bundesrepublik Deutschland Frauen arbeiten gehen oder den Führerschein machen – ohne ihren Ehemann um Erlaubnis zu bitten.

"Eine unglaubliche Aufbruchstimmung"

Seit 30 Jahren forscht Carola Roloff über Nonnenordination, auch in der tibetisch-buddhistischen Tradition der Gelupgas. Vor 30 Jahren wurde eine Bewegung gegründet, die Frauen aller buddhistischen Traditionen vernetzt, Nonnen- und Laienfrauen. "Sakyadhita" ist der offizielle Name dieser buddhistischen Frauen-Konferenzen. "Sakyadhita" heißt "Töchter des Buddha" - das klingt schon sehr selbstbewusst.

Die "Töchter des Buddha" wollen etwas bewegen in ihren Ländern, Frauen-Engagement auszeichnen und dazu ermuntern neue Wege zu gehen. Carola Roloff:

"Und es gibt immer in dem Land, in dem die Konferenz stattfindet, einen unheimlichen Schub, einen Impuls für die Frauenfrage. Also die lokalen Medien sind dann immer sehr präsent und berichten schon im Vorwege. Da wird ein Diskurs angestoßen innerhalb der Gesellschaft, wie ist es bei uns um die Frauen bestellt."  

Hauptsache Harmonie  

Inzwischen wurde die in Sri Lanka ausgestorbene Frauen-Ordination wiederbelebt. Mehr als 1.000 Frauen sind dort nun vollwertige Nonnen – sie sind damit ein gutes Stück weiter auf dem Weg zur Gleichstellung mit den Mönchen. Sie haben als vollordinierte Nonnen die Möglichkeit, das Ordensrecht zu studieren und geistliche Ämter zu übernehmen. Ihre gesellschaftliche Anerkennung steigt damit erheblich. Doch es gibt auch Hürden auf Seiten der Frauen zu überwinden.

"In Asien ist man generell sehr harmoniebedürftig und möchte eigentlich nichts machen, was einen irgendwo verärgert", sagt Carola Roloff. "Das führt dazu, dass sie sagen: Naja wir können auch so die Erleuchtung erlangen. Wir müssen jetzt nicht unbedingt offiziell eine entsprechende Anerkennung haben für uns Frauen. Wir machen das dann sozusagen mehr im Stillen, im Verborgenen. Und ich glaube auch, dass das eine falsch verstandene Auffassung von Buddhismus ist, wenn man Harmonie in dem Sinne versteht, dass man meint, dass man dann die sozialen Verhältnisse einfach so akzeptieren muss und sie nicht versucht sie zu ändern."

Die Konferenzen täuschen keine Dauer-Harmonie vor. Dort wird kontrovers darüber diskutiert, ob  man sich mit den Mönchsorden und Vertretern in den jeweiligen Ländern überhaupt anlegen sollte. Freiwillig gibt dort kaum ein Mann oder Mönch seine Privilegien auf.

Der Dalai Lama hält eine Rede. (dpa / Sanjay Baid)Unterstützung für die "Töchter Buddhas": der Dalai Lama (dpa / Sanjay Baid)

Die Laien-Frauen und auch die Nonnen mussten lernen, zu argumentieren und Verbündete unter den Mönchen zu finden für eine vollwertige Nonnenordination. Ein Unterstützer ist der Dalai Lama, der sich auch gerne als "feministischen Buddhisten" bezeichnet. Er sagt schon mal, dass er auch als Frau wiedergeboren werden könnte. 

Mit den Strukturen in seiner eigenen Tradition könnte das schwierig werden, denn die ist bislang stark auf Männer ausgerichtet. Ein Meilenstein hingegen ist, dass im Dezember 2016 erstmals tibetische Nonnen den Geshema-Titel erlangten – das ist eine Art Doktorwürde der buddhistischen Philosophie. Carola Roloff sagt:

"Da freue ich mich natürlich drüber, weil das für die Tradition ein echter Gewinn ist. Weil das ist vergleichbar der ganzen Diskussion, ob in der katholischen Kirche die Frauen Diakoninnen geweiht werden können oder als Priesterinnen geweiht werden können. Jetzt haben sie sozusagen die etwas kleinere Stufe. Aber sie haben die höchste Stufe, diese Priesterweihe noch nicht. Und da muss es eben hingehen, nicht?"

Zen-Priesterinnen und Zen-Meisterinnen lehren

Ursula Richard, Verlegerin und frühere Chefredakteurin von "Buddhismus Aktuell", dem Magazin des Dachverbandes der Deutschen Buddhistischen Union, sieht zumindest im Westen weitgehend Augenhöhe zwischen buddhistischen Frauen und Männern. Sie erklärt:

"Der Buddhismus kommt aus sehr patriachal strukturierten Ländern Asiens und hat dieses Erbe auch erst mal mit den in den Westen gebracht. Es hat sich schon viel getan. Aber dass wir soweit wären, wie die geschlechtergerechte oder gendergerechte Bibel, dass sehe ich bei uns noch nicht."

Im Zen-Buddhismus haben sich zumindest neben den patriarchalen, auch feminine Strukturen gebildet und zwar über die Traditionen, die über die USA nach Deutschland und Europa gekommen sind. Es gibt zum Beispiel Zen-Priesterinnen, Zen-Meisterinnen, die lehren.

Touristen beobachten eine Buddha-Statue am Kotoku-in Tempel in Kamakura, Präfektur Kanagawa im Osten Japans. Die 11,5m hohe Bronze Statue wurde im Jahr 1252 konstruiert und ist die zweitgrößte Buddha Statue in Japan nach dem großen Buddha in Nara. (picture alliance / dpa / Toru Kawata)Der Zen-Buddhismus erlebte seine erste Blüte im japanischen Kamakura (picture alliance / dpa / Toru Kawata)

Die Verlegerin Ursula Richard praktiziert selbst seit 30 Jahren Zen. Sie glaubt, dass Frauen im Zen den kritischeren Blick auf die Hierarchien haben im Hinblick auf die martiale und patriarchalische Kultur der Samurai.

"Aber hier im Westen sind dann die westliche Psychologie und dergleichen dazu gekommen und haben das Ganze angereichert. Und durch Pinoniere wie Shunryu Suzuki und Mesumi Roshi, die Zen dann in den Westen gebracht haben, sind dadurch ganz neue Entwicklungen möglich gewesen, die Frauen aufgegriffen haben, die ihrerzeits ein ganz anderes Verhältnis zu Hierarchien haben – oftmals zu den patriarchalen Lehren. Da tut sich was Interessantes und Spannendes."   

Großen Ballast sieht Ursula Richard in den Traditionslinien der buddhistischen Schulen. 

"Im Zen ist die Übertragung von Meister auf Schüler ne sehr wichtige Sache. Und letztlich werden diese Traditionslinien bis zum Buddha zurückgeführt. Und die sind rein männlich. 

Geschlechterrollen kaum hinterfragt

Mit diesen Ordinationslinien kämpfen die Frauen auch in Thailand oder Tibet. In beiden Ländern versuchen Nonnen mit Unterstützung einiger Mönche und weiteren Glaubensgeschwistern aus Ost und West die volle Ordination einzurichten. Ein Kampf gegen Windmühlen. Sylvia Wetzel sagt, dass es offenbar für Männer und Frauen aller Traditionen nur sehr schwer nachzuvollziehen sei, dass der Begriff "Leerheit" keine Geschlechter kennt. Und folglich die Bevorzugung von Männern in den Traditionen die Frauen diskriminiert. Sylvia Wetzel:

"Aber wer kapiert schon, dass Geschlechterrollen Zuschreibungen sind. Und so lange es Geschlechterrollen gibt und ich die nicht als Zuschreibung erkenne, isses notwendig, dass ich Vorbilder habe im eigenen Geschlecht."  

Geschlechterrollen sind noch viel älter als kulturelle Rollen. Sie sind so in Fleisch und Blut eingegangen, dass sie kaum hinterfragt werden. In Thailand ist Chatsurman Kabilsingh so ein Vorbild. Nach Familiengründung und Job als Philosophie-Professorin an der Uni, ist sie buddhistische Nonne geworden. Sie kümmert sich darum, dass Frauen vollwertige buddhistische Nonnen werden können. Mit Unterstützung von Anwälten, Nonnen aus anderen Traditionen und vielen mehr.

Der Widerstand kommt auch aus der Gesellschaft. Umso wichtiger wäre es, dass Mönche hier Vorbilder wären. Carola Roloff, die zwischen regelmäßig bei asiatischen Forum zu Gast ist, zeigt sich frustriert über die unreflektierten Rollenbilder.

"Im Buddhismus kann ich eben sagen, dass die Frauen dann immer hinter den Männern sitzen bei religiösen Veranstaltungen. Dass so eine Geschlechtertrennung vorgenommen wird. Bei Zeremonien gehen immer die Mönche zuerst. Die Nonnen danach. Und der Mann geht zuerst durch die Tür rein und die Frau erst danach. Das sind buddhistische Konventionen."

Die Nonne erzählt, dass es kein Bewusstsein für diese Problematik gebe. Der Platz der Frauen in der Tradition, der sei ganz hinten. Wenn sich Frauen nach vorne setzten, würden sie schief angesehen.

"An Universitäten ist so: Die Frauen machen zwar jetzt einen Abschluss in buddhistischer Philosophie, aber sie finden dann keine Anstellung, weil in den Instituten dann auch Mönche in den Klassen sind. Mönche sollen nicht von Frauen oder von Nonnen unterrichtet werden, also wird die gesamte buddhistische Philosophie nur von Männern unterrichtet. Die weibliche Perspektive wird gar nicht auf Augenhöhe mit reingenommen. Das zieht sich durch das ganze System", so Roloff.

Achtsamkeit gilt nur, wenn Männer das Wort haben

Frausein ist ein echtes Ausschlusskriterium für Positionen in den tibetischen Traditionen. Die Oberhäupter sind daher alles Männer. Bei Konferenzen mit den Tibetern erlebt Roloff, dass den Männern immer gut zugehört werde. Dagegen:

"Oft ist es wirklich so, dass man in dem Moment, wo die Frau sich zu Wort meldet, die Männer einfach anfangen, untereinander zu reden über andere Dinge und hören gar nicht zu, weil sie einfach so fest glauben, dass das, was eine Frau zu sagen hat, ihnen keinen Mehrgewinn bringen kann. Ich hab das immer wieder erlebt. Gerade wenn das in Fragen der Nonnenordination so Anhörungen gab. Die Mönche haben präsentiert und alle lauschten, fragten nach und so. Dann kommt plötzlich eine Nonne aus Taiwan und spricht, hochgelehrt, eine Professorin von einer Universität und plötzlich fangen die alle an untereinander zu reden und keiner hört mehr hin. Das fand ich eine solche Unverschämtheit. Das wird offenbar überhaupt nicht reflektiert, dabei wird im Buddhismus soviel von Achtsamkeit gesprochen und dann wenn es an so einen Punkt kommt, dann hat man das Gefühl, da ist man nicht sehr achtsam wie man eigentlich dem anderen aufmerksam zuhört", erzählt Roloff.

Das Überhörtwerden hat unübersehbare Folgen. Frauen, die nicht in ihrer Tradition zum Zuge kommen, die verlassen nach und nach ihre buddhistischen Gemeinden. Sie gehen an Universitäten, erarbeiten sich international anerkannte Titel. Sie sind auf der Überholspur in Asien. Für den buddhistischen Sangha, also die buddhistische Gemeinde, aber sind sie verloren.

Das Feature ist eine Wiederholung der Sendung "Aus Religion und Gesellschaft" vom 19. April 2017.

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