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StartseiteMusikjournal"Eine ursprüngliche Begegnung, mit dem was Musik kann"02.08.2021

Festival „Cantiere Internationale d’Arte""Eine ursprüngliche Begegnung, mit dem was Musik kann"

Beim italienischen Festival „Cantiere Internationale d’Arte" in Montepulciano treten sowohl Profis als auch Laien auf. In diesem Jahr standen bei vielen Veranstaltungen weibliche Figuren um Zentrum - so auch bei "Else", einer der stärksten Produktionen der letzten Jahre, wie Elisabeth Richter findet.

Von Elisabeth Richter

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Else beim Festival "Cantiere Internationale d’Arte" (Festival „Cantiere Internationale d’Arte"/Dario Pichini)
Else beim Festival „Cantiere Internationale d’Arte" (Festival „Cantiere Internationale d’Arte"/Dario Pichini)

"Wir haben auf ein übergeordnetes Festival-Motto verzichtet und uns auf bestimmte thematische Linien konzentriert. Eine ist zum Beispiel der Wunsch starke Kontraste innerhalb eines Konzertes zu bieten, die zum Nachdenken anregen sollen. Der Pianist Davide Cabassi etwa stellte zeitgenössische Werke von Henze, Crumb und Castiglioni den "Bildern einer Ausstellung" von Mussorgski gegenüber."

So beschreibt der Komponist Mauro Montalbetti, der neue künstlerische Leiter des Cantiere Internazionale d'Arte in Montepulciano, sein Festival-Konzept.

Die Kontraste waren in dem Klavierrecital des ebenso virtuosen wie anschlagssensiblen Pianisten Davide Cabassi spannend und anregend. Mussorgskis "Bilder einer Ausstellung" zeigten gerade in der originalen Klavierversion wie visionär das Werk klanglich ist. Man konnte leicht Verbindungslinien zu den zeitgenössischen Werken ziehen.

"In vielen Veranstaltungen stehen weibliche Figuren im Zentrum. Das ist ein weiterer Festival-Aspekt. Wir haben einen Meisterkurs über Molly Blum und die Uraufführung des Musiktheaters "Else", wo Cecila Ligorio Regie führt und auch das Libretto geschrieben hat."

"Ich glaube, dass Musikmachen immer eine Moment–Kunst ist"

Mauro Montalbetti, Jahrgang 1969, zählt zu den renommiertesten italienischen Komponisten. Seine Werke wurden in der Vergangenheit auch beim legendären, 1976 von Hans Werner Henze gegründeten Festival in Montepulciano gespielt. Für das erste seiner drei Jahre als Leiter des CANTIERE ist ihm eine sehr schlüssige Programm-Konzeption gelungen. Die verschiedenen thematischen Aspekte ergänzten und fügten sich zu einem vielfältigen Angebot. Weitere Programmlinien waren etwa die Jubliläen zum 100. Geburtstag von Astor Piazzolla und zu Igor Strawinskys 50. Todestag. Grund für Montalbetti die in Italien wenig gespielte südamerikanische Musik zu präsentieren sowie einige Werke von Strawinsky, wie das fulminante "Jeu de Cartes" – Kartenspiel.

Probe beim "Cantiere Internationale d’Arte" (Festival „Cantiere Internationale d’Arte"/Dario Pichini)Probe beim "Cantiere Internationale d’Arte" (Festival „Cantiere Internationale d’Arte"/Dario Pichini)

Austausch zwischen Profi- und Laien-Musikern fördern

"Ich glaube, dass Musikmachen immer eine Moment–Kunst ist, Musik findet statt, in dem Moment, mit den Menschen, die jetzt für die anderen Menschen Musik machen und denen etwas geben. Und das ist eigentlich Level unabhängig, ich habe so viele Konzerte gehört von begeisterten Amateuren", sagt der Dirigent Markus Stenz, der bei Strawinskys "Jeu de Cartes" das exzellente Orchestra della Toscana leitete. Er kennt den Cantiere Internazionale d'Arte seit vielen Jahren. In den 1990er-Jahren war er hier der musikalische Direktor, als Hans Werner Henze die künstlerische Leitung hatte. Markus Stenz beschreibt einen wesentlichen Aspekt des CANTIERE, was ja "Baustelle" heißt – Workshop. Henze war es von Anfang an wichtig, den Austausch zwischen Profi- und Laien-Musikern zu fördern und die regionalen Musik-Ensembles einzubinden. Markus Stenz war u. a. lange Chefdirigent des Gürzenich Orchesters Köln. Er empfindet die Arbeit mit Laien als bereichernd. Dass professionelle Musiker besser intonieren oder präziser spielten, falle beim CANTIERE weniger ins Gewicht.

"Es wird sofort ersetzt durch das Herz, das spielt, und es wird sofort ersetzt durch die Begeisterung und das ansteckende Musizieren von den Leuten, die ja auch was können, das ist so eine ursprüngliche Begegnung, mit dem was Musik kann, die Frage stellt sich dann gar nicht mehr!"

Else: eine hochklassige Produktion

Zum Beispiel konnte sich das "Orchestra Poliziana", das städtische Orchester von Montepulciano, beim Abschlusskonzert durchaus hlören lassen. Voller Esprit begleitete es unter der Leitung von Antonio Greco, des neuen musikalischen Direktors in Montepulciano, den energiegeladenen Pianisten Davide Cabassi bei Beethovens erstem Klavierkonzert.

Eine hochklassige Produktion des diesjährigen CANTIERE war die Uraufführung des Musiktheaters Else nach der Novelle von Arthur Schnitzler von 1924, ein Auftragswerk an den Komponisten Federico Gardella aus Mailand.

Die 19-jährige, lebenshungrige Else soll im Auftrag ihrer durch Spielschulden finanziell in Bedrängnis geratenen Eltern bei dem vermögenden Spekulanten Dorsday um 30.000 Gulden bitten. Der stellt die Bedingung, Else solle sich ihm nackt zeigen. Sie wird zerrieben zwischen der Loyalität zu den Eltern und dem Bedürfnis ihre Würde als Frau zu behalten. Sie zeigt sich der gesamten Hotel-Gesellschaft tatsächlich nackt, begeht dann aber Selbstmord.

(Festival „Cantiere Internationale d’Arte"/Dario Pichini)Else beim Festival „Cantiere Internationale d’Arte" (Festival „Cantiere Internationale d’Arte"/Dario Pichini)

Sparsame Regie, sparsam-punktuelle Musik

Federico Gardellas avantgardistischer Tonsprache fehlt es gerade in den vokalen Linien nicht an Expressivität. Maria Eleonora Caminada hat einen sehr sinnlichen Sopran, sie vermittelte Elses innere Qualen sehr berührend. Die drei übrigen Figuren der Vier-Personen-Kurzoper schlüpften in Doppelrollen. Immer wieder erschienen sie etwa als die Stimmen der Eltern, die in den Halluzinationen Elses ihre Tochter bedrängen, dem Ansinnen des Spekulanten nachzugeben.

Regisseurin und Librettistin Cecila Ligorio hatte sich von Domenico Franco einen dunklen Bühnenraum bauen lassen, und sie ließ die Elses Seele bedrohenden Figuren immer wieder als Schatten auftauchen.

Sowohl die sparsame Regie als auch die sparsam-punktuelle Musik wurden dieser hoch-traumatischen und aktuellen Thematik über die Rolle der Frau aber auch den Missbrauch von Macht auf eindrückliche Weise gerecht. Diese Produktion zählt zu den stärksten der letzten Jahre beim Cantiere Internazionale d'Arte.

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